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"Selbst ohne Shows ist das ein Full-Time-Job"

Erfolg durch vollen Einsatz: Darius von The Deadnotes über DIY-Bandarbeit mit Leidenschaft

Interview von Rodney Fuchs
veröffentlicht am 19.01.2021

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Erfolg durch vollen Einsatz: Darius von The Deadnotes über DIY-Bandarbeit mit Leidenschaft

Darius von The Deadnotes. © Paul Ambrusch // @xfinalchapterx

The Deadnotes bestehen seit über zehn Jahren. Die deutsche Indie-Punk-Band hat bereits europaweit Shows gespielt und Acts wie Adam Angst auf Tour begleitet. 2019 gründeten sie ihr eigenes Label "22 Lives Records". Sänger und Gitarrist Darius beschreibt, was es bedeutet, sich als DIY-Band zu etablieren und wann es sinnvoll ist, sich Hilfe von außen zu holen.

Backstage PRO: Hey Darius, bevor wir zur eigentlichen Thematik kommen – du sagtest mir gerade, du bist selbst ein bekennender Backstage PRO-Leser. Was magst du an den Themen, die hier behandelt werden, denn am meisten?

Darius Lohmüller: Ich finde es erstaunlich, in wie viele verschiedene Bereiche man in den letzten Monaten Einblicke bekommen hat. Insbesondere in den letzten Monaten habe ich wirklich viel Backstage PRO gelesen, weil es zahlreiche gute Übersichten zu den aktuellen Regelungen und den politischen Entscheidungen sowie Diskussionen gab. Darüber hinaus noch sehr spannende Interviews mit Betroffenen und Involvierten aus den verschiedensten Bereichen. Was mich in Bezug auf meine eigene Band sehr positiv überrascht hat, ist, dass es sehr gute Artikel über Mental Health gegeben hat. Darüber, wie es Menschen in der aktuellen Zeit damit geht und wie psychische Gesundheit ein wichtiges und präsentes Thema in der Musikbranche ist.

"Wir wollten uns nicht abhängig machen"

Backstage PRO: Das freut uns sehr, Danke. Mit The Deadnotes seid ihr ja nun schon eine Weile unterwegs. Wir würden gerne erfahren, was ihr bis hierhin alles selbst gemacht habt, noch selbst macht und wo ihr euch Hilfe dazu holt.

Darius Lohmüller: Über die mittlerweile fast zehn Jahre, die es uns gibt, haben wir so ziemlich alles schon selbst gemacht, was man machen kann. Bis heute machen wir das komplette Booking selbst, lange auch international, wobei wir mittlerweile in England Hilfe von einer kleinen Agentur bekommen. Die Pressearbeit haben wir abgegeben, aber für unser erstes Album noch selbst gemacht. Wir haben unser eigenes Plattenlabel gegründet, über das wir seit fast zwei Jahren unsere Musik veröffentlichen. Wir haben auch das Management lange selbst gemacht. Nun aber gibt es dafür einen Partner, mit dem wir zusammenarbeiten. Alles in allem haben wir sehr viele Einblicke sammeln können, die uns zu verstehen helfen, wie Partnerschaften grundsätzlich funktionieren.

Backstage PRO: Hat euch eine Plattform wie Backstage PRO geholfen?

Darius Lohmüller: Absolut. Ich kenne Backstage PRO ursprünglich als Plattform für Gigtausch und für Gigangebote. Wir machen das ja schon sehr lange mit der Band und ich arbeite auch schon lange als Booker. Irgendwann hat man sein Netzwerk zusammen und kennt einige Orte schon. Es kommt aber oft vor, dass ich in einer bestimmten Stadt eine Übersicht benötige oder eine Venue finde, über die ich nichts weiß. Da finde ich zum Beispiel das Locationverzeichnis sehr ausführlich, mit vielen detaillierten Informationen und weitergehenden Infos von Leuten, die dort bereits gespielt haben. Für eine Übersicht, zum Beispiel über die Kapazitäten bestimmter Venues, ist das sehr angenehm und geht oft viel schneller als Mails hin und her zu schreiben.

The Deadnotes

The Deadnotes, © Foto: Paul Ambrusch

Backstage PRO: Gab es einen Punkt, an dem ihr gemerkt habt, dass ihr auf eine bestimmte Tätigkeit, wie zum Beispiel das Management, keine Lust mehr habt?

Darius Lohmüller: Unser Ansatz war nie, dass wir etwas ab einem gewissen Punkt nicht mehr selbst machen wollen. Wir wollten uns vor allem nicht abhängig von anderen machen, weshalb uns es wichtig war, viel selbst zu machen. Wir wollen zum Beispiel nicht, dass unser Booking von jemandem anders abhängig ist. Ich habe zwar auch manchmal keine Lust eine Tour zu buchen und sitze dann verzweifelt da. Wenn ich aber sehe, was drumherum alles passiert, schöpfe ich daraus Energie. Wenn es keiner macht, dann wollen wir das selbst auf dem höchstmöglichen Level machen.

Backstage PRO: Hat das auch damit zu tun, dass man sich selbst einfach am meisten vertraut?

