Deutliche Ungleichheiten zwischen Klassik und Pop
Festivalstudie 2025: Musikvielfalt zwischen Leidenschaft und ökonomischem Druck
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© Daniel Nagel
Die Festivalstudie 2025 ist ein gemeinsames Projekt der Initiative Musik, der Bundesstiftung Livekultur und des Deutschen Musikinformationszentrums (miz) und wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach erstellt. Sie soll die Strukturen, Herausforderungen und Perspektiven der deutschen Musikfestivals beleuchten.
Verteilung und Formate
Als Festival im Sinne der Studie galten wiederkehrende, professionell organisierte Festivals, die maximal drei Monate dauern und über ein kuratiertes Programm verfügen, dessen Schwerpunkt auf musikalischen Darbietungen liegt. Ausgeschlossen waren Wettbewerbe, Firmen- oder Jubiläumsveranstaltungen.
Insgesamt erfüllten 1764 Festivals in Deutschland diese Bedingungen, von denen 638 an der Festivalstudie teilnahmen. Von diesen finden fast zwei Drittel in Städten statt, gut ein Drittel im ländlichen Raum, nur wenige wechseln zwischen mehreren Orten.
Die Szene wird stark von kleineren Formaten geprägt: Knapp drei Viertel der Veranstaltungen zählen weniger als fünftausend Besucherinnen und Besucher. Nur jedes zehnte Festival überschreitet die Marke von 15.000 Gästen, und lediglich ein Prozent zieht mehr als 100.000 Besucher an.
Rund 84 Prozent der Festivals sind kostenpflichtig, 16 Prozent hingegen frei zugänglich. Trotz Eintrittsgeldern versteht sich eine deutliche Mehrheit von 77 Prozent als Non-Profit-Veranstaltung; nur 18 Prozent sind kommerziell ausgerichtet – eine erstaunlich niedrige Zahl.
Vielfalt der Musik und künstlerisches Profil
Etwas mehr als die Hälfte der Festivals bezeichnet sich als reines Musikfestival, während 42 Prozent auch andere Sparten wie Literatur, Schauspiel, Tanz oder Videokunst integrieren.
Musikalisch dominiert elektronische Musik, die in 42 Prozent der Festival-Line-ups vertreten ist, dicht gefolgt von Rock (40 Prozent), Pop (39 Prozent), Singer-Songwriter (35 Prozent) und Indie (33 Prozent). Jazz und improvisierte Musik spielen bei 32 Prozent eine Rolle, Punk bei 29 Prozent und Hip-Hop/Rap bei 26 Prozent. Musik der Klassik und Romantik erklingt auf etwa jedem fünften Festival.
Wirtschaftliche Lage: knappe Spielräume
Im Durchschnitt erzielen Festivals Einnahmen von rund 313.000 Euro, während die Ausgaben bei 296.000 Euro liegen. Doch diese rechnerische Differenz täuscht: Nur 15 Prozent der Festivals machen tatsächlich Gewinn, durchschnittlich etwa 20.000 Euro. Rund 30 Prozent schreiben dagegen Verluste – im Schnitt 36.000 Euro. Besonders Klassikfestivals erreichen fast nie ein positives Ergebnis, während kommerzielle Festivals zwar häufiger Gewinne erzielen, aber ebenfalls überdurchschnittlich oft Verluste verzeichnen.
Hauptkostentreiber sind die Künstlerhonorare, die durchschnittlich 38 Prozent der Gesamtausgaben ausmachen. In der Klassik liegt dieser Anteil mit 48 Prozent deutlich höher, bei Popularmusik bei 34 Prozent. Technik und Infrastruktur schlagen mit 23 Prozent zu Buche, Marketing und Werbung mit neun Prozent, Catering-Einkäufe mit acht Prozent. Festangestelltes und freies Personal nehmen jeweils rund sechs Prozent in Anspruch
Einnahmequellen: Tickets und Zuschüsse
Tickets bilden im Durchschnitt mit 36 Prozent die wichtigste Einnahmequelle. Bei kostenpflichtigen Festivals steigt dieser Anteil auf 43 Prozent. An zweiter Stelle stehen öffentliche Zuschüsse mit 26 Prozent, gefolgt von Erlösen aus Speisen- und Getränkeverkauf (16 Prozent).
