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Eine Branche im Wandel

Von Bob Dylan bis Stevie Nicks – was steckt hinter den Mega-Deals mit Songrechten?

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 16.12.2020

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Von Bob Dylan bis Stevie Nicks – was steckt hinter den Mega-Deals mit Songrechten?

Bob Dylan (hier 1967) hat seit Anfang der 1960er Jahre unablässig Songs geschrieben. © Elliot Landy

Reihenweise veräußern Superstars wie Bob Dylan und Stevie Nicks die Rechte an ihren Songs an Musikverlage. Ein Grund: Die Nachfrage nach Katalogen berühmter Songwriter ist so groß wie noch nie zuvor. Das hat auch mit Streaming zu tun.

Wann liest man auf den großen Nachrichtenseiten schon etwas über einen Musikverlagsdeal? In diesem Fall schon, denn so gut wie kein Medium ließ unkommentiert, dass Singer/Songwriter Bob Dylan die Verlagsrechte (engl. publishing rights) an seinen Songs an die Universal Music Publishing Group verkaufte. Angeblich zahlte UMPG 300 Millionen US Dollar, eventuell sogar mehr.

Dylan hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 600 Stücke komponiert und in fast allen Fällen die dazugehörigen Texte geschrieben. Seine Songs zählen zu den bekanntesten Liedern der letzten Dekaden. Unzählige Musiker coverten sie, in manchen Fällen mit größerem kommerziellem Erfolg als Dylan selbst. Sein Songkatalog wird fraglos auch in der Zukunft hohe Einkünfte erzielen.

Dennoch wirft der Deal viele Fragen auf. Was ist gemeint, wenn davon die Rede ist, dass Dylan seine Verlagsrechte abgetreten hat? Und warum hat Dylan Rechte an seinen Songs gerade jetzt verkauft?

Vergütungsanspruch für Songwriter

Der Verkauf betrifft Rechte an den von Bob Dylan geschriebenen Liedern, d.h. Musik und Text. Ein Komponist und Textdichter besitzt einen gesetzlichen Vergütungsanspruch, wenn seine Lieder aufgeführt, veröffentlicht oder anderweitig verbreitet werden. Dieser Vergütungsanspruch gilt gleichermaßen in den USA wie in Deutschland. Anders gesagt: Jede Nutzung einer Komposition ist nur gegen die Zahlung von Lizenzgebühren zulässig.

In der Regel schließen Komponisten einen Vertrag mit einem Musikverlag und werden Mitglied in einer Verwertungsgesellschaft wie der GEMA in Deutschland oder den US-amerikanischen Pendants ASCAP, SESAC und BMI. Nur auf diese Weise können sie die Rechte an ihrer Musik überhaupt wahrnehmen und die anfallenden Lizenzgebühren kassieren. Neben der Lizenzierung über eine Verwertungsgesellschaft gibt es aber auch den Fall der direkten Lizenzierung z. B. für Filme und Werbung.

Bislang kontrollierte Dylan die Verlagsrechte an seinen Songs selbst, er besaß also seinen eigenen Musikverlag. Dieser kassierte in folgenden Fällen:

  • Wenn Dylan selbst oder andere Künstler seine Songs live aufführen
  • Wenn seine Songs auf Tonträgern veröffentlicht werden
  • Wenn seine Songs als Download oder Stream verbreitet werden
  • Wenn seine Songs im Radio oder Fernsehen gespielt werden
  • Wenn seine Songs in Werbung oder Filmen eingesetzt werden
  • Wenn Songtexte oder Noten mit seiner Musik veröffentlicht werden

Normalerweise werden die Einnahmen aus diesen Rechten zwischen Musikverlag und Komponist bzw. Textdichter geteilt. Der genaue Verteilungsschlüssel hängt von der Art der Nutzung ab. Bei Dylan war es aber bisher denkbar einfach: Da er Komponist, Textdichter und Musikverleger in einer Person war, kassierte er alle Einkünfte zu 100%.

