Nicht wegrennen!
Timing-Probleme als Musiker: Wie dein Puls dein Rhythmusgefühl beeinflusst
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© Wendy Wei
Glücklicherweise bist du Musiker und keine Maschine. Andernfalls wäre die Geschichte mit dem Timing zwar chronographisch simpel, aber eben auch seelenlos. Typisch menschliche Schwankungen gehören dazu: Sogar bei professionellen Produktionen werden gewollt leichte, kaum hörbare Timing-Schwankungen integriert, um den Tracks die maschinelle Kälte zu nehmen.
Trotz gnadenlos präzisen Drum-Machines, Midi-Clocks, DAWs & Co. haben wir menschlichen Musiker noch immer einen Zweck, nämlich den Transport von unperfekten Emotionen und Körperlichkeit.
Der immanente Kampf gegen die Maschine
Die Maschine, also auch das Metronom, arbeitet schwankungsfrei. Du nicht, aber du möchtest dich dieser Fehlerfreiheit möglichst hundertprozentig annähern.
Gerade Einsteiger auf der Suche nach dem präzisen Timing rennen immer wieder gegen für sie zunächst unerklärliche Barrieren und Blockaden an - und wissen häufig nicht einmal, welche das sind.
Zuerst an der Technik feilen, dann am Timing
Zu den häufigsten Gründen, weshalb Musiker aus der Timing-Kurve geworfen werden, gehört sicherlich, dass Bewegungsabläufe oder schwierige Passagen im Song noch nicht richtig sitzen. Einmal zu lange nachgedacht, schon war es das mit dem konsistenten Beat.
Gerade dieser Punkt sollte langfristig kein Problem darstellen. Zunächst heißt es: üben, üben, üben. Erst langsam, um die gewünschten flüssigen Abläufe zu erreichen. Mit zunehmender Sicherheit kannst du dich schließlich besser auf den Aspekt des Timings konzentrieren.
Auf diese Art und Weise räumst du sukzessiv die vermeintlichen Bremsklötze aus dem Weg. Doch neben der Spieltechnik gibt es weitere, dich beeinflussende Aspekte, die weitaus tiefer in dir begründet liegen. Diese werden oftmals deutlich weniger beachtet, obwohl auch sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu verbessertem Timing beitragen können.
Die Challenge: Verstehen, Akzeptieren, Harmonisieren
Diese Aspekte müssen wir uns zunächst bewusst machen, damit die Verbesserung des Timings nicht zum unerreichbaren Anlaufen gegen Windmühlen wird. Hauptsächlich geht es dabei um drei Aspekte: Verstehen, Akzeptieren und Harmonisieren.
Dein Puls als konträrer Taktgeber
Haben Einsteiger einen Ruhepuls von 60 oder einen Adrenalinpuls von 120, passt das perfekt zum Metronom im selben oder gedoppelten Tempo. Es funktioniert ohne langes Nachdenken. Haben sie einen Pulsschlag von 70, das Metronom ist aber auf 120 eingestellt, passt das nicht.
Der Kampf beginnt und der Musiker kann sich nicht erklären, weshalb er permanent neben dem Beat hängt. Selbstverständlich kann der Puls proaktiv beeinflusst werden, doch so weit sind wir noch nicht. Weitaus wichtiger ist es zunächst, ihn zu messen.
Hängt der Pulsschlag situativ über dem Tempo des Songs bzw. Metronoms, weißt du, dass du dich selbst ein wenig bremsen musst. Ist er niedriger, gilt der Umkehrschluss,
Wenn die Atmung zum Ruhepol wird
Für Sportler, Blasmusiker, Sänger und Co. ist die Beherrschung der Atmung elementar. Geradezu vorbildlich kontrollieren Musiker etwa die tonbildende Luftsäule, Sportler die Sauerstoffzufuhr unter Belastung.
Sicherlich ist das keine Neuigkeit: Durch bewusstes Atmen - idealerweise in der Kombination aus Bauch-, Zwerchfell- und Brustatmung mit entsprechender Stütze - trainiert man Ruhe, Gelassenheit und vor allem Gleichmäßigkeit.
Tipp: Übe unter Anleitung zu atmen und somit auch, dich runter- oder rauf- auf das teilbare Level des Timings - zu dosieren.
