Wachsende Konzentration im Live-Sektor
So kontrollieren vier Unternehmen große Teile des europäischen Festivalmarkts
liveszene festivalorganisation musikbusiness booking
Das Highfield Festival im Jahr 2025. © Christian Grube
Die Studie "Ownership Concentration and Cultural Pluralism in Europe’s Live Music Sector" zeigt, dass mehr als 150 große Festivals in Europa zu den Entertainment-Konzernen Live Nation, Superstruct, CTS Eventim und AEG (Anschutz Entertainment Group) gehören.

© Foto: Live DMA/Reset
Hier gibt es die Grafik in hoher Auflösung.
So veranstaltet CTS Eventim in Deutschland durch die 100-prozentige Konzerntochter Eventim presents unter anderem Rock am Ring und Rock im Park. Zudem hält CTS Eventim etwas mehr als 50 Prozent an FKP Scorpio, das in Deutschland u.a. die Hurricane, Southside, Deichbrand und Highfield Festivals, in Österreich das Metastadt Open Air und in der Schweiz das Greenfield Festival organisiert.
In Österreich veranstaltet das Unternehmen über eine 71-prozentige Beteiligung an dem Veranstalter Barracuda die Frequency und Nova Rock Festivals und in der Schweiz hält es Mehrheitsanteile an Gadget Entertainment, das das Open Air St. Gallen organisiert.
Noch größer ist die Zahl der von Live Nation veranstalteten Festivals. Zu deren Portfolio zählen unter anderem Rock Werchter, Graspop, Dour und Pukkelpop in Belgien, die Lollapalooza-Ableger in Berlin und Paris sowie das splash! und Superbloom Festival in Deutschland. Besonders stark ist Live Nation zudem in Großbritannien vertreten. Neben den Reading und Leeds Festivals organisiert das Unternehmen auch die The Great Escape, Latitude, Parklife, Download, Wireless und Isle of Wight Festivals.
Superstruct Entertainment ist vielen Metal-Fans durch seine Beteiligung am Wacken Open Air bekannt. Die Schwerpunkte des Unternehmens liegen jedoch vor allem in Großbritannien, Spanien und den Niederlanden, wo Superstruct jeweils für die Organisation von mehr als einem Dutzend Festivals verantwortlich ist. In Deutschland ist das Unternehmen zudem am San Heimo Festival beteiligt.
Umfassender Einfluss
Die Studie analysiert zudem die Entwicklung der Marktkonzentration zwischen 2022 und 2025 und kommt zu dem Ergebnis, dass insbesondere Superstruct einen deutlichen Zuwachs an Festivalbeteiligungen verzeichnete.
Kontrollierte das Unternehmen 2022 noch 34 Festivals, waren es 2025 bereits 63. Live Nation (von 74 auf 78 Festivals) und CTS Eventim (von 42 auf 51 Festivals) wuchsen im selben Zeitraum deutlich moderater, während AEG seine Festivalbeteiligungen in Europa zwar verdoppelte, mit insgesamt zehn Festivals jedoch weiterhin ein vergleichsweise kleiner Akteur bleibt.
Die genannten Konzerne veranstalten jedoch nicht nur Festivals, sondern zusätzlich auch zahlreiche große Veranstaltungsorte und Teile des Ticketings. CTS Eventim und Live Nation sind über ihre jeweiligen Plattformen zudem in erheblichem Umfang im Kartenvertrieb tätig. Weitere Einflussmöglichkeiten ergeben sich im Booking sowie in den Bereichen Promotion und Merchandise.
Einflussreiche Persönlichkeiten
Die Studie hebt zudem den überproportionalen Einfluss einzelner Akteure auf das Live-Musikgeschäft hervor. So besitzt der US-amerikanische Medienunternehmer John C. Malone über sein Unternehmen Liberty Media rund 30 Prozent von Live Nation. Der 84-jährige Malone ist darüber hinaus Hauptaktionär von Warner Bros. Discovery und weiteren Medienunternehmen.
Eine dieser einflussreichen Persönlichkeiten stammt aus Deutschland: Der 74-jährige CTS-Eventim-Gründer und Vorstandsvorsitzende Klaus-Peter Schulenberg hält rund 38,8 Prozent der Aktien des Unternehmens. Vergleichsweise einfach ist die Struktur bei der Anschutz Entertainment Group (AEG), die sich vollständig im Besitz von Gründer Philip Anschutz (86) befindet.
