"Als Festival-Veranstalter muss man von seiner Idee überzeugt sein"
Holger Jan Schmidt (DAS FEST, YOUROPE) über Booking, Festivalsterben und nachhaltige Festivalplanung
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Holger Jan Schmidt bei Primavera Pro 2024. © Hara Amoros
Backstage PRO: Herr Schmidt, Sie sind Booker für die Acts auf der Hauptbühne bei DAS FEST. Wann haben Sie den ersten Act für 2025 gebucht?
Holger Jan Schmidt: Gute Frage. Über einen Act habe ich schon 2023 mit dem Agenten geredet. Ansonsten fanden die ersten Gespräche Anfang 2024 statt. Endgültig in die Planung des Line-Up ging es dann im Spätsommer 2024.
Backstage PRO: DAS FEST ist ein sehr großes Festival. Was sind die aktuellen Herausforderungen im Booking in dieser Dimension?
Holger Jan Schmidt: DAS FEST hat ein spezielles Konzept. Zu Beginn, vor 40 Jahren, war es ein eintrittsfreies Festival. Heute erhebt DAS FEST einen kleinen Eintritt für die Hauptbühne, der aber immer noch unter den Preisen der meisten Clubkonzerte liegt. Dabei präsentieren wir auf der Hauptbühne zum Teil große Hallen- und Arena-Acts. Das bedeutet, wir sind sehr an deren Identifikation mit unserer Veranstaltung und unserem Konzept gebunden. Dadurch befinden wir uns nie in einer Position der Stärke und können bei konkurrierenden Angeboten nicht einfach ins Portemonnaie greifen. Diese Situationen müssen wir anders lösen.
Backstage PRO: Welchen Ansatz verfolgen Sie in diesen Fällen?
Holger Jan Schmidt: Wir müssen mit unserer Zugewandtheit, unserer großartigen Kulisse oder dem einzigartigen Catering punkten. Das gelingt uns über die Jahre sehr gut, es wird aber auch nicht leichter. Ansonsten hat sich das Booking insofern geändert, dass Aspekte wie Genderbalance berücksichtigt werden. Das zeigt sich bei der Planung der Platzierung – einem männlichen Act sollte ein anderer, nicht-männlicher Act entsprechen.
Backstage PRO: Sie waren viele Jahre lang Veranstalter des legendären Rheinkultur Festivals in Bonn, das ein ähnliches Konzept hatte. Wie blicken Sie mit Ihren neuen Erfahrungen auf diese Zeit und auf das Festival zurück?
Holger Jan Schmidt: Ich bin in Bonn geboren und mit Leib und Seele Bonner. Ich habe der Rheinkultur unglaublich viel zu verdanken – bestimmt ein paar graue Haare, aber vor allem sehr viel Erfahrung in einem breit gefächerten Spektrum. Als eintrittsfreie Veranstaltung mit begrenztem Budget mussten wir uns selbst um alles kümmern. Heute kann ich einen Vorteil daraus ziehen, dass ich Acts gebucht, mit Sponsoren gesprochen, Platz-Pachtverträge mit der Stadt ausgehandelt oder Zäune und Toiletten bestellt habe. Es kann sein, dass andere in ihrem jeweiligen Thema viel mehr Know-How haben, ich darf mich aber über eine relativ breite Auffassungsgabe und breites Grundwissen freuen. Dazu habe ich eine Menge Kontakte geknüpft. Auch heute noch, 14 Jahre nach der letzten Ausgabe der Rheinkultur, werde ich noch immer von Menschen angesprochen, die einfach sagen möchten, was für eine Bedeutung oder Einfluss das Festival für sie hatte. Das ist ein schönes Gefühl, auf das ich stolz zurückschaue.
Backstage PRO: Könnte man ein solches Festival heute noch durchführen?
