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"Solange es funktioniert, kann ich nicht nach Subventionen rufen"

Claus Berninger vom Colos-Saal Aschaffenburg über den BACKSTAGE Clubaward als "Club des Jahres 2019"

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 12.04.2019

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Claus Berninger vom Colos-Saal Aschaffenburg über den BACKSTAGE Clubaward als "Club des Jahres 2019"

Für den Colos-Saal nahmen den BACKSTAGE Clubaward in Frankfurt entgegen: Rolf Münnich, Claus Berninger, Jutta Schaadt-Berninger und Hermann Rack. © Torsten Reitz

Die Musiker haben gewählt: Der Colos-Saal in Aschaffenburg ist ihr "Club des Jahres 2019". Wir haben anlässlich der Verleihung des BACKSTAGE Clubawards im Nachtleben Frankfurt mit Inhaber Claus Berninger über sein Erfolgsmodell gesprochen.

Backstage PRO: Herzlichen Glückwunsch zum BACKSTAGE Clubaward in der Kategorie "Club des Jahres 2019". Was bedeutet der Award für euch?

Claus Berninger: Er bedeutet uns viel, weil es ausschließlich Profis waren, die uns auf das Podest gehoben haben. Das freut uns sehr, denn wir bemühen uns um die Musikerinnen und Musiker, weil uns bewusst ist, dass wir von den Musikern leben. Umgekehrt hoffen wir auch, dass die Musiker verstehen, dass sie auch von uns leben. Die Auszeichnung mit dem BACKSTAGE Clubaward zeigt, dass unser Ansatz auch wirklich funktioniert.

Backstage PRO: Wie bemüht ihr euch um die Musiker?

Claus Berninger: Wir begrüßen jede Band, die nach einer langen Fahrt ankommt, auf herzliche Art und Weise. Die Bands bekommen Kaffee, Catering, aber wir bieten ihnen auch eine Führung an. Wir erkundigen uns, wer für was zuständig ist, damit wir gleich die Absprachen treffen können - und das möglichst in einer schönen, warmen, familiären Atmosphäre. Das klappt auch meistens. Wenn allerdings Muffel vor uns stehen, schalten wir auch irgendwann ab.

Backstage PRO: Wie groß ist der Colos-Saal?

Claus Berninger: Der Colos-Saal ist sehr schnuckelig. Niemand glaubt uns, wie viele Zuschauer rein passen, nämlich etwas mehr als 500, denn er sieht einfach nicht so aus. Auch mit 200 Besuchern wirkt es so, als wäre der Laden gerammelt voll.

Backstage PRO: Wie groß ist euer Team?

Claus Berninger: Wir haben exakt 16 Festangestellte und 17 Aushilfen. Letztere arbeiten überwiegend im Thekenbereich. Dazu gibt es einen Pool von fünf Technikern, die regelmäßig bei uns arbeiten – entweder auf Rechnung oder als Aushilfe.

Backstage PRO: Wie lange gibt es den Colos-Saal schon?

Claus Berninger: Insgesamt bin ich seit 1984, also seit 35 Jahren, im Clubgeschäft, zunächst hatte ich acht Jahre einen Club namens Klimperkasten und dann seitdem den Colos-Saal.

Backstage PRO: Wir wissen, dass der Colos-Saal eine Location ist, die auch Newcomern eine Bühne bietet. Wie wichtig ist euch die Förderung von Newcomern?

Claus Berninger: Es war uns immer sehr wichtig, dass die lokale Szene und auch die regionale Nachwuchsszene eine Bühne bei uns erhält. Wir haben aber irgendwann bemerkt, dass sich mittlerweile auch andere Spielstätten in Aschaffenburg gegründet haben und sich für den Nachwuchs einsetzen. Dann haben wir gesagt: Wir machen trotzdem noch Konzerte von Nachwuchsbands, legen aber die Latte in Hinblick auf Qualität ein bisschen höher, um einen Ansporn für die Bands zu schaffen, auf der Bühne einen professionellen Eindruck zu hinterlassen. Schließlich stehen sie zwischen lauter Profis im Programm.

Backstage PRO: Wie erfolgreich seid ihr damit?

Claus Berninger: Das hat wunderbar funktioniert, weil es die lokale Szene motiviert hat. Ich war früher selbst Nachwuchsmusiker, daher hatte ich damals schon das Herz für Nachwuchskünstler – und das haben wir bis heute. Zwei unserer jüngeren Teammitglieder, beide so um die 30 haben die Aufgabe, die lokale Szene gut zu beobachten. Sie sollen auch ausschwärmen und auch mal Bands anzusprechen, die sich gar nicht trauen, sich bei uns im Colos-Saal zu melden, weil dort teilweise ihre Vorbilder spielen. Das ist auch so ein Effekt, den man bedenken muss, wenn man lange im Geschäft ist.