Komplexer ist hingegen die Eigentümerstruktur von Superstruct: Henry Kravis (82) und George Roberts (82), die Mitgründer der börsennotierte Investmentgesellschaft KKR, halten jeweils etwas mehr als neun Prozent an dem Unternehmen. KKR wiederum ist Mehrheitsinvestor von Superstruct, ein kleinerer Teil der Anteile besitzt der Private-Equity-Investor CVC Capital Partners.
Auswirkungen auf das Geschäftsverhalten
Die unterschiedlichen Eigentümerstrukturen von Superstruct Entertainment, Live Nation und CTS Eventim wirken sich unmittelbar auf ihr Verhalten bei Festival-Akquisitionen aus. Superstruct verfolgt eine klassische Buy-and-Build-Strategie, die darauf abzielt, ein Portfolio aus mittelgroßen und großen Festivals aufzubauen, Synergien etwa bei Sponsoring, Ticketing oder Infrastruktur zu realisieren und den Unternehmenswert im Hinblick auf einen späteren Verkauf zu steigern.
In der Praxis führt dies dazu, dass Superstruct bei Übernahmen häufig schneller entscheiden kann, höhere Kaufpreise akzeptiert, Minderheitsbeteiligungen eingeht und bestehende Gründerteams im Management belässt. Gerade unabhängige Promoter, die ihre Marke erhalten wollen, gehen entsprechende Partnerschaften ein.
Live Nation betrachtet Festivals demgegenüber als Bestandteil eines global integrierten Wertschöpfungssystems aus Touring, Ticketing, Sponsoring, Venue-Netzwerk und Artist Management. Dadurch kann das Unternehmen Festivals etwa in internationale Tourpläne einbinden, Ticketumsätze mithilfe von Ticketmaster im eigenen Konzern halten oder globale Partnerschaften eingehen, beispielsweise im Sponsoring-Bereich. Aufgrund seiner Marktstellung sieht sich Live Nation allerdings insbesondere in Europa regelmäßig kartellrechtlichen Prüfungen ausgesetzt, was eine aggressive Zukaufsstrategie teilweise einschränkt.
CTS Eventim strebt mit seinen Festivalbeteiligungen hingegen vor allem die Sicherung von Ticketvolumen, die Stärkung nationaler Promoter-Netzwerke sowie den strategischen Zugang zu lokalen Märkten an. Das Unternehmen bietet Verkäufern langfristige Partnerschaften sowie die Integration in bestehende Ticketing- und Infrastrukturangebote, während unabhängige Festivalmarken vielfach weitergeführt werden.
Auswirkungen auf Festival Line-ups
Diese Entwicklung zeigt sich auch in den Line-ups der Festivals: Die großen Player verpflichten Acts nicht für ein Festival, sondern gleich für mehrere Events innerhalb des eigenen Portfolios. Das ermöglicht höhere Garantien, effizientere Tourplanung und eine deutlich stärkere Verhandlungsposition gegenüber Managements und Agenturen. Große Konzerne streuen dadurch Risiken, zahlen höhere Gagen und binden Artists langfristig durch Mehrfachbuchungen zu verschiedenen Festivals.
Bei Eventim zeigt sich diese Strategie besonders deutlich im Rock- und Crossover-Bereich. Acts wie Volbeat oder The Offspring spielen 2026 parallel bei Rock am Ring/Rock im Park, beim österreichischen Nova Rock und beim Greenfield Festival in der Schweiz – alles Festivals innerhalb desselben Konzernumfelds.
Globale Stars, globale Routen
Live Nation nutzt dieselbe Logik, allerdings stärker international skaliert. 2025 trat Justin Timberlake gleichzeitig bei Lollapalooza Berlin, I-Days Mailand und Frauenfeld auf – alles Live-Nation-Formate. 2026 setzt sich das fort. Florence + The Machine sind Headliner des Mad Cool Festivals in Madrid, des Down The Rabbit Hole Festivals in den Niederlanden und der I-Days Milano in Italien, die allesamt von Live Nation veranstaltet werden.
Da Florence + The Machine aber auch Headliner der FKP Scorpio/Eventim-Festivals Hurricane und Southside sind, zeigt, dass diese Strukturen durchlässig sind und die wenigsten Acts sich nur auf Auftritte innerhalb eines Konzernumfeld festlegen. Dennoch verdeutlichen diese Beispiele den Zusammenhang von weltweiten Tourplänen, Konzernstrukturen und einer zunehmend industrialisierten Festivalökonomie.
