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"Ich wünsche mir, dass größere Bands bewusst kleinere Festivals spielen."

Wie es ist, im Jahr 2026 ein erfolgreiches Festival zu veranstalten: Julian Reininger vom Green Juice Festival im Gespräch

Interview von Marcell Rogmann
veröffentlicht am 06.05.2026

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Wie es ist, im Jahr 2026 ein erfolgreiches Festival zu veranstalten: Julian Reininger vom Green Juice Festival im Gespräch

Julian Reininger. © Frederic Hafner

Julian Reininger veranstaltet 2026 zusammen mit seinem Bruder Simon in Bonn bereits zum 18. Mal das Green Juice Festival. Im Interview berichtet er von den Herausforderungen beim Booking, steigenden Kosten, gibt Tipps für Nachwuchs-Acts und ordnet die aktuelle Lage der Festivalszene ein.

BackstagePRO: Hi Julian, seit 2008 veranstaltet ihr das Green Juice Festival in Bonn Vilich. Damals wart ihr noch Teenager mit einer kleinen Bühne im Hintergarten eurer Eltern. Mittlerweile kommen 7.500 Menschen pro Tag und Acts wie Beatsteaks oder Casper haben bei euch gespielt. Wie fühlt sich diese Entwicklung für euch an?

Julian Reininger: Wir haben das Festival ins Leben gerufen, um mit unserer eigenen Band dort zu spielen, hatten aber keinen Plan, wohin die Reise geht. Was sich daraus entwickelt hat, ist eigentlich das Schöne, denn wir konnten unser Hobby zum Beruf machen. Daraus ist unsere Eventagentur entstanden, mit der wir heute hauptsächlich Firmenveranstaltungen betreuen. Und weil das unser Schwerpunkt ist, können wir uns den Luxus leisten, das Green Juice weiter nebenher zu veranstalten, obwohl es am Ende oft eine Nullnummer ist oder wir sogar draufzahlen.

"Die erste Ausgabe hat 300 Euro gekostet. Heute liegt das Festivalbudget bei knapp einer Million."

BackstagePRO: Was ist über die Jahre anders geworden und was ist gleich geblieben? 

Julian Reininger: Die Struktur im Hintergrund ist im Kern gleich geblieben, hat sich aber natürlich immer weiter professionalisiert. Der Prozess ist derselbe: Datum suchen, Budget planen, Sponsoren akquirieren, Bands buchen und schauen, dass alles finanzierbar bleibt. Der Unterschied liegt vor allem in der Dimension. Die erste Ausgabe hat vielleicht 300 Euro gekostet. Heute liegt das Festivalbudget bei knapp einer Million Euro.

BackstagePRO: Wie hat sich eure Arbeitsweise geändert?

Julian Reininger: Früher haben wir befreundete Bands gefragt, heute schreiben wir gezielt Agenturen an. Die Budgetplanung läuft komplett anders. Wir arbeiten mit Projektplänen und digitalen Tools, während früher vieles über persönliche Kontakte lief. Außerdem müssen wir insgesamt deutlich früher dran sein. Bookings starten viel früher, die Kosten sind in allen Gewerken gestiegen und man muss exakter kalkulieren und stärker vergleichen, was überhaupt machbar ist.

Backstage PRO: Wie hat sich das Publikumsverhalten verändert?

Julian Reininger: Wir haben das Gefühl, dass viele Leute nicht mehr auf fünf Festivals im Jahr gehen, sondern eher auf eins oder maximal zwei. Deshalb ist es umso wichtiger, möglichst früh mit einem starken Line-up dazustehen. Die großen Festivals geben ihr Line-up ja auch sehr früh bekannt.

Backstage PRO: Wenn es am 31. Juli und 1. August wieder soweit ist: wie sieht ein klassischer Tag für dich als Chef des Festivals aus? Wie viele Dinge musst du noch aktiv managen, was habt ihr mittlerweile an euer Team abgegeben?

Julian Reininger: Bei mir ist das an den Festivaltagen tatsächlich ziemlich wild. Mein Bruder ist viel draußen unterwegs, ich bin eher der Bürotyp. Außerdem bin ich inzwischen so etwas wie der "Head of Payment". Wir sind komplett bargeldlos, alles läuft über EC, und dieses ganze System liegt im Grunde in meiner Verantwortung. 

