Richtig wirtschaften
Wie kalkuliere ich meine Gage? Die wichtigsten Faktoren und Modelle im Überblick
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© Evgeniy Smersh via unsplash.com
65 Millionen verkaufte Tickets, Milliardenumsätze – die deutsche Live-Branche boomt. Doch für viele Acts fühlt sich dieser Aufschwung anders an. Steigende Kosten für Transport, Energie, Technik und Personal setzen die Kalkulationen unter Druck.
Während Festival-Headliner längst Gagen im Millionenbereich erzielen, bewegen sich Gagen von Newcomern für Clubkozerte im dreistelligen Bereich. Die Schere zwischen Umsatzwachstum und tatsächlichen Einnahmen für Künstler*innen geht damit weiter auseinander.
Seriöse Planung ist unerlässlich
Parallel dazu steigen die Ticketpreise. Laut aktuellen Marktanalysen lag der durchschnittliche Konzertticketpreis in Deutschland 2024 bei rund 72 € inklusive Vorverkaufsgebühren. Für 2025 wird mit einem Anstieg auf etwa 74 bis 78 € gerechnet.
Doch höhere Ticketpreise bedeuten nicht automatisch höhere Einnahmen für Bands. Veranstalter müssen Venue-Mieten, GEMA-Gebühren, KSK, Security, Technik, Marketing und Personal finanzieren, bevor Gagen gezahlt werden.
Vor diesem Hintergrund stellt professionelles Booking längst eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit dar. Unterschiedliche Modelle verteilen Risiko und Potential auf verschiedene Weise.
Es gibt mehrere Gagenmodelle: Festgage, Doordeal und Hybridmodelle verteilen Risiko und Potential unterschiedlich effektiv. Wir hatten vor ein paar Jahren schon einmal einen Artikel dazu veröffentlicht.
Die klassische Festgage
Bei einer klassischen Festgage von beispielsweise 800 € für einen 200er-Club bleiben nach Abzug von 150 € Transportkosten (Sprinter und Kraftstoff), 160 € Übernachtung, 60 € Verpflegung und 50 € anteiligen Probenkosten etwa 380 € netto übrig.
Diese Einnahmen müssen noch unter den Bandmitgliedern aufgeteilt werden, wobei wir im Folgenden von einer klassischen vierköpfigen Band (Cover/Tribute oder eigenes Material) ausgehen.
Das bedeutet aber selbstverständlich auch, dass ein Duo oder ein Solokünstler höhere Pro-Kopf-Einnahmen erzielt, eine größere Band aber geringere. Gerade bei größeren Bands mit vier oder mehr Mitgliedern können solche Konzerte schnell ins Minus gehen
Das ist kalkulierbar, aber wirtschaftlich eng.
Hohes Risiko mit Doordeal
Der Doordeal koppelt die Gage direkt an den Ticketverkauf, meist mit 60 bis 80 Prozent Beteiligung. In einem Club mit 150er-Kapazität und einem Ticketpreis von 18 € ergeben sich bei 120 verkauften Tickets 2.160 € Umsatz. Bei einer Beteiligung von 70 Prozent erhält die Band 1.512 €, von denen nach Abzug der Kosten für Transport, Unterkunft, Technikzuzahlung und FOH-Honorar lassen rund 800 bis 850 € verbleiben.
Sollte das Konzert mit 150 Tickets ausverkauft sein, steigen die Einnahmen auf über 1.300 €, bei nur 60 verkauften Karten sinkt der Umsatz auf knapp 750 €. Dieses Modell eignet sich für etablierte Märkte, birgt jedoch ein hohes Risiko.
Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass, sobald Vorbands bei einem Konzert geplant sind, diese auch einen Teil der Ticketeinnahmen erhalten. Bei einem Konzert mit schlechteren Doordeal-Konditionen (beispielsweise 50/50) und Vorbands wird die Kalkulation noch weitaus schwieriger.
Hybridmodelle als Branchenstandard
Hybridmodelle haben sich deshalb zunehmend als Standard etabliert. Sie kombinieren eine Mindestgage mit einer Beteiligung am Umsatz. Eine Vereinbarung von 600 € Mindestgage plus 20 Prozent Beteiligung ab 2.000 € Einnahmen führt bei 180 verkauften Tickets zu einem Gesamtbetrag von rund 740 €. Damit entsteht eine gewisse Planungssicherheit, während gleichzeitig vom Erfolg profitiert werden kann.
