×

Mit Kurzportraits wichtiger Köpfe der Custom-Git./Bass-Szene

Über die Leidenschaft beim Musikinstrumentenbau und wie man selbst das Handwerk lernt

Portrait von Nerdy Birdy Bert Gerecht
veröffentlicht am 07.04.2017

berufswelt instrumentenbau magnus guitars bassculture bassline wal elrick christoph kost joszi lak

Über die Leidenschaft beim Musikinstrumentenbau und wie man selbst das Handwerk lernt

Rüdiger Ziesemann aus Krefeld baute seinen ersten Bass während seiner Schreinerlehre in den Achtzigerjahren. © Fotos 1-4: Bert Gerecht; 5-6: 123RF

Gitarren und Bässe werden weltweit von vielen Firmen hergestellt. Die Global Players kennt jeder. Doch es gibt auch jede Menge kleine Firmen und Einzelkämpfer, die mit großer Passion ans Werk gehen. Beruf Instrumentenbauer… Wie kommt man dazu? Was muss man mitbringen, wie ist der Ausbildungsgang?

"Ein guter Bassbauer klopft auf eine rohe Holzplanke, und weiss dann schon, wie der Bass klingen wird."

Fender, Gibson, Warwick/Framus, PRS, Ibanez, Yamaha und andere mehr: Diese Instrumente sieht man auf allen Bühnen. Doch bereits in den Achtzigerjahren entwickelte sich in USA eine kleine Szene von alternativen Gitarrenbauern, die auf kleiner Basis einzelne Instrumente und kleine Serien herstellten.

Heutzutage, 2017, gibt es nicht nur in Deutschland Firmen, die weitab vom Mainstream ihre eigenen Versionen von Bässen und Gitarren bauen. Dazu zähle auch ich mit meiner Firma Hot Wire Bass.

Wundert euch nicht, dass es sogar mehr Bass-Bauer als Gitarren-Bauer gibt. Das liegt daran, daß Gitarristen konservativ sind und gemeinhin eher zu Fender- oder Gibson-Instrumenten greifen. Der begehrte Gitarrensound basiert größtenteils noch auf den Klassikern, die in den "Golden Years", den Fünfzigern und Sechzigern gebaut wurden.

Das Streben nach dem perfekten Klang

Eine Fender oder Gibson mit Alnico-Pickups, über einen Fender Röhrenamp gespielt, das ist das Klangideal der meisten Gitarristen. Oder das andere Extrem, eine Siebensaiter-Gitarre mit aktiven Hi-Gain Pickups, über Marshall-Türme oder einen Kemperamp gejagt.

Bassisten sind eher innovativ und lassen sich, um dem individuellen Wunschsound näher zu kommen, schon mal ihren Spezialbass bauen, den die Industrie so nicht anbietet. Da ist dann der Bassbauer gefragt.

Korpus- und Halsrohling

Korpus- und Halsrohling

"Einmal kurz nicht aufgepasst, schon ist es passiert!"

So ein Custom-Bass kann dann auch schon mal sieben oder auch zwölf Saiten haben – (oder auch nur drei!), aus edlen Hölzern bestehen, mit speziellen Tonabnehmern und einer ausgefeilten Elektronik. Um so etwas zu bauen, braucht es Erfahrung. Das bringt ein Bassbauer dann schon mit. Aber wie wird man das?

Gitarren/Bassbauer ist kein Beruf, in dem man schnell reich werden kann. Es ist vielmehr eine Berufung, eine Passion, ein Streben nach dem perfekten Klang, aus Liebe zur Musik, aus Liebe zum Werkstoff Holz.

Es ist auch viel Arbeit, anstrengend und ungesund, mit viel Holzstaub und Lackdunst. Man hantiert mit schweren Maschinen… ich kenne auch den einen oder anderen Gitarrenbauer, dem eine Fingerkuppe oder ein Fingerglied fehlt. Einmal kurz nicht aufgepasst, schon ist es passiert!

Die Werktatt von Magnus Guitars aus Weinbach im Taunus

Die Werktatt von Magnus Guitars aus Weinbach im Taunus

Wir stellen euch einige "Zupfinstrumentenmeister" und Bass-Bauer vor

Magnus Krempel von Magnus Guitars aus Weinbach im Taunus kommt aus einer alten Gitarrenbauer-Dynastie. Seine Eltern bauten bereits in den Siebzigern hochwertige Klassik-Gitarren, Magnus war schon früh interessiert und hatte auch jahrelang Gitarrenunterricht. Da war es keine Frage, was er mal werden wollte, und er machte eine Ausbildung zum "Zupfinstrumentenmeister" in Mittenwald.

