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"Der persönliche Geschmack muss zwingend außen vor bleiben"

Maik Strübe vom Open Flair Festival über Booking und seine Bewerbungstipps für Bands

Interview von Doktor Nic
veröffentlicht am 17.03.2020

open flair festivalorganisation booking

Maik Strübe vom Open Flair Festival über Booking und seine Bewerbungstipps für Bands

Open Flair Festival. © Mario Albrecht

Seit 1985 verwandelt das Open Flair Festival die nordhessische Stadt Eschwege am 2. Wochenende im August in ein Mekka für Musikbegeisterte. Im Interview verrät uns der Booker des Festivals, was es bedeutet, Festivalbooking zu machen und gibt Musikern praktische Tipps!

Hinweis: Das Interview führten wir vor der dramatischen Zuspitzung der Coronakrise, so dass dies noch nicht Thema unseres Gesprächs werden konnte.

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Maik Strübe leitet seine eigene Agentur, die Living Proof Agency und vertritt sehr unterschiedliche Künstler von Massendefekt bis B-Tight. Darüber hinaus gehört er zum Programmteam des allseits bekannten Open Flair Festivals. Im Interview verrät er uns, was es bedeutet, Booker zu sein und gibt Musikern praktische Tipps!

Backstage PRO: Moin Maik. Du vertrittst Künstler unterschiedlicher Musikgenres und unterschiedlichen Bekanntheitsgrades. Wie wichtig ist dir diese Diversität? Wie wählst du aus, welche Künstler zu dir passen?

Maik Strübe: Kurz: sehr wichtig. Für mich persönlich war und ist es immer wichtig, dass ich mich nicht selbst limitiere. Wenn ich nur z.B. nur Metal oder HipHop machen würde – ich glaube das wäre irgendwann für mich langweilig. Jede Musikrichtung hat ja auch ihre Eigenarten und die Abwechslung gefällt mir. Es ist auch von der Tourneeplanung natürlich ein Riesenunterschied ob man mit Künstlern arbeitet, die seit Jahrzehnten etabliert sind oder mit Newcomern, wo man vieles gemeinsam zum ersten Mal macht.

Bzgl. der Auswahl: Natürlich muss ich das Gefühl haben, dass die jeweilige Band/Künstler mit dem was er da tut Chancen hat sich durchzusetzen, aber fast wichtiger noch ist das Engagement... Wenn man nicht gerade einen Hype hat – und das haben die wenigsten – dann ist der Weg zu größeren Shows und musikalischem Erfolg ein Weg der mit sehr viel Ausdauer und Arbeit zu tun hat. Ich muss immer das Gefühl haben, dass die Leute zu 100% hinter Ihrer Arbeit stehen und auch bereit sind viel Zeit zu investieren, um voran zu kommen. Sonst macht es von vornherein keinen Sinn.

Backstage PRO: Wie gehst du mit Künstlern um, die dich dauerhaft mit Bewerbungen befeuern?

Maik Strübe: Grundsätzlich versuche ich in jede Bewerbung zumindest reinzuhören und eine Antwort zu geben. Je nach Jahreszeit und Arbeitsaufkommen ist das oft schon schwer genug – haha. Es gibt Bands, die ich interessant finde und denen ich dann sage "halte mich gerne auf dem Laufenden". Wenn da wirklich eine Band dauerhaft und immer wieder anklopft, obwohl ich abgesagt habe: dann antworte ich irgendwann auch nicht mehr. Ich denke das würde jeder so machen.

Das hängt aber auch stark von der Art ab – es gibt da eine Band, die sogar ein Livevideo aufgenommen hat in dem dann 200 Leute in die Kamera schrien "Maik du musst unbedingt XXXX buchen". Die haben mir auch Whisky zugeschickt etc. und mich auf allen Kanälen sehr charmant umworben. Das war alles sehr lustig und auch mit Augenzwinkern; wir verstehen uns sehr gut, aber bei mir im Booking sind sie trotzdem nicht. Aber ich habe sie immerhin zu ihrem aktuellen Aufnahmestudio vermittelt und wir haben regelmäßig Kontakt. Wahrscheinlich die größte kleinste Band aus der Wetterau :-)

"Traut euch, aber macht euch vorher einen Plan!"

Backstage PRO: Wie siehst du die Entwicklung der Booking-Agenturen im Allgemeinen? Mir persönlich fällt auf, dass sich viele Musiker und Manager mit eigenen Agenturen oder Einzelunternehmen verselbstständigen. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?

Maik Strübe: Erstmal positiv. Jede/r Kulturschaffende mehr ist zu begrüßen. Die Frage, die man sich leider stellen muss, ist: Wie viele dieser Neugründer überstehen die ersten drei Jahre?

