Wunsch nach besseren Rahmenbedingungen
Im Rampenlicht und unter Druck – Mentale Gesundheit in der Musikbranche bleibt ein Dauerthema
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© Clam Lo
Vor einigen Wochen sorgte der Tod des ehemaligen One Direction-Mitglieds Liam Payne für Aufsehen. Der 31-jährige verstarb am 16. Oktober 2024 nach einem Sturz von einem Balkon im dritten Stock eines Hotels in Buenos Aires. Durch die darauf folgende toxikologische Untersuchung konnten beträchtliche Mengen an gefährlichen Substanzen in seinem Blut nachgewiesen werden.
Bereits in der Vergangenheit hatte Payne nach eigenen Angaben mit Alkohol- und Drogensucht zu kämpfen gehabt. Er selbst betonte immer wieder den Einfluss, den der große Erfolg von One Direction auf seine Psyche genommen hatte. In einer Folge des "Diary of a CEO"-Podcasts aus dem Jahr 2021 gab er an, 2016 - als damals gerade einmal 22-jähriger – sehr erleichtert über das vorläufige Aus der Boyband gewesen zu sein.
Auch abseits des tragischen Tods von Liam Payne gibt es zahlreiche Beispiele, die verdeutlichen, dass die Dynamik der Musikindustrie in der Lage ist, die mentale Gesundheit von Künstler*innen zu beeinträchtigen. Dazu zählt beispielsweise auch der Abbruch von Tourneen oder die Absage sonstiger Verpflichtungen aufgrund von mentaler und körperlicher Erschöpfung.
Wachsendes Bewusstsein
So sagten binnen weniger Tage die amerikanische Singer-Songwriterin Clairo und die britische Rockband The Last Dinner Party mehrere Konzerte ab. Der Grund in beiden Fällen: extreme Erschöpfung.
"Das Burnout, das wir erleben - emotional, mental und körperlich – ist etwas, das wir sehr ernst nehmen", erklären The Last Dinner Party, die 2024 mit ihrem Debütalbum "Prelude to Ecstasy" internationalen Erfolg feierten. Das Jahr sei unglaublich für die Band gewesen, aber auch unbestreitbar anstrengend. Sich selbst über die Belastungsgrenze hinaus zu treiben, sei für niemanden eine faire oder weise Entscheidung.
Mit neuem Bewusstsein für ihre eigenen Grenzen wolle die Band nun gemeinsam mit ihrem Team nur noch Tourneen planen, die sie auch mit vollem Potenzial umsetzen können. Nie wieder wollten sie in eine vergleichbare Situation geraten.
Individuelle Maßnahmen
Ähnlich wie Clairo und The Last Dinner Party thematisieren immer mehr Musiker*innen öffentlich ihre mentale Gesundheit, teilen ihre persönlichen Erfahrungen und ergreifen Maßnahmen zum Schutz ihres Wohlbefindens.
Musiker wie Lewis Capaldi oder Shawn Mendes haben sich in der Vergangenheit längere Auszeiten von der Öffentlichkeit genommen, um sich auf ihre mentale Gesundheit konzentrieren zu können.
Auch die US-amerikanische Künstlerin Chappell Roan thematisierte jüngst immer wieder die Auswirkungen, die ihre plötzliche Berühmtheit auf ihr Wohlbefinden hatte. Außerdem nutzte sie Instagram, um auf ihre eigenen Grenzen aufmerksam zu machen.
