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"Frauen müssen ihre Zweifel und Ängste beiseite packen"

Delta Frauen-Initiatorin Zora Brändle über weibliche Perspektiven in der Musik- und Kreativwirtschaft

Interview von Nina Vogel
veröffentlicht am 14.11.2017

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Delta Frauen-Initiatorin Zora Brändle über weibliche Perspektiven in der Musik- und Kreativwirtschaft

Delta Frauen-Initiatorin Zora Brändle sprach mit uns über weibliche Perspektiven in der Musik- und Kreativwirtschaft. © Nina Vogel

Zora Brändle ist eine der beiden Mitbegründerinnen der Initiative "Delta Frauen", einem Stammtisch für Frauen in der Kulturwirtschaft in der Rhein-Neckar-Region. Hier erzählt sie, weshalb sie die Initiative gegründet hat und warum diese so wichtig ist.

Zora Brändle hat Musikbusiness an der Popakademie studiert. Ihre Bachelorarbeit befasste sich bereits mit einem ähnlichen Thema, nämlich der "Genderaufteilung im Live-Sektor der Schweiz". Seit 2013 arbeitet sie für das Maifeld Derby Festival, 2015 stieg sie als Projekt- und Produktionsmanagerin bei Karakter-Live ein. Auch für das Zürich Open Air hat sie bereits gearbeitet.

"Sichtbar-Machen zeigt Vorbilder auf und ermutigt junge Frauen"

Backstage PRO: Zora, zusammen mit Jaqueline Mellein hast du die Initiative "Delta Frauen: Stammtisch Frauen in der Kulturwirtschaft Rhein-Neckar" gegründet. Was genau war eure Motivation?

Zora Brändle: Wir haben uns beide lange mit dem Thema beschäftigt. Jaqueline ist Programm-Verantwortliche für dasHaus in Ludwigshafen. Dort ist ihr aufgefallen, dass es kaum Gruppen mit weiblicher Besetzung gibt. Auch mir ist das bei den Konzerten in der Region, die wir veranstalten, häufig aufgefallen. Der Frauen-Anteil ist da sehr gering.

Aber auch hinter der Bühne sieht es nicht anders aus: Wenn ich mir die Kollegen anschaue, dann sieht man häufig Frauen in Assistenzpositionen, auf der Führungsebene sieht es aber mau aus. Aus der Schweiz und aus Schweden kenne ich bereits ein paar Initiativen, teilweise formlose Gruppierungen in denen man sich einfach austauscht, aber auch Mentoring-Programme für Frauen in der Musikwirtschaft und für Berufs- und Quereinsteigerinnen. Da geht es um die Förderung der Neueinsteiger, aber auch viel darum, weibliche Vorbilder zu zeigen.

Backstage PRO: Worin liegen deiner Meinung nach die Ursachen für den geringen Frauen-Anteil?

Zora Brändle: Wir haben gemerkt, dass das Problem nicht ist, dass es keine Frauen gibt, sondern dass sie nicht sichtbar sind. Wir haben mit einer Facebookgruppe angefangen in der anfangs 20 Leute waren, wenig später waren es bereits 150. Das ist genau unser Kerngedanke: Wir wollen ein Netzwerk schaffen, in dem wir Frauen sichtbar machen und weiterhin zum Austausch und Diskurs in der Gruppe anregen. Genau dieses Sichtbar-Machen zeigt Vorbilder auf und ermutigt junge Frauen den Schritt in die Branche zu wagen. Außerdem erlaubt es uns gewisse Synergien zu nutzen, das ist auch spannend zu beobachten. Bisher ist das Ganze noch eher formlos und locker, aber das ist unser erster Schritt.

"Es wird einem über den Kopf hinweg geredet"

Backstage PRO: Viele valide Zahlen findet man dazu nicht, der VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmen) beruft sich aber mit seinem Music Industry Women-Netzwerk auf die Zahlen des Monitoringberichts des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie von 2013. Hier heißt es, der Frauenanteil liege bei 42,9%. In den Führungsebenen sieht es aber wieder ganz anders aus. 5,5% der Unternehmen haben gemischte Teams an der Spitze, nur 7,4% werden von Frauen geführt. Ein aktueller Bericht des deutschen Kulturrats zeichnet ein ähnliches Bild. Du selbst hast bereits erwähnt, dass Frauen eher in den Assistenzpositionen zu sehen sind. Welche Beobachtungen und Erfahrungen konntest du selbst machen?

