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No budget? No problem!

So gelingt euch euer DIY-Musikvideo: Von der Idee über den Dreh bis zur Veröffentlichung

Tipps für Musiker und Bands von Julian Schmauch
veröffentlicht am 16.10.2018

diy musikvideo

So gelingt euch euer DIY-Musikvideo: Von der Idee über den Dreh bis zur Veröffentlichung

DIY-Musikvideo: Von der Idee zum Dreh. © THANANIT SUNTIVIRIYANON / 123RF Stockfoto

Ihr wollt ein Musikvideo. Wollt eine visuelle Geschichte erzählen, eure Band – in Action – zeigen, euren Vorbildern nicht nur musikalisch, sondern auch visuell nacheifern. Wir geben euch einige Tipps und Hinweise, wie das auch mit schmalem Budget gelingen kann.

Man googelt, fragt herum, informiert sich, stellt nach den ersten How-To’s und Anleitungen ernüchtert fest, wie aufwändig eine Filmproduktion ist und recherchiert Musikvideoproduzenten. Ernüchterung Nummer zwei: das geht ganz schön ins Geld. Klar, Gutes kostet.

Aber seid beruhigt, mit genug Planung und Mithilfe kann man auch selbst und ohne großes Budget ein Video produzieren, das vielleicht nicht das nächste "Thriller" wird, sich aber nicht vor anderen Videos verstecken muss. Die folgende Übersicht richtet sich vor allem an Einsteiger, an vielen Punkten könnt (und sollt!) ihr ausbrechen, es anders machen.

Die Idee

Ein Musikvideo ist immer eine visuelle Repräsentation des Acts und/oder des Songs. Auch wenn es aus vollkommen abstrakten Bildern besteht, darunter läuft euer Song, mit euren Stimmen. Und diesen Zusammenhang kann man unterstreichen, brechen oder spiegeln.

Als einzige Grundregel solltet ihr euch hier zu Herzen nehmen, dass das, was ihr zeigt, die Zuschauer irgendwie fesseln, neugierig machen, vielleicht sogar irritieren sollte. Das Video sollte für sich stehen können und ohne den Song funktionieren.

Klassischerweise habt ihr drei Richtungen, in die ihr bei einem Video gehen könnt:

  • Performance. Ob die Metalband im Wald, der MC beim Marsch durch den Kiez oder die Schlagertruppe auf der Alm, die Darstellung eurer Performance funktioniert immer. Hier geht es je nach Besetzung meistens darum, ähnlich wie auf der Bühne auszurasten, in großen Bewegungen zu musizieren. Je nach Genre gibt es die Möglichkeit (Pflicht), auch mit Choreographie und Tänzern zu arbeiten.
  • Geschichte. Hier gibt es entweder die Richtung, quasi die Lyrics nachzuerzählen, dem gebrochenen Herzschmerz die Foto-Love-Story oder der trauernden Seele das Begräbnis visuell zur Seite zu stellen. Oder den Song in eine ganz andere Welt und Geschichte zu betten, wo die Musik quasi nur Untermalung einer Handlung ist.
  • Kunst. Ob Kollage, drei Minuten Toilettenspülung oder Slow-Motion-Eierschlagen, hier ist der Zusammenhang zwischen Song und Video kaum noch herzustellen, beide existieren quasi unabhängig voneinander.

Ähnlich wie ihr es eh schon bei euren musikalischen Einflüssen macht, könnt ihr hier bei euren Vorbildern und Idolen nach Inspiration suchen. Und auch wenn ihr genretechnisch eher eng gesteckt seid: hier auch schön fremdgehen und sehen wie es KünstlerInnen in anderen Genres machen.

Die Planung

Was schon bei einer Albumproduktion hilft, ist bei einer Musikvideoproduktion absolut unerlässlich. Für einen Dreh gilt grundsätzlich (gerade am Anfang), dass ALLES länger dauert. Je besser ihr euch vorbereitet und je genauer eure Vorstellung ist, desto mehr wirkt ihr dem entgegen.

Habt ihr euch also für eine Idee entschieden, braucht es bei einer Geschichten-Version eines Videos ein kurzes Skript, das den Handlungsverlauf skizziert. Dialoge gibt es im Musikvideo selten.

Dann die wichtigste Entscheidung: die Location. Stellt euch folgende Fragen:

  • Dreht ihr drinnen oder draußen?
  • Egal wo, wen spricht man an für eine Dreherlaubnis?
  • Falls ihr draußen dreht, ist es ein öffentliches Gelände, müsst ihr also auf Passanten Rücksicht nehmen?
  • Sind die Lichtverhältnisse wichtig?
  • Gerade durch die neueren DSVGO-Regelungen ist es mehr denn je wichtig, sich bei Drehs in der Öffentlichkeit zu überlegen, wie man es so anstellt, dass die Gesichter von Passanten nicht eindeutig zu erkennen sind oder ob man einen Ort oder eine Zeit findet, wo das ganze ungestörter geht.

