Neue Veröffentlichungen gestalten
"No skip" – So gelingt dir das perfekte Album-Sequencing
© cottonbro studio
Spotify, Apple Music, Deezer und Co. – dass die Streaming-Revolution die Art und Weise verändert hat, wie wir Musik konsumieren, lässt sich nicht verneinen. Statt Tonträger zu sammeln und einzelne Werke aufzulegen, können Musikfans heute in nur wenigen Klicks auf eine enorme Musikbibliothek zurückgreifen.
Digitalisierung verändert den Musikkonsum
Inzwischen hat sich der Fokus immer mehr auf einzelne Liedern verschoben. Die Entdeckung neuer Lieblingssongs erfolgt heute häufig durch algorithmisch gesteuerte Vorschläge auf Streamingplattformen oder den Austausch der Lieblingssongs über Messenger-Apps und Social Media.
In sorgfältig kurierten Playlists stellen Hörer*innen ihre Lieblingssongs dann zu einem digitalen Mixtape zusammen. Playlists bieten Vielfalt und versammeln zugleich die liebste Musik komprimiert und praktisch an einem Ort.
Alben und EPs weiterhin relevant
Allerdings ist auch festzuhalten: Obwohl Künstler*innen seit 2016 vermehrt auf Singles und auch als Mini-Alben bezeichnete EPs setzen, ist das Album-Format noch lange keine Geschichte.
Nach wie vor fiebern Musikliebhaber*innen den Releases neuer Alben entgegen, zelebrieren sie bei teilweise privaten, teilweise öffentlichen Listening-Partys und tauschen sich in Foren wie Rate Your Music und Reddit über sie aus aus. Auch die anhaltende Beliebtheit von Vinyl verdeutlicht: Das entschleunigte, bewusste Hören eines Albums oder einer EP und die Wertschätzung dieser Veröffentlichungen als Gesamtkunstwerk besitzt nach wie vor seinen Reiz.
Auch für Künstler*innen bleiben EP und Album identitätsstiftende Aushängeschilder, die mehr sein können, als die Summe ihrer Teile: ein Statement, eine umfassende Momentaufnahme, ein Gesamtwerk, das ein bestimmtes Narrativ verfolgt.
Beispiele wie etwa das The National-Album "I Am Easy To Find", das in Verbindung mit einem gleichnamigen Kurzfilm veröffentlicht wurde, verdeutlichen, wie Alben und EPs in ihrer Gänze eine facettenreiche Aufarbeitung bestimmter Themen zulassen, als das innerhalb eines einzelnen Songs möglich ist.
Auch das aktuelle Album der US-amerikanischen Indie-Rockband Lord Huron “The Cosmic Selector Vol. 1” erzählt laut Aussage des Sängers Ben Schneider eine ganze Geschichte. Auf den Konzerten der Gruppe bezeichnet er es als seinen größten Wunsch, dass seine Fans dieses aufmerksam von vorne bis hinten hören.
Gerade an dieser Stelle wird deutlich: Bei der Veröffentlichung eines Albums oder einer EP spielen nicht nur Auswahl, Mixdown und Mastering der Songs eine Rolle, sondern auch die Anordnung der Tracks. Das sogenannte Sequencing entscheidet darüber, ob ein Werk in sich stimmig wirkt und Hörer*innen vom ersten bis zum letzten Track fesselt.
Wir haben einige Tipps zusammengetragen, die dir bei diesem Vorhaben helfen können und uns dabei auch der Frage gewidmet, wie man heute ein Album gestaltet, damit es in einer Playlist-dominierten Musikkultur spannend bleibt.
Formate mit unterschiedlichen Funktionen
Bevor es ans Sequencing geht, ist es zunächst wichtig, sich bewusst zu machen, welchen Erwartungen man mit seiner nächsten Veröffentlichung gerecht werden möchte. Hier können sich je nach Album und EP schon formale Unterschiede auftun.
Während das Album (auch LP bzw. Long Play) für viele Artists als Herzstück ihrer Arbeit betrachtet wird, kann die EP (Extended Play) als Spiel- und Experimentierfeld für Neues oder als Teaser zwischen zwei Albumzyklen fungieren.
Mit dem gängigen Umfang von etwa 8 bis 12 Songs erlaubt das Album, eine künstlerische Vision zu entfalten, verschiedene Facetten zu zeigen und einen roten Faden zu entwickeln. Allerdings benötigt die Produktion eines Albums auch deutlich mehr Zeit und ein größeres Budget, als das etwa bei der EP der Fall ist.
Der Begriff EP stammt eigentlich aus den 60ern und meinte damals eine 7"-Inch Single mit jeweils zwei Tracks auf jeder Seite. Heute versteht man darunter in der Regel ein Mini-Album, das meist 4 bis 8 Tracks enthält.
