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Kunst für Kleingeld, Teil 3

Straßenmusik in und um Deutschland: Busking im Ausland

Interview von Enrico Hiller
veröffentlicht am 15.06.2017

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Straßenmusik in und um Deutschland: Busking im Ausland

Das Künstler-Kollektiv Crepes Sucette aus Weimar berichtet uns von den Erlebnissen und Erfahrungen beim Busken im angrenzenden Ausland. © Paul Traeger Photography

In den ersten beiden Teilen zur Straßenmusik haben wir das Busken in Deutschland näher betrachtet. Wie es um die urbane Kleinkunst im angrenzenden Ausland steht, besprechen wir mit den erfahrenen Crêpes Sucette aus dem schönen Weimar.

→ Teil 1+2 verpasst? Kein Problem, starte hier mit allem zu den Regeln, Genehmigungen, Auflagen und Besonderheiten bei Straßenmusik in und um Deutschland.

"Der Reiz ist, die Musik in den städtischen Raum zu holen"

Backstage PRO: Hallo Lukas. Stelle euer Projekt doch bitte kurz vor, für alle die, die noch nicht an euch vorbei flaniert sind.

Lukas: Sehr gerne. Ich bin Lukas Bergmann, studierter Kulturmanager und seit nunmehr sechs Jahren Geiger der Band Crepes Sucette. Gemeinsam mit Eric Seehof an der Gitarre und Thomas Sasse am Cajon haben wir seit unserer Bandgründung im Jahr 2011 etliche Straßen- und Livekonzerte in Thüringen und Südeuropas gespielt. Unser Musikstil beschreibt sich durch eine Mischung aus Irish-Folk, Klezmer und Gypsy-Jazz. Bis heute haben wir drei Musikalben veröffentlicht, die alle von den Geschichten unserer Reisen erzählen. Wenn es die Zeit erlaubt, sind wir nach wie vor gern auf dem Erfurter Anger oder in der Schillerstraße in Weimar unterwegs, seit 2017 übrigens überwiegend als Duo mit Geige, Gitarre und einer Cajon, die Eric mit Fußmaschine spielt. Thomas arbeitet nämlich gerade an seiner Dissertation.

Backstage PRO: Wohin hat es euch außerhalb Deutschlands bereits verschlagen?

Lukas: Während unserer Studienzeit in Weimar in den Jahren 2011 bis 2014 verbrachten wir viele Wochen und Monate auf Reisen in Südeuropa, mit dem Ziel, unsere Musik in den Straßen und Gassen der Metropolen erklingen zu lassen. Neben Paris, Toulouse und Barcelona – unsere "Straßenmusiktour 2011" –  waren es insbesondere die Kultur- und Universitätsstädte Südtirols und Mittelitaliens, darunter Meran, Padua und Vicenza, denen wir bis ins Jahr 2014 nahezu jährlich einen Besuch abstatteten. Mit dem Fahrrad und schwerem Gepäck im Anhänger fuhren wir zweimal über die Alpen in Richtung Rom – die Straßenmusiktouren 2012 und 2013 –, verbrachten viele sonnige Tage am Lago di Garda und spielten im Jahr 2014 beim Internationalen Straßenmusikfestival "Ferrara Buskers" in Oberitalien.

Backstage PRO: Woher kommt eure Passion für diese Art der Kunst und was ist im Gegensatz zu Club-Gigs und anderen Venues der besondere Reiz daran?

Lukas: Einerseits liegt der Reiz natürlich genau darin, die Kunst und wie in unserem Fall die Musik in den städtischen Raum zu holen und allen zugänglich zu machen, genau dort, wo sich das tägliche Leben abspielt. Ob das nun die belebten Einkaufsstraßen wie etwa die Schillerstraße in Weimar oder aber die kleinen und verwinkelten Gassen von Venice sind. Durch unsere mehrwöchigen Straßenmusiktouren in den letzten sechs Jahren haben wir viele spannende Orte auf unterschiedliche Art bereist und dabei unglaublich tolle und liebenswerte Menschen kennengelernt.

"Man kommt in den wenigsten Fällen um eine Genehmigung herum"

Backstage PRO: Gibt es eurer Erfahrung nach wesentliche Unterschiede beim Busken in Deutschland oder anderen Ländern?

Lukas: Ich muss dazu sagen, dass wir wesentliche Erfahrungen im südeuropäischen Ausland gemacht haben. Während unserer ersten Tour beispielsweise sind wir mit Interrail-Tickets drei Wochen lang quer durch Italien, Frankreich und Spanien gefahren und haben unsere allerersten Straßenmusikerfahrungen gesammelt. Während der späteren jeweils vierwöchigen Straßenmusiktouren mit dem Rad lernten wir die Städte und Menschen dann auf eine ganz neue Art kennen. Dort wo es uns gefiel, da blieben wir länger – wo es sich für das Spielen als "schwierig" herausstellte, zum Beispiel wegen der gesetzlichen Vorschriften, da fuhren wir meist schneller weiter. In Deutschland haben wir uns mittlerweile ein Netzwerk zu Kaffees, Clubs und Pubs aufgebaut, in denen wir regelmäßig auftreten, aber auch zu anderen Musikern und Veranstaltern, mit denen wir schon viele Projekte in der Region gemeinsam durchgeführt haben.

Backstage PRO: Das heißt, hier kennt ihr auch eure Ansprechpartner und könnt Dinge schnell regeln, im Ausland gibt es damit auch mal Schwierigkeiten?

