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"Es gilt, die Pandemie mit einem blauen Auge zu überleben"

Alex Sebastian über das Livestream-Veranstaltungskonzept des "Munich Song Connection Song Slams"

Interview von Michael Erle
veröffentlicht am 23.10.2020

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Alex Sebastian über das Livestream-Veranstaltungskonzept des "Munich Song Connection Song Slams"

Interview mit Alex Sebastian vom Munich Song Connection Song Slam. © Peter Keller, peter-keller-photo.de

Wie lässt sich eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe während der Corona-Pandemie fortführen? Vor dieser Frage stand Alex Sebastian vom Munich Song Connection Song Slam. Wir haben mit Alex über sein neues Konzept gesprochen.

Der Munich Song Connection Song Slam ist eine Institution in München. Seit 2013 treten hier monatlich acht Künstler auf. In erster Linie geht es um Spaß und Musik, aber es gibt auch einen Wettbewerbs-Teil: die beliebtesten Acts können einen Studiotag oder einen Equipment-Gutschein gewinnen. Mit den Beschränkungen infolge der Corona-Krise suchte Alex Sebastian, Veranstalter des Song Slam, nach einem neuen Weg zur Event-Durchführung. Dabei kam ihm sein professioneller Hintergrund in der IT zugute. Seit September 2020 findet der Song Slam nun in einer virtuell-physischen Kombination statt.

Backstage PRO: Du veranstaltest den Song Slam der Munich Song Connection seit 2013. Wann kam dir das erste Mal die Idee, den Event auch zu streamen?

Alex Sebastian: Wir haben damit auf kleiner Flamme im letzten Jahr schon angefangen. Die Idee war grundsätzlich, durch den Livestream über soziale Medien wie Facebook eine größere Bekanntheit zu erreichen. Und Leute schauen sich nunmal lieber Bewegtbilder an, als statische oder gar Texte.

"Wie überleben wir finanziell, wenn die Zuschauerzahlen vor Ort runter gehen?"

Backstage PRO: Wie lange hat es gedauert, um nach Start der Pandemie den Song Slam als physisch/virtuelles Event zu veranstalten?

Alex Sebastian: Ich hatte die grundsätzliche Idee schon länger im Kopf, aber wie es so oft ist: Das Song Slam Konzept hatte bisher gut funktioniert und dann ändert man natürlich nicht unbedingt was. Als die Pandemie startete, war für Michi (Bohlmann, Mitveranstalter; Anm. der Redaktion) und mich schließlich die Überlegung:

Traut sich überhaupt noch jemand ins Theater, wenn wir wieder anfangen? Wie überleben wir finanziell, wenn die Zuschauerzahlen vor Ort runter gehen und damit die Eintrittsgelder?

Ich hatte dann die Idee, auf bezahltes Online-Voting umzustellen, so dass ein Publikum auch von zuhause ihre Favoriten und gleichzeitig unsere Veranstaltung finanziell unterstützen kann. Die Krux am Online-Voting ist natürlich vor allem: Es geht nur ganz oder gar nicht. Wir waren etwas nervös, ob das Publikum, das vor Ort kommt, sich darauf einlässt, mit dem Handy abzustimmen. Ich habe dann innerhalb der Pausemonate Nägel mit Köpfen gemacht, die ganze Umstellung geplant, umgesetzt und getestet.

Backstage PRO: Wie sieht die technische Umsetzung aus?

Alex Sebastian: Anfangs haben wir die Übertragung mit einem Rechner, OBS und einem Camcorder gemacht. Das erschien uns aber für die Umstellung auf ein bezahltes Online-Voting als nicht zuverlässig genug. Also habe ich aus meiner Privatschatulle in ein günstiges Streaming Deck investiert, das sehr einfach und schnell aufzubauen und – sogar über’s Netzwerk von Backstage aus – zu bedienen ist. Weiterer Vorteil ist, dass wir eine zweite Kamera anschließen können, so dass wir nach Belieben auf die Haupt- und die Seitenbühne des Theaters schalten können.

Blick auf die Technik beim Munich Song Connection Song Slam / Foto: Peter Keller, peter-keller-photo.de

Blick auf die Technik beim Munich Song Connection Song Slam / Foto: Peter Keller, peter-keller-photo.de

Für den Contest an sich habe ich eine zweite Website auf Wordpress erstellt und verschiedentliche Contest- und Paywall-Plugins getestet. Schlussendlich habe ich dann zwei halbwegs erschwingliche Module gefunden, mit denen genau die Funktionalität abbildbar war, die wir brauchten.

Backstage PRO: Wie sieht die geschäftliche Seite aus: verdienst du oder legst du drauf?

Alex Sebastian: Wir sind in München, trotz Großstadt, leider nicht damit gesegnet, durchgehend ausverkauft zu sein. Schon vor Corona war das Kulturangebot so groß, dass man stetig um Publikum kämpfte. Michi und ich sind froh, wenn wir am Ende des Jahres kostenseitig plusminus Null rauskommen. In den vergangenen Jahren war für unsere Helfer meistens noch ein gemeinsamer Abend bei ‘ner Pizza drin, aber das war’s. Es steht eigentlich in keinem Verhältnis zum Aufwand den wir betreiben, und der Zeit, die wir reinstecken.

Wir machen das aber trotzdem. In erster Linie aus Spaß an der Sache, etwas für unbekannte Künstler zu tun: Mit den Amperstudios haben wir einen Studiosponsor, der einen Aufnahmetag für den Jahresgewinner anbietet. Das Musikversandhaus Thomann sponsert 150 EUR für den Jahresvize. Darüber hinaus gibt es manchmal tatsächlich auch hin und wieder mal Anfragen, ob wir nicht Künstler vermitteln können. So wurden wir vor Jahren mal von Radio Gong für das U-Bahn-Casting angefragt.

