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Der Hafen in den Köpfen

"Unser Publikum erwartet Überraschungen": Interview mit Alexander Schulz vom Reeperbahn Festival

Interview von Jan Paersch
veröffentlicht am 13.07.2016

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"Unser Publikum erwartet Überraschungen": Interview mit Alexander Schulz vom Reeperbahn Festival

Alex Schulz. © Rieka Anscheit, Quelle: Reeperbahn Festival GbR

Das Reeperbahn Festival ist nicht nur eines der größten Indie-Festivals Europas: Zur Konferenz werden dieses Jahr mehr als 3.500 Fachbesucher aus der Musikwirtschaft erwartet. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer Alexander Schulz über die Pläne fürs nunmehr schon elfte Jahr.

Vom 21. bis 24. September 2016 lockt die Reeperbahn wieder zu Konferenz-Sessions, Showcases und Networking-Events. Schon seit seiner Premiere im Jahr 2006 wird das Branchenevent von Alexander Schulz mit seiner Firma Inferno Events geleitet. Zusätzlich wird Schulz die Neuauflage des Elbjazz Festivals organisieren, das 2017 wieder rund um den Hafen stattfinden wird.

Zum Gespräch trafen wir ihn hoch über St. Paulis Pferdemarkt, 800 Meter von der Reeperbahn entfernt. Aus dem Konferenzraum im 5. Stock hat man einen guten Blick auf das Stadion des FC St. Pauli. Auch der Grüne Jäger, das Knust, und der Musikbunker mit dem Uebel & Gefährlich sind in Sichtweite: einige der aufregendsten Spielstätten des Reeperbahn Festivals.

"Wir wollen es festivalesker hinbekommen"

Backstage PRO: Sprechen wir zuerst über die 2016er Ausgabe des Reeperbahn Festivals. Was gibt’s Neues?

Alexander Schulz: Ich kann noch keine Namen nennen, aber das weniger mainstreamige Programm wird an den ersten beiden Tagen stattfinden, das ist die Tendenz. Freitag und Samstag sind viele Leute unterwegs, die vielleicht nur ein oder zwei Tage kommen und dann die etwas prominenteren Namen als Anlass benötigen. Wir werden versuchen, den Spielbudenplatz etwas umzugestalten, damit klar wird: das ist unser Hauptspielort. Wir wollen das Feeling ein bisschen festivalesker hinbekommen, mit Ausstellungen im öffentlichen Raum, am Vorplatz des Mojo Club und soweit möglich an der Baustelle der ehemaligen Esso-Häuser.

"Du wirst nie Leute davon überzeugen, ein Ticket für einen Künstler zu kaufen, den sie nicht kennen."

Backstage PRO: Das XJazz in Berlin hat ein ähnliches Konzept wie ihr, mit lokalen Konzerten in einem Umkreis von zwei Kilometern. Allerdings verkaufen die für jedes Konzert einzelne Tickets. Das war für euch nie eine Option?

Alexander Schulz: Nein, umgekehrt war es für uns stets der Reiz, das Problem zu lösen. Es ist eine Philosophiefrage. Das kommunikative Dach ist das Festival, nicht die Zugangslogik. Du wirst nie Leute davon überzeugen können, ein Ticket für einen Künstler zu kaufen, den sie nicht kennen. Unser Repertoire besteht zu 80% aus unbekannten Acts. Nur so rennst du auch mal in Überraschungen.

Backstage PRO: Würdest du sagen, dass das Reeperbahn-Konferenz-Programm mittlerweile genauso wichtig ist wie das Festival?

Alexander Schulz: Wir wären nicht da, wo wir sind, wenn es nicht beides gäbe. Unsere Stärke besteht darin, dass wir, wie kaum eine andere Veranstaltung, Zugangs-Regelungen und Programmierungen so weit möglich für Fach- als auch für Konzert-Publikum öffnen. Beide haben etwas davon. Einerseits müssen die Musikwirtschaftenden eine bestimmte Qualität abliefern, andererseits müssen wir dafür sorgen, dass bestimmte Künstler den zahlenden Besuchern ganz früh gezeigt werden. Das würde nicht funktionieren, wenn man geschlossene Showcases macht, die nur per Einladung funktionieren. Alle von Partnern präsentierten Konzerte sind öffentlich. Wenn ich nur ein Wristband habe, kann ich zwar tagsüber keine Konferenz-Panels anschauen. Aber wir werden dieses Jahr einige Referenten bitten, ihr Panel ein zweites Mal am Samstag anzubieten, für die Öffentlichkeit. Denn wir haben ein sehr musikinteressiertes Publikum, das von uns Überraschungen erwartet.

