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"Auf dem Weg lauert eine ganze Menge Spaß"

Mirko Gläser (Uncle M) über Risiko, Leidenschaft und Teamwork im Musikbusiness

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 04.09.2014

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Mirko Gläser (Uncle M) über Risiko, Leidenschaft und Teamwork im Musikbusiness

Mirko Gläser gründete das Label Uncle M im Winter 2011. © (privat)

Mirko Gläser gründete sein Punkrock/Hardcore-Label Uncle M im Winter 2011, nachdem er bereits viel Erfahrung als deutscher Manager eines amerikanischen Labels sammeln konnte. Wir sprachen mit dem Münsteraner über seine Business-Philosophie und darüber, warum Risiko, Leidenschaft und Teamwork in dieser Branche unverzichtbar sind.

Backstage PRO: Mirko, du arbeitest zwar schon länger im Musikgeschäft, aber ist es nicht trotzdem eine verrückte Idee, ein neues Unternehmen in einer Branche zu starten, von der ja allgemein angenommen wird, dass die glorreichen Zeiten vorbei sind? Was gab dir die Sicherheit, dich so zu entscheiden?

Mirko Gläser: Ich hatte gewisse Vorstellungen und Überzeugungen, als ich Uncle M gründete. Innerhalb des Konstrukts, in dem ich zuvor gearbeitet habe, konnte ich mich nicht so austoben, wie ich es gerne getan hätte. Bei Sideonedummy Records herrschte einfach eine andere Struktur, die ich nicht als richtig empfunden habe. Ich war davon überzeugt, dass man bessere Ergebnisse erzielen könnte, wenn man nach meinem Plan arbeitet. Aber in der Firma konnte ich natürlich keinen solchen Egotrip fahren. Also habe ich meinen eigenen Laden gegründet und eine Arbeitsweise gestartet, die sich gar nicht so sehr extrem von anderen unterscheidet, aber funktioniert. Die Sicherheit, nach der du gefragt hast, habe ich insofern genossen, als dass Uncle M hier in eine klassische Werbeagentur eingebunden ist. Meine Zeit geht zwar zu 80% in Uncle M, aber durch Jobs für andere Kunden war ich so anfangs finanziell einigermaßen gut abgesichert und musste mir erstmal keine großen Sorgen machen. Es gab außerdem Partner wie unseren Vertrieb, die an das Label geglaubt haben und in finanzielle Vorleistung gegangen sind.

"Wie eine große Familie an einem Strang ziehen"

Backstage PRO: Ein Abenteuer, das aber nicht zu waghalsig war?

Mirko Gläser: Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Ich hatte das ja schon zwölf Jahre lang gemacht, war also nicht mehr komplett grün hinter den Ohren. Natürlich besteht ein gewisses Risiko, wenn man völlig neu beginnt. Aber das macht auch den Reiz aus. Sonst wäre es ja langweilig.

Backstage PRO: Du hast bereits angesprochen, dass du eigene Vorstellungen umsetzen wolltest. Beim Blick auf euer Portfolio und die Leistungen sieht man, dass ihr immer einen scheinbar gesunden Mix anbietet: Bei den Künstlern stehen Groß neben Klein. Und ihr versteht euch nicht ausschließlich als Label, sondern arbeitet auch als Promotion-Agentur, Booker und Management. Ist das ein Teil deiner Grundidee?

Mirko Gläser: Das ist ein Teil davon, ja. Dieses Groß/Klein ist sogar ein wichtiger Faktor für mich. Das funktioniert nur im Zusammenspiel, vor allem wenn man die etablieren Acts davon überzeugen kann, auch die Newcomer zu unterstützen. Warum auch immer hatte das bei meinem alten Arbeitgeber überhaupt nicht funktioniert. Da haben die Großen die kleinen Bands zu Hause gelassen, wenn es auf Tour ging. Ich hingegen wollte etwas schaffen, wo man wie eine große Familie an einem Strang zieht. Sonst haben wir alle keine Chance. Gleichzeitig ist mir auch wichtig, dass die Bands, mit denen wir arbeiten, mehr zu sagen haben als in den paar Songs auf ihrem jeweils aktuellen Album. Wir hatten es damals nämlich häufig mit Punkrock-Bands aus Amerika zu tun, die keinerlei Ambitionen an den Tag legten, ihre politische Botschaft auch auf die Straße zu tragen. Man muss ja nicht gleich an allen Demos teilnehmen, aber es gibt immer Möglichkeiten, wie wir eine politische Nachricht nach draußen tragen können. Bei Uncle M möchte ich dafür eine Plattform bieten und Bands dazu motivieren, solche unmusikalischen Ziele weiter in den Vordergrund zu rücken. Ers geht also nicht zuletzt um soziales und politisches Engagement und darum, ein gewisses Netzwerk mit anderen aufzubauen, um darüber eine insgesamt viel größere Reichweite zu erzielen.