Mit der Location und dem visuellen Konzept im Hinterkopf kann es sich lohnen ein Storyboard zu erstellen. Hier skizziert man ganz grob, ohne viel Detail, was in den einzelnen Schüssen/Szenen zu sehen sein soll. Kein Muss und bei reinen Performance-Videos auch eher zu viel, ist ein Storyboard aber gerade bei einer Story ein sehr wichtiges Hilfsmittel, um im Gewusel des Drehs nicht die Übersicht zu verlieren und evtl. eine wichtige Szene zu vergessen oder sie nicht mehr drehen zu können, weil es schon Nacht ist.

Wichtig ist hier auch, dass ihr euch überlegt, welche Kamera-Perspektiven und Einstellungsgrößen ihr dreht. Nah-Aufnahme oder Panorama-Shot, bewegte Kamera oder statisch, schaut euch an, wie es in anderen Videos gemacht wird.

Nach Konzept und Location geht es an die Personalplanung. Grundsätzlich gilt es bei No-Budget-Drehs den Freundes- und Familienkreis so weit zu belasten, wie möglich. Die Eltern kochen und fahren, der beste Freund hält die Kamera, die Vereinskumpels stellen die Ritterschlachtszene dar und die Cousine macht die Continuity. Und alle nicht für Geld. Nur für die Hilfe, sondern auch für den Spaß. Das beim Dreh nie vergessen.

Und: weil alle so mithelfen ist eine genaue Zeitplanung und schnelles Arbeiten sehr wichtig. Wenn ihr neben eurer Band noch fünf Freunde dazu holt, die um 8 Uhr morgens müde an den Drehort kommen und bis mittags um eins immer noch keine Klappe gefallen ist, machen die das vielleicht ein Mal.

Je nach Idee und Umfang braucht es bei einem Musikvideo-Dreh dieses Personal:

  • Regie: Aus leidlicher Erfahrung für euch der Tipp, dass das immer nur EINE/R macht. Diese Person macht sich im Vorfeld Gedanken zur Umsetzung, evtl. zu Schauspielern, zur Handlung in den Szenen. Und setzt das um. Und diskutiert nie zu lange. Sonst wird es chaotisch und frustrierend für alle.
  • Kamera: Ist das Team klein, und die Kamera auf einem Stativ, fällt diese Rolle evtl. auch der Regie zu. Je größer der Dreh, und je bewegter die Kamera, desto wichtiger ist hier aber jemand eigenes. Der vor allem darauf achtet, dass die Bilder scharf (!) und nicht falsch belichtet (!!) sind. Beides kann in der Postproduktion nämlich kaum gerettet werden.
  • Maske/Kostüm/Props: Wird oft von einer Person gemacht bei kleinen Drehs. Je mehr Geschichte, desto wichtiger. Bei Performance-Videos aus dem Proberaum, wo jeder eh seine Klamotten anhat und man den Bühnenschweiß ja sehen soll, kann man evtl. auf dieses Department verzichten. Braucht man Laserschwerter, Vulkanierohren und Spandex-Look, ist diese Position unerlässlich.
  • Catering/Runner: Ein Dreh kann lang und sehr kräfteraubend sein. Gerade, wenn euch Freunde für umme helfen, ist es ein Muss für regelmäßige Verpflegung zu sorgen. Gibt es Phasen, wo alle gesättigt sind (Am Filmset: Nie.), kann diese Person auch andere Aufgaben übernehmen, wie Fahrdienste oder kurzfristige Erledigungen.
  • Alle weiteren: Licht, Rigging, Kamera operator, Regieassistent, usw. Wenn ihr euch in diesem Bereich bewegt, ist evtl. eine Filmproduktionsfirma die bessere Lösung, die die richtigen Leute kennt und die Produktion für euch plant.

Technik/Visuals

Wichtigstes Werkzeug ist die Kamera. Es gibt immer mehr Musikvideos, die mit Smartphones gedreht wurden, die aktuelle Generation schafft mittlerweile Bilder, die zumindest im Semi-professionellen Bereich durchaus annehmbar sind. Natürlich wird eine DSLR oder mirrorless Systemkamera einen weit besseren Look einfangen.

Allerwichtigste Thematik beim Drehen, gerade wenn ihr unerfahren seid: Lichtverhältnisse und Kamerabewegungen. Je tiefer im Keller ihr dreht, desto stärker müssen die zusätzlichen Lichtquellen sein. Was bei Systemkameras mit den richtigen Belichtungseinstellungen evtl. noch zu irgendeinem Ergebnis führt, macht Smartphone-Kameras zu einem reinen Körnerfest. Die kleinen Sensoren sind stets auf gutes Licht angewiesen.

Bei Kamera-Bewegung empfehle ich euch, jede Menge bestehender Musikvideos anzuschauen und mal zu überprüfen, wie sehr sich die Kamera bewegt. Meistens: gar nicht. Selten: etwas. Nie: Blair witch. Ein in der Hand gehaltenes Smartphone-Video wird auch mit dem größten Zenmeister ein Wackelfest und schwer anzusehen. Für Licht, Kamerabewegung und Schärfe (bei Smartphones aus der Hosentasche: Linse putzen!) gilt: was zu stark aufgenommen ist, ob Körnigkeit, Wackelszene oder Unschärfe, ist kaum wegzukorrigieren.

