Metal-Band auf dem Weg nach oben
Neno von Tag My Heart über die erste Headliner-Tour und die Suche nach Support-Acts bei Backstage PRO
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Isabel, Neno und Chris von Tag My Heart. © Tag My Heart
Backstage PRO: Neno, du bist ja schon lange in der Musikszene dabei. Erinnerst du dich noch, wie alles losging?
Neno: Es ging wie bei den meisten ganz unspektakulär los, indem ich als Kind ein Instrument erlernen musste. Später war es dann der klassische Weg: Aus dem Spielen in der Schulband hat sich eine Leidenschaft für Musik entwickelt, aus der später ein Halbtags- und dann ein Ganztagsjob wurde. Der Schritt in Richtung Professionalität und das Spielen in Bands, mit denen ich wirklich auf Tour gehen konnte, war aber eigentlich eher Zufall.
Backstage PRO: Du warst sieben Jahre Mitglied der Band Erdling, bevor du Ende 2021 ausgestiegen bist. Wie blickst du auf die Zeit zurück?
Neno: Ich habe gute Erinnerungen an die knapp sieben Jahre mit der Band und bin auch gerne als Besucher da, wenn sie auftritt. Bis heute ist Niklas, der damals als Drummer bei Erdling anfing und heute bei Lord of the Lost spielt, einer meiner besten Freunde.
Backstage PRO: Wieso bist du dennoch bei Erdling ausgestiegen? Hat die Corona-Krise bei deiner Entscheidung eine Rolle gespielt oder gab es andere Gründe?
Neno: Corona hat dabei keine Rolle gespielt. Die Musik, die Erdling macht, entspricht einfach nicht der Musik, die ich privat höre. Tag My Heart gab mir vor allem während der Pandemie die Möglichkeit, Musik zu machen, die besser zu meinem eigenen Musikgeschmack passt. Außerdem gehöre ich nicht zu den Musikern, die sich auf verschiedene Bands gleichzeitig fokussieren können. Als Labels, Managements und Booker auf Tag My Heart aufmerksam wurden und wir die Chance hatten, Videoclips zu produzieren und auf Tour zu gehen, musste ich mich entscheiden.
Backstage PRO: Mit Tag My Heart gehst du nun neue Wege. Worin siehst du das Besondere der Band?
Neno: Es macht einfach mehr Spaß und fällt mir leichter, etwas zu machen, das ich persönlich wirklich mag. Anfangs habe ich länger an Songs getüftelt, aber spätestens mit dem Einstieg von Isa wurde es für uns einfacher, unsere Vorlieben für Metal und Hip-Hop gleichermaßen zu kombinieren. Das kann man sowohl in den Songs hören als auch auf der Bühne sehen: Wir machen das, was wir privat auch verkörpern. Dahinter steckt keine große Show, keine Schminke, keine Verkleidungen.
Backstage PRO: Wie funktioniert der kreative Prozess bei euch?
Neno: Unsere Songtexte schreibt Isa, die Musik entsteht gemeinsam. Die Ideen kommen meistens von mir – Isa und unser Produzent bringen dann Vorschläge für Änderungen und Verbesserungen ein. Danach treffen Isa und ich uns meistens bei unserem Produzenten in Berlin, wo wir die Songs gemeinsam ausarbeiten, Demo-Versionen aufnehmen und uns ein paar Wochen später erneut zusammentun, um die Songs zu finalisieren.
Backstage PRO: Viele Musiker haben ja neben ihrer Band noch weitere Jobs. Wie ist das bei dir, kannst du von Tag My Heart leben?
Neno: Von Tag My Heart alleine können wir nicht leben. Obwohl wir zahlreiche Shows spielen, stehen wir noch immer am Anfang. Dennoch sind wir so viel unterwegs, dass es kaum möglich ist, noch einem zusätzlichen Job nachzugehen. Im April 2024 haben wir beispielsweise Ektomorf sechs Wochen am Stück auf ihrer Tour begleitet, danach haben wir bis Ende August fast jedes Wochenende auf Festivals gespielt und waren im Oktober und im Januar erneut auf Tour. Selbst in der Zeit, in der wir keine Konzerte spielen, müssen wir natürlich an Songs arbeiten und ins Studio gehen. Dementsprechend bin ich sozusagen Vollzeit-Musiker, der sich nebenbei mit Studioarbeit und Live-Sessions etwas dazuverdient.
