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Aufregung, Ärger und Wut oder Gelassenheit und Ignoranz?

Ruhig Blut! So gehst du konstruktiv mit Kritik um

Tipps für Musiker und Bands von Konrad Ower
veröffentlicht am 10.03.2017

kritik kreativitätstechniken

Ruhig Blut! So gehst du konstruktiv mit Kritik um

Stopp! Erstmal Nerven bewahren und hier weiterlesen. © ljupco / 123RF

These: Die empfindliche Künstlerseele braucht stets Bestätigung. Dem kann man im Normalfall wenig entgegensetzen, denn wer hört denn nicht gerne Lobeshymnen auf die eigenen Songs oder neue Produktionen, in denen Herzblut und viel Zeit hineingeflossen ist. Doch was tun, wenn der sprichwörtliche Applaus bescheidener ausfällt und man sich mit Kritik auseinandersetzen muss?

Ob als Songwriter, Produzent oder Sessionmusiker – Musik ist immer zu einem gewissen Punkt ein kreativer Prozess, bei dem die eigene Persönlichkeit eine große Rolle spielt. Doch trotz vorhandenem Talent und damit einhergehender harter Arbeit kann keine künstlerische Entwicklung stattfinden, wenn man nicht mit Kritik umzugehen weiß.

Ob man sie schlichtweg nicht annimmt oder im schlimmsten Fall mit offener Verärgerung reagiert – ein solches Verhalten kann deine potentielle Karriere als Profi gründlich ausbremsen.

Und ja, es gibt durchaus Gegenargumente gegen bestimmte Arten von Kritik, denn wie jeder Musik empfindet, ist bekanntermaßen subjektiv.

Da du aber im Laufe deiner Laufbahn von unzähligen Seiten Feedback hören wirst, solltest du in der Lage sein, Kritik zunächst anzuhören und dann zu bewerten, was davon nützlich ist und was nicht. Die folgenden Punkte müssen nicht zwangsläufig in Stein gemeißelt, können aber als Orientierung durchaus hilfreich sein.

1. Bleib immer sachlich – egal ob du die Kritik als absurd erachtest

Dieser Punkt sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber man kann nicht oft genug darauf verweisen:

  • Wie bei allen persönlichen oder beruflichen Interaktionen sind gute Manieren das A und O. Das trifft selbst dann zu, wenn schnell offensichtlich wird, dass das Feedback deines Gegenübers unsachlich anmutet oder gar beleidigend wird.
  • Eine verärgerte Reaktion oder "kurz Dampf ablassen" mag sich zwar für ein paar Minuten gut anfühlen, doch wirft vermutlich schlechtes Licht auf dich. Hinzu kommt, dass das was man in ungünstigen Fällen damit anrichtet, selten abzusehen ist.
  • Für Profis im Musikgeschäft oder auch woanders ist der Ruf als kühler Kopf das Fundament der Karriere. Verbaut man sich diesen Ruf in einem relativ frühen Stadium, versperrt man damit viele Türen zum Erfolg.

Möchte man wirklich nur als beratungsresistente Diva mit kurzer Zündschnur bekannt sein? Ganz bestimmt nicht.

2. Von wem kommt das Feedback?

Klar ist das Feedback der eigenen Eltern ganz nett, doch entweder sie können absolut nichts mit deiner Musik anfangen oder empfinden sie als die Offenbarung der neuzeitlichen Popgeschichte – meistens gibt es dazwischen wenig Differenzierungen.

Deswegen sollte man sich auch bei nahestehenden Hörern zu Recht die Frage stellen, ob sie das Know-how haben, um spezifische Verbesserungsvorschläge zu äußern. An dieser Stelle nicht falsch verstehen:

  • Vieles was "Laien" bzw. "normale" Musikhörer dir sagen, sollte man keineswegs außer acht lassen – schließlich sind sie es, die du mit deiner Musik begeistern willst. Und wenn dieses potentielle Publikum nicht von deiner Musik mitgerissen wird oder deinen Auftritt als nicht souverän empfindet, sollte dir das zu denken geben. Auch wenn diese Menschen nicht die geringste Vorstellung davon haben, was für Vorgänge und welch immenser Aufwand dahinter stecken!
  • Des Weiteren solltest du aufhorchen, wenn langjährige Veteranen wie u.a. Booker, Veranstalter oder andere Musiker konkrete Punkte ansprechen. Diese mag man zwar überhaupt nicht gerne hören, aber von Floskeln oder leeren Huldigungen ist noch niemand besser geworden.

