Mit Blick in die Zukunft
Nach Festivalabsagen wegen Hitze: Wie Veranstalter auf extreme Wetterlagen reagieren können
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© Colin Lloyd via unsplash.com
Die jüngste Hitzewelle Ende Juni 2026 sorgte europaweit für Absagen von Outdoor-Events. Davon betroffen waren neben Festen, Umzügen, Sport- und Kinderevents auch zahlreiche Festivals und Open-Air-Shows.
In den Niederlanden wurde das von mehr als 100.000 Zuschauern besuchte Hardstyle-Festival Defqon.1 aufgrund einer Warnung des niederländischen Wetterdienstes vor extremer Hitze nach dem ersten Tag abgebrochen. In der Folge randalierten frustrierte Fans auf dem Gelände, bevor sich die Lage beruhigte und die Besucherinnen und Besucher ohne weitere Zwischenfälle abreisten.
Absagen auch in Deutschland
In Deutschland sagten die Veranstalter das Sunset Beach Festival am Stausee in Haltern, bei dem auch der Hamburger Künstler Jan Delay auftreten sollte, wegen der großen Hitze ab. Die kurzfristig möglichen Maßnahmen hätten nicht ausgereicht, um die Sicherheit aller Gäste, Musikschaffenden, Mitarbeitenden und weiteren Beteiligten gewährleisten zu können.
Die Organisatoren des Kessel Festivals in Stuttgart entschieden sich nach dem Festivalfreitag zur Absage des Samstags. Die außergewöhnliche Wetterlage habe alle Bereiche des Festivals über viele Stunden hinweg an ihre Belastungsgrenzen geführt. Dazu zählten "nicht nur die Menschen", sondern auch Infrastruktur, Abläufe und technische Systeme. Eine "sichere und qualitativ verantwortbare Durchführung des zweiten Veranstaltungstags" sei angesichts der für den Samstag vorhergesagten Temperaturen nicht zu gewährleisten.
Das Fusion Festival in Mecklenburg-Vorpommern fand hingegen statt, abgesehen von einer dreistündigen Unterbrechung am Festivaldonnerstag wegen Bränden in der Umgebung, die aber schnell eingedämmt waren.
Neue Gefahren erfordern neue Maßnahmen
Grundsätzlich sind wetterbedingte Absagen selten, kommen aber durchaus vor. Wenn Live-Veranstaltungen nicht wie geplant stattfinden konnten, waren in der Vergangenheit vor allem Unwetter die Ursache, wie beispielsweise beim Abbruch von Rock am Ring in Mendig im Jahr 2016. Absagen wegen übermäßiger Hitze gab es bisher nur wenige. Das könnte sich aber ändern.
Ungewöhnlich an der aktuellen Hitzewelle waren nicht nur die Temperaturen, sondern auch der frühe Zeitpunkt Ende Juni. Es spricht vieles dafür, dass sich solche Ereignisse künftig verstärken werden, was wiederum die Frage aufwirft, wie Veranstaltende mit solchen extremen Wetterlagen umgehen sollen.
Wie Veranstaltungen auf Hitze vorbereitet werden können
Anders als bei einem plötzlich aufziehenden Unwetter entwickelt sich eine Hitzelage meist über mehrere Tage. Das verschafft Veranstaltern zwar Zeit zur Vorbereitung, verlangt aber gleichzeitig eine andere Form des Risikomanagements. Die Hochschule Osnabrück hat dazu im Rahmen des Projekts KlimaEvent Lösungen entwickelt und stellt sie online kostenlos zur Verfügung.
Im Mittelpunkt steht zunächst die Frage, wie sich die Belastung für Besucher, Künstler und Crew bei extremer Hitze möglichst gering halten lässt. Dazu gehören ausreichend frei zugängliche kostenlose Trinkwasserstellen, schattige Aufenthaltsbereiche sowie Möglichkeiten zur Abkühlung durch Sprühnebel, Ventilatoren oder klimatisierte Rückzugsorte. Gleichzeitig müssen Sanitätsdienste auf eine höhere Zahl hitzebedingter Einsätze vorbereitet werden.