Backstage PRO: Ihr habt viele gute Verbindungen zu prominenten Bands, Produzenten und auch Locations, in denen du früher schon aufgetreten bist. Konnte das Tag My Heart Türen öffnen?
Neno: Ich denke, es hat Tag My Heart besonders den Anfang erleichtert. Alleine, dass wir die Möglichkeit hatten, solche Musikvideos aufzunehmen und unsere erste Show mit Dark Tranquility in Kiew vor 3.000 Zuschauern zu spielen, wäre ohne unsere vorherigen Karrieren sicher nicht möglich gewesen.
Backstage PRO: Wie kam es dazu, dass ihr euer erstes Konzert in der Ukraine vor einem so großen Publikum gespielt habt?
Neno: Wir hatten zwar schon einen Vertrag mit dem Management und der Booking Agency, da wir aber noch keine Single veröffentlicht hatten, sollten wir eigentlich erst ein halbes Jahr später beginnen. Die ukrainischen Promoter wollten uns jedoch als Support-Act dabei haben. Nach dem Ukraine-Konzert konnten wir direkt auf Europatournee gehen – die ersten Tag My Heart Konzerte spielten wir also in Europa verteilt, wobei wir nur ein Mal in Deutschland Halt gemacht haben.
Backstage PRO: Habt ihr vor, in die Ukraine zurückzukehren?
Neno: Sobald es die Lage zulässt, werden wir sehr gerne wieder dort spielen. Diese Show ist etwas, an das ich mich sehr gerne zurückerinnere. Das Publikum hat uns sehr herzlich empfangen und bejubelt, als hätten wir bereits zehn Best-Of-Alben veröffentlicht dabei hatten wir noch nicht einmal eine Single herausgebracht.
Backstage PRO: Ihr habt zahlreiche Konzerte gespielt – was bedeutet Live-Spielen für Dich?
Neno: Ich bin ein Live-Musiker. Natürlich bin ich auch im Studio, arbeite an Songs und habe Spaß dabei, aber ich genieße es deutlich mehr, auf der Bühne zu stehen und live zu spielen. Unter anderem deswegen wollten wir, dass Tag My Heart eine Live-Band wird. Mit Erdling haben wir zwar großartige Shows gespielt, aber nur etwa zehn bis zwölf pro Jahr, während wir mit Tag My Heart diese Anzahl pro Tour erreichen. Wir sind auch nicht durch deutsche Texte gebunden, können daher überall spielen und sind von Beginn an europaweit auftreten. Das ist etwas, das wir als Band erreichen wollten.
Backstage PRO: Ihr spielt im April eure erste eigene Headlinertour in Deutschland. Worauf freut ihr euch am meisten?
Neno: Zunächst sind wir erstmal dankbar, dass die Resonanz so gut ist. Bisher waren wir vor allem als Support-Act auf Tour, bei dieser Tour kommen die Fans aber zum ersten Mal wegen uns – das ist der wichtigste Aspekt. Natürlich sind wir schon etwas nervös, weil wir dadurch auch zum ersten Mal selbst dafür verantwortlich sind, dass die Show läuft. Wir haben die Locations bewusst nicht zu groß gewählt, die Kapazität liegt im Durchschnitt bei 150. Es wird eine coole, kleine Clubtour.
Backstage PRO: Welche Rolle hat Social Media bei der Entscheidung für eure erste eigene Headliner-Tour in Deutschland gespielt?
Neno: Es gab zwar von Beginn an Nachfragen, man muss jedoch immer erst abwägen, ab wann man sich wirklich dazu entscheidet. Wir haben zunächst nur vereinzelte Headline-Shows gespielt, beispielsweise in Österreich. Für uns kam eine Tour zwei Jahre lang nicht in Frage, da wir uns erst einmal ein Set aufbauen mussten, das wir den Fans bieten können. Als Support-Act haben wir alle Höhen und Tiefen erlebt, wussten aber schon bei der Tour mit Ektomorf, dass wir dieses Jahr unsere eigene Tour spielen werden.