Die Struktur unterscheidet sich stark in Abhängigkeit vom Genre. Popularmusikfestivals finanzieren sich überwiegend über Tickets (39 Prozent) und Gastronomieerlöse (21 Prozent), ergänzt durch öffentliche Förderung (20 Prozent). Klassikfestivals hingegen hängen stark von öffentlichen Zuschüssen ab, die 40 Prozent der Einnahmen ausmachen. Der Ticketanteil liegt bei 30 Prozent, hinzu kommen Fördergelder von Stiftungen oder Mäzenen.

© Initiative Musik, Bundesstiftung Livekultur, Deutsches Musikinformationszentrum
Förderung: Chancen und Unterschiede
Fördermittel sind für viele Festivals entscheidend. Im Schnitt stammen 26 Prozent der Einnahmen aus öffentlichen Zuschüssen. Wer Förderungen beantragt, hat meist Erfolg: 84 Prozent erhalten mindestens eine Zusage. Besonders hoch sind die Chancen bei kommunalen (85 Prozent) und Landesmitteln (79 Prozent), während Bundesmittel mit 46 Prozent deutlich schwerer zu bekommen sind. Rund 18 Prozent der Veranstalterinnen und Veranstalter stellen jedoch gar keine Anträge.
Allerdings profitieren Klassikfestivals weit stärker von staatlichen Geldern. Nahezu alle (98 Prozent) erhalten Fördergelder, während es bei Popularmusikfestivals nur 78 Prozent sind. Innerhalb der Popularmusik bestehen ebenfalls Unterschiede: Jazz- und Indie-Festivals sind häufiger erfolgreich darin, Fördermittel zu erhalten als Rock- oder Elektroformate.
Kritik gibt es an der aufwändigen Beantragung und der Tatsache, dass Förderungen oft nur einen kleinen, zweckgebundenen Anteil des Budgets ausmachen. Zudem erwarten Länder und Kommunen gegenseitiges Engagement, was den Aufwand für kleine Festivals erhöht.

© Initiative Musik, Bundesstiftung Livekultur, Deutsches Musikinformationszentrum
Publikum, Auslastung und Trends
Die an der Studie beteiligten Festivals ziehen zusammen rund 5,8 Millionen Menschen an, hochgerechnet etwa 16 Millionen Besuche bundesweit. Der Durchschnitt liegt bei rund 9.200 Gästen pro Festival, wobei große Veranstaltungen den Wert nach oben verzerren.
Diese Verzerrungen finden sich auch in anderen Bereichen beispielsweise bei Gewinn und Verlust der Festivals: Es wäre daher sinnvoll gewesen auch den Median, also den Mittelwert, der Ergebnisse anzugeben, was die Beurteilung solcher Verzerrungen deutlich erleichtert hätte.
Die durchschnittliche Auslastung beträgt 76 Prozent. Über die Hälfte der Festivals meldet eine Auslastung von 80 Prozent oder mehr, zwölf Prozent waren sogar ausverkauft. Große Festivals ab 15.000 Besucherinnen und Besuchern erreichen mit 84 Prozent eine höhere Auslastung als kleinere Formate, die im Schnitt zwischen 69 und 77 Prozent liegen.
Drei Viertel der Festivals verzeichnen stabile oder wachsende Besucherzahlen, ein Viertel jedoch einen Rückgang. Gründe sind vor allem verändertes Freizeitverhalten und gestiegene Lebenshaltungskosten. Besonders spürbar war die Konkurrenz durch die Fußball-Europameisterschaft 2024, die zeitgleich mit der Festivalsaison stattfand.
Zukunftssicherheit und Risiken
68 Prozent der Veranstalterinnen und Veranstalter sehen ihr Festival auch in den kommenden Jahren gesichert. 22 Prozent sind unentschieden, neun Prozent zweifeln an der Fortführung.
Im Pop-Bereich sind die Sorgen größer: Nur 62 Prozent der Festivals gelten hier als gesichert, während es bei Klassikfestivals 82 Prozent sind – ein deutlicher Effekt der unterschiedlichen Förderstrukturen.
Als Hauptgründe für ein mögliches Aus nennen 72 Prozent den Wegfall von Förderungen, 57 Prozent steigende Kosten, 34 Prozent mangelndes Zuschauerinteresse und 18 Prozent Personalmangel.