Backstage PRO: Ihr zieht dadurch viel vom Spirit, der die Szene als solche mit ausmacht, ins Business rüber. Das passt natürlich auch zu dem D.I.Y.-Aspekt, der bei Punk und Hardcore hochgehalten wird. Einer eurer Leitsprüche ist ja: "Mach soviel selbst wie du kannst, den Rest erledigen wir". Was denkst du, warum handeln große Labels heute nicht mehr so, dass sie neue Künstler mitziehen und aufbauen? Stephan Hengst formulierte es mir gegenüber so: "Klassisches A&R und Artist Development gehören der Vergangenheit an."

Mirko Gläser: Wenn’s draußen stürmisch wird macht jeder erstmal die Fenster zu. Und alle fangen an, erstmal auf ihre eigenen Beine zu gucken. Ich halte das für eine negative Entwicklung und versuche zu vermitteln, wie positiv sich der Teamwork-Ansatz für alle auswirkt und wie gut es selbst einer bereits kommerziell erfolgreichen Band tut, wenn die Szene auch weiterhin hinter ihnen steht. Dafür muss man etwas investieren, was aber auf lange Sicht eben auch für die Großen förderlich ist, die näher dran und cool bleiben. Daneben gibt es noch eine weitere Entwicklung dahingehend, dass die Labels bei Bands weniger zu sagen haben als früher.

"Bei uns denken die Künstler als Team"

Heute geben eher die Managements den Ton an. Wir hatten schon oft den Fall, dass Promo- und Marketingmanager in unsere Maßnahmen eingreifen oder gleich alles selbst machen wollten. Das sind Dinge, denen wir entgegen treten wollen. Wir achten deshalb sehr darauf, dass die Künstler ähnlich ticken wie wir selbst. Wobei ich den Leuten auch keinen Vorwurf mache. Es ist deren gutes Recht eine Band so zu promoten, wie sie das wollen. Aber dass ein Manager einer Band nicht ganz so altruistisch denkt wie wir es gerne hätten, ist klar. Bei uns denken die Künstler eben bestenfalls eher als Team.

Backstage PRO: Abgesehen von einer zu euch passenden politischen Haltung und entsprechender Sympathie, wenn ein Künstler auf euch zukommt: Im D.I.Y.-Ansatz „macht soviel ihr könnt“ steckt ja durchaus die Forderung, dass diese Artists nicht ganz am Anfang stehen sollten. Ab welchem Status Quo erscheint eine Band auf eurem Radar?

Mirko Gläser: Das ist ganz unterschiedlich, was man an zwei unserer Neuzugänge sehen kann. Die einen haben in den USA schon Platz 51 in den Charts erreicht, also einen echten kommerziellen Erfolg landen können. Die anderen, eine deutsche Band, gaben hierzulande gerade ihr erstes Konzert. Bei beiden gab mein Gefühl den Ausschlag, dass bei ihnen eine klare Vorstellung besteht, wohin die musikalische Reise gehen soll, dass sie sich wirklich authentisch innerhalb der Szene bewegen können und dass sie keine Newcomer im klassischen Sinne sind, also schon wissen, wie der Hase läuft, obwohl sie das mit der aktuellen Band noch nicht umgesetzt haben. Außerdem sind die Songs einfach klasse. Man setzt sich mit den Musikern zusammen und bekommt durch die Gespräche immer mehr Einblicke, was die Band kann, zum Beispiel starke Songs selbst im Studio produzieren und tolles Artwork abliefern – bei allem anderen brauchen sie aber eventuell Support. Deshalb findet man einen gemeinsamen Weg und kann dann sagen: "OK, bei den Dingen, die ihr jetzt zusätzlich braucht, sind wir entweder als Freund oder als Partner an eurer Seite und helfen euch dabei, die richtigen Menschen kennenzulernen, die das weiter puschen können, oder wir machen das direkt selbst für euch." Aber das ist im Grunde, was wir als Mindestmaß voraussetzen: Gute Songs, eine Vision, starke Inhalte. Im Grunde reicht das dann schon. Wer bereits mehr mitbringt: Umso besser!

Backstage PRO: Wie kommen die Kontakte in der Regel zustande, also wie werdet ihr zum Beispiel auf eine Band aufmerksam, die gerade erst ihren ersten Gig spielt?