Zora Brändle: Ich selbst habe noch nicht die klassische Erfahrung gemacht, dass ich wie Luft behandelt wurde oder abschätzend von oben herab. Generell fällt aber doch auf, gerade wenn man als einzige Frau in einer Runde Männer steht, dass einem über den Kopf hinweg geredet wird. Von Kolleginnen habe ich schon öfters gewisse Vorurteile bestätigt gesehen. Da ist die Tourmanagerin, die extra betonen muss, dass sie die Chefin ist und nicht die Assistentin, oder die Assistentin der technischen Leitung, die immer wieder gefragt wird, ob sie die Auszubildende sei. Generell – in dieser Branche wie in anderen Männerdomänen auch – müssen sich Frauen immer einmal mehr beweisen als ihre Kollegen. 

Backstage PRO: Gerade ist der Begriff "Männerdomäne" gefallen. Ist das in dieser Branche tatsächlich noch der Fall oder tut sich was?

Zora Brändle: Es tut sich was, das hat man die letzten Jahre immer wieder gesehen. Allein schon, dass es in den Medien und auf Konferenzen immer wieder Thema ist, dementsprechend darauf aufmerksam gemacht und dafür sensibilisiert wird. Trotzdem ist es ein langwieriger Prozess, genau so wie in anderen Branchen auch. Es handelt sich hierbei ja schließlich um ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Aber gerade in einer Branche, die als so locker und weltoffen gilt, ist es schon erstaunlich. Wahrscheinlich gerade deshalb, weil es keine klassischen Strukturen gibt, gestalten sich gewisse Dinge schwierig für Frauen. Wo es in klassischen Unternehmen zum Beispiel häufig Kindertagesbetreuung gibt, findet man vergleichbares in dieser Branche noch nicht. Das ist natürlich auch oft ein Grund für Frauen, ihre Karriere auf Eis zu legen, weil es ihnen bei den Rahmenbedingungen einfach noch sehr schwer gemacht wird. Andererseits denke ich, dass Männer einfach präsenter sind, weil sie weniger Selbstzweifel haben und auch weniger Skrupel, sich in den Vordergrund zu stellen.

"Viele Frauen verkaufen sich unter Wert"

Backstage PRO: Wobei wir wieder beim Thema Sichtbarkeit sind. Selbstzweifel und Skrupel sich in den Mittelpunkt zu begeben. Was sind noch Gründe für die fehlende Sichtbarkeit?

Zora Brändle: Viele Frauen verkaufen sich oftmals unter Wert, weil sie denken, dass sie gewisse Qualifikationen nicht haben. Ich denke diese Art von Gedankengang ist bei Männern seltener der Fall. Das "nicht im Mittelpunkt stehen wollen" ist aber der Hauptgrund, vermute ich. Zwar ist es oft tatsächlich so, dass Frauen viel extremer auf dem Prüfstand stehen als Männer, und oft zunächst nur aufgrund von Äußerlichkeiten beurteilt werden, aber das ist auch eine Frage des Selbstbewusstseins. Wo Männer vielleicht sagen, dass sei ihnen egal, müssen wir uns erst noch ein dickeres Fell zulegen und diese Zweifel und Ängste mal beiseite packen. Letztendlich geht es ja schließlich um die richtigen Qualifikationen und wenn man die hat, dann sollte man das auch zeigen. Und die richtigen Qualifikationen haben viele Frauen – daran sollte es also nicht liegen.

Backstage PRO: Was hältst du vom Begriff Feminismus? Dieser hat in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt, weg vom angestaubten Image hin zu einer fast schon popkulturellen Bewegung. Was ist dein Standpunkt dazu?

Zora Brändle: Vor zwei Jahren hätte ich das noch stark von mir gewiesen, denn ich hatte immer zu kämpfen mit diesem Begriff. Mittlerweile heißt Feminismus für mich aber nicht mehr nur "Gleichberechtigung der Frau" im Sinne von: Frauen sollen alles genau machen dürfen wie Männer; sondern es bedeutet eben Gleichberechtigung im Sinne von Chancengleichheit. Da geht es nicht darum, dass auf Teufel komm raus eine Frauenquote eingeführt werden müsse, sondern darum, dass Frauen und Männern – und allen anderen auf der ganzen Genderbandbreite – die gleichen Chancen gegeben werden, es also um die Qualifikation geht, nicht um das Geschlecht. Genau darum geht es uns auch. Also ja, wir sind eine feministische Initiative.