"Wir werden immer wieder Leute aus Politik und Verwaltung einladen"

Backstage PRO: Das heißt, ihr habt viele Fans, die sehr weite Wege auf sich nehmen?

Alexander Schulz: 55% der öffentlichen Besucher kommen aus der Metropolregion Hamburg, 12% sind international. Das heißt, ein gutes Drittel kommt aus anderen Bundesländern. Und bleiben immer länger als einen Tag.

Backstage PRO: Ihr habt eine große Bandbreite an Panel-Speakern, von Herbert Grönemeyer bis Justizminister Heiko Maas (der dann allerdings einen Stellvertreter schicken musste).

Alexander Schulz: Grönemeyer war der richtige, weil der sich zu ästhetischen Fragen äußern kann, er kann zur Auskömmlichkeit mit Musik als Künstler, aber auch als Werbebetreiber mit seinem Label Grönland Stellung nehmen. Die Bandbreite beginnt bei Leuten aus der Musikwirtschaft und endet bei denen, die die Rahmenbedingungen dafür setzen, das  ist in Zeiten digitaler Veränderungen wichtiger denn je. Und dafür stehen nun mal Politiker. Von denen will man zuerst wissen: werden sie die Gesetze und ihre Haltung juristisch definieren. Dann erst kann man auch über die moralische Ebene reden. Solche Appelle wie "Copy Kills Music" sind ja gut und schön, helfen aber nichts, wenn kein Gesetz der Welt das jemals ahndet. Da kann ich das meinen beiden Söhnen so oft erzählen, wie ich will. Heute geht es natürlich eher darum, dass die legale Verwertung nicht auskömmlich ist, vor allem wegen Youtube. Deshalb werden wir immer wieder Leute aus Politik und Verwaltung einladen.

"Konzertagenturen signen mittlerweile Künstler, die gerade den Übungsraum verlassen haben"

Backstage PRO: Welche Schwerpunkte setzt ihr beim Booking?

Alexander Schulz: Wir haben uns hinsichtlich der Musikfarbe, der Internationalisierung und der Bekanntheit von Künstlern nicht verändert. Aber da der Live-Entertainment-Bereich für jeden Künstler so eine enorme wirtschaftliche Bedeutung bekommen hat, konnten alle Konzertagenturen in der westlichen Welt enorm wachsen. Die signen mittlerweile Künstler, die gerade den Übungsraum verlassen haben.

Diese Künstler haben wir früher direkt gebucht, meist beim Management. Da denke ich an Bon Iver: 2007 in Austin gesehen und dann gleich hier ins Knust gebracht. Die erste Europa-Show beim SXSW zu buchen – das wäre heute unmöglich. Wir sprechen noch dieselbe Ebene Künstler an, aber die sind längst professioneller organisiert.

Backstage PRO: Ist das Reeperbahn Festival noch immer ein Indie-Festival? Beobachtest du da Veränderungen?

Alexander Schulz: Vor drei Jahren hatte jeder noch ne Mandoline und nen Zwirbelbart, selbst Electro war Electro-Folk. Das war dann irgendwann vorbei, jetzt gibt’s wieder Electro-Electro. So sind die ästhetischen Verschiebungen, und so bilden wir das auch ab. Wir haben neue Strömungen immer schon früh gezeigt, aber wir haben nicht den Anspruch, ausschließlich Trendsetter zu buchen. Wenn jemand, ästhetisch gesehen, eher konservativ unterwegs ist, aber in Deutschland und Europa noch nicht gehört wurde, dann werden wir den auch zeigen. Eine Sara Hartman macht keine besonders innovative Musik, hat aber bald 30 Millionen Plays auf Spotify. Und die hat noch kein Album. Um eine solche Künstlerin wird man sich kümmern.

"Uns interessiert: hat der gerade schon eine Tour gespielt, ist der eine Überraschung für unser Publikum, ist da ein Album, was macht Spotify mit denen, sind die auf einer Interviewreise…"

Backstage PRO: Ihr bekommt nach wie vor viele Band-Anfragen, nehme ich an. Wen sprecht ihr gezielt an?

Alexander Schulz: Wir nehmen wirklich wenige individuelle Anfragen an. Die, mit denen wir gearbeitet haben, sind alle schon bei Konzertagenturen. Neue Künstler, die sich früher selbst vermarktet hätten, bietet nun der Agent mit an. Das sind immer Deals, das kennt man vom Support bei normalen Touren: du willst Band X und Y, dann musst du aber auch Z nehmen. Z wäre früher frei auf dem Markt gewesen und hätte sich bei uns beworben. Aufgrund dieser Entwicklung kommt viel mehr nur über Agenturen. Es gibt immer noch die Initiativbewerbungen der Künstler von nebenan, die werden auch gehört. Die Programmkollegen interessiert: hat der gerade schon eine Tour gespielt, ist der eine Überraschung für unser Publikum, ist da ein Album, was macht Spotify mit denen, sind die auf einer Interviewreise. Musikalische Qualität und Unbekanntheit in Deutschland sind die Hauptkriterien.