Das ist die schwierigste Zeit und die muss man durchhalten; sollte man nicht eine Band haben, die direkt auf die 1000+ Läden geht, wird es schwer den Umsatz zu machen. Und selbst dann wird es nach zwei bis drei Jahren schwer. Du brauchst mehrere gut Laufende Projekte damit der eigenen Laden läuft. Ich bin ja zehn Jahre als One-Man Show gefahren. Wenn ich mich umgucke, gibt es leider wenig Agenturen meiner Größenordnung, die sich etablieren konnten. Aber das sieht in anderen Branchen genauso aus. Dennoch würde ich jedem empfehlen, der sein Talent in der Livebranche sieht: traut euch, aber macht euch vorher einen Plan!

Backstage PRO: Nun arbeitest du ja auch für das Open Flair Festival. Mit welchen Schwierigkeiten siehst du dich da konfrontiert?

Maik Strübe: Erstmal sehe ich mich mit sehr viel Spaß an der Arbeit konfrontiert. Es sind aber dieselben Herausforderungen wie bei jedem anderen Festival, nur halt etwas größer: Bands bekommen, Budgets einhalten, das Programm muss stimmig sein etc. etc.

Ich mache das ja aber auch nicht alleine – ich wurde 2016 von K.O.K.S (Agentur aus Hannover und seit Jahrzenten für die Programmplanung zuständig; Anm.d.Red.) mit ins Boot geholt. Und Achim (K.O.K.S. Geschäftsführer) schultert das meiste. Sowas lernt man auch nicht über Nacht. Da geht es oft um jahrzehntelange Zusammenarbeit, Geschäftsbeziehungen und Netzwerke, die man sich aufbauen muss.

Backstage PRO: Hast du Horror-Stories, bei denen die Verhandlungen mit Künstlern oder deren Agenturen bzw. Managern wirklich hart war?

Maik Strübe: Horror direkt nicht, aber nervig ist es oft, weil es da um Kleinigkeiten und viel um Egos geht, oder die hundertste Nachfrage ob es nicht doch mehr Gage gibt usw.; aber davon kann jeder Festivalbooker ein Lied singen. Ein Manager würde diese Frage aber vermutlich genau gegenteilig beantworten – und das aus seiner Sicht zurecht. Am Ende muss man sich immer so einigen, dass alle Beteiligten damit gut leben können. Man will ja auch in Zukunft gut miteinander arbeiten.

"Es muss erstmal musikalisch passen. Daran scheitern schon viele."

Backstage PRO: Wir haben hier auf Backstage PRO auch eine Ausschreibung für einen Opener Slot auf dem Open Flair. Was muss deiner Meinung nach eine Band erfüllen, um auf so einem großen Festivals zu spielen?

Maik Strübe: Das kann man so pauschal gar nicht beantworten. Es muss natürlich erstmal musikalisch passen. Daran scheitern schon viele ehrlich gesagt. Bei den Opener oder "Local Hero" Slots ist es immer gut, wenn man schon in der Region gespielt hat, selbst was organisiert hat, sich einen kleinen Namen macht – und das auch kommuniziert. Bandcontests sind da natürlich auch immer eine gute Sache etc.

Backstage PRO: Wie schätzt du Social Media Aktivitäten oder Streams bei Bands ein? Schaust du da stark drauf oder sind dir Message und Musik dann doch wichtiger?

Maik Strübe: Je nach Genre muss man das komplett unterschiedlich bewerten. Im HipHop haben ja "alle" quasi unendlich viele Streams und landen auf Platz 1 mit ihren Platten. Live sehen die Zahlen oft ganz anders aus... nämlich deutlich niedriger. Bei den Gitarrenbands ist es oft genau andersherum. Ich orientiere mich meist an Clubzahlen, tausche mich mit anderen Bookern aus. Aber es wird tatsächlich immer schwieriger anständige Einschätzungen, besonders außerhalb der Gitarrenmusik, vorzunehmen. Aber klar: es gehört natürlich dazu, dass ich mir Streams, Insta, Facebook etc angucke. Aber ich würde das nicht zu hoch bewerten.

Backstage PRO: Musst du dich oft entgegen deines persönlichen Geschmacks entscheiden und wirtschaftliche Aspekte überwiegen lassen? Beispielsweise bei einem Booking?

Maik Strübe: Früher war man ja uncool, wenn man gesagt hat "ich höre alles" – aber ich hab' wirklich einen so breit gefächerten Musikgeschmack, dass ich zum Glück selten eine Band so richtig scheiße finde. Aber wenn ich jemals ein Festival mit meinen Lieblingsbands bestücken würde: das würde finanziell in die Hose gehen. Ich hätte aber meinen Spaß – haha.