EPs erhalten daher häufig als besonders stark empfundene Songs, bzw. solche, von denen sich die Artists erhoffen, dass sie einen hohen Anklang finden. Die EP wird dadurch zu einer Art musikalischen Visitenkarte. Sie ermöglicht eine höhere Veröffentlichungsrate, die gerade in von Algorithmen geprägten Zeiten von Vorteil ist; durch ihr kürzeres Format kann der kreative Spielraum jedoch eingeschränkter ausfallen.
Das Herzstück: die Songauswahl
Die erste Herausforderung, die sich bei Album- oder EP-Produktionen stellt, ist die Auswahl der Songs. Hier gilt: Weniger ist häufig mehr. Um Längen zu vermeiden und Hörer*innen am Ball zu halten, können sich Artists in diesem Zusammenhang die folgenden Fragen stellen: Wirkt der Song überzeugend und erfüllt er eine Funktion im Gesamtwerk? Passt er in Bezug auf Story und Atmosphäre in das größere Bild?
Gerade bei Konzeptalben spielt Kohärenz eine zentrale Rolle. Hier wird eine Geschichte erzählt oder eine bestimmte Atmosphäre konsequent durchgezogen. Bei Song-Sammlungen hingegen punktet Abwechslung - solange sie die Identität des Projekts nicht beeinträchtigt.
Kategorisierung der eigenen Musik
Das eigentliche Sequencing beginnt anschließend mit der Frage, wie man aus den gewählten Songs einen Spannungsbogen formen und ein zusammenhängendes Werk entstehen lassen kann. Um die Songs möglichst effektiv anordnen zu können, ist es vorteilhaft, den ausgewählten Pool an Liedern zu kategorisieren, die Songs also in verschiedene Typen zu unterteilen.
Welche Songs könnten sich als Hits erweisen? Welche sind hingegen vielleicht nicht für alle Hörer*innen gemacht, aber sollten bei den wahren Fans ankommen? Welche Songs brauchen etwas Eingewöhnung (Grower), welche sind prädestinierte Ohrwürmer (Grabber)? Welche Songs transportieren die Themen des Albums besonders stark? Welche ergänzen die Erzählung eher und liefern möglicherweise hilfreiche Überleitungen? Sind die Songs eher energisch oder ruhig? Welche Stimmung transportieren sie? Sind sie fröhlich, hoffnungsvoll, melancholisch, wütend?
Platzierung der Songs
Anschließend lohnt sich eine Skizzierung des Aufbaus einer Album-Veröffentlichung. Generell lässt sich festhalten, dass der erste Song der Veröffentlichung – auch als Lead-Off, Intro oder Eröffnungstrack bezeichnet - den Ton des Albums setzt und dessen Stimmung definiert. Der erste Track sollte das Potential dafür haben, Hörer*innen für das Album zu interessieren, sie einzufangen und neugierig auf das folgende Werk zu machen.
Der letzte Track hingegen - auch als Outro oder Closer bezeichnet - schließt das Album und hat durch seine Positionierung den Vorteil, besonders in Erinnerung zu bleiben. An dieser Stelle lohnt es sich, einen besonders erinnerungswürdigen Song zu wählen, der Hörer*innen vielleicht sogar dazu animiert, das Werk gleich noch einmal zu hören oder andere Veröffentlichungen desselben Acts anzuhören. Verfolgt das Album ein bestimmtes Narrativ, sollte dieses an dieser Stelle einen geeigneten Abschluss finden.
Häufig zählen der erste und der letzte Song zu den stärksten Tracks eines Albums, bzw. zu den Songs, die sich den potentiellen Grabbern und Hits zuordnen lassen. Oft lässt sich jedoch beobachten, dass gerade der zweite Song einer Albumveröffentlichung auf den Streamingplattformen besonders viele Streams aufweist.
Einige Musiker*innen positionieren an dieser Stelle ihre Vorabsingle, so etwa Wolf Alice auf ihrem neuen Album “The Clearing”, Sabrina Carpenter auf “Short n’ Sweet” oder Lana Del Rey auf “Norman Fucking Rockwell!”. Auf diese Art und Weise, können Hörer*innen von etwas Vertrautem und Bekanntem abgeholt werden, auf das sie sich freuen können, nachdem sie von etwas Neuem überrascht worden sind.
Abwechslung als zentrales Organisationselement
Letztendlich können verschiedene Formen der Organisation vorgenommen werden. Auch die Chronologie der Songs (wenn zum Beispiel eine Geschichte erzählt wird) und die Themen der Songs können wichtige Begründungen für entsprechende Platzierungen bieten.
Bei Alben bietet sich an dieser Stelle eine dramaturgische Organisation, bestehend aus Anfang, Aufbau, Höhepunkt und Epilog als Schablone an. Generell sollten die als am stärksten wahrgenommenen Songs möglichst strategisch platziert werden, etwa um das Album an einer ruhigen Passage wieder anzutreiben oder nach einem etwas nischigeren Song wieder möglichst viele Hörer*innen mitzunehmen. Häufig punktet Abwechslung.
