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Er steht an 180 von 365 Tagen auf der Bühne

"Man muss wissen, was man wert ist:" Christopher Noodt über das Leben als Live-Musiker

Interview von Mario Rembold
veröffentlicht am 08.06.2016

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"Man muss wissen, was man wert ist:" Christopher Noodt über das Leben als Live-Musiker

Christopher Noodt. © Wolfgang Frank (Frank-Fotografie.de)

Was haben Mark Forster, Sasha und Sido gemeinsam? Was verbindet die Kabarettistin Andrea Bongers mit Tatort-Darsteller Jan Josef Liefers und Eurythmics-Ikone Dave Stewart? Oder die Ohrbooten, Vanilla Ninja und Ferris MC? Antwort: Sie alle standen schon mit Christopher Noodt auf der Bühne. Solche Stars auf der Bühne zu begleiten, davon träumen viele Musiker. Wir wollten von Christopher wissen, wie er an solche Aufträge kommt und sich auf diese Konzerte vorbereitet. Und ob man davon überhaupt leben kann.

Christopher Noodt spielt in Bands diverser Interpreten, stand schon an der Gitarre und am Bass. Meistens aber bedient er die Tasten und tobt sich an Klavier und Keyboard aus. Das habe er schon als Kind gelernt, erzählt er uns.

Backstage PRO: Was muss man tun, um zusammen mit Dave Stewart auf der Bühne zu stehen?

Christopher Noodt: Da wird man angerufen und gefragt, ob man Zeit hat.

Backstage PRO: Also bei mir hat er bisher noch nicht angerufen!

Christopher Noodt: Das ist auch ein bisschen kurios. Aber Dave Stewart sammelt sich immer wieder neue Bands zusammen, weil er der Meinung ist, dass das Spielen mit einer festen Band dazu führt, dass man sich irgendwann langweilt. Das funktioniert bei ihm sehr gut, weil er ein Typ ist, der stets wach und aufmerksam sein möchte. Und das erreicht er auf jeden Fall dadurch, dass er immer mit Leuten auf der Bühne steht, die er gar nicht kennt, und dass auch auf der Bühne Dinge passieren, die nicht geplant und nicht geprobt waren.

Backstage PRO: Wirst du bei solchen Anfragen dann für eine ganze Tour gebucht oder nur für einzelne Auftritte?

Christopher Noodt: Bei Dave Steward war es jetzt nur ein Konzert im Rahmen einer Arte-Aufzeichnung, Live in Berlin. Es gibt aber auch ähnliche Fälle, wo ich eine ganze Tour spiele. Das kommt auch vor.

"Das Beherrschen des Instruments ist nicht alles"

Backstage PRO: Also ich kenne zwar einige Eurythmics-Songs und vielleicht ein oder zwei ältere Solo-Sachen von Dave Stewart. Du musst aber an diesem einen Abend dann alles draufhaben, was er beim Konzert spielen will. Ist das nicht enorm viel Aufwand für einen einzigen Auftrag?

Christopher Noodt: Ich wusste natürlich, wer Dave Stewart ist, aber erst nach dem Anruf habe ich mich wirklich mit seinem Werk beschäftigt und konnte tatsächlich gar nicht glauben, was der alles gemacht hat in seinem Leben. Und auch immer noch tut. Ich hab mir dann einfach das Material angehört, was mir sein Bassist aus Los Angeles geschickt hat, habe ein paar Notizen gemacht und bin zur Probe gegangen. Der erste Tag der Probe war Kaffee trinken und sich kennenlernen. Am zweiten Tag haben wir dann ein bisschen gespielt und dann kam schon das Konzert. Das war alles unkonventionell.

Backstage PRO: Ich stelle mir das als große Herausforderung vor, wenn du keine feste Band hast, sondern immer wieder mit anderen Musikern zu tun hast. Auch wenn du dein Instrument beherrschst, weißt du ja nie, was dich erwartet und musst dich immer wieder auf neue Leute einlassen. Hat man bei diesen ständig wechselnden Bedingungen nicht großes Lampenfieber? Oder wird das irgendwann zur Routine?

