×

"Verdammt harte Arbeit"

Waldmeister ist Retro! über den steinigen Weg zur Erfüllung eines Traums

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 08.05.2014

waldmeister ist retro!

Waldmeister ist Retro! über den steinigen Weg zur Erfüllung eines Traums

Backstage PRO im Interview mit dem Bassisten der Berliner Band Waldmeister is Retro!. © WiR

"Scheiß auf die Kohle – leb' den Rock'n'Roll", singt die Berliner Rockband Waldmeister ist Retro! auf der in Eigenregie entstandenen Promoplatte "Hamster". Raus aus dem Büro, rein ins Rockstar-Leben. Wenn es doch nur so einfach wäre! Das Dreiergespann hat viel vor und setzt alles daran, die gesteckten Ziele zu erreichen. Darüber sprach Backstage PRO mit dem Bassisten Oliver Maronn.

Backstage PRO: Hi Oliver! Ihr seid uns aufgrund eurer Umtriebigkeit aufgefallen. Denn die ist erstaunlich für eine Band, die es noch gar nicht so lange gibt. Wann und wie habt ihr denn im großen Berlin zusammengefunden?

Oliver Maronn: Seit Dezember 2011 spielen wir bereits zusammen, aber unter dem Namen Waldmeister ist Retro! sind wir offiziell erst seit Februar 2013 aktiv. Tommy und ich kennen uns schon sehr viel länger. Paul haben wir damals über eine Online-Annonce gefunden.

Backstage PRO: Das heißt ein Proberaum und alles was sonst noch dazugehört war für W.i.R! schon vorhanden?

Oliver Maronn: Ja, wir haben anfangs noch im Proberaum der alten Band außerhalb Berlins geprobt, sind damit dann aber doch noch nach Berlin gezogen.

Schneller Reifeprozess

Backstage PRO: Was ging da ab nach dem Schritt zur Gründung der neuen Band? Neuer Name, der Hamster als Maskottchen, neue Ziele, dann rasch neue Aufnahmen… Das klingt doch nach sehr zielgerichteten Schritten.

Oliver Maronn: Für uns war klar, dass W.i.R! unbedingt auf die Bühne wollen – daher haben wir ordentlich Gas gegeben! Aber so zielgerichtet war das nicht direkt. Da war schon ein gewisser Reifeprozess dabei. Wir haben mit Songs der alten Band angefangen, um erstmal irgendwas greifbares zu haben. Paul hat weitere, eigene Einflüsse mitgebracht. Dank ihm war auch ein definierteres Arbeiten möglich und so haben wir zuerst viel am Sound gefeilt. Irgendwann kam dann die Überlegung auf, deutsche Texte zu schreiben. Das klang einfach natürlicher und runder. Jetzt musste ein neuer Name her... ja und der Hamster.

Backstage PRO: Keine schlechte Idee so ein Maskottchen! Das ist sicher nix für jeden, aber wie seid ihr darauf gekommen?

Oliver Maronn: Unser zweiter deutscher Song heißt "Hamster". Ursprünglich wollten wir dazu ein Video drehen und deshalb brauchten wir ein Kostüm. Das Video haben wir zwar bis heute nicht angefangen, aber der Hamster ist goldig und immer dabei!

Backstage PRO: Keine Zeit fürs Video, weil es von vornherein das wichtigste Ziel war, reichlich Gigs zu spielen?

Oliver Maronn: Definitiv! W.i.R! wollten nie eine Kellerband sein. Unsere Musik wirkt live am besten.

"Unsere Musik wirkt live am besten"

Backstage PRO: Welche Schritte zu diesem Ziel habt ihr konkret geplant? Aufnahmen standen da doch ganz oben auf der To Do Liste?

Oliver Maronn: Klar. Ohne halbwegs vernünftiges Material ist es schwer an Gigs zu kommen. Außerdem haben wir quasi als erste offizielle Handlung am "Hard Rock Rising"-Bandcontest teilgenommen. Um dort weiter zu kommen waren wir mit dem Hamster mehrere Tage auf den Straßen unterwegs und haben Flyer verteilt. Das gute dabei war, dass die Leute einen Song von uns kostenlos runterladen mussten, um so für uns zu voten. Damit punktet man natürlich bei Leuten, die einen bisher nicht kannten. Beim Konzert im Hard Rock Café haben wir dann einen Kumpel mit dem Handy filmen lassen. Der Hamster hat den Rest erledigt. Damit hatten wir eine passable Grundlage, um künftig besser ins Gespräch zu kommen.

Backstage PRO: Durchaus guter Start. Aber welche weiteren Erfahrungen habt ihr damit gemacht, als relativ neue Band an Gigs zu kommen? Wie habt ihr euch aufgestellt? Habt ihr jemanden zur Unterstützung ins Boot geholt?