Masterrechte und Verlagsrechte

Davon zu unterscheiden sind die Rechte an den Aufnahmen, die Dylan im Verlauf seiner Karriere eingespielt hat. Diese sog. Masterrechte besitzt der Nobelpreisträger nach wie vor selbst. Für eine Lizenzierung der Originalaufnahmen von Dylan sind aber beide Rechte nötig, so dass die UMPG Dylans Song nicht beliebig an Werbekunden lizenzieren kann.

Allerdings fließen alle Einnahmen, die entstehen, wenn Dylans Musik irgendwo genutzt wird, ab sofort an die UMPG. Der Deal betrifft übrigens nur die Verlagsrechte in den Vereinigten Staaten, in allen anderen Teilen der Welt besitzt sie nach wie vor Sony/ATV Music.

Bob Dylan ist nicht der erste weltbekannte Künstler, der seinen Katalog zu Höchstpreisen verkauft. Für diese Entwicklung gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Viel Zeit für Geschäftliches

Die Coronavirus-Pandemie bringt das lukrative Livegeschäft aktuell vollkommen zum Erliegen. Bob Dylan, der seit 1988 jährlich mindestens 75 Konzerte spielte, hat plötzlich wie so viele andere Musiker einen leeren Terminkalender. Das bedeutete aber auch, dass er über viel Zeit verfügte, sich mit geschäftlichen Fragen zu beschäftigen und vermutlich länger andauernde Verhandlungen erfolgreich zum Abschluss zu führen. 

Auszuschließen ist, dass Dylan in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Plausibler ist, dass er in Bewusstsein seines fortgeschrittenen Alters (er wird am 24. Mai 2021 seinen 80. Geburtstag feiern) sein künstlerisches Vermächtnis sichern und die Aufteilung seines Erbes unter seinen Kindern (und eventuellen anderen Begünstigten) vorbereiten möchte. Da Dylan sich aber zu seinen Gründen nicht geäußert hat, bleibt das Spekulation.

Von besonderer Bedeutung war offensichtlich auch das enge Verhältnis zwischen Dylan, seinem Team und UMPG Chief Operating Officer (COO) Marc Cimino. UMPG CEO Jody Gerson hob Ciminos Verdienst beim Kauf der Verlagsrechte ausdrücklich hervor. 

Streaming und Social Media

Dass die Motivation auch gänzlich anders gelagert sein kann, zeigt der Fall von David Crosby, der als Mitglied der Byrds und Crosby, Stills, Nash (& Young) große Erfolge feierte. Der auf Twitter sehr aktive Crosby erklärte, er habe angesichts der Coronavirus-Pandemie keine andere Wahl, als seine Verlagsrechte zu verkaufen. Neben der Unmöglichkeit Konzerte zu spielen, kritisierte Crosby auch die geringe Höhe seiner Streaming-Einnahmen: "Streaming stole my record money", erklärte er. 

Was immer man von Crosbys Aussagen hält, Streaming und Social Media haben die Musikwelt dramatisch verändert. Dass Social Media auch positive Auswirkungen haben kann, erlebte Fleetwood Mac-Sängerin Stevie Nicks, deren Song "Dreams" (von "Rumours") durch ein virales Tik-Tok-Video in die US-Single-Charts einstieg – angetrieben von einem jungen Publikum, das vornehmlich Streaming nutzt. 

Ob diese Erfahrung etwas damit zu tun hat, 80% ihrer Verlagsrechte an Primal Wave Music Publishing zu verkaufen, ist nicht bekannt. An ihre Nachkommen muss Stevie Nicks jedenfalls nicht denken: Die Sängerin war nie verheiratet und ist kinderlos. 

Streaming ist jedenfalls keineswegs nur ein Desaster für etablierte Songwriter, sondern vermag ihnen wie im Fall von Stevie Nicks auch zu unerwarteten und nicht berechenbaren Einnahmen verhelfen. Wer sich hingegen auf verlässliche Einkünfte durch stetige Verkäufe von Tonträgern verlässt, steht vor harten Zeiten.