Christopher Noodt: Diese soziale Komponente beim Musikmachen und Spielen mit Bands ist ein ganz wesentlicher und spannender Teil. Ich glaube auch, dass das Beherrschen des Instruments nicht alles ist. Die Fähigkeit, sich auf die anderen einzustellen und irgendwie in einem Gefüge von Musikern zu funktionieren und mit denen zusammen Spaß zu haben, das ist mindestens genauso wichtig und wertvoll. Für mich ist das weniger Lampenfieber als eigentlich eher die Freude darauf, wieder mit neuen Leuten zusammenzukommen. Bisher war das bei mir fast immer so, dass wir eine gute Zeit hatten. Man lernt dabei ja Leute kennen, die bestenfalls auch so etwas wie Freunde sind.

"Vieles hängt von den Sounds ab"

Backstage PRO: Wie genau bereitest du dich denn auf Livekonzerte vor? Hörst du selber die Harmonien raus und improvisierst dazu? Oder bekommst du ganz konkrete Notensätze zugeschickt, an die du dich halten sollst?

Christopher Noodt: Das ist tatsächlich von Fall zu Fall unterschiedlich. Häufig ist es so, dass man einfach nur die Songs als MP3s bekommt und dann gucken muss, wie man das zum Klingen bringt. Gerade in der Popmusik hängt vieles gar nicht vom reinen Notenmaterial ab, sondern vielmehr von den Sounds, von der Art, wie es arrangiert ist, von der Instrumentierung. Da geht es also weniger um den C-dur-Akkord, sondern dass man guckt: Wie erzeuge ich diesen Sound? Das ist im Pop wesentlich wichtiger.

Ich bin auch kein Notenmensch und gehe vor allem ungern mit Noten auf die Bühne, weil ich auf der Bühne den Fokus auf andere Sachen richten möchte als ein Blatt Papier oder den iPad vor mir. Bei mir ist es nämlich so: einmal Noten, immer Noten. Wenn ich mich also einmal in der Probe dran gewöhnt habe, irgendwas abzulesen, dann werd ich das vermutlich in der Show dann auch brauchen. Also versuch ich lieber von Anfang an, mir das Zeug übers Ohr in mein Gedächtnis zu bringen.

Backstage PRO: Du hast ja mit allen möglichen Künstlern auf der Bühne gestanden. Popmusik, Kabarett, und ich weiß, dass du außerdem in Theater-Projekte involviert bist. Aber wie bekommst du das alles unter einen Hut? Hast du immer ein Projekt zur selben Zeit oder laufen solche Dinge parallel?

Christopher Noodt: Ich versuche immer zu vermeiden, dass viel parallel läuft. Aber das kommt auch vor und es gab lange Phasen in meinem Leben, wo es teilweise sechs Abende hintereinander mit sechs verschiedenen Bands in sechs verschiedenen Städten waren. Das nervt tatsächlich irgendwann, weil man sich auf nichts mehr richtig einlässt oder weil man eben so viel damit beschäftigt ist, sich erstmal wieder auf die neue Situation einzustellen. Eine Vertiefung und Intensivierung in der Zusammenarbeit findet erst dann statt, wenn man viel miteinander am Stück macht. Wenn es nach mir ginge, würde ich immer nur eine Sache machen. Andererseits habe ich auch schon mal nur eine Band gehabt, und dann war es zu monoton. Ich glaube, das ist immer die gesunde Mischung.

Dass ich so viele unterschiedliche Dinge mache, ist auch ein bisschen meinem Instrument geschuldet. Klavier und Keyboards werden einfach in total vielen Bereichen eingesetzt, was für mich ein großes Glück ist. Ich hab da auch keine stilistischen Schranken, wo ich sage, das mache ich nicht. Musik ist Musik, und da gibt es auch immer wieder neue Dinge zu entdecken.

"Das wichtigste ist, dass man rausgeht und spielt"

Backstage PRO: Ich bin mir sicher, dass manch ein Backstage PRO-Leser jetzt ein bisschen neidisch ist und sich denkt: "Verdammt noch mal, ich bin doch auch ein guter Live-Musiker; ich werde aber nur ab und an fürs Stadtfest gebucht und bekomme als Gage kostenlose Getränke." Wie kommt man dahin, dass man wirklich für namhafte Interpreten spielen darf und dafür im Idealfall auch eine Gage bekommt? Und dass die Künstler einen sogar gezielt buchen?