Oliver Maronn: Der Großteil lief in Eigenregie. Zwischenzeitlich hatten wir eine mittlerweile gute Freundin kennengelernt. Sie hat schon seit einigen Jahren erfolgreich für andere Bands gebucht und uns auch aufgenommen. Leider konnte sie uns aus gesundheitlichen Gründen nicht sehr lange unterstützen. Aber sie war uns eine ganz gute Starthilfe. Zur Zeit kümmern wir uns wieder alleine ums Booking – leider!

"Es ist verdammt harte Arbeit"

Backstage PRO: Du sagst "leider", weil sich das als harte Arbeit erweist, korrekt?

Oliver Maronn: Es ist verdammt harte Arbeit. Mails schreiben ohne Ende, telefonieren... Das Wichtigste ist Durchhaltevermögen, sich nicht von "ja ich melde mich" oder "schreib am besten ne Mail" abspeisen oder entmutigen zu lassen.

Backstage PRO: Wie lauten deine Tipps? Immerhin habt ihr schon ein mehr als respektables Ergebnis erreicht. Wie findet ihr zum Beispiel die richtigen Kontakte?

Oliver Maronn: Soso, Betriebsgeheimnisse auf den Tisch... (lacht) Nur Spaß! Letzten Endes gibt es da glaube ich keine "Geheimnisse". Kontakte an sich checken wir meistens direkt über die Homepage der Clubs, viele haben dort schon entsprechende Hinweise.

"Der Locationguide ist ein super Dienst"

Backstage PRO: Wann und wie kommt Backstage PRO ins Spiel?

Oliver Maronn: Backstage PRO nutzen wir vor allem für die Locationfindung und Supportsuche. Den Locationguide habe ich – traurigerweise – erst kürzlich entdeckt. Der ist natürlich Gold wert, vor allem wenn man einzeln stehende Termine hat und versucht eine Wochenend-Tour daraus zu machen. Was mir noch fehlt ist eine mobile Ansicht, ansonsten ein super Dienst! Viel geholfen hat uns auch bei anderen Newcomern die Tourdaten zu checken.

Backstage PRO: Bietet ihr den Locations und Veranstaltern direkt an, dass ihr euch selbst auch um einen regionalen Support kümmern werdet?

Oliver Maronn: Das ist immer individuell. So etwas muss man mit jedem Veranstalter selbst klären. Manche sagen halt, "pass auf das klingt super ich hab hier schon ne lokale Band die passt perfekt". Andere sagen einfach nur "macht mal". Die Leute müssen es letzten Endes am besten wissen, wie ihr Laden läuft und ihr Publikum drauf ist. Es gibt Clubs und Orte, da ist den Leuten fast egal wer auf der Bühne steht. Sie sind offen für neues und können das wertschätzen. Und dann gibt es sowas wie Berlin... (lacht)

Backstage PRO: Worauf spielst du an?

Oliver Maronn: Übersättigtes Publikum! Hier spielt jeden Abend an jeder Ecke eine Band. Und die Kultur hat sich gewandelt: Viele Leute gehen vor nachts halb eins nicht außer Haus, da darf aber bei vielen Clubs keine Live-Musik mehr gespielt werden. Es liegt also nicht nur am Publikum, aber insgesamt hat sich Berlin stark verwandelt.

Backstage PRO: Also ist ausgrechnet eure Heimatstadt nicht das beste Pflaster für Newcomer?

Oliver Maronn: Naja, ich glaube – ohne mich da gut auszukennen – alles was Metal, Gothic oder HC ist läuft noch sehr gut. Alles andere kann genauso funktionieren, die Struktur war aber schon mal besser. Wirklich ärgerlich ist es halt, wenn Clubs dicht machen müssen oder nur noch bis 22/23 Uhr Live-Musik machen dürfen, weil sich eben die Nachbarn beschweren. Es wollen zwar alle hip sein und im Szenebezirk wohnen, dafür aber keinerlei Einschränkungen auf sich nehmen. Aber diese Diskussion ist schon präsent genug, da wollen wir uns garnicht weiter einmischen.

"Meistens kann man sich vernünftig einigen"

Backstage PRO: Was sind eure Erfahrungen bzgl. der Konditionen? Wozu sagt ihr noch ja, was geht gar nicht?

Oliver Maronn: Bzgl. der Konditionen variert es natürlich auch. Meistens kann man sich aber doch vernünftig einigen. Dass wir 50 Konzerte nicht für jeweils eine Kiste Bier geben muss allen klar sein. Wir haben aber keine feste Grenze. Wenn ein Gig gut auf den Weg passt und ein oder zwei andere Gagen etwas höher ausfallen nehmen wir auch mal einen nicht so guten Deal an. Insgesamt können wir eigentlich festhalten, dass wir nur in Ausnahmen draufzahlen.

Backstage PRO: Apropos draufzahlen: "Kohle ist egal" heisst es in einem eurer Texte. Aber die ganze Organisation einer Tour muss sich ja rechnen. Wie reist und übernachtet ihr? Wie kalkuliert ihr? Und was spielt das Geld ein? Die Livegage, der Merch?

