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Möglicher Zusammenhang mit Streaming-Plattformen

Streamingeinfluss: Songtexte werden immer einfacher und aggressiver

Spezial/Schwerpunkt von BackstagePRO
veröffentlicht am 13.09.2024

streaming songwriting

Streamingeinfluss: Songtexte werden immer einfacher und aggressiver

© Viralyft

In einer kürzlich durchgeführten Studie sind Forschende nach der Auswertung diverser Songs der letzten Jahrzehnte zu dem Schluss gekommen, dass Songtexte immer repetitiver werden und zunehmend Wörter beinhalten, die negative Emotionen transportieren. Wie lassen sich diese Entwicklungen erklären?

Insgesamt hatte das Forschungsteam um Eva Zangerle von der Universität Innsbruck mehr als 350.000 englischsprachige Songs der letzten fünf Jahrzehnte (1970 - 2020) ausgewertet. Dabei wurden sowohl Rap- als auch Country-, Pop-, Rock- und R&B-Songs auf Komplexität, Struktur, Emotionalität und Popularität ihrer Songtexte untersucht. Der Zugriff auf die entsprechenden Lyrics erfolgte dabei über die Plattform Genius. Im Fokus der Analyse standen deren Komplexität, Wortschatz und erzeugter Stimmung. 

Für die Analyse verwendeten die Forschenden ein breites Spektrum an linguistischen und strukturellen Beschreibungsmerkmalen, darunter:

  • Lexikalische Deskriptoren: Wie vielfältig ist das Vokabular eines Songs? Wie viele einzigartige Wörter kommen vor?

  • Strukturelle Merkmale: Wie oft werden Refrains wiederholt? Wie ist der Text aufgebaut (z.B. Strophen-Refrain-Muster)?

  • Emotionale Deskriptoren: Wie häufig kommen Worte mit positiver und negativer emotionaler Färbung vor?

Die Popularität der Songs wiederum maß das Forschungsteam anhand von zwei Kennzahlen: Der Anzahl der Abspielungen (wie oft ein Song gehört wurde) und der Texteinsichten der Songtexte auf der Plattform Genius. Diese Daten ermöglichten es den Forschenden, die Relevanz der Songtexte in verschiedenen Genres über die Jahre hinweg zu analysieren.

Die Forschenden untersuchten Songs also unter anderem danach als wie vielfältig dessen Vokabulare sich erweist und wie viele einzigartige Wörter darin vorkommen, wie oft der Refrain wiederholt wird und wie der Text insgesamt aufgebaut ist, sowie wie häufig Worte mit positiver oder negativer emotionaler Färbung vorkommen. 

Dabei gelangte die Studie zu dem Ergebnis, dass Songtexte nicht nur immer einfacher, sondern auch immer negativer zu werden scheinen.

Trend zur Vereinfachung genreübergreifend

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Songtexte im Laufe der letzten fünfzig Jahre deutlich einfacher geworden sind. Zum einen werden in heutigen Songs einzelne Wörter sowie ganze Liedzeilen vermehrt wiederholt, was unter anderem auch dadurch bedingt ist, dass Refrains eine immer größere Rolle zu spielen scheinen. 

Neben der strukturellen Komplexität soll jedoch auch die lexikalische Komplexität - damit gemeint ist der Reichtum an Wortschatz und die Schwierigkeit des Textverständnisses - mit der Zeit abgenommen haben. 

Laut den Forschenden, ließen sich diese Entwicklungen über alle betrachteten fünf Genres hinweg feststellen, wobei Rap die größte Zunahme an Repetitivität und eine starke Abnahme an Textkomplexität aufweist, während Country-Musik vergleichsweise relativ stabil geblieben ist und weniger stark vereinfacht wurde.

Neue Medien nehmen Einfluss

Die Gründe für die Vereinfachung von Liedtexten sind zwar noch unklar, Zangerle vermutet aber einen Zusammenhang mit der gestiegenen Relevanz von Musikstreaming. 

In der Vergangenheit haben wir bereits darüber berichtet, wie Musikstreaming das Hörverhalten der Hörer*innen sowie deren Wertschätzung von Musik verändert hat und wie Streamingplattformen wie TikTok Einfluss darauf nehmen, was gehört wird.

Die Studie der Universität Innsbruck verdeutlicht, dass das Ganze auch andersherum funktioniert und Musik inzwischen anders produziert wird, um (anders) gehört zu werden.

So erklärt Zangerle etwa:

"Das Musikstück muss in den ersten 10 bis 20 Sekunden überzeugen, sonst wird zum nächsten Lied gewechselt."

Eingängig und leicht verständlich

Damit das Hören eines Songs auf einer Streamingplattform als Stream gewertet wird, muss ein Titel aktuell mindestens für 30 Sekunden abgespielt werden. Immer häufiger starten Songs demnach heute direkt mit der Hook oder sogar dem Refrain und damit mit den besonders eingängigen Melodienphrasen. 

Eingängige, leicht verständliche Texte haben zudem eine größere Chance auf Plattformen wie TikTok viral zu gehen und damit kommerziell erfolgreich zu sein. 

Aggressivität nimmt zu

Neben der Vereinfachung der Texte wurde im Rahmen der Studie der Universität Innsbruck zudem festgestellt, dass die emotionalen Inhalte in Liedtexten negativer geworden sind. 

Begriffe, die mit negativen Gefühlen wie Wut, Traurigkeit oder Enttäuschung verbunden sind, haben zugenommen, während positive Emotionen (z.B. Freude oder Liebe) seltener auftreten. Besonders Rap- und R&B-Texte zeigen der Studie nach eine Zunahme an negativen Emotionen. 

Allerdings zeigt Rap als Genre gleichzeitig auch einen Anstieg an emotional geladenen Wörtern im Allgemeinen, was darauf hindeutet, dass Rap insgesamt emotionaler geworden ist. Hinzu kommt, dass Texte genreübergreifend aggressiver geworden sind. Dies lässt sich an der Menge der Begriffe, die mit Wut zusammenhängen, ablesen. Auch hierfür hat Zangerle eine mögliche Erklärung:

"Natürlich ist es so, dass wir Musik hören, mit der wir uns identifizieren können, die uns irgendwo abholt. Ich glaube, das ist schon ein ganz guter Spiegel der Gesellschaft."

Gemeint ist, dass Songtexte die Stimmung der Menschen aufnehmen, die aktuell eher krisenhaft ist. Daneben könnte eine Rolle spielen, dass starke Emotionen, auch negative, Aufmerksamkeit bringen.

Zunehmende Personalisierung der Texte

Eine weitere Beobachtung des Forschungsteams ist es, dass Songtexte im Verlauf der Zeit persönlicher geworden sind. Der Gebrauch von Pronomen wie "ich", "mein", und "mir" hat in fast allen Genres zugenommen. 

Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass moderne Songtexte vermehrt persönliche Geschichten oder individuelle Erfahrungen widerspiegeln, anstatt allgemeine Themen zu behandeln. 

Neben der zunehmenden Emotionalität könnte auch diese Personalisierung der Songtexte als Spiegel gesellschaftlicher Trends gesehen werden. In Zeiten von Social Media und Selbstvermarktung spielt die Selbstdarstellung eine immer größere Rolle, was sich auch in den Songtexten widerspiegeln könnte.  

Denn wie die Studie betont:

“So wie Literatur als Darstellung der Gesellschaft betrachtet werden kann, spiegeln Texte auch die sich verändernden Normen, Emotionen und Werte einer Gesellschaft im Laufe der Zeit wider.”

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