Trend hin zu einfacheren, negativeren Texten
Studie: Was 50 Jahre US-Charts über erfolgreiche Songtexte verraten
charts musikbusiness songwriting
© Pavel Danilyuk
Für die in Scientific Reports veröffentlichte Untersuchung analysierten die Psychologen Maurício Martins, Markus Foramitti, Urs Markus Nater und Claus Lamm insgesamt 20.186 englischsprachige Songtexte aus den Jahren 1973 und 2023. Untersucht wurden Titel, die es in diesem Zeitraum in die wöchentlichen Top 100 der US-Charts geschafft hatten.
Vorgehen der Forschenden
Mithilfe moderner Natural-Language-Processing-Verfahren untersuchten die Forscher drei zentrale Dimensionen: stressbezogene Sprache, emotionale Tonalität (Sentiment) und lyrische Komplexität.
Um die Begriffe einordnen zu griffen die Forschenden auf ein anerkanntes psychologisches Wörterbuch mit rund 270 Begriffen zurück, darunter etwa "abuse" (Missbrauch), "attack" (Angriff) oder "pressure" (Druck). Als negativ galten unter anderem Wörter wie "pain" (Schmerz) oder "anger" (Zorn, Wut).
Die lyrische Komplexität wiederum wurde mithilfe eines Kompressionsverfahren erfasst, das misst, wie stark sich Texte verkürzen lassen. Je besser ein Song "komprimierbar" ist, desto einfacher und redundanter ist demnach seine Struktur.
Das Ergebnis war eindeutig: Über fünf Jahrzehnte hinweg nahm die Häufigkeit stressbezogener Begriffe stark zu, während positive Emotionen kontinuierlich zurückgingen. Parallel dazu wurden Texte einfacher und repetitiver.
"Personen tendieren zu der Musik, die mit der eigenen Stimmung übereinstimmt", sagte Studienautor Markus Foramitti der Deutschen Presse-Agentur. Aus der Entwicklung ließen sich daher auch Rückschlüsse auf die emotionale Verfassung der Hörerschaft ziehen. In Ausnahmesituationen gelte dieses Prinzip jedoch nur eingeschränkt, wie die Befunde der Studie zu großen gesellschaftlichen Krisen zeigen.
Gesellschaftliche Schocks bremsen den Trend
Entgegen der ursprünglichen Hypothese verstärkten Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder der Beginn der COVID-19-Pandemie 2020 die Negativität in den Charts nicht, sondern hatte gar eine gegenteilige Wirkung.
Während der Pandemie etwa wurden erfolgreiche Songs im Durchschnitt weniger stressgeladen und emotional positiver. Die Autoren der Studie interpretieren dies als Hinweis auf kollektive Emotionsregulation: In extremen Belastungssituationen greifen Hörer offenbar verstärkt zu Musik, die nicht ihrer eigenen Stimmung entspricht, sondern einen Ausgleich bietet.
Kein Zusammenhang mit wirtschaftlichem Wohlstand
Ein weiterer zentraler Befund der Studie: Wirtschaftliche Kennzahlen erklären die Entwicklung kaum. Zwar stiegen reales Medianeinkommen, Stressbegriffe und Negativität langfristig parallel an, doch nach statistischer Bereinigung zeigte sich kein belastbarer Zusammenhang zwischen Einkommensentwicklung und lyrischem Stress oder Sentiment.
Damit widerspricht die Studie der Annahme, dass wirtschaftliche Auf- und Abschwünge direkt die emotionale Tonalität populärer Musik beeinflussen. Entscheidend scheinen eher subjektive Wahrnehmungen und kollektive Stimmungen zu sein als objektive ökonomische Daten.
Auffällige Trendwende ab 2016
Zugleich identifizierten die Forscher einen überraschenden Bruch in der Entwicklung. Ab etwa 2016 nahm die lyrische Komplexität wieder zu. Zeitlich fällt dieser Wendepunkt mit der ersten Präsidentschaft von Donald Trump zusammen.
Die Autoren betonen jedoch, dass es sich hierbei um eine nachträgliche Beobachtung handelt. Ob politische Polarisierung, kulturelle Gegenbewegungen oder andere Faktoren für diese Entwicklung verantwortlich sind, bleibt offen. Ein kausaler Zusammenhang lasse sich aus den Daten nicht ableiten.
Musik als Spiegel und Flucht
Insgesamt unterstreicht die Studie eine doppelte Rolle populärer Musik, die langfristig gesellschaftliche Stress- und Negativitätsentwicklungen widerspiegelt, in akuten Krisen jedoch offenbar als Mittel zur emotionalen Entlastung genutzt wird.
Musik fungiert damit zugleich als Stimmungsbarometer und als Werkzeug kollektiver Emotionsregulation, abhängig von Kontext und Intensität gesellschaftlicher Belastung.
Was Künstler*innen aus der Studie mitnehmen können
Für Songwriterinnen und Songwriter, Labels und A&R (Artists & Repertoire) liefern die Ergebnisse der Studie eine datenbasierte Bestätigung vieler marktpraktischer Beobachtungen. Die langfristige Zunahme von Wiederholung und Vereinfachung in erfolgreichen Songtexten deutet darauf hin, dass Verständlichkeit, schnelle emotionale Zugänglichkeit und klare Hooks zentrale Erfolgsfaktoren geblieben sind, auch bereits bevor Streaming diese Logiken verstärkt hat.
Gleichzeitig zeigt der Befund, dass Hörer in akuten Krisenzeiten eher zu entlastender, weniger stressgeladener Musik greifen, wie wichtig Kontext für Release-Strategien, Kuration und Marketing ist.
Die seit 2016 beobachtete Zunahme lyrischer Komplexität legt zudem nahe, dass sich auch im Mainstream phasenweise wieder mehr textliche Tiefe durchsetzen kann.
Erfolgreiche Repertoirestrategien bewegen sich also weniger entlang fixer Formeln als entlang eines sensiblen Zusammenspiels aus gesellschaftlicher Stimmung, emotionaler Funktion und klarer, aber nicht zwingend minimalistischer Sprache.
Ähnliche Themen
Möglicher Zusammenhang mit Streaming-Plattformen
Streamingeinfluss: Songtexte werden immer einfacher und aggressiver
veröffentlicht am 13.09.2024 11