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"Ein guter Ruf ist entscheidend"

Claes Olsen, Booking-Chef des Øya-Festivals, über die Besonderheiten von Norwegens größtem Festival

Interview von Jan Paersch
veröffentlicht am 21.09.2018

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Claes Olsen, Booking-Chef des Øya-Festivals, über die Besonderheiten von Norwegens größtem Festival

Claes Olsen. © Ellen Lorenzen

Was als intime Veranstaltung für lokale Newcomer seinen Anfang nahm, ist mittlerweile zum größten norwegischen Festival mit circa 20.000 Besuchern an jedem Festivaltag herangewachsen. Claes Olsen ist Gründer, Mitbesitzer und Booking-Chef des Øya Festivals in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Wir sprachen mit ihm über die Förderung weiblicher Acts, den Stellenwert von Essen auf Festivals und wie man sich Kendrick Lamar angelt.

Direkt am Pool, in der lauschigen "Mixed Zone", die sich auf dem Gelände eines öffentlichen Schwimmbades befindet, gibt uns Claes Olsen, ein gut gelaunter Mittvierziger, das Interview. Sein Festival, das Øya, existiert seit 1999; seit einigen Jahren ist es im idyllisch-hügeligen Tøyenpark im Nordosten Oslos beheimatet.

Neben der perfekten Organisation beeindruckt der Stilmix, den es so wohl nur noch beim traditionsreichen Roskilde in Dänemark gibt. Das 2018er Line-Up des jährlich Anfang August stattfindenden Øya Festivals ist imposant: Kendrick Lamar, Arctic Monkeys, Lykke Li und Arcade Fire zählten diesmal zu den Headlinern. Das eklektische Programm zwischen Rock, Soul, Metal, Electro, HipHop und Singer/Songwriter-Klängen, komplettierten Veteranen wie Trail of Dead, Patti Smith und Tangerine Dream.

"All die talentierten jungen norwegischen Bands bekamen keine Chance"

Backstage PRO: Claes Olsen, ein Klischee über Norwegen hat sich bewahrheitet: das Bier ist mit neun Euro ganz schön teuer.

Claes Olsen: Wenn man das norwegische Durchschnittsgehalt zugrunde legt, ist das gar nicht so viel. Aber für Ausländer fühlt es sich sicher so an. Das liegt an den Steuern. Für Zigaretten sind sie besonders hoch – deswegen rauchen hier kaum noch junge Leute.

Backstage PRO: Reden wir über das Festival. Wie nahm das Øya seinen Anfang?

Claes Olsen: Mit ein paar Freunden organisierte ich in den Neunzigern Gigs in kleinen Venues mit Kapazitäten von 200-300 Zuschauern. Wir beobachteten damals, dass all diese talentierten jungen norwegischen Bands keine Chance bekamen, auf großen Festivals zu spielen. Also machten wir 1999 unser eigenes. Wir fingen mit 1200 Zuschauern an, die alle auf eine Insel im Oslo-Fjord kamen. Naja, eigentlich waren es knapp unter 1000, aber wir sagten der Presse, es wären 1200, weil es besser klang. (lacht)

Backstage PRO: Daher auch der Name: Øya, die Insel. Aber dort blieben Sie nicht lange.

Claes Olsen: Wir waren zwei Jahre lang dort, aber dann wollten wir es in der Stadt machen, um die Clubs stärker mit einzubinden. Im zweiten Jahr hatten wir schon Asian Dub Foundation. Der Anfang ist für jedes neue Festival schwer. Aber im vierten Jahr haben wir kein Geld mehr verloren und konnten uns selbst ein Gehalt auszahlen. Wir sind mit jedem Jahr weiter gewachsen. Aber die norwegischen Acts bilden noch immer den Kern des Festivals.

"Wir wollen ein Festival machen, das wir selbst gerne besuchen würden"

Backstage PRO: Ein besonderer Aspekt des Festivals ist sicherlich das Recycling. Sie haben schon Preise für Ihre vorbildliche Entsorgungspolitik bekommen. 75% der Abfälle werden recycelt, der Rest für ein Heizkraftwerk verwendet. Was zeichnet das Øya Festival noch aus?