Diese Modelle bieten Sicherheit und Anreiz gleichermaßen. Pay-to-Play-Modelle – etwa die Abnahme von 50 Tickets für jeweils 20 € – verschieben das Risiko vollständig zur Band und sind selten tragfähig.
Tourkalkulation als Grundlage
Eine Tour erfordert deshalb eine Gesamtbetrachtung, damit ihr bei eurer nächsten Tour – egal ob Headliner oder Support – nicht draufzahlen müsst.
Eine beispielhafte Kostenübersicht für eine vierköpfige Band könnte so aussehen:
Tour-Fixkosten (für alle 8 Shows zusammen)
Proben und Vorbereitung (Proberaum, zusätzliche Tage, evtl. Techniktests): 1.200 €
Produktion & Equipment (anteilige Amortisation von Backline, In-Ears, Cases, Licht): 1.500 €
Management & Booking (Provision, Büro, Administration): 1.000 €
Marketing & Promo (Artwork, Social Ads, Content, Plakate): 2.000 €
Versicherungen & Sonstiges (Instrumentenversicherung, Haftpflicht, Verwaltung): 800 €
Summe der Fixkosten: 6.500 €
Variable Kosten pro Show (Durchschnitt)
Transport (Sprintermiete + Sprit + Maut): 220 €
Unterkunft (2 Doppelzimmer, einfache Kategorie): 220 €
Verpflegung (Band und ggf. Crew): 80 €
Technik/Personal (FOH- oder Lichttechniker*in, kleine Technikmiete): 220 €
Sonstiges (Parkgebühren, kleine Reparaturen, Backline-Kleinkram): 60 €
Summe variable Kosten pro Show: 800 €
Dabei lassen wir den Zeitaufwand unberücksichtigt, der durch An- und Abreise entsteht, da sich diese Kosten nur schwer berechnen lassen. Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auf dieser Basis berechnete Stundenlöhne oft sehr niedrig ausfallen.
Schritt 1: Fixkosten auf Shows verteilen
Die Fixkosten von 6.500 € werden auf die acht Shows verteilt:
6.500 € / 8 Shows = 812,50 € Fixkostenanteil pro Show (aufgerundet z. B. 815 € zur einfachen Rechnung)
Damit entsteht pro Abend zunächst ein unsichtbarer "Kostenblock" von rund 815 €, bevor überhaupt jemand ins Auto steigt.
Schritt 2: Gesamtkosten pro Show berechnen
Jetzt werden die variablen Kosten hinzugerechnet:
Fixkostenanteil pro Show: ca. 815 €
Variable Kosten pro Show: 800 €
= Gesamtkosten pro Show: 1.615 €
Das bedeutet: Wenn die Band im Schnitt 1.615 € pro Abend einnimmt, erreicht die Tour in diesem Modell ungefähr den Break-Even-Point, erzielt keinen Gewinn, schreibt aber auch keinen Verlust.
Schritt 3: Mindestgage und Zielgage definieren
Nun stellt sich die Frage: Soll die Tour nur kostendeckend sein oder soll die vierköpfige Band auch ein Honorar verdienen? Angenommen, die Band möchte sich zusätzlich 600 € (150 € pro Bandmitglied) pro Show auszahlen, dann ergibt sich:
1.615 € (Kosten pro Show) + 600 € (Bandhonorar) = 2.215 €
Aufgerundet kann man sagen: Das Einnahmenziel pro Show liegt bei etwa 2.200–2.300 €. Damit ist klar: Alles, was deutlich darunter liegt, funktioniert nur dann, wenn die Band an anderen Abenden höhere Einnahmen erzielen kann oder im Vorfeld Fördermittel erhalten hat.
Eine kurze Gegenüberstellung macht das greifbar:
Mindestgage zur Kostendeckung: ca. 1.600 € pro Show
Zielgage mit Bandhonorar: ca. 2.200–2.300 € pro Show
Mit diesen Werten lässt sich nun prüfen, welches Gagenmodell für welche Show sinnvoll ist.
Umsetzung der Berechnung in Gagenmodelle
Festgage:
Bietet ein Club im Rahmen einer Tour eine Festgage von 1.000 € für einen Abend, ist klar: Nach obiger Kalkulation deckt dieser Betrag weder Fixkostenanteil noch variable Kosten voll ab.
Die Band müsste entscheiden, ob dieser Termin strategisch so wichtig ist (neue Stadt, Medienpräsenz, Szene-Festival), dass sie ihn querfinanzieren will – zum Beispiel durch höher vergütete Shows an anderen Orten, durch Fördermittel oder durch Merchandise-Verkäufe.