Ich richte die Geräte ein, kümmere mich um WLAN-Passwörter, Beschriftungen und die Produkte für die Gastro-Partner. Jedes Terminal habe ich zehnmal in der Hand. Wenn das nicht funktioniert, haben wir ein massives Problem, weil niemand Bargeld dabei hat und wir nicht einfach auf ein anderes System wechseln können.

Parallel mache ich seit ein paar Jahren auch das Feuerwerk selbst. Mein Puls wird ehrlich gesagt erst wieder niedriger, wenn das Festival vorbei ist, weil das Feuerwerk immer in den letzten Sekunden des Headliners kommt.

Julian und Simon Reininger

Julian und Simon Reininger, © Frederic Hafner

Backstage PRO: Du hast während des Festivals vermutlich kaum eine Verschnaufpause?

Julian Reininger: Während der Veranstaltung bin ich tatsächlich ständig unterwegs. Eigentlich möchten wir jeder Band kurz "Hallo" sagen, aber meistens schaffen wir es gerade einmal nach dem Headliner kurz in den Artist-Bereich. Ansonsten renne ich zwischen VIP-Bereich, Einlass, Presse und allem, was gerade brennt.

Backstage PRO: Ruhige Momente gibt es also fast keine?

Julian Reininger: Kaum. Wenn ich mal eine Sekunde habe, gehe ich kurz zum Weinstand unserer Eltern oder fahre zum Campingplatz. Aber grundsätzlich stehe ich dauerhaft unter Druck. Man wird ständig angesprochen, hat Meetings mit Behörden oder wird aus Gesprächen wieder rausgezogen.

Obwohl wir heute viel mehr Leute im Team haben, habe ich kurioserweise vor Ort mehr Arbeit als früher. Das Festival ist größer geworden, das Risiko auch, und es gibt neben Aspekten inzwischen viel mehr Faktoren, die schiefgehen können – inklusive Wetter. Die Kunst ist, sich das nicht anmerken zu lassen. Ich versuche immer, ruhig zu bleiben und Lösungen zu finden.

Backstage PRO: Was sind für euch die größten Kostenpunkte?

Julian Reininger: Ich spreche gerne von drei Säulen: Marketing, Infrastruktur und Booking. Marketing ist wichtig, weil es so viele Veranstaltungen gibt und die Leute weniger Budget haben. Nach fast 20 Jahren müssen wir immer noch in Köln bei Konzerten Flyer verteilen, um Leute auf uns aufmerksam zu machen. Ich habe jedes Jahr das Gefühl, dass wir weiterhin richtig arbeiten müssen, um sichtbar zu bleiben.

Die Infrastruktur ist über die Jahre massiv gewachsen, einschließlich des Personals. Die Bühne ist immer größer geworden, auch weil die Acts entsprechende Vorgaben haben. Dazu kommen Aufbau und Abbau, Transporte, Technik, Strom, Internet, Wasserleitungen und natürlich der Sicherheitsdienst. Früher hatten wir ein selbstgemachtes Security-T-Shirt und zehn Freunde, die ein bisschen aufgepasst haben. Heute sind das eher 50 bis 60 voll bezahlte Sicherheitskräfte über zwei Tage im Schichtdienst.

Dazu kommen die ganzen Aufbauten: Pagoden, der Künstler*innenbereich, Container und so weiter. Für Schlechtwetter liefern wir seit ein paar Jahren sogar Schwerlastplatten an, damit LKW im Zweifel überhaupt auf die Wiese kommen. Das sind alles Themen, über die ich 2008 nie nachgedacht hätte, die aber durch das Wachstum einfach dazugehören. 

Und dann das Booking: Die Gagen sind in den letzten Jahren stark gestiegen, besonders nach Corona. Teilweise verdoppeln sich die Preise von einem Jahr aufs nächste. Woran das genau liegt, kann ich nicht immer sagen.

Das Green Juice Festival im Jahr 2024

Das Green Juice Festival im Jahr 2024, © Lukas Held

Backstage PRO: In Deutschland und Europa sterben immer mehr Festivals. Das jüngste Beispiel ist das Rocco del Schlacko. Wie blickt ihr auf diese Entwicklung?

