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"Wir halten den Kontakt zu Veranstaltern und anderen Bands"

Das DIY-Booking der Metalband Ikarus: Wie klappt die Tourplanung als junge Band?

Interview von Reinhard Goebels
veröffentlicht am 21.05.2019

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Das DIY-Booking der Metalband Ikarus: Wie klappt die Tourplanung als junge Band?

Ikarus v.l.n.r.: Marcel, Kai, Fernando. © Ikarus

Ikarus wurden 2014 gegründet und arbeiten derzeit an ihrer zweiten EP. Binnen kürzester Zeit gelang es den Mannheimern, eine dazugehörige Weekender-Tour mit bisher 14 Terminen auf die Beine zu stellen. Wir sprachen mit Sänger Kai und Gitarrist Marcel ausführlich über ihr Vorgehen und wie sie Backstage PRO dabei genutzt haben.

Vor der ersten Tour stellen sich für eine Band häufig viele Fragen: Ist eine richtige Tour für eine kleine Band überhaupt realistisch? Wie geht man am besten die Planung an? Wohin sollte man sich für das Booking wenden und wie weit sollte man den Radius der Tour wählen?

Kai Weissmann und Marcel Dürr von der Mannheimer Metalband Ikarus erklären uns im Interview Schritt für Schritt, wie ihre bisher 14 Shows umfassende Weekender-Tour zustande kam.

Backstage PRO: Ihr habt eure Band 2014 gegründet. Wie fing bei euch alles an?

Kai: Angefangen hat alles vor ca. acht Jahren. Unser ehemaliger Bassist Simon und ich haben zusammengewohnt und wollten einfach eine Band gründen. Wir konnten beide bereits ein bisschen Gitarre spielen, unsere Fähigkeiten reichten jedoch bei weitem nicht dafür aus, das zu spielen, was wir machen wollten, und zwar harten Metal. Zudem hatten wir lange nur zwei Akustikgitarren, mit denen wir versucht haben, böse Mucke zu machen (lacht). Irgendwann kam dann Fernando, unser Drummer hinzu. 2014 waren wir dann schließlich mit Marcel vollständig und haben uns zunächst 2 Jahre lang im Proberaum eingeschlossen, um an Songs zu arbeiten, bevor wir zum ersten Mal auf die Bühne gegangen sind.

Backstage PRO: War es von vornherein euer Plan, so lange zu warten?

Marcel: Es stand schon zur Debatte, ob wir nicht früher auf die Bühne gehen wollen. Wir hatten jedoch auch Schwierigkeiten, einen geeigneten Sänger zu finden, da Kai zunächst in der Band Gitarre gespielt und erst 2017 den Gesang übernommen hat. Im Nachhinein sind wir jedoch sehr froh, dass wir uns die Zeit genommen haben. Wir wollen nur richtig geile Dinge auf die Bühne bringen und proben daher sehr viel.

“Wir haben bereits zuvor einige Auftritte selbst organisiert”

Backstage PRO: Ihr arbeitet gerade am Nachfolger eurer 2017er EP “Ikarus Rising” und geht im Herbst auf die dazugehörige Tour. Wie weit seid ihr denn mit der Tourplanung?

Kai: Wir sind in der Booking-Phase, derzeit stehen bereits 14 Termine fest. Wir haben zunächst einen nach hinten offenen Zeitraum ab Ende Oktober festgesteckt. Wir machen eine Wochenendtour, bei der wir jeweils freitags und samstags spielen. 7 Wochen haben wir bereits voll, sind aber noch auf der Suche.

Backstage PRO: Was hat euch dazu bewogen, eine Tour in Angriff zu nehmen?

Kai: Wir haben in den letzten zwei Jahren bereits relativ häufig live gespielt, ca 25 Gigs im Jahr. Hauptsächlich fanden diese an Wochenenden statt, da wir alle entweder studieren oder berufstätig sind. Einige Auftritte haben wir selbst organisiert und wir kamen auch mit den Veranstaltern gut klar.

Dann hat uns der Artikel über DIY-Touren in Europa bei Backstage PRO inspiriert, da wir dadurch festgestellt haben, dass eine Tour auch für eine kleine Band wie uns realistisch ist, und wir zusätzlich konkrete Tipps zum Vorgehen erhalten haben. Letztes Jahr haben wir zudem mit der Band A Traitor Like Judas zusammengespielt, die in einem Jahr an 40 Wochenenden gespielt hat. Das war der letzte Anstoß.

“Nach ein bis zwei Wochen standen 14 Termine”

Backstage PRO: Wie seid ihr konkret vorgegangen?

Kai: Nachdem wir den für uns möglichen Zeitrahmen festgesteckt hatten, haben wir uns überlegt, was wir erwarten, wo wir hinwollen und was unsere maximale Reichweite ist. Im Brainstorming haben wir dann zusammengetragen, wo wir Kontakte haben, wo wir schon gespielt haben und in welchen Städten es Sinn machen könnte, da es aktive Metalszenen gibt.