Bietet ein Veranstalter hingegen 1.800 € Festgage, liegt der Betrag leicht über der Kostendeckungsgrenze von 1.615 €. Diese Show wäre zwar kein Honorar-Fest, aber wirtschaftlich solide: Ein Teil der Bandgage ließe sich damit abdecken, und die Tour würde nicht von vornherein zum Verlustgeschäft werden.
Doordeal:
In einem Doordeal-Szenario lässt sich dieselbe Rechnung mit realistischen Ticketverkäufen verknüpfen. Ein Club hat eine Kapazität von 200 Personen, der Ticketpreis liegt bei 18 €. Bei 200 verkauften Tickets betragen die Einnahmen 3.600 € brutto. Erhält die Band 70 Prozent der Einnahmen, ergibt das 2.520 €. Zieht man die kalkulierten 1.615 € Kosten pro Show ab, bleiben rund 900 € Honorar – die Band liegt deutlich im Plus.
Bei 120 verkauften Tickets ergeben sich Einnahmen von 2.160 €, 70 Prozent davon sind 1.512 €. Der Betrag liegt also leicht unter der Kostendeckungsgrenze.
Die Band müsste eine Entscheidung treffen: Ist diese Stadt strategisch so wichtig, dass ein leichter Verlust an diesem Abend durch andere Shows ausgeglichen werden kann? Oder sollte sie versuchen, entweder den Prozentsatz zu erhöhen, den Ticketpreis zu optimieren oder versuchen, zusätzliche Einnahmen etwa über Merch zu erzielen?
Bei nur 80 verkauften Tickets (1.440 € Umsatz, 70 Prozent = 1.008 €) wird klar: Dieser Abend liegt deutlich unter der notwendigen Mindestgage. Wenn solche Abende überwiegen, wird die gesamte Tour wirtschaftlich wackelig – es sei denn, Förderung oder einzelne hochdotierte Shows gleichen das aus.
Hybridmodell:
Mit der Ziel- und Mindestgage im Hinterkopf lassen sich hybride Modelle bewusst verhandeln. Ein Beispiel könnte sein:
Mindestgage: 1.500 €
Beteiligung: 30 Prozent ab 2.500 € Einnahmen
Bei 150 verkauften Tickets à 18 € entstehen 2.700 €, die Band erhält 1.500 € Mindestgage plus 30 Prozent von 200 € (= 60 €), insgesamt also 1.560 €. Das liegt knapp unter der idealen Zielgage, aber sehr nah an der Kostendeckungsgrenze.
Bei einem ausverkauften Abend mit 200 Tickets (3.600 € Einnahmen) erhält die Band 1.500 € plus 30 Prozent von 1.100 € (= 330 €), insgesamt also 1.830 €. Hier nähert sich die Band einem Bereich, in dem neben der Kostendeckung auch ein ordentliches Honorar realistisch wird. Dieses Honorar müsst ihr allerdings noch versteuern.
Der X-Faktor Merchandise
Die große Unbekannte der Gesamtrechnung ist der Merch-Verkauf. Die Produktion von Merchandise erfordert den Einsatz von Kapital, ermöglicht aber auch beträchtliche Zusatzeinnahmen, je nach Nachfrage. So können Merch-Verkäufe Doordeals entscheidend verbessern und mögliche Verlust-Shows zum Besseren wenden.
Wie viel Merch eine Band aber im Rahmen eines Live-Auftritts verkauft, ist für individuelle Bands höchstens durch Erfahrungswerte einschätzbar. Ein Merch-Umsatz 3 € pro Besucher würde bei 150 Besuchern zusätzlichen Einnahmen (nicht Gewinn!) von 450 € entsprechen. Davon müssten allerdings Herstellungs- und mögliche Personalkosten für Merch-Verkäufer abgezogen werden.
Förderprogramme im DACH-Raum
Wenn Touren trotz sorgfältiger Planung wirtschaftlich nicht aufgehen, können Förderprogramme ein entscheidender Hebel sein. In Deutschland, Österreich und der Schweiz existieren zahlreiche Programme auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, die Tourneen und Exportprojekte unterstützen. Voraussetzung ist jedoch eine frühzeitige Planung und fristgerechte Antragstellung.
Weitere Informationen zu Förderprogrammen findet ihr hier.
Wie sind eure Erfahrungen? Funktionieren diese Kalkulationen in der Praxis oder sieht die Realität anders aus? Diskutiert mit uns in den Kommentaren.
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