Julian Reininger: Das macht mich traurig. Beim Rocco del Schlacko hat das sogar noch eine persönliche Note, weil mein Bruder und ich als Teenager mit Freunden dort hingefahren sind. Mit dem Festival sind wir ein Stück weit groß geworden, haben uns viel abgeguckt und dort ganz viel "Festival-Liebe" mitgenommen. Es war definitiv ein Vorbild.

Aber man muss realistisch sein: Wenn es finanziell nicht mehr funktioniert, ist es oft der richtige Schritt, aufzuhören, anstatt in die Insolvenz zu rutschen. Ich hoffe, dass das nicht nur andere Veranstalter wachrüttelt, sondern auch die Besucher*innen. Festivals müssen mehr Unterstützung bekommen, indem man hingeht, indem man sie mitträgt. Und auch in Richtung Künstler*innen hoffe ich auf ein Umdenken. Festivals müssen spielbar bleiben, auch zu Gagen, die bezahlbar sind.

Backstage PRO: Was sind die Herausforderungen, wenn es um das Booking in dieser Indie-Nische geht? 

Julian Reininger: Wir befinden uns in einer schwierigen Größe. Viele Acts könnten auch auf größeren Festivals spielen, mit ganz anderen Budgets. Gleichzeitig ist der Pool an passenden Headlinern relativ klein, vielleicht 20 Bands.

Dazu kommen Themen wie Gebietsschutz. Bands, die bei großen Festivals spielen, können oft nicht bei uns auftreten. Zudem verfügen die großen Festivals über sehr viel mehr Ressourcen. Am Ende bleiben manchmal nur ein oder zwei Optionen.

Und dann gibt es die Wunsch-Acts. Ich habe letztens eine alte Mail von 2010 wiedergefunden. Damals musste ich schon schreiben, dass wir uns Kraftklub leider nicht leisten können. Und klar, wir sind seitdem gewachsen, aber Kraftklub eben auch. Viele unterschätzen die Kosten. 

Ich wünsche mir, dass solche Bands, so wie es die Beatsteaks auch mal gemacht haben, bewusst kleinere Festivals spielen und dafür eine geringere Gage nehmen. 

Backstage PRO: Was bleibt als Ergebnis für den Booking-Prozess?

Julian Reininger: Booking ist ein extrem schmaler Grat und ein riesiges Puzzle. Welche Bands wünschen sich die Leute, welche sind realistisch bezahlbar, welche sind überhaupt verfügbar, welche waren schon mal da? Und egal, wie man es macht – man trifft nie jeden Geschmack.

"Wir vergeben Opener-Slots bewusst an regionale Bands.“

Backstage PRO: Auf dem Green Juice spielen jedes Jahr einige lokale Acts, die noch nicht wirklich bekannt sind. Wie wichtig ist das Thema Nachwuchsförderung für euch?

Julian Reininger: Das Festival gibt es nur deshalb, weil wir damals Auftrittsmöglichkeiten gesucht und nichts gefunden haben. Deshalb finde ich es bis heute total cool, jungen, aufstrebenden Bands eine Bühne zu bieten. Für viele ist das ein Jahreshighlight: einmal auf so einer großen Bühne stehen. 

Gleichzeitig ist Nachwuchsförderung auch ein ganz bewusster Teil unseres Denkens. Es gehört für uns dazu, der jungen Musikszene aus der Umgebung eine echte Möglichkeit zu geben. Natürlich spielen auch finanzielle Erwägungen eine Rolle. Die erste Band des Tages spielt in der Regel nicht vor so vielen Besuchern, daher können wir keine hohen Gagen zahlen. Wir zahlen den lokalen Openern aber zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung.

Backstage PRO: Wie sucht ihr die Bands aus?

Julian Reininger: Wir vergeben die Opener-Slots bewusst an regionale Bands, wobei es nicht nur um die Musik geht – sie müssen auch menschlich ins Festival passen und gut mit uns zusammenarbeiten. Mit der Rookie Stage haben wir das Ganze zuletzt noch erweitert, um noch mehr lokalen Acts eine Plattform zu bieten. 

Eine der schönsten Mails ist immer noch, wenn man einer Newcomer-Band schreibt: "Habt ihr Bock, beim Green Juice zu spielen?" So eine Anfrage hätte ich früher selbst gerne bekommen. Die Energie und Begeisterung dieser jungen Bands ist für uns immer wieder ein großer Antrieb – das ist ein ganz anderer Vibe als bei etablierten Acts.