Zunächst arbeitete er bei seinem Vater, dann richtete er seine eigene Werkstatt ein. In den frühen Achtzigern begann Magnus, sich für den elektrischen Bass zu interessieren. Erste Bässe wurden gleich verkauft, und er entwickelte das kontinuierlich weiter. Er gilt heute als einer der besten Instrumentenbauer Deutschlands, baut innovative Bassgitarren, E-Gitarren, akustische Bassgitarren, Klassik-  und Westerngitarren.

Christoph Dolf, Inhaber der Firma Bassculture aus Neuss baute 1978 seinen ersten Bass in der väterlichen Schreinerwerkstatt, weil die Bässe, die er sich als Schüler leisten konnte, für ihn nicht perfekt waren. Neben seinem Lehramtstudium baute er immer weiter, auch elektrische Kontrabässe. Als sein Vater überraschend starb, übernahm er kurzentschlossen die Werkstatt und baute zunächst Möbel und Bässe.

Für seine Instrumente benötigte er Tonabnehmer, die er von Kent Armstrong in London fertigen liess. Irgendwann war er genervt von langen Lieferzeiten und stellte seinen ersten eigenen Tonabnehmer her. 2010 ging er dazu über, nur noch Tonabnehmer zu fertigen, weil er genug hatte von Holzstaub und Lackdunst. Bassculture Pickups werden seit 20 Jahren von vielen Bassbauern genutzt.

Fertig lackierter Korpus

Fertig lackierter Korpus

"Wartezeit: drei Jahre"

Hobbybassist Rüdiger Ziesemann aus Krefeld (Titelbild) baute seinen ersten Bass während seiner Schreinerlehre in den Achtzigerjahren. Nach seinem Abschluss als Tischlermeister arbeitete er zunächst als Schreiner, fertigte Küchen und Treppen an, und gelegentlich auch mal einen Bass. Die Küchen wurden weniger, die Bässe immer mehr, mittlerweile heisst seine Manufaktur Bassline, ernährt vier Leute und ist eine gute Adresse für jene, die einen individuellen Bass haben wollen. Unter dem Banner "build your bass" macht Bassline Kurse für Leute, die unter Ziesemanns kundiger Anleitung sich ihren Bass selbst bauen wollen.

Ian Waller aus Birmingham in England spielte 1965 in einer Band, aus der später Herman´s Hermits wurden. Aber Ian war eher an der Konstruktion von Bässen interessiert. 1976 baute er seinen ersten Bass, den er "WAL" nannte, kombinierte die besten Merkmale von Fender und Gibson Bässen. Dieser Bass erregte die Aufmerksamkeit von Studiomusikern, und mit seinem Partner Pete "The Fish" legte er eine erste Serie auf, unter der Prämisse, den bestmöglichen Bass zu bauen, von Profis, für Profis.

Percy Jones und John Entwistle waren die ersten Top-Bassisten, die mit Wal Bässen gesichtet wurden. Es war der erste britische Edelbass, und das Instrument wurde ständig weiterentwickelt. Bald wurden Wal Bässe in den Händen britischer Pop-Musiker und Studiobassisten gesichtet. 1981 erweiterte eine aktive Elektronik den Wal-Sound, und bald kam auch die ersten Fünfsaiter und Sechsaiter heraus. 1995 kaufte Paul McCartney einen Wal Fünfsaiter. Das gab der Firma nochmal mächtig Auftrieb. Sogar aus Japan reisten Kunden an, um sich einen Paul-McCartney-Bass bauen zu lassen. Wal Bässe werden heute in Cobham in der Nähe von London gebaut. Wartezeit: drei Jahre.

"Ich gehe nicht ans Telefon"

Rob Elrick aus Chicago baut Elrick Bässe seit 1992. Er war zunächst Bassist, hatte in Berklee studiert und spielte Gigs, um seine junge Firma zu finanzieren. Irgendwann gab er die Live Musik auf, um sich voll auf das Bassgeschäft zu konzentrieren. Seit 2008 gibt es zu seinen handgebauten Bässen auch eine preiswertere Elrick-Serie, die in Tschechien gefertigt wird. Auf die Frage, wie er das alles schaffe, antwortete er: "Ich mach keine Reparaturen, und ich geh nicht ans Telefon."

Christoph Kost aus Aachen machte seine ersten Bass-bauerlichen Gehversuche in den Achzigern bei der Firma esh und entwickelte die ersten esh Bass-Designs. Als die Firma esh später verkauft wurde, machte sich Kost mit eigener Firma selbständig aber behielt seine Designs bei, die er heute noch erfolgreich baut.