Im Ernst: der persönliche Geschmack muss zwingend außen vor gelassen werden. Es geht darum ein Festival Line Up zusammenzustellen. Da darf ich nicht subjektiv bewerten. Ich arbeite ja auch im Auftrag vieler Vereine/Festivals, da gebe ich Geld aus, welches gar nicht mir gehört und ich muss natürlich im Sinne meines Auftraggebers handeln. Hier gibt's aber natürlich andere Festivalbooker, die das vollkommen nach eigenem Geschmack machen können, weil sie Szenefestivals buchen. Mir gefällt aber schon eine Menge von dem was ich buche zum Glück.

"Es fehlt oft am ganz Grundsätzlichen"

Backstage PRO: Was würdest du Bands raten, die sich um Booking-Agenturen oder Festivalslots bemühen?

Maik Strübe: Ich durfte mal an einer Musikhochschule einen Bookingworkshop leiten und war wirklich erschrocken, dass so viele junge, begnadete Musiker/innen so wenig Ahnung von Selbstvermarktung hatten. Da fehlt es oft am ganz Grundsätzlichen. Da gab es Bewerbungsmails mit 35mb Anhängen, Bandfotos von allerschlechtester Qualität, Selbstbeschreibungen, die die Biografie jedes der fünf Musiker beschrieben haben – puh... das liest sich kein Booker der Welt durch!

Wichtig ist meines Erachtens:

  • kurz und knapp beschreiben: wer, was, Stil
  • seid kreativ und hebt das Besondere hervor
  • vergesst Anhänge, i.d.R. werden die nicht geöffnet, es sei denn der Mailinhalt überzeugt zu 100%
  • Bandlogos, Fotos: die müssen gut sein, interessieren aber in erster Linie auch niemanden, es sei denn natürlich es ist etwas Besonderes auf dem Bild zu sehen, das euch auszeichnet, wie Masken oder ähnliches. Dann kann man das schon mit reinnehmen.
  • Referenzen aufführen: Was wurde schon gespielt an Festivals/Supports? Was für Musik erwartet mich?
  • Soundcloudlink/Spotify/Youtubelink
  • Der Betreff ist der erste Eindruck: sei witzig, klug, "anders". Hauptsache nicht 08/15.

Den Betreff "Band sucht Agenturliebe" zum Beispiel, diese Mail habe ich mir direkt durchgelesen damals. Viele Grüße an dieser Stelle an Blackout Problems!

Am allerwichtigsten: guckt, wo ihr euch bewerbt. Viel zu oft bekomme ich Mails, in denen sich Bands für ein Festival bewerben, welches ich gar nicht buche oder wo das Genre so gar nicht passt. Es macht oft mehr Sinn sich 20 Festivals heraus zu suchen und sich bei den Bewerbungen Mühe zu geben, als 500 Festivals unpersönlich in Massenmails zu bemustern.

"Wenn ich mich schon über 12h Büroarbeit beklage – frag mal nen Steelhand"

Backstage PRO: Was war so dein Lieblingsmoment in deinem Job?

Maik Strübe: Da gibt es zum Glück viele und die sind auch sehr unterschiedlich. Das können ausverkaufte Shows sein, aber auch ein sehr rundes Festival Line Up, Chartplatzierungen oder eine sehr gut laufende Tour. Gerade wenn man für junge oder neue Bands erstmalig ein dickes Festival an Land gezogen hat: geil, weil sich einfach alle freuen und große Augen haben.

Generell wenn ein Team gut funktioniert, z.B. das Ticketteam bei einer 14h Schicht auf dem Reload Festival – wenn man nach ein paar Jahren an dem Punkt ist, wo alles Hand in Hand greift: geil.

Man lernt auch eine Menge guter Leute kennen, mit denen man sich austauscht – das bereichert ungemein. Dazu kommt: ich konnte und kann mir eine Menge Bands angucken, die ich sonst wohl in meinem Leben nie gesehen hätte.

Backstage PRO: Würdest du anderen zu einer Karriere wie der deinen raten?

Maik Strübe: Jain. Das muss man schon wollen. Die Arbeitstage sind lang und fast immer zusätzlich auch am Wochenende. Da muss man auch einen Partner/in und ein privates Umfeld haben, welches das mitmacht. Viele Jobs bei uns in der Branche sind halt auch schlecht bezahlt. Da gibt's deutlich entspanntere Wege, um sein Geld zu verdienen. Andererseits kann ich halt auch auf einem Mittwoch mal sagen "nee reicht jetzt, Feierabend". Und ich habe definitiv einen abwechslungsreichen Job. Man muss dafür gemacht sein, sonst funktioniert das nicht. Das betrifft aber jeden Bereich unserer Branche: ob Booker, Manager, Stagehand, Techniker, Musiker, Mercher…. Wenn ich mich schon über 12h Büroarbeit beklage: frag' mal nen Steelhand.

Würde ich das noch mal so machen? kommt auf den Tag an, an dem du mich fragst ;-)

Backstage PRO: Vielen Dank für deine Zeit!

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Veranstalter, Booking-Agentur in 37269 Eschwege

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Mangelgasse 19, 37269 Eschwege

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