Kontraste wie etwa ein Uptempo-Track nach einer Ballade können eine Veröffentlichung beleben - dabei sollte man jedoch stets auch die Übergänge im Blick behalten. Die einzelnen Songs sollten sich gegenseitig komplementieren, auf möglichst natürliche Weise aufeinander folgen und den Flow der Veröffentlichung nicht gefährden.
Die Kunst der Übergänge
Gerade diese Übergänge, die insbesondere beim Hören eines Werkes in seiner Gänze zur Geltung kommen, können kreativ gestaltet werden, ob durch Stille, fade-ins oder fade-outs. Zudem können wiederkehrende Motive, Instrumente oder Produktionselemente auch sehr unterschiedlichen Songs eine verbindende Klammer verleihen.
Auf dem Album "Hey What" der Rockband Low etwa, gehen die Songs "White Horses" und "I Can Wait" direkt ineinander über. Während "White Horses" grundsätzlich etwas düsterer ausfällt (es geht um das Treffen von Entscheidungen und ihre möglichen Konsequenzen), wechselt der Song gegen Ende in etwas hoffnungsvollere Töne, die dann in "I Can Wait" übergehen. Dabei handelt es sich um einen sanfteren Song, der die Dringlichkeit seines Vorgängers sowohl instrumental als auch textlich auflöst und so einen dramaturgisch perfekten Moment schafft.
Die Wasserfall-Freigabe
Da jedoch gerade den ersten Songs von Veröffentlichungen mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird (nicht immer hat man die Zeit und Muse ein Album komplett zu hören), lohnt es sich, auf eine Strategie zurückzugreifen, die Streaming möglich gemacht hat: die sogenannte Wasserfall-Freigabe.
Im Zeitalter des Streamings sind Singles sehr wichtig. Regelmäßige Veröffentlichungen vergrößern die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Musik algorithmisch gefördert wird. Nicht selten kommt es vor, dass Künstler*innen sogar vier oder fünf Singles veröffentlichen, bevor sie ihr komplettes Projekt zugänglich machen.
Während die erste Single-Veröffentlichung nur einen Song enthält (Song A), enthält die zweite Single-Veröffentlichung bei der Wasserfall-Strategie neben dem neuen Song - Song B - auch den bereits veröffentlichten Track - Song A.
Die dritte Single-Veröffentlichung besteht dann aus Song A, B und C usw. Auf diese Art und Weise wird den Hörer*innen die neue Veröffentlichung häppchenweise präsentiert, die Neuerscheinungen können gezielter vermarktet werden und die alten Veröffentlichungen bleiben im Kopf der Fans.
Technische Aspekte bei Vinyl und Kassetten
Auch das Medium, auf dem ein Werk veröffentlicht wird, beeinflusst das Sequencing. Wer seine Musik auf Vinyl oder Kassette veröffentlicht, muss bedenken, dass es zwei Seiten zu bespielen gilt.
Das bringt zwar die Herausforderung mit sich, dass der Wechsel an einer möglichst passenden Stelle geschehen sollte, andererseits ermöglicht ein solcher Bruch Musiker*innen auch, die Veröffentlichung in zwei Kapitel zu unterteilen, die sich thematisch und stilistisch voneinander unterscheiden. Dennoch sollte beachtet werden, dass beide Seiten als stark vermutete Songs beinhalten sollten, sodass Hörer*innen motiviert sind, beide Seiten zu spielen.
Auf Streamingplattformen hingegen gewinnen Songtitel an Bedeutung. Auch später platzierte Songs können durch kreative Namen die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen auf sich ziehen und ihre Neugierde wecken.
Raum für Zusammenhänge
Letztendlich bleibt Sequencing eine kreative Disziplin, denn im Endeffekt sind es die Musiker*innen selbst, die ihre Zielgruppe am besten kennen und einschätzen können. Wie sehen deren Erwartungen aus? Was kommt bei ihnen gut an?
Wichtig ist jedoch, dass die geplante Reihenfolge unbedingt testgehört wird, auch von Außenstehenden. So zeigt sich, ob die gewählte Anordnung tatsächlich trägt.
Alles in allem lässt sich gelungenes Sequencing ähnlich verstehen wie ein gutes Drehbuch. Zwar mag es beim ersten Hören selten bewusst auffallen, dennoch entscheidet es maßgeblich darüber, wie packend ein Album oder auch eine EP ausfällt.
Auch wenn Playlists und Algorithmen den Markt prägen, bietet Sequencing Raum für Tiefe, Zusammenhänge und Geschichten, die im Kontext des Gesamtwerkes ihr volles Potential zeigen können.
Nun die Frage an euch als BackstagePRO-Community: Wie steht ihr zum Thema Album-Veröffentlichung? Teilt eure Gedanken und Tipps gerne in der Kommentarspalte!
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