Christopher Noodt: Das wichtigste ist, dass man rausgeht und mit Leuten spielt. Dass man nicht nur mit der Band im Proberaum sitzt, sondern auch spielt und sich außerdem mit anderen Bands vernetzt. Dass man auf Sessions geht und da Leute kennenlernt. Das sind zumindest die Dinge, die ich mit Anfang 20 wahnsinnig viel gemacht habe. Die wichtigste persönliche Initialzündung für das, was ich heute mache, war aber mit Sicherheit der Popkurs in Hamburg. Der sogenannte Kontaktstudiengang Popularmusik, den ich auf jeden Fall jedem Musiker empfehle, der das professionell machen möchte. Eine Alternative dazu ist zum Beispiel das Studium an der Popakademie in Mannheim; das ist aber ein richtiger Studiengang, der über mehrere Jahre geht. Der Popkurs dagegen ist mehr ein Workshop, der zweimal drei Wochen dauert. Den habe ich in den Jahren 2002 und 2003 absolviert. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann führen die Wege ganz häufig zurück zu Kontakten, die ich bei diesen Popkursen geknüpft habe.

Backstage PRO: Kannst du heute von deiner Arbeit als Musiker leben oder musst du nebenher Zeitungen austragen?

Christopher Noodt: Ich habe wirklich sehr früh angefangen, mit Musik Geld zu verdienen, und zwar so, wie man das als Pianist halt macht. Da hab ich mit 17 im Einkaufszentrum oder im Altenheim am Klavier gesessen und gelächelt und gespielt. Das waren so meine ersten Erfahrungen zum Geldverdienen mit Musik. Das ging dann so weiter, und irgendwie hab ich immer das Glück gehabt, an gute Jobs ranzukommen. Heute habe ich vor allem das Privileg, dass ich mir viel aussuchen kann von dem was ich tue und eigentlich nichts machen muss, was ich nicht tun möchte. Und dass ich trotzdem sehr gut davon leben und eine Familie ernähren kann. Das ist nicht komplett ungewöhnlich in meinem Beruf, aber eben auch nicht selbstverständlich. Das weiß ich auch sehr zu schätzen und bin sehr dankbar dafür, dass das im Moment so läuft. Aber es ist natürlich nicht vorprogrammiert, dass das für die nächsten dreißig Jahre so bleibt. Man muss immer aufmerksam bleiben, schauen, welche Künstler gerade spannend sind, man sollte technologische Entwicklungen nicht verschlafen und immer am Puls der Zeit bleiben.

"Viele Musiker sind keine Geschäftsmänner"

Backstage PRO: Wie sehr muss man denn als Musiker aufpassen, nicht ausgebeutet zu werden und angemessene Gagen zu bekommen? Bist du mehr Künstler oder mehr Geschäftsmann?

Christopher Noodt: Ja, ich glaube, das ist insgesamt ein großes Problem bei Musikern. Dass viele von uns eben nicht Geschäftsmänner sind und sich deswegen vielleicht auch unter Wert verkaufen. Ich bin auch nicht der beste Geschäftsmann, aber man muss wissen, was man wert ist. Man muss sich darüber im Klaren sein, für welche Gage man etwas machen will und wie viel Zeit man dafür opfert. Dafür bekommt man aber ein Gefühl, je länger man dabei ist. Meine Erfahrung sagt, dass Qualität seinen Preis hat und dass das auch ab einem gewissen Level anerkannt wird.

Backstage PRO: Hast du da Tagessätze, die du berechnest? Oder wirst du an den Einnahmen für Konzerte beteiligt?

Christopher Noodt: Das ist wirklich von Fall zu Fall absolut unterschiedlich. Einen festen Tagessatz habe ich nicht, sondern es richtet sich sehr danach, wer jetzt mein Auftraggeber ist und an welches Publikum sich das richtet. So gesehen bin ich da auch flexibel. Da gibt es vielleicht mal eine Sache, die ich gerne mache und wo ich ein bisschen weniger Geld nehme. Und Dinge, die ich nicht so gern mache und mir dann besser bezahlen lasse. Manchmal macht mir ein Projekt aber auch viel Spaß und es gibt trotzdem besonders viel Geld. Kurioserweise ist das häufig im Vorfeld gar nicht so klar. Es gibt durchaus Jobs, wo ich sage ‚Ja mach ich’. Und da fängt man schon an, sich vorzubereiten oder ist schon im Gespräch über die Inhalte, hat aber über das Finanzielle noch lange gar nicht geklärt. Das ist halt auch ein Merkmal dieser Branche.