Zu guter Letzt nicht vergessen, dass viele Elemente, die Musik ausmachen, genreübergreifend sind. Das heißt, dass bspw. auch ein Techno-Produzent seinen konstruktiven Senf zum Arrangement und Spannungsbogen eines Rocksongs geben kann. Why not?

3. Wie wird Kritik genau geäußert?

Kritik ist eine Kunst für sich. Es ist sehr einfach, etwas als "gut" oder "schlecht" zu beurteilen. Schwieriger wird es jedoch, eine differenzierte Kritik im Worte zu fassen. Das erfordert Aufmerksamkeit und manchmal vielleicht auch Zeit. Sei also etwas geduldig, wenn dein Gegenüber dir nicht sogleich einen 10-Punkte-Plan zur Optimierung vorlegen kann. Auf diese Weise kann man aber auch ganz gut nützliche Kritik von nutzloser unterscheiden.

Trotzdem lohnt es sich, genauer nachzuhorchen, wenn du ein schlichtes "Total mies!" für dein letztes Kunstwerk einkassierst:

  • Ist es der Song an sich? Die Produktion? Das Tempo? Die Lyrics?
  • Eindrücke wie "…Das war der Chorus? Kam überhaupt nicht rüber" oder "Die Lyrics sind ja total klischeebeladen" sollte man also ernst nehmen. Dann kann man nämlich als Künstler darüber reflektieren und sich fragen, ob diese oder jene Entscheidung bewusst getroffen wurden oder weil man es nicht besser wusste.

In ähnlicher Form kann man das auch auf einen Liveauftritt, einen Mix oder eine Produktion übertragen.

Nimm es nicht persönlich (peshkova / 123RF)

Nimm es nicht persönlich (peshkova / 123RF)

4. Nimm es einerseits nicht persönlich, aber heb andererseits nicht gleich ab

Kreative Menschen empfinden die Kritik ihrer Kunst nicht selten als Angriff auf sie als Person. Das hängt natürlich auch davon ab, ob dieses Feedback sachlich oder abfällig geäußert wurde. Aber egal wie:

Nimm es nicht persönlich! Manchmal steckt man so tief in dem Song oder der Produktion drin, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.

  • Vielleicht braucht dein Track nicht einen experimentellen Zwischenteil, der vier Minuten dauert.
  • Vermutlich sollte man den Song einige Male üben, bevor man die Spuren dafür halbherzig einspielt.
  • Vielleicht sollte man beim Liveauftritt tatsächlich das Publikum anschauen, anstatt mit dem Rücken dazu zu stehen

…alles legitime Punkte, über die man trotz aller künstlerischer Freiheit zumindest nachdenken sollte!

Doch auch wenn du zunächst einmal in den Himmel gelobt wirst, solltest du nicht gleich deine Entwicklung als abgeschlossen erachten. Wenn du deinem Publikum nicht in ein oder zwei Jahren ein noch besseres Musikerlebnis bieten kannst, werden sie höchstwahrscheinlich relativ schnell das Interesse verlieren.

5. Lass dich nicht entmutigen und betrachte Kritik als Chance

Ein Publikum zu finden und dein Können immer weiter voranzutreiben, erfordert Mühe, Zeit und Geduld. Diese harte Arbeit kann dir niemand abnehmen und selbst dann ist ein Erfolg nicht immer garantiert. Deswegen solltest du dir das Leben nicht schwerer als nötig machen und auf nicht wertschätzende Einsichten anderer Menschen verzichten.

Ist die Kritik hingegen konstruktiv, betrachte sie als Gelegenheit, deine Stärken herauszuarbeiten und deine Schwächen auszugleichen.

  • Bist du kein begnadeter Sänger? Dann konzentriere dich auf das Songwriting.
  • Fühlst du dich live total unwohl? Überlege dir, eine reine Studiolaufbahn anzustreben.

Bei all den Möglichkeiten, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, ist es nicht gerade einfach, die eigene künstlerische Stimme zu finden. Gerade deswegen hilft dir Kritik dabei, genau diese zu finden und dich somit von anderen abzuheben.

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