Holger Jan Schmidt: Ein eintrittsfreies, eintägiges Festival in dieser Größenordnung mit einer unglaublichen Wetterabhängigkeit konnten wir nur mit einer starken Identifikation, einer guten Schippe Naivität und mit einer Gruppe Wahnsinniger planen, die ebenfalls mit dem "Rheinkulturvirus" infiziert sind. Das war aus meiner Sicht die magische Mischung, die fast 30 Jahre lang Grundlage für das Festival war. Das Konzept hat sein Limit dennoch mit einem steigenden Bewusstsein für die damit einhergehende Verantwortung erreicht. Aufgrund des Klimawandels und der höheren Frequenz von Wetterereignissen würde ich ungern heute noch eine so wetterabhängige Veranstaltung organisieren, vor allem mit einem stark begrenzten Budget.
Backstage PRO: Nachhaltigkeit ist ein großes Thema bei Festivals und wird immer relevanter. Sie haben die Umweltaspekte schon angeschnitten, das Feld ist aber noch viel weiter. Worin sehen sie die hauptsächlichen Herausforderungen?
Holger Jan Schmidt: Für die Antwort würde ich gerne den Festivalbereich verlassen und in die Gesellschaft gehen. Obwohl wir die Ernsthaftigkeit des Klimawandels kennen, wird der Handlungsbedarf vielfach unter Verweis auf die Wirtschaft oder mit anderer Begründung beiseite geschoben. Diese Gefahr sehen wir auch in unserer Branche, obwohl das Bewusstsein besteht, dass wir Verantwortung übernehmen und unsere Produktionen umweltfreundlicher ausrichten müssen. Wir haben es mit einer für mich unverständlichen Freiwilligkeit zu tun. Wenn wir die nötige Transition wirklich schaffen wollen, befürworte ich persönlich mehr Regeln und Maßstäbe, die erreicht werden müssen.
Backstage PRO: Wie sieht Ihr Weg in Sachen nachhaltiger Festivalplanung aus?
Holger Jan Schmidt: Ich arbeite selbst seit 20 Jahren in diesem Feld. Ich habe an der Sounds for Nature Initiative mit dem Bundesamt für Naturschutz mitgewirkt, die seinerzeit den größten Leitfaden für umweltfreundliche Großveranstaltungen veröffentlicht hat [Link zum PDF]. Von 2010 bis 2014 habe ich die Green Events Europe Conference veranstaltet. Seit 2011 leite ich den Think Tank GO Group. Ich befasse mich also schon lange mit dem Thema, immer so viel, wie meine anderen Tätigkeiten es zulassen. Ich habe aber nie aufgehört, den Austausch mit meinen Kollegen und Kolleginnen aus ganz Europa zu forcieren, zu unterstützen und an Werkzeugen für eine klimagerechte Festivalbranche mitzuarbeiten. Das ist nur das Feld der ökologischen Nachhaltigkeit, ich könnte mich gleichermaßen zur sozialen Nachhaltigkeit äußern. Festivals sind starke Kommunikatoren und Marken mit Reichweite und Identifikation in den jungen Bevölkerungsgruppen, die Werte vermitteln können. Das passiert zwar schon, könnte aber sicherlich noch verstärkt werden.
Backstage PRO: Welche Möglichkeiten haben Festivals konkret, um ihre Ökobilanz zu verbessern?
Holger Jan Schmidt: Da gibt es viele und ich verweise gerne auf unsere European Green Festival Roadmap 2030, die wir mit YOUROPE veröffentlicht haben, oder die Future Festival Tools, das ist ein Erasmus-Projekt, an dem wir mit GO Group und YOUROPE beteiligt waren. Es gibt Potenziale im Energieverbrauch, im Transport, Ressourcenmanagement und im Catering. Jedes Festival muss individuell Lösungen finden, unter anderem in Abhängigkeit von der gegebenen Infrastruktur oder dem Budget, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen?
Backstage PRO: Wie können konkrete Lösungen aussehen?