In den letzten 10 Jahren habe sie ununterbrochen an ihrem Projekt gearbeitet, nun sei sie jedoch an einem Punkt angelangt, an dem sie für sich einstehen müsse, um weiterhin als Künstlerin aktiv sein zu können. Besonders belastend seien nicht-einvernehmliche Interaktionen und fehlende Privatsphäre:
“Ich habe schon zu viele körperliche und soziale Interaktionen erlebt, die ohne mein Einverständnis stattgefunden haben, und ich muss das jetzt klarstellen: Frauen schulden euch nichts. Ich habe diesen Karriereweg gewählt, weil ich Musik und Kunst liebe und mein inneres Kind ehren möchte. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich Belästigungen hinnehmen muss - und ich verdiene sie auch nicht. Wenn ich auf der Bühne stehe, auftrete, mich zurechtmachen, an beruflichen Veranstaltungen teilnehme oder Pressearbeit mache… dann bin ich bei der Arbeit. Unter allen anderen Umständen bin ich das nicht. Dann bin ich in meinem privaten Raum. Ich bin nicht einverstanden mit der Vorstellung, dass ich Menschen, die ich nicht kenne, denen ich nicht vertraue oder die mir Angst machen, einen gegenseitigen Austausch von Energie, Zeit oder Aufmerksamkeit schulde - nur weil sie ihre Bewunderung ausdrücken.”
Auch Chappell Roan hat bereits einen Auftritt wegen ihres mentalen Wohlergehens abgesagt und trat 2024 nicht wie angekündigt auf dem in New York und in Washington D.C. stattfindenden "All Things Go Music Festival" auf. In ihrer Instagramstory sprach sie von überwältigenden letzten Wochen, die sich nun bemerkbar machen würden. Sie benötige nun ein paar Tage, um ihre Gesundheit zu priorisieren.
Unmittelbar zuvor hatte Roan starken Gegenwind erfahren, als sie sich in einem Interview dazu geäußert hatte, bei der US-Präsidentschaftswahl keinen Kandidaten bzw. keine Kandidatin öffentlich unterstützen zu wollen. Später stellte sie klar, dass sie Kamala Harris wählen würde, aber nicht vollkommen mit ihren Werten übereinstimme.
Zusammenspiel einiger Faktoren
Am Beispiel Chappell Roan wird deutlich, mit wie vielen Erwartungen sich Künstler*innen tagtäglich konfrontiert sehen. Ständige Bewertung, fehlende Privatsphäre und Grenzüberschreitungen gehören ebenso zu den Erfahrungen der Musiker*innen wie der Druck regelmäßig neue, qualitative Musik zu liefern.
Jüngere Entwicklungen wie Social Media verstärken den Faktor der ständigen Sichtbarkeit. Das Internet verbreitet Informationen nicht nur in wenigen Sekunden in die ganze Welt, es vergisst auch nichts.
Die wachsende Beliebtheit von Streaming-Plattformen und die dadurch geringer ausfallenden Einnahmen durch Tonträger führen zudem dazu, dass das Touren weiterhin die Haupteinnahmequelle für viele Bands und Solokünstler*innen darstellt. Musiker*innen sind mehr unterwegs, haben weniger Zeit zum Schreiben ihrer Musik und für sich. Es gibt zahlreiche Faktoren, die einen Einfluss auf das psychische Wohlergehen von Künstler*innen nehmen können.
Aktivismus in der Branche
Während immer mehr Künstler*innen öffentlich bekannt machen individuelle Maßnahmen zu ergreifen, um ihre mentale Gesundheit zu schützen, hat der Tod von Liam Payne einen weiteren Anstoß für verstärkte Bemühungen in diesem Bereich gegeben.
Während sich Robbie Williams als Reaktion auf Paynes Tod für ein freundlicheres Miteinander im Internet einsetzt, fordert eine ebenfalls anlässlich des Vorfalls ins Leben gerufene Petition Gesetze zum Schutz der psychischen Gesundheit von Künstler*innen. In der Petition heißt es:
"Die Unterhaltungsindustrie, die für ihren Glamour und ihre Berühmtheit bekannt ist, ist ebenso berüchtigt für den enormen Druck, den sie auf die psychische Gesundheit der Künstler*innen ausübt. Die daraus resultierenden Probleme wie Stress, Angstzustände, Depressionen, Drogenmissbrauch und sogar Suizid sind alarmierend verbreitet. Studien zeigen, dass Künstler*innen zwei bis dreimal häufiger unter diesen Problemen leiden als die allgemeine Bevölkerung."
Nach dem tragischen Tod von Liam Payne und vielen anderen müsse die Unterhaltungsindustrie zur Rechenschaft gezogen werden und Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Künstler*innen übernehmen. Die Petition fordert die Einführung von Gesetzen zum Schutz der psychischen Gesundheit von Künstler*innen der Branche.