Backstage PRO: Was bedeutet der Standort Hamburg, für Musik im Allgemeinen und für Festivals im Besonderen?

Alexander Schulz: Wir kennen die anderen Festivals, die nur in Hamburg stattfinden können: Dockville und Elbjazz. Solche Formate, die spezifisch für einen urbanen Raum gebastelt werden, weil man bestimmte Image- und Infrastruktur-Parameter erkannt hat, kann es an jedem Ort geben. Das kann aber nur von Menschen zusammengewürfelt werden, die die Geisteshaltung eines Ortes kennen.

"Wenn du das SXSW kopieren willst, musst du wissen, wie man sich auf dem Kiez bewegen kann"

Backstage PRO: Was ist denn die Geisteshaltung bei diesen beiden Festivals?

Alexander Schulz: Ein Elbjazz entwickelst du ja nicht nur, weil du die gute Idee hattest, den Hafen zu bespielen. Sondern weil du weißt, wie der Hafen in den Köpfen aller Menschen wirkt, nicht nur bei den Jazz-Liebhabern. Dockville ist auch eine Mischung: auf der einen Seite wusste man, dass der Stadtteil Wilhelmsburg entwickelt werden sollte, gleichzeitig ist es cool, auf der anderen Elbseite auf die Stadt zu schauen. Es war allen klar, dass es in Wahrheit die Speerspitze eines Stadtentwicklungsprojektes war. Was aber gut passt, in einer guten Ästhetik dargestellt wird, mit tollem Rahmenprogramm. Dann pflanzt du das da ein. Dann muss man natürlich den Platz kennen, seine Arbeit machen. So funktioniert auch das Reeperbahnfestival. Wenn du das SXSW kopieren willst, musst du wissen, wie man sich auf dem Kiez bewegen kann, welche Häuser infrage kommen, ob man überhaupt ein Indoor-Festival machen kann. Die drei sind gute Beispiele für Festivals, die so nur in Hamburg stattfinden können.

Es gibt ja auch Festivals, die keinen bestimmten Ort brauchen. Ein Hurricane gibt es auch im Süden: das Southside. Veranstaltungen, die sehr über das Line-Up gehen, sind austauschbar.

"Keine Veranstaltung, mit der man Geld verdienen kann"

Backstage PRO: Wie sind eure Finanzen? Seid ihr mittlerweile sorgenfrei, was die Refinanzierung angeht?

Alexander Schulz: Das ist keine Veranstaltung, mit der man Geld verdienen kann. Im ersten Jahr sind wir auf die Nase gefallen und 2014, als es so warm war, hatten wir eine defizitäre Ausgabe. 2015 hatten wir einen Etat von 2,3 Millionen Euro. Davon sind 600.000 Landes- und Bundesmittel. Die Förderungsrate ist unter 30%; im nächsten Schritt wollen wir die 25% erreichen. Wir haben mit über 50% Förderquote angefangen.

Backstage PRO: Du bist, wie im Dezember 2015 bekannt gegeben wurde, mit deiner Firma nun Geschäftsführer von gleich zwei Festivals, dem Elbjazz und dem Reeperbahn Festival. Das ist eine Umstellung, oder?

Alexander Schulz: Natürlich. Wir kannten bisher nur ein Produkt. Nun müssen wir eine andere Zielgruppe ansprechen. Als wir uns nach den ersten Anfragen im Herbst mit dem Elbjazz beschäftigt haben, sind wir erstmal alle auf Distanz gegangen. Plötzlich kippte das. So erinnerte sich der Kollege aus dem Sponsoring an eine bestimmte Marke, bei der er mit der jungen Reeperbahn-Zielgruppe nie landen konnte. Auch die Kollegin aus der Kommunikation fand es gut, andere Kanäle und Medienpartner ansprechen zu müssen, um auch den Blick auf die ursprüngliche Veranstaltung zu schärfen. Man ist ja immer sehr verhaftet in seinen Partnerschaften.

Wir werden ein anderes Wording haben, eine neue Bildsprache – das war erst schwierig, aber jetzt macht es Spaß. Wir müssen z.B. wieder physische Tickets anbieten. Und haben uns auch gefragt: müssen wir auf der Website jetzt siezen?