Darius Lohmüller: Ich glaube, das schwingt manchmal mit. Bis zu einem gewissen Punkt ist das auch legitim. Aber es gibt natürlich viele Bereiche, bei denen wir nicht alle Punkte auf dem Level einer großen Agentur abdecken können. Das ist für mich selbstverständlich. Aber im Booking sind wir zum Beispiel auf einem Level, dass wir mit dem Standing der Band coole Sachen machen können. Das an eine Agentur abzugeben, die im Prinzip genau dasselbe macht wie wir, halte ich nicht für sinnvoll.

"Eine Newcomerband funktioniert nur, wenn sie unfassbar viel selbst macht"

Backstage PRO: Wann ist es sinnvoll, etwas abzugeben?

Darius Lohmüller: Sinnvoll finde ich, wenn sich daraus neue Möglichkeiten ergeben, die ganz neue Türen öffnen. Türen, die man sonst nicht erreichen kann. Aber nur aufgrund des Arbeitsaufwands etwas abzugeben, das war noch nie etwas, das wir gemacht haben.

Backstage PRO: Was war der Schlüsselmoment hinsichtlich des Managements?

Darius Lohmüller: Wir kamen 2017 nach einer Supporttour mit unserem Management in Kontakt und haben uns erstmal über ein paar Monate ausgetauscht. Uns war klar, dass uns das ganz neue Chancen ermöglicht, wenn wir diesen Bereich abgeben. Das sind neue Kontakte und neue Wege, die wir allein so nicht hätten gehen können. Das war für uns also in diesem Moment keine große Frage. Wichtig war uns aber immer der Hintergedanke, dass die Menschen, mit denen wir arbeiten, genauso ticken wie wir. Nur dann macht es Sinn und führt auch zu weiteren Erfolgen und Fortschritten.

Backstage PRO: Ich habe oft das Gefühl, dass Nachwuchsmusiker gar nicht wirklich wissen, was es bedeutet, ein Management zu haben. Wie siehst du das?

Darius Lohmüller: Absolut. Ich denke, der Begriff „Management“ sollte in der heutigen Musikszene genauer definiert werden. Ich glaube, viele verstehen nicht direkt, dass ein Management als Newcomerband nicht heißt, dass dir die Drecksarbeit abgenommen wird. Es ist eher das Gegenteil, dass nämlich jemand da ist, der dich noch mehr pusht und dafür sorgt, dass du noch viel mehr arbeitest. Die Vorstellung, dass ein Management dir Arbeit abnimmt – das ist also nicht die Realität. Ich glaube, eine Newcomerband kann nur funktionieren, wenn sie unfassbar viel selbst macht und unfassbar viel reinsteckt.

Mit einem Management im Rücken ist es ein gegenseitiges Befeuern, wie in einer Beziehung. Es geht nicht nur darum, dass es uns hilft, Dinge richtig zu biegen. Es ist einfach eine schöne Möglichkeit, jemand externes involviert zu haben, der sich intensiv mit dir als Band auseinandersetzt und mit dir über Dinge spricht. Darüber, ob es Sinn ergibt, was du dir ausgedacht hast, oder ob noch weitere Gedanken dazu nötig sind. Unser Management ist hinter uns her – aber wir sind es im Gegenzug genauso.

"Es ist ein zeitintensiver Job"

Backstage PRO: Kannst du grob einschätzen, wieviel Zeit es bedeutet, fast alles selbst zu machen?

Darius Lohmüller: Durch die aktuelle Situation fehlt das Livesegment, aber es ist nicht so, dass wir in ein Loch gefallen sind. Selbst ohne Shows ist das ein Full-Time-Job und alle Konzerte sind nochmal on top. Das ist ein unfassbarer Zeitaufwand, der nur möglich ist, wenn man eine riesige Leidenschaft dafür hat.

Backstage PRO: Ist es also die Leidenschaft, die bei einer erfolgreichen Band den Unterschied macht?

Darius Lohmüller: Ich finde spannend, dass das oft nicht gut kommuniziert wird. Dieser Punkt der Leidenschaft ist der allergrößte Faktor. Du fängst aus Leidenschaft an, nicht aus monetären Absichten. Es ist das dümmste, was du machen kannst, eine Band aus Geldgründen zu starten. Wenn ich diese Leidenschaft nicht mehr hätte, warum sollte ich das alles weiterhin machen? Es ist finanziell nicht so bereichernd, um alles andere aufzugeben.

Backstage PRO: Hast du noch einen Tipp für Musiker in der aktuellen Situation?

Darius Lohmüller: Man sollte sich nicht selbst kleiner machen, als man ist. Man spricht von einem Hobby und einer Leidenschaft, was ja auch in der Außenwirkung so ankommen soll. Keiner will hören, dass es ein Job ist – aber genau diesen Aspekt sollte man weiter vorne anstellen, als es oft der Fall ist. Es ist ein zeitintensiver Job, der finanziell nicht bereichernd sein muss, aber trotzdem hohe Umsätze generiert und viele Steuergelder einzahlt.

In der aktuellen Zeit muss ein Bewusstsein für dieses Berufsbild entstehen – vor allem in der Politik.

Backstage PRO: Vielen Dank, Darius!

Auch interessant

Personen

Darius Lohmüller

Musiker aus Freiburg Gitarrist bei the deadnotes

Artists

the deadnotes

Indie/Punk aus Freiburg

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