Joszi Lak kam als Flüchtling aus Serbien nach Deutschland und machte eine Schreinerlehre. Der begeisterte Gitarrist begann eine Ausbildung bei Magnus Guitars. Nach seinem Abschluss machte er sich mit eigener Werkstatt im Taunus selbständig und hat schon viele interessante Instrumente entwickelt, eigene Bass- und Gitarrenmodelle.

Liebe zum Werkstoff Holz gehört dazu

Liebe zum Werkstoff Holz gehört dazu

Und jetzt konkret:

Wie kann man Gitarren/Bassbauer werden?

Es gibt in Deutschland keine direkte Bass/Gitarrenbauerschule, die alle berufsrelevanten Inhalte leert, denn dazu ist der Markt zu klein (es gibt diverse Ausbildungsmöglichkeiten in USA und England). Bei einer Ausbildung zum "Zupfinstrumentenmacher" in Mittenwald stehen eher die klassischen akustischen Instrumente im Vordergrund. An der Uni in Zwickau gibt es einen Studiengang Musikinstrumentenbau mit den Studienrichtungen Zupf- und Streichinstrumentenbau.

Seit der Aufhebung des sog. "Meisterzwangs" kann eigentlich jeder relativ problemlos ein entsprechendes Gewerbe anmelden. Dass er vorher was gelernt haben sollte, ist klar. Man sollte also erstmal eine Schreinerlehre machen, oder Modellbauer, um die wesentlichen Arbeitsgänge in der Holzbearbeitung zu lernen.

Grundsätzlich ergibt es Sinn, sich einen Gitarren-Bausatz zu kaufen und diesen zu montieren. Es gibt viele Youtube-Videos zu diesem Thema. Der ernsthaft Interessierte sollte einen Praktikumsplatz suchen, bevor er es als "Quereinsteiger" versucht. Oder einen Gitarrenbauer finden, der ausbilden kann bzw. darf.

Man braucht gute handwerkliche Fähigkeiten

Man braucht gute handwerkliche Fähigkeiten

Und was muss man alles mitbringen für diesen Job?

Man muss vernünftig Bass und Gitarre spielen können! Dann braucht es Begeisterung und Leidenschaft für die Musik und den Instrumentenbau. Gute Ideen, gute handwerkliche Fähigkeiten, gute Kenntnisse über den Werkstoff Holz und den Zugriff auf gut abgelagerte Tonhölzer, eine Werkstatt mit Maschinen zur Holzbearbeitung.

Eine Lackierkabine und einen sauberen Arbeitsplatz für die Endmontage. Natürlich gute Kenntnisse in Elektronik, denn der Klang entsteht ja nicht nur im Holz, sondern wird über die verwendeten Tonabnehmer und die Elektronik zu Gehör gebracht.

Dazu braucht es ein musikalisches Ohr, viel Zeit und gute Kontakte zu Musikern, zur Presse, und ein gutes Händchen für Promotion und Social Media kann auch nicht schaden bzw sind heutzutage Voraussetzung.

Nicht zuletzt braucht es Durchhaltevermögen, denn mit dem ersten selbstgebauten Instrument wird man den Durchbruch nicht schaffen. Dazu zählt auch die Bereitschaft, zwölf Stunden täglich zu arbeiten und das Wochenende auch mal sausen zu lassen.

Wer diese Qualifikationen mitbringt und jetzt nicht abgeschreckt ist, der hat gute Voraussetzungen, erfolgreich als Bass/Gitarrenbauer zu arbeiten.

Auch interessant

Unternehmen

Hot Wire Bass - Bert Gerecht

Herstellung von Custom-Bässen und Gitarren - Auch Umbauten, Modifikationen, Elektronik-Nachrüstung

Einzelhandel in 55592 Desloch

Ähnliche Themen

Persönlicher Erfahrungsbericht: "Ja, Beruf und Hobby lassen sich verbinden"

Die Gemeinsamkeiten zwischen Ausbildung und Musizieren

Persönlicher Erfahrungsbericht: "Ja, Beruf und Hobby lassen sich verbinden"

veröffentlicht am 08.08.2018 | Gesponserter Inhalt

Gibsons Gläubiger fordern neuen CEO und Kontrolle über das Unternehmen

Gibson wehrt sich

Gibsons Gläubiger fordern neuen CEO und Kontrolle über das Unternehmen

veröffentlicht am 15.03.2018

Steht der Traditions-Gitarrenbauer Gibson vor dem Bankrott?

Düstere Aussichten

Steht der Traditions-Gitarrenbauer Gibson vor dem Bankrott?

veröffentlicht am 19.02.2018

Pimp dein Instrument! Wie du deinem Gear einen neuen Look verpasst

Geiler Sound, miese Optik?

Pimp dein Instrument! Wie du deinem Gear einen neuen Look verpasst

veröffentlicht am 04.01.2018   1