Herausforderungen für unabhängige Festivals
Die im vergangenen Jahr veröffentlichte Festivalstudie machte deutlich, dass große Festivals nur einen kleinen Teil der gesamten Festivallandschaft ausmachen, die in der Breite von ehrenamtlichem Engagement und kleinteiligen Strukturen geprägt ist. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung, dass viele Festivals in Deutschland Verluste erzielen und nur 62 Prozent der Veranstalter die Zukunft ihrer Events als gesichert ansehen.
Neben gestiegenen Kosten liegt dies auch daran, dass Veranstalter, die teilweise nur ein einziges Event organisieren, mit großen Organisationen konkurrieren, die über deutlich größere finanzielle Ressourcen verfügen. Konzernen, die zahlreiche Festivals veranstalten, fällt es leichter, Verluste auszugleichen, wirtschaftliche Durststrecken zu überstehen und neue Formate zu entwickeln. Zudem verfügen sie über größere Verhandlungsspielräume bei der Verpflichtung internationaler Top-Acts.
Politische Empfehlungen
Eine zu hohe Marktkonzentration könnte laut der aktuellen Studie von Reset! Network und Live DMA zu einem Ungleichgewicht führen, indem sie das bislang offene Gefüge der Branche in Strukturen verwandle, die Vielfalt, Fairness und Pluralismus einschränken, Innovationen behindern und möglicherweise sogar demokratische Grundwerte untergraben könnten.
Die Studie empfiehlt strengere Regelungen für Unternehmensübernahmen (M&A, Mergers & Acquisitions), um den Erwerb von Festivals, Veranstaltungsorten, Ticketing-Firmen und Booking-Agenturen stärker zu kontrollieren. Dazu soll die kartellrechtliche Beurteilung auch kulturelle Nachhaltigkeit, demokratische Werte, künstlerische Freiheit und kulturelle Vielfalt berücksichtigen.
Die Studie drängt auch auf gezielte Förderung von Akteuren, die im Einklang mit den Werten der EU agieren. Die EU soll auch gezielte Strategien zur Verhinderung von Marktkonzentration im Live-Musik-Sektor entwickeln. Zudem plädiert sie für gezielte Förderprogramme für kleine lokale Veranstaltungsorte, die häufig als Einstiegspunkte für Künstlerkarrieren dienen.
Fazit und Ausblick
In den letzten Jahren vollzieht sich fraglos eine verstärkte Konzentration des Live-Musik-Sektors in den Händen weniger Live-Entertainment-Konzerne. Aus Sicht der Wettbewerbsbehörden handelt es sich bei der Übernahme von Festivals um Käufe, die weit unter einem gesamtwirtschaftlich relevanten Schwellenwert liegen.
Das darf aber nicht der einzige Beurteilungsaspekt bleiben, denn Festivals haben ebenso wie die gesamte Live-Branche eine wichtige Bedeutung für ein möglichst breites und offenes kulturelles Leben. Daher gilt es die Auswirkungen der zunehmenden Konzentration auf dem Live-Markt zu beobachten, um die gesamte Bandbreite des europäischen Kulturlebens zu erhalten.
Ähnliche Themen
Unabhängigkeit soll gewahrt werden
Live Nation darf Pukkelpop Festival übernehmen, jedoch nur unter Auflagen
veröffentlicht am 17.09.2026
Debatte im EU-Parlament
Kulturverbände fordern strengere EU-Regelungen gegen Marktkonzentration im Live-Musikmarkt
veröffentlicht am 15.09.2026
Mit Blick in die Zukunft
Nach Festivalabsagen wegen Hitze: Wie Veranstalter auf extreme Wetterlagen reagieren können
veröffentlicht am 15.07.2026 2
Zunehmende Marktkonzentration auch bei Live-Venues
Auf dem Weg zu US-Verhältnissen? Wie Konzerne Europas Konzerthallen übernehmen
veröffentlicht am 22.04.2026 2
Auswirkungen werden geprüft
Belgische Wettbewerbsbehörde untersucht Übernahme des Pukkelpop Festivals durch Live Nation
veröffentlicht am 18.11.2025 1