Claes Olsen: Wir wollen ein Festival machen, das wir selbst gerne besuchen würden. Deshalb war uns auch das Essen wichtig. Statt schlechte Pizza und Burger wollen wir die besten lokalen Restaurants dabei haben.

Backstage PRO: Gutes Essen auf Festivals war lange nicht selbstverständlich.

Claes Olsen: Überhaupt nicht. Ich erinnere mich, dass ich noch vor zehn Jahren dafür von anderen Veranstaltern in einem Panel ausgelacht wurde. Das waren Typen von deutschen Metal-Festivals, die meinten: "Unser Publikum interessiert sich nicht für solche Sachen." Wir waren aber schon damals davon überzeugt. Wir wollten das perfekte Festival machen. Dazu gehört auch, dass man Schlangen vor den Toiletten vermeidet.

Backstage PRO: Und die Musik?

Claes Olsen: Das Wichtigste bleibt natürlich die Musik. Die Headliner bedeuten natürlich Aufwand, aber viel aufwändiger ist das Booking all der vielen kleinen Acts. Wir reisen extrem viel und hören unablässig neue Musik. Wir haben viele äußerst experimentelle Sachen, und es ist immer wieder beeindruckend, dass sich tausende von Menschen so etwas anschauen. Wir wollen auf keine Trends aufspringen, wir möchten Trends setzen. Aber letztlich ist das egal. Was zählt, ist die Qualität. Hier spielt eine polnische Black-Metal-Band zeitgleich mit Kendrick Lamar – wo findet man das sonst?

"Warum über fehlende weibliche Impulse lamentieren? Was wir brauchen, sind Vorbilder."

Backstage PRO: Auffällig beim Line-Up dieses Jahr: mit Lykke Li, St. Vincent, Fever Ray, Charlotte Gainsbourg, Patti Smith und Neneh Cherry haben sie einige der wichtigsten weiblichen Acts überhaupt, vereint auf einem einzigen Festival.

Claes Olsen: Diversität ist uns wichtig, auch wenn wir niemanden wegen seines Geschlechts buchen. Wir denken ständig über das Thema nach, auch, wie wir Frauen auf unserem Poster abbilden. Wenn wir da jemanden etwas größer und weiter oben aufführen, kann das nur hilfreich sein, um mehr Frauen in die Musikwelt zu bringen. Es hilft nichts, über fehlende weibliche Impulse zu lamentieren, was wir brauchen, sind Vorbilder.

Wir haben eine Statistik: 48,9 Prozent unseres Line-Ups dieses Jahr haben eine Frau in einer zentralen Rolle. Bei den norwegischen Acts sind es sogar deutlich über 50 Prozent. Aber wir arbeiten ohne Quote. So etwas muss sich ganz natürlich entwickeln. Nicht, dass wir bald eine Quote für Männer brauchen. (lacht)

Backstage PRO: Am ersten Festivaltag machte die Nachricht die Runde, dass das Festival an eine amerikanische Firma verkauft worden sei.

Claes Olsen: Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben gemerkt, dass viele Festivals sich verkaufen, weil sie Angst vor großen Firmen wie Live Nation haben. Wir dachten uns, dass wir energisch vorangehen wollen. Deshalb investieren wir in einen US-Fonds namens Superstruct Entertainment, an dem auch Festivals wie das ungarische Sziget Anteile halten. Immer mehr Festivals kommen dazu, sogar welche aus Australien. So sind wir finanziell unabhängiger und trage nicht allein die Risiken, die aufgrund verregneter Festivaltage entstehen.

Backstage PRO: Wie suchen Sie Künstler aus?

Claes Olsen: Wir sind ein Team von zehn Leuten, die sich gegenseitig mit neuer Musik füttern und alle Bookings diskutieren. Wir versuchen, nicht zu viele Kompromisse zu machen. Wir haben immer eine "Dream List". Einige Künstler sind viele Jahren auf dieser Liste, bevor wir sie endlich bekommen. Aber letztlich kommt es auf Tour-Periode, das Budget und die verfügbaren Slots an.