Danach ging das Booking an sich relativ schnell. Wir saßen ein bis zwei Wochen jeden Tag ein paar Stunden dran, dann standen die 14 Termine. Wir schauen dennoch z.B. bei Backstage PRO täglich im Booking-Netzwerk, ob sich weitere Gelegenheiten anbieten. Aktiv auf Leute zugehen wollen wir jedoch erst in ein paar Wochen wieder.

Backstage PRO: Ihr habt also Locations kontaktiert, bei denen ihr schon gespielt habt?

Kai: Größtenteils bestanden schon Kontakte. Wir haben ein paar Locations angeschrieben, bei denen es in der Vergangenheit terminlich nicht geklappt hat, diesmal jedoch passt. Bei dem größten Teil haben wir jedoch bereits gespielt und dann den Kontakt gehalten.

“Der Radius der Tour ist so groß, dass es noch Spaß und Sinn macht”

Backstage PRO: Wie habt ihr den Radius der Tour festgelegt?

Marcel: Zu Beginn kam das bei uns ziemlich aus dem Nichts (lacht), das waren so zwischen zwei und drei Stunden Fahrtzeit, wenn wir nur einen Gig am Wochenende hatten. Diesmal haben wir den Radius größer gewählt, da wir am ganzen Wochenende spielen wollen und somit weitere Strecken in Betracht kommen.

Der Radius ist so groß, dass es noch Spaß und Sinn macht: so bei ca. 5 bis 6 Stunden. Wir können dann freitags nach der Arbeit einen Gig spielen und am Samstag quasi auf dem Heimweg noch einen mitnehmen.

Backstage PRO: Ihr nehmt euch also keinen Urlaub?

Kai: Vermutlich werde ich mir für längere Fahrten gelegentlich freitags den halben Tag freinehmen. Ansonsten ist jedoch kein Urlaub geplant.

“Fünf von den 14 Gigs haben wir selbst organisiert”

Backstage PRO: Für junge Bands ist es oft schwieriger, an Auftritte außerhalb ihrer eigenen Region zu kommen, wenn im Vorfeld nicht die Beteiligung eines lokalen Acts feststeht. Wie stellt sich das grundsätzlich für euch dar?

Kai: Das sehen wir auch so. In Mannheim könnten wir sehr oft spielen und müssten nichts selbst organisieren. In anderen Städten werden wir nicht so direkt angefragt. Wir haben das dadurch gelöst, dass wir selbst gerne Konzerte veranstalten, sowohl hier als auch anderorts. Dann holen wir uns lokale Bands dazu. Der Deal ist, dass wir den Abend organisieren, uns um GEMA, Technik, Mischer, Snacks und Getränke auf der Bühne kümmern, und uns die Bands dafür bei der Werbung helfen.

Dadurch haben wir unsere Reichweite aufgebaut. Außerdem halten wir die Kontakte sowohl zu anderen Veranstaltern als auch zu den Bands. Wenn man erst einmal dabei ist, klappt es auch gut, für Folgegigs gebucht zu werden.

Backstage PRO: Tretet ihr bei eurer Tour im Herbst auch als Veranstalter auf?

Kai: Ja, fünf von den bisher 14 Gigs haben wir selbst organisiert.

Backstage PRO: Mietet ihr die Locations?

Kai: Bei den Locations handelt es sich beispielsweise um Jugendzentren, deren Räume man für einen Abend nutzen darf und die auch Hilfe in Form von Personal an der Bar oder der Kasse bereitstellen. Es gibt dann meistens einen Door-Deal, der unter den Bands aufgeteilt wird. Wir haben natürlich Kosten für Werbung, Snacks und dergleichen. Für einen Laden tatsächlich Miete zu bezahlen, ist für uns derzeit nicht realistisch, da es extrem schwer ist, bei einer Miete in Höhe zwischen 300 bis 1000 € am Ende in etwa bei null herauszukommen, zumal wir größere Locations nicht füllen können.

“Bei der Kaltakquise bekommt man bei 100 Nachrichten zwei oder drei Antworten”

Backstage PRO: Wie viele Locations habt ihr bisher insgesamt für die Tour kontaktiert?

Kai: Wir haben vor allem Leute kontaktiert, die Lust haben, etwas aufzuziehen, sprich Veranstalter. In Offenburg gibt es beispielsweise die Kulturkneipe Stud und einen Veranstalter, der dort Metalkonzerte veranstaltet. Wir schreiben dann eher letzteren an und er klärt es mit der Location.

Wir haben insgesamt lediglich 20 Nachrichten verschickt, um die 14 bisherigen Gigs festzumachen. Das war sehr angenehm. Dazu muss man jedoch sagen, dass wir wirklich alle Ansprechpartner bereits seit 2 Jahren kennen und engeren Kontakt zu ihnen haben.

Die Kaltakquise ist immer schwierig, das kennt vermutlich jeder Musiker (lacht). Wir haben mal eine Liste aufgesetzt mit 300 Locations. Da bekommt man bei 100 Nachrichten vielleicht zwei oder drei Antworten (Anm. d. Red.: Tipps für zielgerichtetes Booking findest du u.a. hier!).