Backstage PRO: Der Colos-Saal soll also lokalen und regionalen Band gewissermaßen als Sprungbrett dienen?

Claus Berninger: Gerade die regionalen Bands haben außerhalb kaum Chancen, die müssen ab einem gewissen Punkt, ab einer gewissen Professionalität bei uns spielen. Und da wir die qualitativen Anforderungen etwas erhöht haben, strengen die Bands sich an, verbessern ihre Leistung und ihre Performance. Ich habe auch schon häufig Nachwuchsbands eingeladen, wenn sie mir Aufnahmen geschickt haben, die mir noch nicht so gefallen haben. Dann habe ich ihnen Tipps gegeben und gesagt: „Wenn ihr so weitermacht, könnte es in einem halben Jahr funktionieren.“ Diese Art von Beratung mache ich sehr gerne.

Backstage PRO: Das klingt nach einem pädagogischen Ansatz.

Claus Berninger: Ich bin ausgebildeter Sozialarbeiter mit dem Schwerpunkt Jugend und engagiere mich noch immer ehrenamtlich in der Jugendarbeit, also es passt schon alles.

Backstage PRO: Nimmst du dir die Zeit, Demos oder Aufnahmen von Bands anzuhören?

Claus Berninger: Inzwischen nicht mehr. Um Demos von außerhalb kümmert sich meine junge Abteilung, die mit dem Ohr am Puls der Zeit ist. Früher, als ich alle Acts noch alleine gebucht habe, war das aber in der Tat so.

Backstage PRO: Erhaltet ihr Förderung von der Stadt Aschaffenburg oder gibt es irgendeine Form von Zusammenarbeit? Für die Stadt ist der Colos-Saal ja eine ganz wichtige Institution.

Claus Berninger: Ehrlich gesagt habe ich es bis jetzt geschafft, Förderung von der Stadt abzulehnen. Im Moment hätte das auch einen schalen Beigeschmack, weil ich mittlerweile im Stadtrat von Aschaffenburg sitze. Als Stadtrat werde ich natürlich keine Förderung beantragen.

Backstage PRO: Für welche Partei sitzt du im Stadtrat?

Claus Berninger: Ich bin natürlich Grüner aus Überzeugung.

Backstage PRO: Wir kennen Clubbetreiber, die ebenfalls dieser Partei angehören. Mit Augenzwinkern gefragt: Gibt es da ein Muster? Erst in die Grünen eintreten, dann Club eröffnen?

Claus Berninger: Bei mir war es anders herum. Der Colos-Saal ist ein wirtschaftlich aufgestelltes Unternehmen. Wir sind in der Subkultur tätig, aber wir machen das von Anfang an kommerziell als GmbH. Solange es bei uns funktioniert und solange ich niemanden in Hinblick auf den Lohn ausbeute, kann ich nicht nach Subventionen rufen. Damit hätte ich auch ein politisches Problem.

Backstage PRO: Der BACKSTAGE Clubaward existiert, um zu zeigen, dass wir die Live-Szene unterstützen. Wir alle wissen, dass es nicht leicht ist als Club zu überleben. Wie lautet euer Geheimnis, dass es funktioniert?

Claus Berninger: Das Geheimnis ist die Metropolregion. Stellt euch vor: Hamburg hat etwa 5 Millionen Einwohner, wenn man das Umland einbezieht. In Köln, Berlin und München ist das nicht anders. Die gleiche Zahl an Menschen lebt aber auch im Rhein-Main-Gebiet, zu der Aschaffenburg gehört. Die Leute kommen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet zu uns, aber auch aus Franken und mittlerweile ganz stark aus Thüringen.

Backstage PRO: Aschaffenburg liegt ja in Bayern, ist aber eigentlich historisch kein Teil Bayerns.

Claus Berninger: Wir sind nur 8 Kilometer von der hessischen Grenze entfernt. Aschaffenburg war historisch gesehen Teil von Kurmainz. Die Mainzer reden ähnlich komisch wie die Frankfurter und diese hessische Farbgebung hört man hier bei uns.

Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Claus Berninger: Vielen Dank auch an euch, alle Mitwirkenden und Sponsoren und insbesondere an alle Musiker, die für uns gestimmt haben!

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Locations

Colos-Saal

Colos-Saal

Roßmarkt 19, 63739 Aschaffenburg

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