Backstage PRO: Und früher konntet ihr nach dem Festival im Oktober und November einfach Urlaub machen.

Alexander Schulz: Richtig, aber gleichzeitig gibt es jetzt eine Rechtfertigung für mehr Vollzeitstellen. Wir haben uns selber immer als Erdbeerpflücker bezeichnet. Einige wenige haben schon am Tag nach dem Festival wieder am nächsten Jahr gearbeitet. Aber nur ein Drittel der Belegschaft. Das ist jetzt gut für die Mitarbeiter, die noch mehr tun wollen.

"Eine Hauptaufgabe ist natürlich, das Elbjazz Festival wirtschaftlich gesund zu kriegen"

Backstage PRO: Der Geschäftsführer-Wechsel beim Elbjazz war ja eher unschön, Festival-Gründerin Tina Heine wurde wegen wirtschaftlichen Misserfolgs entlassen.

Alexander Schulz: Die Gesellschafter waren unzufrieden mit der Geschäftsführung, viel mehr ist nicht klar. Wir wissen bis heute nicht, wo bei der Veranstaltung die Untiefen liegen. Aber was da in den nächsten 10 Monaten auf uns zukommt, kann ich nicht sagen. Eine Hauptaufgabe ist natürlich, das Festival wirtschaftlich gesund zu kriegen. Dafür muss man bestimmte kostensparende Schritte unternehmen, und ob die der Veranstaltung gut tun und von der Zielgruppe angenommen werden, werden wir sehen. Das ist ja eine komische Mischung: Da gibt es ja einerseits die wirklichen Jazz-Freaks, andererseits ein reines Erlebnispublikum. Kein einfaches Projekt. Die Veranstaltung war Tina Heines geniale Idee gewesen, die war besessen davon, über das programmatische hinaus. Tina hat noch jeden zum Jazz-Fan gemacht, das werde ich nicht können. Unser Ansatz muss das Festival nicht schlechter machen, aber wir gehen etwas sachlicher heran. Die Programmierung übernimmt Karsten Jahnke selbst, und der ist ausgewiesener Jazz-Freak. Da muss sich keiner Sorgen machen, dass das nicht ein geiles Programm wird.

Backstage PRO: Das Elbjazz hatte immer wahnsinniges Pech mit dem Wetter.

Alexander Schulz: Das Hauptgelände ist so windanfällig, wenn es da nur ein bisschen regnet, fühlt sich das gleich doppelt so kalt an. Aber dieses Werftgelände ist nun mal der USP dieser Veranstaltung, da können noch so viele Elbphilharmonien ankommen. Es ist schön, wenn die dabei ist, und vielleicht auch mal eine Kirche, aber bei Blohm+Voss muss man mehr machen, mehr Orte schaffen. Von den kleineren Bühnen wir es nur noch zwei bis drei geben, auf dem Werfgelände, oder nahe an der Elbphilharmonie. Das sind die Hotspots.

"Die Kooperationsbereitschaft trotz allen Wettbewerbs in Hamburg ist etwas Besonderes"

Backstage PRO: Ist eine Zusammenarbeit von Folkert Koopmans (FKP Scorpio) und Karsten Jahnke als Gesellschafter des Elbjazz nicht eigentlich ungewöhnlich?

Alexander Schulz: Das ist tatsächlich ungewöhnlich. Diese Kooperationsbereitschaft trotz allen Wettbewerbs in Hamburg ist etwas Besonderes. Die Zusammenarbeit dieser zwei großen Konzertagenturen verläuft sehr kollegial. Hamburg ist eben groß, aber nicht so groß, das man sich aus den Augen verliert. Sowas wie Lollapalooza oder Live Nation haben wir hier noch nicht, dafür viele kleinere, inhabergeführte Firmen. Hier ist man international ausgerichtet, aber kaufmännisch geprägt.

Backstage PRO: Und du selbst wirst ab Oktober nur noch Jazz hören?

Alexander Schulz: Ich werde mehr Jazz hören, aber ich bin kein Jazz-Freak. Eigentlich höre ich meist Singer/Songwriter-Gejammer. Aber es wird beim Elbjazz nicht nur Jazz geben, sondern auch viel im Grenzbereich. Ich werde die Künstler verfolgen, die die Kollegen so buchen. Und mir dabei überlegen, wie man dieses wirklich reizvolle Setting noch besser inszenieren kann. Wie man das transportiert für die, die 2017 noch nicht dabei sind. Damit wir die 2018 am Start haben. 2017 ist erstmal ein Rantasten.

Backstage PRO: Wir wünschen euch bei diesem neuen Unterfangen ebenso wie dem diesjährigen Reeperbahn Festival viel Erfolg! Danke für deine Zeit!

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