Kommunikation als zentrales Element
Ebenso wichtig ist die Kommunikation. Besuchende sollten bereits vor der Anreise über die Wetterlage, Trinkwasserangebote, Schattenbereiche oder die Möglichkeit informiert werden, eigene Wasserflaschen mitzubringen. Wichtig ist zudem die Bereitstellung von Sitzmöglichkeiten und Ruhezonen.
Während der Veranstaltung können Lautsprecherdurchsagen, LED-Wände oder Social-Media-Kanäle dabei helfen, Verhaltenshinweise schnell zu verbreiten und die Eigenverantwortung des Publikums zu stärken.
Rücksichtnahme auf Mitarbeitende
Extreme Hitze verändert auch die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Aufbau- und Abbauarbeiten lassen sich aber nur teilweise in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden verlegen, auch bei höchsten Temperaturen müssen Soundchecks durchgeführt und Auf- und Abbauarbeiten durchgeführt werden.
Zusätzliche Pausen, leichte Arbeitskleidung, Kühlwesten und ausreichend Trinkwasser können die körperliche Belastung für Stagehands, Security, Catering und Technik reduzieren, aber nicht völlig beseitigen.
Wetterbeobachtung wird zur Daueraufgabe
Entscheidend ist eine kontinuierliche Beobachtung der Wetterentwicklung. Viele Veranstaltende verfolgen bereits heute Wetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes oder arbeiten bei größeren Produktionen mit professionellen Wetterdiensten zusammen. Deren Prognosen liefern standortgenaue Informationen und ermöglichen es, Schutzmaßnahmen rechtzeitig einzuleiten.
Dabei gewinnt zunehmend der sogenannte WBGT-Index (Wet Bulb Globe Temperature) an Bedeutung. Anders als die reine Lufttemperatur berücksichtigt dieser Index zusätzlich Sonneneinstrahlung, Luftfeuchtigkeit und Wind und beschreibt damit die tatsächliche Wärmebelastung des menschlichen Körpers deutlich präziser. Gerade im Sportbereich wird der WBGT bereits seit Jahren genutzt, auch für Festivals und Konzerte könnte er künftig als Entscheidungsgrundlage dienen. Der WBGT kann beispielsweise durch verschiedene Apps ermittelt werden.
Auf Basis dieser Werte lassen sich Maßnahmen stufenweise verschärfen: von zusätzlichen Wasserausgabestellen über mehr Schatten und Abkühlungsmöglichkeiten bis hin zu Programmänderungen oder längeren Pausen für Mitarbeitende. Erst wenn die gesundheitlichen Risiken trotz aller Schutzmaßnahmen nicht mehr vertretbar erscheinen, sollte eine Unterbrechung oder Absage der Veranstaltung in Betracht gezogen werden.
Vorsorge auch gegen Sturm und Unwetter
Nicht nur Hitze, auch Unwetter, Sturm und Starkregen können die Durchführung von Open Air-Veranstaltungen beeinträchtigen. Daher sind auch in diesen Bereichen Leitfäden notwendig.
Die Grundprinzipien ähneln sich: Wetterbeobachtung, Risikoanalyse, klare Verantwortlichkeiten, abgestufte Maßnahmen und transparente Kommunikation bilden die Grundlage eines modernen Wettermanagements.
Für Unwetter oder Sturm spielen beispielsweise die Standsicherheit temporärer Bauten wie Zelten oder Pavillons, die Sicherung der technischen Infrastruktur, regelmäßige Kontrollen der Standsicherheit, definierte Windgrenzwerte und Evakuierungspläne in Abstimmung mit den lokalen Sicherheitsbehörden eine zentrale Rolle.
