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Granatenmäßig recherchiert

Nein, der US-Vinylmarkt ist nicht um 33 Prozent eingebrochen

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 18.10.2024

vinyl musikmarkt

Nein, der US-Vinylmarkt ist nicht um 33 Prozent eingebrochen

© Clem Onojeghuo via unsplash.com

Kürzlich meldete das US-Magazin Billboard, eine eigentlich seriöse Quelle, der US-Vinylmarkt sei um 33 Prozent eingebrochen. Das stimmt natürlich nicht. Aber woher kommt diese Fehlinformation? Warum übernahmen sie zahlreiche Medien? Und welche Folgen könnten die fehlerhaften Berichte haben?

Es ist eine Nachricht, auf die viele Menschen schon jahrelang gewartet haben: Vinyl-Verkäufe in den USA sind um 33 Prozent eingebrochen! Endlich ist der Vinylboom vorbei! 

Das Problem: Die Meldung ist falsch – und zwar komplett. Es gibt keinen Einbruch der US-Vinyl-Verkäufe. Der angebliche Einbruch existiert nur auf dem Papier des Marktforschungsunternehmens Luminate. Luminate gab diese fehlerhaften Zahlen an Billboard weiter und so erschienen sie im aktuellen Music Consumption Report des Branchenmagazins.

Dort ist zu lesen, dass die Vinylverkäufe bis Ende September 2024 von 34,9 auf 23,3 Millionen Einheiten gefallen seien. 

RIAA meldet Wachstum des Vinylmarktes

Woher wissen wir, dass diese Zahlen falsch sind? Das ergibt sich zunächst aus der Tatsache, dass sie komplett den Zahlen der RIAA, also der US-Musikindustrie, widersprechen.

In ihrem Halbjahresbericht meldete die RIAA für die ersten sechs Monate des Jahres 2024 ein Wachstum des mit Vinyl erzielten Umsatzes um 17 Prozent auf 740 Millionen US-Dollar. Die Gesamtzahl der verkauften Vinyleinheiten im 1. Halbjahr 2024 betrug laut RIAA 24 Millionen, eine höhere Zahl als die 23,3 Millionen Einheiten Luminate/Billboard für die ersten neun Monate des Jahres angibt. 

Die Ursache: unvollständige Daten

Was ist der Grund der Diskrepanz? Während die RIAA als Branchenverband direkte Daten ihrer Mitglieder erhält, handelt es sich bei Luminate um ein Marktforschungsinstitut, das eigene Zahlen erhebt. Und darin liegt das Problem: Da Luminate vor einigen Monaten seine Erhebungsmethoden geändert hat, sind die Zahlen des Unternehmens unvollständig und unterschätzen den tatsächlichen Absatz von Vinyl in den USA massiv. 

Inzwischen hat Luminate diesen Umstand selbst in einer Stellungnahme gegenüber Consequence of Sound eingeräumt. Aufgrund der geänderten Methodik könne man die Zahlen des Jahres 2024 nicht mit denen der Vorjahre vergleichen, erklärt das Unternehmen. Tatsächlich seien die Vinyl-Verkäufe in den USA um 6,2 Prozent gestiegen, wenn man die Umsätze der Jahre 2023 und 2024 einschließlich des dritten Quartals ohne Berücksichtigung der unabhängigen Plattenläden miteinander vergleiche.

Problematische Änderungen

Die Stellungnahme lässt die Ursachen der falschen Zahlen erkennen: Offensichtlich berücksichten die Daten von Luminate nicht ausreichend die Vinyl-Verkäufe in unabhängigen Plattenläden. Mit Blick auf die Änderungen der Methode erklärt sich das leicht: Bis Ende 2023 hat Luminate ca. 5 Prozent der US-Plattenläden per Umfrage befragt und diese Zahlen dann hochgerechnet.

Ab Anfang 2024 verließ sich Luminate nur noch auf direkte Berichte der Plattenläden. Allerdings beteiligten sich daran gerade einmal 5 Prozent der 1500 bis 2000 unabhängigen Plattenläden in den USA. 

Warnungen wurden ignoriert

Schon bei Bekanntgabe der Änderungen warnte der weltweite Branchenverband The Vinyl Alliance vor den Folgen und erklärte, die neue Methodik könnte dazu führen, dass die Zahlen von Luminate den US-Vinylmarkt um 40 Prozent hinsichtlich der Verkaufszahlen und 35 Prozent in Hinblick auf den Umsatz unterbewerten könnte.

Genau das ist jetzt offensichtlich passiert. Bemerkenswerterweise ist das niemandem bei Billboard aufgefallen, obwohl das Magazin vor einigen Monaten selbst über dieses Thema berichtete und in dem Artikel sogar erwähnte, dass einige Plattenläden ("some stores") aufgehört hätten, Zahlen an Luminate zu berichten. 

Digital Music News berichtet, dass das Desaster zu Konflikten zwischen Luminate und Billboard geführt hat. Es würde uns nicht überraschen.

The Vinyl Alliance is pissed

In einem giftigen LinkedIn-Post kritisierte The Vinyl Alliance nicht nur Luminate, sondern auch die Berichterstattung zahlreicher Medien wie Consequence, NME und weiterer Seiten. 

The Vinyl Alliance stellt fest, das Versäumnis, "eine so bedeutende und nicht repräsentative Zahl richtig zu erklären", habe zu einer falschen Darstellung geführt, "die jetzt im Internet die Runde macht". Besonders ärgerlich: Die falschen Berichte könnten der Vinylbranche ernsthaft schaden.

An die Medien äußert sie folgende Bitte: "Wir bitten Sie, sich zuerst an uns zu wenden, bevor Sie Fehlinformationen und Clickbait verbreiten."

Das perfekt falsche Narrativ

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis die Meldungen beispielsweise bei Reddit die Runde machten und die erwartbaren Reaktionen hervorriefen, die sich auf die hohen Preise von Vinyl konzentrierten. 

Die Meldung verleitete auch zahlreiche der Branche nahestehende Medien zu Falschmeldungen, weil sie so schön in das bestehende Narrativ zu passen schien: Die schwierige wirtschaftliche Lage, die hohe Inflation, höhere Zinsen, gestiegene Lebenshaltungskosten – der angebliche Einbruch der Vinyl-Verkäufe passt perfekt dazu. 

Diese Geschichte sollte eine Warnung für alle diejenigen sein, die gerne Nachrichten ihren eigenen Erwartungen anpassen. Nicht nur Journalisten, alle Internet-User sollten Meldungen kritisch hinterfragen. Die Realität ist meistens komplexer als die Headline.

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