Wenn ihr könnt, dreht mit Stativ. Es gibt zwar Möglichkeiten einige Wackler noch nachzubessern, aber wenn ihr das bei 20 Stunden Bildmaterial mal drei Tage gemacht habt, wisst ihr warum das keine gute Idee ist. Falls es ein Handheld-Look sein soll, gibt es für Smartphones kleine Drei-Achsen-Stabilisatoren, für DSLRs Schulter-Rigs. Aber auch hier gilt: langsame, gleitende Bewegungen, alles andere ist kaum erkennbar im Nachhinein. Und vermeidet es zu zoomen beim Filmen, außer ihr möchtet ganz bewusst eine Famlienurlaubsoptik erzeugen.

Probe

Macht ihr alles selbst und habt Freunde, die helfen, ist das Proben aller Abläufe unerlässlich. Macht euch mit der Technik vertraut, führt Probedrehs durch, übt vor dem Spiegel Gesten oder Bewegungen, schreibt einen Drehplan für alle Beteiligten (falls es mehr als die Band ist), checkt am Abend vorher noch mal, ob auch alle da sein werden und ihr die richtigen Nummern habt.

Dreh

Hier gibt es wenig zu raten, hängt doch alles davon ab, wie gut ihr euch vorbereitet habt. Ein paar Essentials:

Backup, Backup, Backup. Bringt ein Laptop (mit Kartenleser!) mit genügend Speicherplatz mit und kopiert das Filmmaterial in jeder größeren Pause. Und mindestens drei bis vier Ersatz-Speicherkarten. Daneben helfen jede Menge Usb/Firewire/Thunderbolt/DTX-Verbindungskabel, bzw. Adapter.

Versucht zügig durch den Dreh zu kommen, aber dennoch vor allem den Helfern, die sich richtig ins Zeug legen zwischendurch auch Pausen zu gönnen. Habt ihr früher abgedreht als geplant, freuen sich alle, ihr könnt evtl. noch was draufpacken, oder alle früher heimschicken.

Schnitt

Auch hier kommt es sehr drauf an, wie gut ihr geplant und gedreht habt. Bei allen Performance-Videos ist die Bild/Ton-Synchronizität das A und O. Gerade bei Schlagzeugern kann es unfreiwillig komisch wirken, wenn die Schläge früher zuhören als zu sehen sind. Ansonsten sind eurer Phantasie hier wenig Grenzen gesetzt, viele Filmregeln, wie Perspektiv-Sprünge oder Szenen-Sprünge gelten nur im Ansatz für Musikvideos, seid ihr hier freier.

Auch hier gilt: Backup, Backup, Backup. Plant für den Schnitt eine ähnlich lange Zeit wie den Dreh ein, bei einem 3-Minuten-Video beispielsweise mindestens 10 Stunden.

Postproduktion

Teilt sich auf in Farbkorrektur, Color Grading und Spezialeffekte auf. Um die Farbkorrektur werdet ihr selten herumkommen, hier geht es schlicht darum ein einheitliches, in sich stimmiges, möglichst un-verrauschtes Bild durch Sättigungs- und Belichtungsanpassungen zu erreichen. Möchte man dann noch einen besonderen Look – Schwarzweiss, Sepia oder Comic – legt man diesen im "Color Grading" an. Spezialeffekte lassen sich oft mit sehr einfachen Mitteln erzeugen. Auf YouTube gibt es eine große Menge Tutorials mit nützlichen Tipps und Tricks zu allen Techniken, wie man sein Video noch aufpeppen kann.  

Promotion

Spätestens wenn das Video geschnitten ist, solltet ihr euch Gedanken machen, wie und wann ihr es veröffentlicht. Auf YouTube und Facebook, lautet da meistens die erste Antwort. Klar. Und Backstage PRO – check!

Aber wenn ihr vorher über einige Wochen schon auf euren Social-Media-Kanälen mit kleinen Schnipseln oder Screenshots das Video ankündigt und dann evtl. einen Blog oder einen YouTube-Kanal findet, der im eigenen Genre eine gewisse Reichweite hat, kann der das dann zum Release featuren.

Wenn ihr dazu während des Drehs ein paar Insta-Stories raushaut, unter euren Freunden absprecht, dass sie das Video am Release-Tag auf allen Kanälen teilen werden, eure gesamte Verwandtschaft per Email bombadiert und alle relevanten Whatsapp-Gruppen alarmiert, kann die erhoffte Verbreitung eher erreicht werden als mit einem einfachen "hier isses". Wir drücken jedenfalls die Daumen, dass ihr euer Video so einer großen Öffentlichkeit präsentieren könnt, wie es ihm nach all dem Aufwand vielleicht gerecht wird.

Habt ihr schon eigene Erfahrungen mit Musikvideodrehs gesammelt und weitere Tipps?

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