Lukas: Worauf ich hinaus wollte: So unterschiedlich die Städte und Kommunen in den europäischen Nachbarländern, so unterschiedlich sind auch deren Gesetze und Vorschriften bezüglich der Ausübung von Straßenkunst im öffentlichen Raum. Nach unseren Erfahrungen in den letzten Jahren kommt man in den wenigsten Fällen drum herum, sich für das entspannte – und längere – Busken an einem Ort eine entsprechende Genehmigung bei den entsprechenden Ämtern der jeweiligen Kommune zu organisieren. Das kann mitunter einige Zeit in Anspruch nehmen, … Entsprechende Diskussionen mit der örtlichen Polizei nach dem Busken ohne Genehmigung allerdings auch!

Backstage PRO: Was ist eure schönste Erfahrung, die ihr mit dem Musizieren im Ausland verbindet?

Lukas: Ach es gibt so viele schöne Momente und Begegnungen, an die ich sehr gerne zurückdenke. Ich kann mich an einen wirklich eindrucksvollen Moment erinnern, das war gleich auf unserer ersten Südeuropatour: Mit die erste Stadt im Norden Italiens, in der wir unser Straßenmusik-Glück versuchen wollten, war Verona. Völlig unbedarft und aus heutiger Sicht ziemlich naiv legten wir auf der Haupteinkaufsstraße, der Via Mazzini, ein ordentliches Set hin – direkt neben einigen ernst schauenden und patrouillierenden Carabinieri und der Policia Municipale. Schnell bildete sich eine Traube an Menschen um uns und die Zuhörer schrien nach mehr. Am Ende des Sets kamen wir mit einigen Zuhörern ins Gespräch und ich kann mich an eine Frau erinnern, die ganz gerührt zu uns sagte: "Also Jungs, es hat hier über 35 Grad im Schatten und ich habe beim Zuhören echt Gänsehaut bekommen! Das muss man erstmal schaffen..." Für mich persönlich eines der vielen schönen Erlebnisse, die mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind.

Backstage PRO: Und schlechte Erfahrungen gab es auch?

Lukas: Natürlich sind auch viele Dinge anders gelaufen als ursprünglich geplant, vor allem wenn ich an unsere Straßenmusiktouren mit dem Fahrrad nach Rom zurückdenke: wir hatten viele kleinere Pannen bei unseren Alpenüberquerungen, überschlagene Anhänger mit Instrumenten drin, Materialversagen bei den Reifen nach über 1000 strapaziösen Kilometern und etliche langwierige Suchen nach geeigneten Zeltplätzen.

Auch der Kontakt mit den Behörden und Ordnungsämtern, bei denen man sich als Straßenkünstler in manchen Kommunen vorab eine Lizenz besorgen musste, und der örtlichen Policia Municipale als Kontrollinstanz, war immer wieder ein Drahtseilakt und hat uns oft Kopfzerbrechen bis zu kleinen Bußgeldern bereitet. Insgesamt sind wir aber – vielleicht gerade wegen unserer charmanten Art (zwinkert) – fast immer mit einem blauen Auge davongekommen.

"Wenn der Funke zum Publikum überspringt, ist es gute Straßenkunst"

Backstage PRO: Was macht für euch gute Straßenkunst aus?

Lukas: Ganz egal, was du als Straßenkünstlerin oder -künstler machst: Du solltest es aus voller Überzeugung und mit viel Leidenschaft tun. Wenn der Funke zum Publikum überspringt, dann ist es gute Straßenkunst.

Backstage PRO: Was würdet ihr anderen Musikern raten, die Reisen und Musik ebenfalls gern erfolgreich miteinander verbinden wollen?  

Lukas: Nicht zu lange darüber nachdenken, sondern einfach machen. Das fängt mit dem Losfahren an und hört bei der spontanen Session auf der Autofähre oder im Café auf. Ob man die Tour mit einigen fixen Konzertterminen gestalten möchte, muss wohl jeder selbst entscheiden. Während unserer ersten Touren zu Studentenzeiten haben wir insbesondere die Freiheiten ohne Termine extrem genossen, Konzerte in Bars/Restaurants, neue Kontakte oder viele Sessions mit anderen Musikern haben sich dann ohnehin spontan ergeben.

Backstage PRO: Was sind eure musikalischen Ziele für die Zukunft?

Lukas: Kurzfristig: ein neues Album aufnehmen. Langfristig: Genau so weitermachen wie bisher und viele Konzerte spielen und unsere Musik in die Welt hinaustragen...

Backstage PRO: Danke für das Interview, Lukas! Ich freue mich schon auf das nächste Mal, wenn ich an einem schönen Sommertag in der Erfurter Innenstadt eine eurer energiegeladenen Sessions genießen darf.

Lukas: Wir danken dir für deine Fragen. Der nächste Termin ist bald: Crepes Sucette sind anlässlich der Fete de la Musique am 21. Juni 2017 in Erfurt am Start!

→ Bleib' dran und checke auch die wichtigsten Tipps, wie du mit Straßenmusik erfolgreich bist und Geld verdienst!

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Personen

Lukas Bergmann

Kulturmanager im Bereich der Kulturellen Bildung und freischaffender Musiker aus Braunschweig Violinist bei Crepes Sucette

Eric Seehof

Gitarrist, Bassist aus jena Gitarrist, Bassist bei Crepes Sucette

Artists

Crepes Sucette

Abgefahrene Akustiksachen aus Weimar

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