Oliver Maronn: Wir haben das Glück "nur" zu dritt zu sein. Unser Equipment haben wir zur Zeit so optimiert, dass wirklich alles komplett in den privaten Touran passt. Dabei sind wir aber trotzdem immer wieder am grübeln, welcher Weg der richtige ist (schmunzelt). Die Übernachtung kann man mit vielen Veranstaltern hinbekommen. Einige haben Schlafmöglichkeiten im oder nahe beim Club, andere haben Kooperationen mit Hostels etc. Es kommt auch mal vor, dass wir selbst ein Hostel buchen. Shirts haben wir erst seit ein paar Wochen und die EP verschleudern wir auch, daher zählt hauptsächlich die Livegage.

"Auch wir müssen unsere Brötchen und die Miete bezahlen"

Backstage PRO: Habt ihr bisher gute Erfahrungen mit eurer Supportband-Auswahl bei Backstage PRO gemacht?

Oliver Maronn: Die Bands, die wir bisher kennengelernt haben, waren durch die Bank nette Leute.

Backstage PRO: Und wieviele Leute zieht ihr gemeinsam in die Clubs vor Ort? So im Schnitt und über den Daumen?

Oliver Maronn: Ganz unterschiedlich! Keiner hat seine Fans dahingehend ganz fest im Griff, daher gibt und gab es Abende, bei denen wir mit mindestens 40 bis 50 Leuten gerechnet hatten und am Ende vor einigen wenigen standen. Genauso läuft es manchmal auch anders herum. Man darf nicht vergessen: Wir sind ja gerade mal etwas über ein Jahr unterwegs und haben bisher hauptsächlich versucht, überhaupt mal in jede Ecke Deutschlands zu kommen. Uns kannte ja dort noch keiner.

Backstage PRO: Wie motiviert ihr euch für Gigs vor wenigen Leuten?

Oliver Maronn: Wenige Leute im Publikum zu haben ist nicht immer schlecht. Wir haben in einem Jugendzentrum mal vor 8 oder 9 Leuten gespielt. Die paar haben aber so eine Stimmung gemacht, wie es manchmal 50 Leute nicht schaffen. Uns macht unsere Musik immer Spaß und das zeigen wir den Leuten!

Backstage PRO: Und die kommen dann auch wieder! Aber wie lange haltet ihr es noch "ohne Kohle" aus, oder anders gefragt: Am Ende steht schon das Ziel mit der Musik zumindest einen Teil des Lebensunterhalts zu bestreiten?

Oliver Maronn: Wer träumt denn nicht davon? Auch wir müssen unsere Brötchen und die Miete bezahlen. Wir gehen alle in Vollzeit arbeiten bzw. arbeiten und studieren, um unsere Leidenschaft vernünftig finanzieren zu können. Für uns ist klar, dass wir diese Arbeitszeiten zurückfahren werden, sobald mit der Musik "brauchbares" Geld in die Kasse kommt. Das ist unser kurzfristiger Traum! Wir haben in den letzten Monaten fast 10 neue Songideen angesammelt, uns fehlt nur die Zeit! (lacht!)

Backstage PRO: Danke Oliver! Wir drücken natürlich die Daumen, dass euer Traum in Erfüllung geht!

Und deine Tipps?

Liebe Backstage PRO Community! Gerne würden wir in den Kommentaren auch eure Tipps oder Fragen zum Booking hören. Was habt ihr getan, um eure Newcomerband aus den Startlöchern zu katapultieren?

Artists

Waldmeister ist Retro!

Gitarrenrock mit deutschen Texten! aus Berlin

Ähnliche Themen

Mirko Gläser (Uncle M) über Risiko, Leidenschaft und Teamwork im Musikbusiness

"Auf dem Weg lauert eine ganze Menge Spaß"

Mirko Gläser (Uncle M) über Risiko, Leidenschaft und Teamwork im Musikbusiness

veröffentlicht am 04.09.2014   6

Stephan Hengst (Teleporter Music) über Künstleraufbau im heutigen Musikbusiness

"Es geht um die Kontakte"

Stephan Hengst (Teleporter Music) über Künstleraufbau im heutigen Musikbusiness

veröffentlicht am 19.06.2014   2

Marc Huttenlocher (Benzin / Starwatch) über den Wandel beim TV und der Musikbranche

"Ich lebe in zwei Welten"

Marc Huttenlocher (Benzin / Starwatch) über den Wandel beim TV und der Musikbranche

veröffentlicht am 03.06.2014   2

Interview mit Goldmouth, den Siegern des SchoolJam-Wettbewerbs 2013

"Die Zuschauer waren sehr leise und aufmerksam"

Interview mit Goldmouth, den Siegern des SchoolJam-Wettbewerbs 2013

veröffentlicht am 22.01.2014