Bei Starkregen stehen dagegen Geländeanalyse zur Identifizierung gefährdeter Bereiche, die Kontrolle der Entwässerung, der Schutz elektrischer Infrastruktur sowie alternative Verkehrs- und Rettungswege im Vordergrund.
Gemeinsam ist allen Szenarien, dass Entscheidungen möglichst nicht erst während der Krise getroffen werden sollten, sondern bereits im Sicherheitskonzept vorbereitet sein sollten.
Wer entscheidet über Absagen?
Die Entscheidung über eine Absage oder Unterbrechung einer Veranstaltung liegt grundsätzlich beim Veranstalter. Er trägt die Verantwortung dafür, die Sicherheit von Besucherinnen und Besuchern, Beschäftigten und Mitwirkenden im Rahmen seiner Versicherungspflichten zu gewährleisten.
Ergibt die Gefährdungsbeurteilung, dass erhebliche Gesundheits- oder Sicherheitsrisiken auch durch zusätzliche Schutzmaßnahmen nicht mehr auf ein vertretbares Maß reduziert werden können, kann eine Absage oder ein Abbruch nicht nur sinnvoll, sondern im Einzelfall auch rechtlich geboten sein.
Eine gesetzlich festgelegte Temperatur oder ein allgemeingültiger Grenzwert, ab dem Veranstaltungen automatisch abgesagt werden müssen, existiert allerdings nicht. Stattdessen erfolgt die Entscheidung auf Grundlage einer individuellen Risikobewertung.
Dabei spielen Wetterprognosen, örtliche Gegebenheiten, die Art der Veranstaltung, die Besucherstruktur sowie die vorhandenen Schutzmaßnahmen eine Rolle. Behörden können bei konkreten Gefahrenlagen ebenfalls Auflagen erteilen oder eine Veranstaltung untersagen.
Versicherungen decken nicht jedes Wetterrisiko
Auch versicherungsrechtlich sind Extremwetterlagen nicht immer eindeutig geregelt. Eine klassische Veranstalterhaftpflichtversicherung ersetzt grundsätzlich keine finanziellen Verluste, die durch eine wetterbedingte Absage entstehen. Dafür kommen - sofern abgeschlossen - spezielle Ausfall- oder Event-Cancellation-Versicherungen infrage. Deren Leistungsumfang unterscheidet sich jedoch erheblich.
Während manche Policen behördlich angeordnete Absagen oder klar definierte Wetterereignisse abdecken, schließen andere Hitze oder bestimmte Naturereignisse ausdrücklich aus oder knüpfen die Leistung an festgelegte Schwellenwerte. Veranstalter sollten deshalb bereits bei der Planung prüfen, welche Wetterrisiken ihre Versicherung tatsächlich abdeckt und welche Nachweise im Schadensfall erforderlich sind.
Wetterextreme werden Teil der normalen Veranstaltungsplanung
Die Absagen im Frühsommer 2026 könnten mehr sein als eine außergewöhnliche Momentaufnahme. Vieles spricht dafür, dass Veranstaltende künftig häufiger mit lang anhaltenden Hitzeperioden, intensiveren Starkregenereignissen und extremeren Stürmen rechnen müssen.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass mehr Festivals abgesagt werden. Wahrscheinlicher ist, dass Wetterextreme künftig ähnlich selbstverständlich in die Planung einfließen wie Brandschutz, Crowd Management oder Notfallmedizin. Sicherheitskonzepte werden um Klimarisiken ergänzt, Wetterbeobachtung professioneller organisiert und Maßnahmen früher vorbereitet.
Die Erfahrungen der vergangenen Wochen zeigen jedenfalls: Extreme Hitze entwickelt sich immer mehr zu einem sicherheitsrelevanten Faktor, der über den erfolgreichen Verlauf einer Veranstaltung – oder im Extremfall über ihre Absage – entscheiden kann.
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