Holger Jan Schmidt: Das kann ebenso der Ersatz für den Dieselgenerator wie auch der Verzicht auf Single-Use-Produkte sein. Die Gewichtung ist bei jedem Festival unterschiedlich. Es gibt große Potenziale, die natürlich auch bedeuten, dass es Entscheidungen gibt, mit denen nicht alle einverstanden sind. Ein Beispiel ist der Verzicht auf Fleisch im Catering. Der Einfluss auf den Fußabdruck wäre enorm, kann aber zu Gegenwind führen. Es könnte auch die Parksituation verändert werden, sodass mehr Menschen mit der Bahn anreisen. Das fänden einige unbequem oder sie vertrauen nicht auf die Zuverlässigkeit der Bahn. Mit diesen Entscheidungen stehen Festivals nicht alleine da; es sind dieselben, die Menschen in ihrem Privatleben treffen müssen.
Backstage PRO: Es gibt Projekte und Studien, beispielsweise Ticket To Ride von The Changency, die das Anreiseverhalten zu Konzerten von AnnenMayKantereit untersucht haben. Dabei zeigten sich aber Unterschiede je nach Veranstaltungsort. In Großstädten ist es leichter mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV anzureisen als in einem ländlichen Gebiet. Gibt es hier nicht einen Zielkonflikt zwischen der Stärkung der Kultur im ländlichen Bereich und der ausbaufähigen Infrastruktur?
Holger Jan Schmidt: Der Zielkonflikt betrifft nicht nur die Festivalbranche. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr auf dem Land ist eine andauernde Herausforderung, die eben auch die Festivalbranche betrifft. Große Veranstaltungen wie Wacken, Rock am Ring oder Hurricane werden nicht in der Großstadt organisiert, sondern finden in ländlichen Regionen statt. Die Infrastruktur ist nicht unbedingt auf die Beförderung von 80.000 Menschen an einem Wochenende ausgelegt.
Backstage PRO: Wie können Festivals, gerade in ländlichen Regionen, darauf Einfluss nehmen?
Holger Jan Schmidt: Die Veranstaltungen können Angebote dazu buchen, und das ist natürlich auch eine finanzielle Frage. Wenn ich möchte, dass Menschen auf den Individualverkehr verzichten, muss ich ihnen eine Alternative bieten. Das bedeutet neben einem Shuttle auch, dass der Komfort eines Autos mit Kofferraum ersetzt wird, indem Lebensmittel zu Supermarktpreisen auf dem Gelände angeboten werden oder mietbare Zelte vorhanden sind. Nicht jedes Festival hat die finanziellen Mittel, um diese Alternativen umzusetzen.
Backstage PRO: Sie sind auch Generalsekretär von YOUROPE, einem Verband, der vornehmlich große europäische Festivals vertritt. Was ist Ihre Hauptaufgabe?
Holger Jan Schmidt: Ich bin in der Geschäftsführung und operativ tätig. Das bedeutet, ich organisiere auch Veranstaltungen, kuratiere Projekte oder halte den Kontakt nach Brüssel. Ich bin mit YOUROPE seit 2003 verbunden, damals wurde die Rheinkultur Mitglied des Verbands und Teil des bis heute funktionierenden Projekts European Talent Exchange. Neben den administrativen Tätigkeiten ist es meine Aufgabe Festivals zu vernetzen, sie dabei zu unterstützen, Wissen auszutauschen und zu vermitteln sowie die positiven Auswirkungen des Festivalsektors zu fördern, die über das reine Feiern der Acts auf der Bühne hinausgehen.
Backstage PRO: Wie läuft die Kommunikation zwischen den einzelnen Festivals ab? Sie haben kürzlich den European Festival Summit in Karlsruhe veranstaltet.
Holger Jan Schmidt: In unserem Bonner Büro laufen viele Informationen zusammen, die wir dann unter den Mitgliedern des Netzwerks über verschiedene digitale Kanäle oder bei regelmäßigen Treffen und Konferenzen verbreiten. Dazu zählt auch der Summit, den wir in Karlsruhe als Abschluss unseres dreijährigen EU-Projekts "3F: Future-Fit Festivals" veranstaltet haben. Wir organisieren außerdem alle zwei Jahre die European Festival Conference, ein intimeres Treffen mit 50 bis 100 Menschen, in dem wir uns intensiv über die Festivalbranche austauschen. Das ist ein tourendes Format, um alle Regionen in Europa abzudecken. Zusätzlich werden im Rahmen der Europaprojekte, zu denen auch "3F" zählt, beispielsweise der European Festival Report und Tools wie die Green Road Map oder den Safety Report erarbeitet. Dafür kommen Menschen von verschiedenen Festivals zusammen, um ihre Erfahrungen und ihre Expertise einzubringen oder sich über Praxisbeispiele auszutauschen.