Marcel: Wir haben bereits letztes Jahr einige Auftritte organisiert und spielen bei der Tour häufig in den gleichen Locations und mit Bands, mit denen wir bereits gespielt haben. Wir haben mit vielen tollen Leuten zusammengearbeitet und es hat gut gepasst, und das können wir jetzt quasi für eine Tour bündeln. So gesehen ist sie auch ein Produkt der Arbeit, die wir letztes Jahr hatten.

“Telefonieren holt die Leute am besten ab”

Backstage PRO: Was waren bisher die größten Herausforderungen für euch?

Kai: Zeitliche Organisation: Wann haben wir Zeit und auch die Energie als Band, und wie passt das in den Locations?

Bei den fünf selbstorganisierten Gigs ist die größte Herausforderung der hohe Kommunikationsaufwand mit den verschiedenen Parteien wie Bands und Locationbesitzer. Da muss geklärt werden, wer Essen und Getränke stellt, wer sich um die GEMA kümmert, und wenn wir das sind, wie wir das gestalten. Zudem ist jeder Club sehr einzigartig, auch was das vorhandene Equipment wie z.B. Mikroständer angeht. Das muss im Vorhinein alles abgesprochen werden.

Backstage PRO: Wenn ihr irgendwo spielen möchtet, greift ihr zum Telefon oder schreibt ihr eine E-Mail?

Marcel: Am einfachsten ist natürlich Facebook oder auch WhatsApp, wenn man die entsprechende Handynummer hat. Oft kommen uns Ideen während der Probe, und bevor wir das dann vergessen, schreiben wir Leute direkt an.

Kai: Telefonieren holt die Leute jedoch immer am besten ab. Wenn wir noch keinen Kontakt zu jemandem hatten, dann rufen wir immer zuerst an. Wenn dann keiner drangeht, schreiben wir eine Mail oder eine Nachricht auf Facebook. Dann ist es aber sehr wichtig, noch einmal nachzuhaken.

Auf die erste Anfrage bekommen wir eigentlich nie eine Antwort, aber das kann ich gut verstehen. Auf die Gigs, die wir bei Backstage PRO ausschreiben, bekommen wir jeweils etwa 40 bis 50 Bewerbungen, und manchmal schafft man es da nicht, alles zeitnah zu beantworten. In der Regel ist einem kein Veranstalter böse, wenn man nach ein oder zwei Wochen noch mal höflich nachfragt, ob er schon eine Gelegenheit hatte, einmal reinzuhören.

“Nur bei Backstage PRO können wir so schnell die besten Bewerber identifizieren”

Backstage PRO: Ihr habt die Supportslots für alle Gigs, die ihr selbst organisiert, bei uns ausgeschrieben. Welche Vorteile hat das für euch?

Kai: Es gibt keine andere Plattform, bei der wir so schnell so viele gute Anfragen bekommen und zudem gleichzeitig so gezielt die am besten geeigneten Bewerber identifizieren können. Bei Backstage PRO können wir die Bewerber einfach nach der Entfernung zum Auftrittsort sortieren. Wir sehen zudem das Genre und können beispielsweise direkt auf Hörproben zugreifen. Für mich ist es direkt ein Ausschlusskriterium, wenn das Profil einer Band bei Backstage PRO nicht gut gepflegt ist; dann habe ich als Veranstalter den Extra-Weg, mir die Informationen und Songs zusammenzusuchen. Wenn ich dann noch zehn weitere Anfragen habe, die gut sind, nehme ich lieber von denen eine Band.

Backstage PRO bietet also superschnellen Zugriff auf alles Relevante und außerdem eine gute Übersicht, wer für welchen Gig bereits bestätigt ist, wie viele Slots noch offen sind und dergleichen. Und es sind auch mittlerweile einfach sehr viele Bands auf der Plattform unterwegs.

Backstage PRO: Wie transportiert ihr euer Equipment auf Tour?

Marcel: Früher hatten wir sehr viel zu schleppen, haben jedoch mittlerweile bewusst unser Equipment reduziert, damit der Transport einfacher wird.

Kai: Wir fahren entweder mit einem Opel Corsa oder einem Toyota Yaris und bekommen da alles rein. Ich brauche nicht mehr als mein Mikro, Marcel hat seine Gitarre und einen kleinen Amp-Modulator. Je nachdem, wie man es abspricht, stellt eine andere Band vielleicht die Drums, sodass Fernando nur die Doublebass und die Becken mitnehmen muss. Wir haben zudem immer einen Ego Riser und Licht dabei, zwei Roll-Ups und zwei Kisten Merch. Für uns ist das bei der Tour auch ein finanzieller Faktor. Es geht ja in unserer Größenordnung eher darum, wieviel Geld man dabei drauflegt (lacht).

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch, eure lobenden Worte zu diesem Portal und weiterhin viel Erfolg auf Tour!

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