Ein solches Gesetz solle zum Beispiel regelmäßige Untersuchungen der psychischen Gesundheit, angemessene Ruhezeiten, die Anwesenheit von Fachleuten für psychische Gesundheit bei Auftritten und eine kontinuierliche Unterstützung während der Karriere vorschreiben.
Auf diese Art und Weise solle ein gesundes und sicheres Arbeitsumfeld für Künstler geschaffen werden. Frühzeitige Interventionen zum Schutz und zur Minimierung von Problemen seien wichtig - die steigende Zahl an Musiker*innen, die vor dem 35. Lebensjahr sterben, besorgniserregend.
Ein Umdenken findet statt
Die zunehmenden öffentlichen Statements von Musikern und Musikerinnen und das wachsende Bewusstsein innerhalb der Branche weisen darauf hin, dass ein Umdenken stattfindet.
Auch Studien legen vermehrt Wert darauf, das mentale Wohlbefinden in der Musikbranche unter die Lupe zu nehmen. Aktuell können Musikschaffende etwa auf der Webseite von PRO Musik an einer Online-Studie teilnehmen, die in Kooperation mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie der Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik der Charité durchgeführt wird.
Ziel dieser ist es, Schutz- und Risikofaktoren für die psychische Gesundheit von Musiker*innen zu identifizieren und anhand dieser präventive und therapeutische Angebote zu entwickeln.
Kein neues Konzept
Die Forderung nach rechtlichen Rahmenbedingungen könnte ein notwendiger Schritt sein, um die Industrie für die psychische Gesundheit ihrer Künstler*innen verantwortlich zu machen und sie vor extremen Belastungen zu schützen, die ihr Beruf mit sich bringt.
In der Schauspielbranche etwa gibt es bereits jetzt verschiedene Regeln, um die Rechte und das Wohlbefinden von Schauspieler*innen zu schützen.
Jungschauspieler*innen erhalten häufig eine pädagogisch geschulte Betreuung zugewiesen, die während den Dreharbeiten darauf achtet, dass Pausen eingehalten werden, sie versorgt sind, einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin haben.
Auch erwachsene Schauspieler*innen erhalten zunehmend psychologische Unterstützung am Set. Besonders bei emotional anspruchsvollen Szenen werden inzwischen häufig Therapeuten oder Coaches zu Hilfe gezogen. Gewerkschaften wie etwa die Screen Actors Guild (SAG-AFTRA) in den USA legen zudem Höchstarbeitszeiten fest.
Maßnahmen müssen tiefer greifen
Dass sich diese Regulierungen der Schauspielbranche nicht eins zu eins auf die Musikindustrie übertragen lassen, ist naheliegend. Die Vorschläge aus der Petition könnten im Bereich Veranstaltungen und Tourneen womöglich tatsächlich eine große Hilfe darstellen, viele Aktivitäten von Musiker*innen finden jedoch in informellen Settings und in einem so hoch kontrolliertem Umfeld wie an einem Filmset statt.
Der Druck immer wieder qualitativ hochwertige Inhalte zu erstellen und das Sich-bewusst-der-Meinung-anderer-Aussetzen lässt sich für Musiker*innen alleine durch das Bereitstellen einer therapeutisch ausgebildeten Begleitperson kaum angenehmer gestalten.
Nach dem Album ist vor der nächsten Tour, ist vor dem nächsten Projekt - das wiederum beworben werden muss, damit sich sowohl Tickets als auch Tonträger verkaufen und sich das Leben als Musiker oder Musikerin finanzieren lässt.
Hier ist ein strukturelles Umdenken notwendig. Der Umgang mit Künstler*innen, ihre Wertschätzung sollte von Grund auf überdacht werden.
Dennoch sind auch die Überlegungen aus der Petition durchaus ein erster wichtiger Schritt, um Musiker*innen durch sicherere Rahmenbedingungen ein gesünderes Arbeitsumfeld bieten zu können.
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