Backstage PRO: Wie sehen die Reaktionen auf diesen Standpunkt aus?

Zora Brändle: Das geht von einem Extrem bis ins Andere. Gerade Frauen weisen das häufig erstmal von sich und wollen nichts mit Feminismus zu tun haben, da das Wort eben doch recht negative assoziiert wird. Bei unseren Treffen merkt man aber, dass gerade diese Frauen beim Zuhören und Erzählen merken, dass Sexismus immer noch stark präsent ist und auch sie selbst schon davon betroffen waren.

Das ist auch bei vielen Männern so, die denken, dass es gar keinen Feminismus mehr bräuchte, denn es habe doch heutzutage jeder bereits die selben Chancen. Das stimmt in gewisser Weise auch, aber einer Frau werden immer noch ganz andere Steine in den Weg gelegt: von geringerer Bezahlung bis hin zum Alltagssexismus. Manche Männer merken irgendwann, dass es bei gewissen anderen Dingen bei der Gleichberechtigung ebenfalls noch nicht allzu weit ist. Da wäre das Stichwort Elternzeit. Ein Thema, das jeden angeht – nicht nur die Frauen. 

Backstage PRO: Was hältst du von der Darstellung von Feminismus in den Medien? Immer mehr berühmte Persönlichkeiten springen auf den Zug auf, von Emma Watson bis Amanda Palmer. Nimmst du das als positive Entwicklung wahr oder denkst du, dass es eine gewisse Verzerrung in den sozialen Medien gibt?

Zora Brändle: Grundsätzlich ist es immer gut, wenn ein Thema ins Gespräch kommt. Oft gibt es Standpunkte im Fernsehen, im Netz oder den sozialen Medien, die ich so nicht unterschreiben würde und viele andere wahrscheinlich auch nicht. Generell sorgt aber alles zusammen dafür, dass ein Thema zum Diskurs wird. Wenn das wiederum bewirkt, dass sich die Leute mit dem Thema befassen und auseinandersetzen, dann ist dies für mich etwas Positives.

Dass ein Thema im Gespräch bleibt ist letztendlich entscheidend. Wir haben noch einen langen Weg vor uns und wenn die öffentliche Debatte darüber einschlafen würde, dann wäre das letztlich ein Rückschritt. 

Backstage PRO: Hat die Initiative in irgendeiner Art und Weise Einfluss auf deine alltägliche Arbeit?

Zora Brändle: Es ist teilweise Thema im Büro. Was die Musikauswahl angeht hat es aber letztlich wenig Relevanz. Klar ist ein hoher Frauenanteil im Programm toll, aber es zählt die Qualität der Musik, die muss Vorrang haben. Ein mittelmäßiges Programm zu Gunsten einer komplett weiblichen Besetzung darf nicht das Ziel sein, es muss immer ein qualitativ hochwertiges Programm bleiben. Wenn man dabei weibliche Acts hervorheben und fördern kann, dann ist das toll um Vorbilder zu schaffen und zu zeigen, dass es sie eben doch gibt, die Frauen jenseits des offenkundigen Frauenmangels in der Branche.

"Die Bewegung darf nicht einschlafen"

Backstage PRO: Wie geht es bei euch zukünftig weiter?

Zora Brändle: Wir konnten schon konkrete kleine Fortschritte beobachten, ob das nun Synergien sind, die genutzt werden oder der konstante Austausch über Themen wie Gehaltsverhandlungen oder das Aufzeigen von Vorbildern. Auch die allgemeine Sensibilisierung für das Thema schreitet voran. Genau deswegen werden wir auch weitermachen, das Thema weiter in den Fokus rücken. Für uns interessant wären noch Mentoringprojekte, vielleicht Vorträge auf Konferenzen – das ist alles noch recht offen. Wichtig ist, dass es nicht zum Stillstand kommt, die Bewegung darf nicht einschlafen. Aber so wie es gerade aussieht wird sie das wohl sehr lange nicht tun.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Interview!

Am 29. November 2017 feiern die Delta-Frauen ihr einjähriges Bestehen. Im Alten Volksbad in Mannheim-Neckarstadt wird es eine Sitzung geben. Interessierte können sich dort ein Bild von der Initiative machen. Wer Kontakt aufnehmen will, kann dies über hello@delta-frauen.de machen.

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