Mirko Gläser: Tatsächlich werden die Bands eher auf uns aufmerksam. Ich bekomme am Tag bis zu 20 Anfragen aus aller Welt, sowohl von Musikern selbst als auch von internationalen Kontakten, die einen Hinweis geben oder Künstler vorschlagen, mit denen sie bereits zusammenarbeiten. Es ist auch total unterschiedlich, wie weit die Bands sind oder welche Pläne bereits bestehen. Ich muss dann entscheiden: Ergibt das inhaltlich für mich Sinn? Habe ich auf die Leute Lust? Kann man die gemeinsamen Ziele überhaupt erreichen, also ist das überhaupt relevant, was am Ende dabei heraus kommt? Und nicht zuletzt muss ich natürlich im Blick haben, wie sich das Ganze auch finanziell für uns abbilden lässt. In der Regel gilt dabei: Wo eine Wille, da ein Weg.

Backstage PRO: Es ist natürlich nach wie vor einer der größten Musikerwünsche, irgendwann doch zumindest einigermaßen von der Musik leben zu können. Wie schätzt du das ein: Worüber kann man heute noch entsprechende Einkünfte generieren? Wie viel Scheiße muss man fressen, bis man Land sieht? Angefangen bei Gigs für lau bis zum Labeldeal – welche Wegstrecke ist da realistisch?

Mirko Gläser: Das hängt natürlich davon ab, wie gut die Band ab Konzert Eins ist. Wenn du nicht gut bist, aber hundert Konzerte spielst… nun, die hättest du dir dann alle sparen können. Von daher raten wir den Bands wirklich erst dann richtig aus dem Proberaum heraus zu gehen, wenn das Programm wirklich richtig gut ist. Dann kann es eigentlich recht schnell weitergehen in der Entwicklung, insbesondere heutzutage. Manchmal erlebe ich Acts, die schon nach 30 bis 40 Shows die ersten Clubs ausverkaufen oder recht schnell ihre erste Merch-Auflage los werden. Das gibt es weiterhin und das ist ein gutes Zeichen! Gleichzeitig kann man einen langen und schweren Weg vor sich haben. Selbst als gute Band, wenn einfach nicht alle Aspekte optimal ineinander greifen. Wenn ich eine Richtgröße nennen müsste, dann würde ich sagen: Bei einer Band wird es dann richtig interessant, wenn sie es hinbekommt, über zwei Jahre hinweg kontinuierlich um die achtzig oder hundert Shows zu spielen. Wenn dir das gelingt, dann sprechen wir uns gerne wieder. Und wenn du dich nicht komplett dumm angestellt hast, dann hast du in deiner Heimatstadt eine harte Fanbase aus zweihundert bis dreihundert Fans, die bereit sind, richtig vernünftigen Eintritt zu bezahlen. Ab dem Punkt macht das dann auch finanziell so langsam Spaß.

"Am Anfang der Karriere gelten andere Währungen"

Backstage PRO: Über den beschwerlichen Weg gab es bei uns erst jüngst eine große Diskussion. Anlass war eine Supportgig-Ausschreibung, bei der keine Gage gezahlt wurde, sondern nur die Auslagen der Musiker gedeckt werden konnten. Aber immerhin ging es darum, eine gestandene Band zu supporten, die kräftig Publikum zieht. Nicht alle wollen solche Konditionen hinnehmen.

Mirko Gläser: Zu dem konkreten Fall kann ich nichts sagen, aber ich gebe dir ein andere Beispiel: Wir hatten hier vor kurzem ein schweres Unwetter und organisierten deshalb eine Benefiz-Show für die Opfer der Regenkatastrophe. Die Bands haben komplett auf ihre Gage verzichtet und hatten teils eine mehrstündige Anfahrt, aber sie haben an diesem Abend dennoch nicht draufgelegt! Denn insgesamt war das eben eine gut besuchte Show, bei der sie ein Publikum vorfanden, das sie noch nicht kannte, aber perfekt zu ihnen gepasst hat. Die Umsätze am Merch waren an diesem Tag dementsprechend sensationell. Man darf einfach nicht aus den Augen verlieren, dass am Anfang der Karriere andere Währungen gelten. Da geht es nicht um das Geld, das du jetzt schon einnimmst, sondern natürlich baut man erstmal etwas auf. Anzahl der Facebook- und Twitterfollower, Anzahl der EP-Downloads und der Newsletter-Empfänger – solches sind relevante Dinge, die am Anfang viel wichtiger sind als 50 Euro mehr oder weniger an Spritgeld.

Backstage PRO: Welches ist der Punkt, an dem du sagt: Hier ist Ende der Fahnenstange, was D.I.Y. angeht. Jetzt braucht es Leute wie Uncle M für den nächsten Schritt der Professionalisierung.