Backstage PRO: Welche Tipps könnt ihr jungen Acts geben, wenn es darum geht, auf sich aufmerksam zu machen? Was sollte auf Social Media geschehen, wie viel sollte man live gespielt haben, wie steht es um Releases?

Julian Reininger: Ich glaube, das Wichtigste ist erstmal der "normale Weg" und eine sympathische, saubere Bewerbung über die Kanäle, die ein Festival anbietet. Zweitens: Nutzt Social Media. Wenn eine Band das gut macht und genauso viel Herz reinsteckt wie wir als Veranstalter, dann wird man darauf aufmerksam. Und ganz wichtig: nicht aufgeben. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man gesehen wird.
 

"Wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht"

Backstage PRO: Neben dem Green Juice habt ihr vor einigen Jahren eure eigene Eventagentur gegründet: fünfdrei. Wie kam es dazu und was macht ihr genau?

Julian Reininger: Wir haben fünfdrei gegründet, weil wir gemerkt haben, dass wir unsere Zukunft deutlich verlässlicher sichern können, wenn wir nicht nur öffentliche Veranstaltungen machen, sondern vor allem Firmenveranstaltungen. Beim Festival hängt viel davon ab, wie das Wetter wird und ob die Leute kommen. Bei Corporate Events gibt es dagegen einen klaren Auftrag und ein festes Budget.

Backstage PRO: Welche Firmenevents veranstaltet ihr?

Julian Reininger: Das reicht von mehrtägigen Summits irgendwo in Europa über Roadshows, Produktlaunches, Firmenjubiläen bis hin zu Gala-Abenden. Ein Highlight sind natürlich Firmenfestivals, das passt einfach am besten zu unserer Erfahrung und macht mir auch am meisten Spaß. Ein gutes Beispiel ist auch das Jubiläum der Deutschen Telekom, das wir letztes Jahr als großes Outdoor-Event im Corporate-Stil umgesetzt haben: Hochglanz bis ins Detail, aber mit dem Know-how aus Festival, Open Air und dem ganzen behördlichen Setup.

BackstagePRO: Wie viele Leute arbeiten für euch?

Julian Reininger: Inzwischen sind wir ungefähr 25 bis 30 Mitarbeitende. Weitere drei bis vier Leute davon arbeiten parallel am Green Juice. Damit leben wir diesen Traum weiter. Das ganze Team ist hochmotiviert, alle machen das gern und ich glaube, das merken unsere Kunden auch. Da sitzt eben nicht "nur" jemand aus der Eventbranche, sondern jemand mit Herzblut und an der Spitze zwei Brüder, die 2008 ihr Hobby zum Beruf gemacht haben.

BackstagePRO: Was habt ihr aus eurer Erfahrung als Konzert- und Festivalveranstalter in die Welt der Corporate Events mitgenommen?

Julian Reininger: Ich glaube, wir haben vor allem zwei Sachen gelernt. Zum einen gibt es das ganze Risikothema: Versicherungen, Unwetterberatung, Sicherheitskonzepte, behördliche Auflagen, Genehmigungen und alles, was damit zusammenhängt. Viele Firmen haben das gar nicht auf dem Schirm. Der zweite Punkt ist das Agieren als Veranstalter, also Herr über das Budget zu sein und die Verantwortung zu tragen. Das sind wir beim Green Juice seit Jahren: Wir budgetieren selbst, drehen jeden Cent dreimal um, verhandeln, verhandeln, verhandeln und streichen im Zweifel auch Dinge, damit es am Ende passt. Genau diese Brille setzen wir auch bei Corporate Events auf. Wir denken mit, hinterfragen und versuchen, das Gesamt-Event zu optimieren. 

BackstagePRO: So wie beim Green Juice.

Julian Reininger: Genau. Die Erfahrung, selbst ein Festival zu organisieren, hilft uns enorm dabei, Veranstaltungen für andere zu planen. 

Backstage PRO: Vielen Dank für das Interview!

Personen

Julian Reininger

CEO fünfdrei eventagentur & Green Juice Festival aus Bonn Schlagzeuger aus Bonn

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