Auch treten manchmal andere Veranstalter auf uns zu: Wir haben bereits einen Song Slam auf dem Tollwood durchgeführt, die Gemeinde Gröbenzell hat uns mit unserem Konzept für einen Song Slam engagiert und wir durften die Kleinodbühne auf dem Isarinselfest durchführen. Das hilft uns natürlich auch.

"Was wir derzeit erleben, ist die wohl größte Herausforderung der Unterhaltungs- und Veranstaltungsbranche schlechthin"

Backstage PRO: Hat dich die Resonanz bisher überrascht?

Alex Sebastian: Beim ersten Song Slam mit Online-Abstimmung waren wir sehr nervös, ob das überhaupt jemand annimmt. Ob die Leute verstehen, wie es funktioniert. Doch dann waren wir sehr positiv überrascht. Natürlich gab es hier und dort Kinderkrankheiten, aber die waren sehr übersichtlich und schnell behoben. Am meisten hat uns gefreut zu sehen, dass die Zuschauer nicht nur den eigen Favoriten schätzen, also die Band, wegen der sie ein Ticket gekauft haben.

Jeder Zuschauer hat sechs Stimmen, die er theoretisch auf einen Künstler häufeln könnte. Aber tatsächlich sehen wir, dass die Leute ihre Punkte auf mehrere Acts verteilen. Und dass es tatsächlich Leute gibt, die sagen: Ich kann nicht ins Theater kommen, aber ich schau mir das zuhause an und stimme von da ab. Das ermöglicht natürlich nun auch Acts, die von weiter anreisen – wir hatten schon Teilnehmer von Hamburg bis Zürich und Wien – die Möglichkeit, dass ihr Publikum von zuhause aus mitmacht.

Backstage PRO: Wie ist die Zusammenarbeit mit der Locations bisher? Wie nimmst du deren Situation wahr?

Alex Sebastian: Wir arbeiten mit dem Theater Drehleier schon sehr lange zusammen. Das Theater ist eine Institution in München. Ein wahres Kleinod. Wir sehen im Zusammenhang mit der Pandemie leider auch hier Existenzängste durch Publikumsschwund, wie bei so vielen anderen Locations. Die Menschen trauen sich – allen Hygienekonzepten zum Trotz – nicht mehr so richtig raus. Das Theater tut alles, um die Sicherheit zu gewährleisten. Vom Desinfektionsmittel über die Abstände der Tische, Einbahnstraßenregelung für Ein- und Ausgänge, sowie Lüftungskonzept mit komplettem Luftaustausch. Dennoch habe ich beobachtet, dass die eine oder andere Veranstaltung schlicht abgesagt werden musste. Wir wollen hier mit unserem Online-Konzept einen Beitrag leisten, den regelmäßigen Song Slam nicht absagen zu müssen und hoffen, auch des Theaters wegen. Drum hoffen wir natürlich, dass sich die Menschen, die zuhause sitzen, rege beteiligen und uns helfen.

Backstage PRO: Du bist mit deiner Show “Alex Sebastians Sting Illustrated” kürzlich selber auf der Bühne gestanden und hast das Konzept des Song Slam genutzt, um Konzert und Livestream zu kombinieren. Welche Erfahrung macht man, wenn man vor der Kamera steht?

Alex Sebastian: Es ist gar nicht so unterschiedlich zu einem traditionellen Gig. Man muss als Perfomer voll im Moment sein, die Show muss standhalten, egal ob jemand im Saal sitzt, am Stream zuschaut oder später die Aufzeichnung. Man muss sich selber sagen: da sind Leute, die schauen zu, die wollen unterhalten werden. Dass muss man leben.

Backstage PRO: Wie sieht die Zukunft aus? Habt ihr Pläne, gibt es Herausforderungen, die ihr meistern müsst?

Alex Sebastian: Was wir derzeit erleben, ist die wohl größte Herausforderung der Unterhaltungs- und Veranstaltungsbranche schlechthin. Es gilt derzeit, die Pandemie mit einem blauen Auge zu überleben – sowohl für uns, als auch für unser gastgebendes Theater. Das heißt für uns in erster Linie: Wir brauchen die Unterstützung der Songwriter und wir brauchen genügend Publikum, sowohl vor Ort, als auch online, um da durch zu kommen. Der Hauptplan ist deshalb, auf uns aufmerksam zu machen. Zu sagen: Hallo, wir sind da. Wir machen was. Ihr könnt unter Hygienebedingungen vorbei kommen, oder unser Programm aus der Ferne genießen und ein paar Euro online einwerfen. Jeder Euro hilft. Alle Infos pflegen wir auch auf unserer Seite https://musoc.de/ so gut wie möglich.

Backstage PRO: Hast du Anfragen, deine Lösung an andere Veranstalter zu vermieten, oder sie dazu zu beraten, wie man diese Art von Event umsetzt?

Alex Sebastian: Nein, bisher hatte ich noch keine Anfragen. Aber wenn sich jemand interessiert, stehe ich immer gerne beratend oder zur Durchführung zur Verfügung.

Backstage PRO: Vielen Dank, Alex und weiterhin viel Erfolg mit eurem Veranstaltungskonzept!

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Personen

Alex Sebastian

Songwriter aus München Sänger, Pianist bei alex sebastian und Sänger bei INSIDE project

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