"Die Verhandlungen mit Agenten sind brutaler als früher"

Backstage PRO: Die Verhandlungen mit Künstler-Agenten sind sicher härter geworden, oder?

Claes Olsen: Der Markt ist definitiv wettbewerbsorientierter, da die Künstler viel mehr Optionen haben. Auf der ganzen Welt gibt es ständig neue Festivals, deshalb ist es wichtig, aufzufallen. Im Allgemeinen gibt es heute weniger der Agenten der alten Schule. Es geht brutaler zu als früher. In vielerlei Hinsicht es ist deutlich erfüllender, mit kleineren Künstlern zu arbeiten.

Backstage PRO: Aber wie bekommt man jemanden wie Kendrick Lamar?

Claes Olsen: Kendrick hat uns Live Nation vermittelt. Von FKP Scorpio kamen dagegen die Arctic Monkeys. Wir haben uns entschieden, mit beiden zusammen zu arbeiten. Norwegen ist nicht ganz so wettbewerbsorientiert wie Deutschland, da wäre so etwas nicht möglich. Wir versuchen, neutral zu bleiben.

Backstage PRO: Wie platzieren Sie Künstler im Zeitplan? Sie hatten dieses Jahr ein so prominentes Line-Up, dass selbst prominente Acts wie Trail of Dead oder Neneh Cherry recht früh am Nachmittag spielten

Claes Olsen: Wir wollen jeden Festival-Tag in seiner Gänze interessant machen, also versuchen wir, auch größere Acts früh spielen zu lassen. Oft haben wir kleinere Acts zwischen größeren, damit sie für mehr Leute spielen können. Einigen Künstlern geben wir gar keine andere Option. Manche lehnen dann ab, aber oft funktioniert das. Ein paar Agenten verhalten sich sehr amerikanisch und haben exakte Vorstellungen davon, wo und wann ihre Künstler auftreten sollen, und wer davor oder danach spielen soll. Aber: wenn du früh spielst, hast du meist weniger Konkurrenz auf den anderen Bühnen, obendrein ist es besser für ruhigere Musik.

"Die Künstler sollen sich wohlfühlen – drei Swimming Pools backstage sind ein guter Anfang."

Backstage PRO: Wie kümmern Sie sich um die Künstler, sobald sie da sind?

Claes Olsen: Nun, wir sind hoch oben im Norden, deshalb müssen wir uns extra anstrengen, wenn Künstler sich die Mühe machen sollen, hierher zu reisen. Ein guter Ruf ist entscheidend.

Die Künstler sollen sich natürlich wohlfühlen, drei Swimming Pools backstage sind da ein guter Anfang. Wir versuchen auch, sie auf unser Umweltprogramm aufmerksam zu machen. Wir nehmen viele der internationalen Acts auf Fjordfahrten mit und arbeiten eng mit dem Edvard Munch Museum nebenan zusammen. Für Patti Smith haben sie das Museum extra früher geöffnet, damit sie das Original von "Der Schrei" sehen konnte.

Backstage PRO: Ein Festival mitten in der Stadt zu veranstalten, ist eine Herausforderung. Gab es nicht viele Beschwerden von Nachbarn?

Claes Olsen: Im ersten Jahr hier im Park gab es noch deutlich mehr Beschwerden. Wir arbeiten eng mit den Nachbarn zusammen und unterstützen Wohltätigkeitsprojekte im Stadtviertel. Wir geben auch Geld aus, um Soundleaks zu vermeiden.

Backstage PRO: Wollen sie noch wachsen?

Claes Olsen: Es gäbe noch Platz für mehr Zuschauer, aber wir wollen, dass die Leute Spaß haben und nicht dicht an dicht stehen. Ich denke, wir werden noch einige Jahre hier bleiben.

Backstage PRO: Letzte Frage: gibt es gute Geschichten von Künstlern, die am Pool herumalbern?

Claes Olsen: Ich habe schon viele tolle Salti ins Wasser gesehen. Schön war es auch, wie sich Florence von Florence and the Machine in dem Kleid, das sie auf der Bühne getragen hatte, vom Sprungturm warf und dabei "Freedom" schrie.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Interview!

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