Adrenalin als berechenbarer Turbo
Sofern du nicht völlig abgebrüht bist, wird dir, spätestens sobald die Performance auf der Bühne beginnt, das Adrenalin in die Adern schießen. Hoffen wir, dass es nicht schon zuvor in lähmendes Lampenfieber ausartet. Im positiven Sinne werden deine Konzentration und Reaktionszeit geschärft. Schließlich wird dadurch der sogenannte Fluchtinstinkt ausgelöst. Aber keine Chance, hier kommst du jetzt nicht weg. Da musst du durch.
Tatsache ist: Adrenalin beschleunigt sowohl den Herzschlag als auch die Atmung. Für das korrekte Timing liegt nichts näher, als in solchen Ausnahmesituationen den Puls zu messen und daraus die entsprechenden Rückschlüsse zu ziehen. Um es platt auszudrücken: Wenn der Anspannungspuls auf 110 steigt und der Song ebenfalls mit 110 bpm laufen soll, könnte es aufgrund der Übereinstimmung nicht besser passen.
Schwankungen unbedingt einkalkulieren
Nun haben wir ja eine im wahrsten Sinne des Wortes "tierische" Besonderheit. Im Gegensatz zu Maschinen unterliegen unsere Körperfunktionen permanenten Schwankungen.
Einmal gemessene Werte können sich durch äußere Einflüsse innerhalb kürzester Zeit wieder verändern. Noch eben war alles in Butter, plötzlich ärgern wir uns über irgendeine Lappalie. Die Folge: Der Puls springt in Sekundenbruchteilen in die Höhe.
Unmittelbar ändert sich somit der körpereigene Referenzwert in Relation zu Takt und Tempo. Hochbedeutend ist die gelassene Selbstreflektion: Erkenne und akzeptiere, wie du dich fühlst. Schon lässt sich der Wert wieder auf das geforderte Timing herunterbrechen.
Es geht um individuelle Bewusstseinsmachung
Nun wird sicherlich niemand ständig auf einen Pulsmesser, ein Blutdruckmessgerät oder die agilen Funktionen der Smart-Watch glotzen. Dafür ist weder die Zeit vorhanden, noch gibt es dafür eine Notwendigkeit.
Durchaus lohnenswert ist es jedoch, sich selbst und die individuell üblichen Werte kennenzulernen. In vergleichbaren Situationen wird sich auch der Puls mit nahezu identischen Intervallen zu Wort melden.
Bei gesunden Erwachsenen gilt etwa ein Ruhepuls von 60 bis 90 bpm als normal, wobei das Herz von Frauen tatsächlich etwas schneller schlägt als das der Männer. Abhängig ist das hauptsächlich von der Körperkonstitution und persönlichen Fitness. Herauszufinden gilt also: Welches ist dein persönlicher Ruhepuls und wie hoch ist dein Stresspuls?
Was das für die Praxis bedeutet
Ohne konzentrierte Übung wird sich das Timing nicht verbessern. Klar sein sollte jedoch, dass das schnörkellose Halten von Tempo und Microtiming immer ein Zusammenspiel von Zeit, Technik und Körperfunktionen ist.
Wenn du dein Körpertiming kennst, fällt es dir weitaus leichter, davon ausgehend auf das Timing des Songs zu abstrahieren. Diese Herangehensweise hat nichts mit esoterischem Unfug zu tun. Vielmehr geht es um die pragmatische Symbiose von Körperfunktion und Musik.
Mögen uns maschinelle Emotionen erspart bleiben
Gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen im Kontext der Künstlichen Intelligenz ergibt sich ein recht kurioses Bild: Indem Menschen kontinuierlich nach der Perfektion von Maschinen streben, befinden sich die IT-Entwickler geradezu auf der Überholspur, um die Algorithmen mit Kreativität, Gefühlen aus dem digitalen Copy-Shop und nur folgerichtig einem Hauch menschlicher Imperfektion zu konzipieren.
Der Mensch orientiert sich an der Technik; die Technik orientiert sich am Menschen. Beides funktioniert glücklicherweise - noch - nicht. Möge uns erspart bleiben, dass Bits und Bytes eines Tages mit echten menschlichen Empfindungen an die Tür klopfen.
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