Angst vor höheren Steuern

In den USA vielbeachtet, aber in Deutschland bislang kaum erwähnt, sind die Steuerpläne des neu gewählten Präsidenten Joe Biden. Er plant laut seines Wahlprogramms die Kapitalertragsteuer (capital gains tax) beim Verkauf von Verlagsrechten von 20 auf 37% zu erhöhen.

Obwohl derartige Pläne angesichts der sehr engen Machtverhältnisse im US-Kongress nur eine sehr vage Realisierungschance besitzen, scheint alleine die theoretische Möglichkeit einer Steuererhöhung einige Songwriter zu veranlassen, über einen vorzeitigen Verkauf nachzudenken, wie der US Rolling Stone berichtet.

Neue Player mit viel Kapital

Ein weiterer gewichtiger Faktor für die wachsende Zahl an Mega-Deals ist der Einstieg neuer Player in das Geschäft mit Verlagsrechten. Der Musikverlag Hipgnosis Song Funds erwarb allein im Jahr 2020 die Verlagsrechte von Barry Manilow, Blondie, Chrissie Hynde (The Pretenders), Nikki Sixx (Mötley Crüe) und RZA (Wu-Tang Clan). 

Dahinter steckt ein Modell. Angetrieben vom wachsenden Streaming-Markt hat die in London, England ansässige Firma seit ihrer Gründung im Jahr 2018 mehr als eine Milliarde Euro von Investoren eingesammelt, um sich die Verlagsrechte zahlreicher namhafter Songwriter zu sichern.

CEO Merck Mercuriadis verfügt über breite Erfahrung im Musikbusiness, beispielsweise als ehemaliger Manager von Elton John. Ein anderer seiner Klienten, Disco-Legende Nile Rodgers, ist sogar Mitbegründer des Unternehmens und liefert damit ein Beispiel, wie sich ein Altstar erfolgreich neue Verdienstmöglichkeiten erschließen kann.

Primal Wave Music Publishing ist ebenfalls ein vergleichsweise junges Unternehmen. Der Kern von Primal Wave besteht aus 50% der Verlagsrechte von Kurt Cobain (Nirvana). Im Verlauf der Jahre erwarb das Unternehmen die Verlagsrechte an Songs von so unterschiedlichen Acts wie Burt Bacharach, Def Leppard, John Lennon und Bob Marley.

Beschleunigter Wandel

Diese vergleichsweise jungen Unternehmen fordern die etablierten Musikverlage Universal Music Publishing, Sony/ATV und Warner Chappell heraus. In dieser Hinsicht ist der Dylan-Deal besonders interessant, denn eigentlich agiert UMPG wie einer der neuen Player, der gezielt Rechte ankauft. Anders gesagt: der Trend zum hohen Kapitaleinsatz erfasst auch die etablierten Musikverlage.

Vivendi, der Mutterkonzern der Universal Music Publishing Group, versucht schon länger, das Unternehmen an die Börse zu bringen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Deal auch dazu dienen soll, die UMPG für Investoren attraktiv zu machen.

Diese Entwicklungen wären unmöglich ohne die andauernde Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Investoren sind ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, freies Kapital gewinnbringend einzusetzen – und investieren es unter anderem in Musikrechte. 

Neue Möglichkeiten

Unterstützt wird dieser Wandel durch den Einsatz von IT-Lösungen, die insbesondere das englische Unternehmen Kobalt Music Publishing entwickelt hat. Centgenaue Abrechnungen ermöglichen den Songwritern zu erkennen, aus welcher Nutzung ihrer Songs sie eigentlich Geld beziehen – eine Revolution im bis dahin eher undurchsichtigen Musikverlagswesen.

Musiker müssen also keineswegs die Verlierer dieser Entwicklung sein, im Gegenteil, erfolgreiche Songs sind mehr gefragt als jemals zuvor. Und weitaus stärker als in der Vergangenheit können sie auch in vielen Teilen der Welt erfolgreich "ausgewertet" werden und damit Einkommen für die Songwriter und Musikverlage erzeugen. 

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