© Initiative Musik, Bundesstiftung Livekultur, Deutsches Musikinformationszentrum
Ticketpreise: deutlich gestiegen
Mehr als die Hälfte aller Festivals hat ihre Ticketpreise erhöht, im Durchschnitt um 29 Prozent. Besonders stark betroffen ist die Popularmusik mit einem Anstieg von 33 Prozent in den letzten fünf Jahren. In der Klassik waren es nur 13 Prozent – auch das ein Ergebnis der unterschiedlichen Förderstrukturen.
Bei Klassikfestivals sind Einzeltickets üblich. Die günstigsten kosten im Schnitt 14 Euro, die teuersten 49 Euro, Spitzenpreise liegen bei über 300 Euro. Bei den meisten bleibt der Höchstpreis jedoch unter 60 Euro.
Popularmusikfestivals arbeiten vor allem mit Tages- und Gesamttickets. Die günstigsten Gesamttickets liegen meist zwischen 20 und 79 Euro, der Durchschnitt für die teuersten Tickets bei 92 Euro. Tagestickets kosten im Schnitt 31 Euro für die günstigsten und 47 Euro für die teuersten. Besonders Pop- und Jazzfestivals bewegen sich im oberen Segment, Indie- und Rockfestivals sind vergleichsweise günstiger.
Künstlerhonorare und Programmplanung
Die Honorare sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Durchschnittlich fließen 38 Prozent des Budgets in Gagen. Newcomerinnen und Newcomer erhalten im Schnitt 522 Euro, wobei Klassik-Acts deutlich besser vergütet sind (879 Euro) als Pop-Acts (393 Euro).
Etablierte Künstlerinnen und Künstler verdienen durchschnittlich 2.300 Euro, wobei zwischen Klassik und Pop nur wenige Unterschiede bestehen. An der Spitze stehen Headliner, die mit 7.323 Euro pro Auftritt ein Vielfaches einnehmen. Das Verhältnis zwischen Pop und Klassik kehrt sich hier um: Während Headliner im Pop-Bereich durchschnittlich 7.852 Euro einnehmen, sind es im Klassik-Bereich nur 4.676 Euro.
Nur ein Viertel der Festivals orientiert sich an offiziellen Honorarempfehlungen. 81 Prozent wünschen sich, dass Honorare stärker öffentlich gefördert werden – besonders im Klassik-, Jazz- und Popbereich.
Zugleich berücksichtigen viele Festivals heute gesellschaftliche Werte in der Programmplanung: 74 Prozent achten auf die Haltung der Künstlerinnen und Künstler und auch Diversität gewinnt an Bedeutung. Während Popularmusikfestivals stärker auf geschlechtergerechte Besetzungen und LGBTQIA+ Präsenz setzen, achten Klassikfestivals eher auf internationale Vielfalt.
Nachhaltigkeit: Anspruch und Realität
Mehr als die Hälfte der Festivals verfügt über ein Nachhaltigkeitskonzept, bei Großveranstaltungen mit Umsätzen über einer Million Euro sogar knapp 80 Prozent. Besonders verbreitet ist Nachhaltigkeitsplanung in der Popularmusik, seltener in der Klassik.
Die häufigsten Hindernisse sind fehlende Kapazitäten und Mittel. Entsprechend wünschen sich viele gezielte Förderungen für ökologische Maßnahmen. Bereits 85 Prozent der Festivals setzen einzelne Schritte um, vor allem beim Abfallmanagement und in der Gastronomie.
Große Herausforderungen bleiben die Mobilität der Besucherinnen und Besucher sowie langfristige Infrastrukturprojekte – oft scheitern diese an langwierigen Genehmigungen und den Gewohnheiten der Besucher, die beispielsweise auf eine Anreise mit dem Auto nicht verzichten wollen.
Fazit: Kultur braucht stabile Rahmenbedingungen
Die Festivalstudie 2025 macht deutlich: Festivals sind kulturell und gesellschaftlich unverzichtbar, doch wirtschaftlich verletzlich. Sie leben von Engagement, Vielfalt und Kreativität – zugleich stehen sie unter Druck durch steigende Kosten, unsichere Förderung und hohe Erwartungen des Publikums.
Besonders Pop-Formate kämpfen mit unsicheren Perspektiven, während Klassik-Festivals stärker abgesichert sind. Für die Zukunft entscheidend sind faire Honorare, planbare Zuschüsse, nachhaltige Infrastruktur und Strategien zur Publikumsbindung. Nur so kann die Vielfalt der deutschen Festivallandschaft bestehen bleiben.
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