Backstage PRO: Da kannst du dann ja sowohl positiv als auch negativ überrascht werden.

Christopher Noodt: Ich bin tatsächlich selten überrascht, denn wie gesagt: man entwickelt da ein Gefühl. Oft sind es Auftraggeber, mit denen ich schon lange zusammenarbeite. Agenturen oder Labels, wo man weiß: Klar, das wird schon alles irgendwie im grünen Bereich sein. Ich mache auch selten schriftliche Verträge. Das ist in meiner Branche wirklich so üblich und sorgt bei anderen Menschen, mit denen ich darüber rede, regelmäßig für Kopfschütteln. Aber tatsächlich hat meine Erfahrung mich noch nie eines Besseren belehrt.

Backstage PRO: Also kommst du ohne Papierstapel aus, die man mit der Post hin und herschicken muss.

Christopher Noodt: Genau, zumindest in der Popmusik ist das selten. Im Theaterbereich mache ich tatsächlich häufig schriftliche Verträge. Da sind dann aber die Verbindlichkeiten auch andere. Während man manchmal einen Anruf kriegt und gefragt wird: "Kannst du in zwei Wochen in London spielen?", ist das im Theater eher so: "Wir würden gerne in zweieinhalb Jahren etwas machen, könntest du da?" Das unterscheidet einfach die Theater- von der Popmusikbranche.

"Der Begriff 'Hobbymusiker' ist fehlgeleitet"

Backstage PRO: Wie genau kommst du denn an Aufträge als Livemusiker? Bewirbst du dich?

Christopher Noodt: Sich als Musiker bewerben? Ich glaube, das habe ich für Live-Auftritte noch nie gemacht. Ich wüsste auch gar nicht, wie das geht. Da steht ja nicht auf einem schwarzen Brett im Musikladen: "Keyboarder gesucht zum Vorspielen". Tatsächlich bin ich inzwischen so in diesem Netzwerk verankert, dass ich angerufen werde oder eine Mail bekomme.

Backstage PRO: Du bist ja nicht nur Live-Musiker, sondern du hast auch ein eigenes Studio, spielst Sachen für CD-Produktionen ein und schreibst auch Songs. Welche dieser Tätigkeiten ist denn dein Hauptstandbein?

Christopher Noodt: Definitiv das Touren und Konzerte spielen. Da bin ich teilweise 180 von 365 Tagen unterwegs. Das muss man natürlich mögen, und das muss auch irgendwie mit der Familie vereinbar sein, was bei mir glücklicherweise klappt. Natürlich geht das nicht spurlos an einem vorbei. Ich weiß nicht, ob das eine Frage des Alters ist, aber ich merke bei mir die Tendenz, dass ich gern ein bisschen weniger unterwegs wäre, weil ich eben auch die Arbeit im Studio sehr mag. Da möchte ich die Gewichtung künftig gern ein bisschen verlagern.

Backstage PRO: Bist du dann nur für die Profis da, oder können dich auch Amateurmusiker mit kleinerem Budget kontaktieren, wenn sie einen Studiomusiker brauchen?

Christopher Noodt: Da bin ich offen und finde es immer wieder spannend, mit Leuten zu arbeiten, die einen anderen Background haben. Das ist wichtig, um wach zu bleiben. Ich habe schon häufig Sachen eingespielt für Leute, die sagten, sie machen das nur hobbymäßig. Und nicht selten waren die dann ein paar Jahre später wahnsinnig erfolgreich. Den Begriff "Hobbymusiker" finde ich sowieso etwas fehlgeleitet. Da kann man nur immer dieses schöne Beispiel anführen: Die Arche Noah wurde von Amateuren gebaut, und die Titanic von Profis.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch und weiter viel Erfolg!

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