Backstage PRO: Wie gelingt es, die erarbeiteten Leitfäden mit Leben zu füllen und jenseits von Berichten wirklich etwas zu erreichen?
Holger Jan Schmidt: Der Verband kann keine Entscheidungen für die individuellen Festivals treffen. Wir können Hilfestellung durch die erarbeiteten Tools leisten, Formate schaffen, die die Branche inspirieren und darauf vertrauen, dass unsere Mitglieder diese Sachen umsetzen. Wir sind ein Verband von Praktikern für Praktiker und sprechen deshalb auf Augenhöhe und erarbeiten praxisnahe Lösungen für die Festivals, die ihnen in ihrer täglichen Arbeit helfen.
Backstage PRO: Aktuell ist das Festivalsterben ein großes Thema, wie zuletzt das Maifeld Derby in unserer Heimatstadt Mannheim gezeigt hat. In England scheint die Lage besonders ernst zu sein. Wie sehen Sie das, ist das erst der Anfang eines noch größeren Festivalsterbens?
Holger Jan Schmidt: Das Maifeld Derby ist Mitglied von YOUROPE, weshalb uns das besonders trifft. Ähnlich unerfreuliche Nachrichten hören wir auch aus den Niederlanden und außerhalb Europas in Australien. Ich sehe mit Sorge, wenn Veranstaltungen mit langjähriger Geschichte wie das Maifeld Derby oder das Melt! die Entscheidung treffen, die Segel zu streichen. Das Festivalsterben betrifft aber auch neue Formate, die sich nicht etablieren konnten und nach einem Versuch eingestellt werden.
Backstage PRO: Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen?
Holger Jan Schmidt: Ich glaube, es gibt sehr unterschiedliche Gründe, warum Veranstaltungen nicht mehr stattfinden. Wir haben immer noch eine hohe Anzahl an Festivals, unter anderem durch den Boom vor der Pandemie. Es könnte demnach auch sein, dass wir ein natürliches Auf und Ab erleben. Ein wichtiger Faktor ist aber zweifellos, dass wir in einer Zeit mit wirtschaftlichen Herausforderungen leben, die nicht nur unsere Branche beeinflussen, sondern auch dafür sorgen, dass Menschen weniger Geld für Tickets zur Verfügung haben. Gleichzeitig steigen die Produktionskosten aufseiten der Veranstalter und damit die Ticketpreise.
Backstage PRO: Sehen Sie öffentliche Institutionen in der Verantwortung, Festivals stärker zu fördern?
Holger Jan Schmidt: Der Popkultur-Bereich wird nicht ausreichend gefördert, um die aktuellen Entwicklungen aufzufangen. In anderen Ländern gibt es öffentliche Förderungen von Popular Music Festivals, insbesondere in Frankreich, wo das seit Jahren Standard ist. Ich vermute daher, dass noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Ich blicke besorgt auf die Entwicklung, meiner Einschätzung nach wird es aber immer Festivals in dieser Form geben, weil die Nachfrage nach diesen Erlebnissen besteht, die sie ein Leben lang begleiten.
Backstage PRO: Zum Schluss eine unmögliche Frage. Wie veranstaltet man ein erfolgreiches Festival?
Holger Jan Schmidt: Als Festival-Veranstalter muss man von seiner Idee überzeugt sein, auch inhaltlich. Wichtig ist außerdem, die Wünsche und Bedürfnisse der Zielgruppe zu kennen und darauf einzugehen. Dann braucht es Passion, einen guten Riecher für relevante Themen und Acts und eine gewisse Einzigartigkeit der Veranstaltung. Die kann im Programm liegen, aber auch in der Wahl des Veranstaltungsortes oder im Design bzw. Charakter des Festivals liegen. Am Ende kommt es auf die Mischung an.
Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch!
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