Backstage PRO: Es gibt ja neben der Musik auch wahnsinnig viel Organisatorisches zu erledigen, von Booking bis Social Media. Wie geht ihr dabei vor?
Neno: Für Booking haben wir lange mit Dirk Lehberger von Noisegate Productions gearbeitet, der leider vor knapp zwei Jahren unerwartet verstorben ist. Danach mussten wir uns neu aufstellen. Jetzt sind wir bei einem kleinen Booker, der einige Klienten aus Dirks Bestand übernommen hat, wodurch die Zusammenarbeit sehr gut und intensiv funktioniert. Für Social Media ist hauptsächlich Isa verantwortlich. Und für die ganzen bürokratischen Sachen gibt es Steuerberater.
Backstage PRO: Mit wie vielen Leuten geht ihr auf Tour?
Neno: In der Band sind wir zwar nur zu dritt, hinter uns steht jedoch ein professionelles Team, das aus acht Leuten besteht. Besonders auf Touren, wie wir sie in Europa gespielt haben, sind wir oft eingespannt in Interviews, die wir meist nicht in der Konzert-Location geben. Da schaffen wir es beispielsweise nicht, selbst auf- und abzubauen. Hinter den Kulissen arbeiten viele Menschen mit – vom Fahrer über den Tourmanager und die Licht- und Tontechniker bis zum Merchandiser.
Backstage PRO: Wie nimmst du die Problematik des Clubsterbens wahr?
Neno: Mein Stammclub in München ist das Backstage, die haben echt gute Konzepte. In Hamburg gibt es Markthalle und Docks, in Köln das MTC und in Frankfurt den Elfer Club. Ich habe heute erst ein Video gesehen, in dem sich ein Sänger darüber beschwert, dass die Leute keine Tickets kaufen. Das kann aber sehr viele Gründe haben, da kann man kaum sagen "Der Club ist Schuld" oder "Die Band ist Schuld", sondern man muss das Gesamtkonzept und die Vorgehensweise hinterfragen.
Backstage PRO: Wie meinst du das?
Neno: Besonders bei ersten Headliner-Touren, wie wir sie jetzt spielen, kommt es vor, dass die Shows kurzfristig noch abgesagt werden. Das beeinflusst auch den Ticketverkauf. Wir haben es selbst erlebt: Auch unser Vorverkauf war ein Auf und Ab. Man muss den Fans eine gewisse Sicherheit geben, dass die Shows stattfinden. Ob das die Aufgabe der Bands oder der Clubs ist oder von beiden, weiß ich nicht. Ich glaube, jeder muss das System finden, das für ihn am besten funktioniert. Ich kann nicht sagen, welcher Weg der richtige ist.
Backstage PRO: Die Fans dürfen also auf keinen Fall den Eindruck haben, dass man mit ihnen spielt oder sie mit einer "Wir schauen mal, wie es wird"-Tourankündigung veralbert.
Neno: Absolut. Ich verstehe auch die Clubs. Ich habe früher auch Gigs organisiert und erinnere mich daran, wie schwer es war, Leute zu ziehen. Die Clubs haben am Abend Ausgaben von 800-1000 Euro, vielleicht sogar mehr und dann kommen vielleicht 10 Besucher. Ich kann verstehen, wenn der Club dann zur Band sagt, dass sie sich überlegen müssen, ob sich das für sie lohnt. Viele Bands überschätzen sich.
Backstage PRO: Ihr habt Support-Acts bei Backstage PRO für die fünf Konzerte gesucht, die ihr Anfang April spielen werdet. Warum nutzt ihr Backstage PRO?
Neno: Als wir beschlossen haben, dass wir auf Tour gehen, haben wir uns dazu entschieden, mit kleinen lokalen Bands zu spielen. Wir möchten kleineren Bands die Chance geben, Konzerte zu spielen, die ihnen sonst nur selten offenstehen. Wir hätten auch etablierte Bands aus den jeweiligen Städten holen können. Backstage PRO war die beste Anlaufstelle, da die Booking-Funktion die Organisation für uns am einfachsten machte. Die Resonanz war ganz stark und es tut mir für viele leid, die wir nicht genommen haben. Es lag nicht daran, dass sie schlecht waren, sondern dass sie musikalisch vielleicht nicht gepasst haben.
Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit der Tour.
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