Mirko Gläser: Ich denke wir kommen bei den betreffenden Bands sogar schon relativ früh dazu, noch bevor sie die besagten achtzig Shows spielen. Das ist ja ein erheblicher organisatorischer Aufwand, bis man das stemmen kann. Vielleicht sind wir deshalb mal in einem Gespräch dabei, in dem wir der Band erklären, wie wichtig eine gewisse Struktur und Workflows sind, die man haben sollte, bevor es an diese nächsten Schritte geht. Zum Beispiel kann ich natürlich heute mein erstes Release raushauen, es ganz fett ankündigen und fertig. Oder ich kann mir schon im Vorfeld Gedanken darüber machen, was ich am Tag X ganz konkret und darüber hinaus mache. Was muss ich tun, damit nicht nur fünf, sondern bestenfalls fünfhundert Magazine auf dei Veröffentlichung aufmerksam werden und darüber berichten? Wie erreiche ich, dass sich die Fans ähnlicher Bands ebenfalls für unser Release interessieren? Wie erzeuge ich mediales Grundrauschen und eine Nachfrage nach meiner Band? Das ist etwas, das man mit eigenen Mitteln schon noch hinbekommen kann, wofür man noch kein Label und keinen Onkel in Münster braucht.

Backstage PRO: Was kommt danach, wenn Bands diese Schritte mal gemacht haben?

Mirko Gläser: Viele Bands freuen sich über das Erreichte, fallen dann aber in ein Loch, weil sie an die Zeit danach noch nicht gedacht haben. Wir erstellen mit unseren Bands deshalb sehr langfristige Pläne, wobei sich am Ende vielleicht die wenigsten konkret an ihre Liste halten. Aber das hilft erstmal, sich einer gewissen langfristigen Struktur klar zu werden. Das heißt es muss geklärt werden: Ich erzeuge heute ein großes Maß an Aufmerksamkeit mit meiner ersten EP – mit welcher Aktion erziele ich in vier Wochen noch Aufmerksamkeit? Und vier Wochen danach? Und weitere vier Wochen danach? Wie tauche ich also nicht nur einmal in der Presse auf, sondern schaffe es, ein ständiger Faktor in den für meine Zielgruppe interessanten Magazinen zu bleiben. Was muss ich dafür tun? Wie vernetze ich mich mit anderen? Wie baue ich so was nach und nach nachhaltig auf? Da alles zählt zu den Beratungsleistungen, die wir mit den Bands durchsprechen und die individuell auf jede Band abgestimmt werden.

"Wir schauen auf den gemeinsamen Erfolg"

Und wenn wir irgendwann auf diesem Zeitstrahl merken, dass jetzt ein Video sehr passend wäre, die Band aber keine entsprechenden Kontakte und kein Geld hat, um eins zu produzieren, dann sind das konkrete Punkte, an denen wir tätig werden können. Einerseits können wir gute Videomacher vermitteln und andererseits auch Tipps geben, wie sie die Finanzierung auf die Beine stellen. Oder wir gehen selbst in Vorleistung und sichern uns Anteile an kommenden Einnahmen, so dass das auch für uns Sinn macht. Da sind wir wieder bei dem Stichwort "wo ein Wille ist"… Das kann über Rechte am Merch laufen oder über eigene Leistungen, die die Band einbringt, Stichwort "eine Hand wäscht die andere". Man kann zum Beispiel der großen Band mit dem Video helfen und der kleinen dafür mit einer Tour große Promo verschaffen. Oft ist es eben ein Geben und Nehmen, wobei in erster Linie nicht auf den Geldbetrag, sondern auf den gemeinsamen Erfolg geschaut wird.

Backstage PRO: Was hältst du von Themen wie Crowdfunding als Antwort auf die Frage, wie man solche Investitionen stemmen kann? Mittlerweile gibt es ja auch sogenannte Crowdfunding-Musiklabels. Bei einem muss man 30.000€ funden, um einen Plattendeal zu erhalten.

Mirko Gläser: Da frage ich mich aber: Wenn es eine Band schafft, via ihrer Fans schon so eine hohe Beteiligung zu erhalten, wozu brauchen die dann noch ein Label?  Eine CD zu produzieren oder eine LP zu pressen ist heute ja kein Zauberwerk mehr, und seine Songs digital zu verkaufen ja schon mal gar nicht. Die grundsätzliche Frage lautet: Wofür braucht man eigentlich noch ein Label? Grundsätzlich ist es für die Anbieter dieser Funding-Geschichte natürlich eine sichere Bank, auf diese Art und Weise vorzugehen. Risiko schließt man quasi aus. Aber das macht es doch irgendwie eigentlich auch aus. Also ich nehme das Risiko gerne auf mich, sage mir „hey, da ist diese australische Band. Ich glaube daran, dass die groß werden“. Die Vorleistung sehe ich als Teil meiner Branche, das gehört einfach dazu.

"Wer wie ein Buchhalter an die Sache geht, sollte sich fragen, ob er in der richtigen Branche gelandet ist"

Backstage PRO: Es steckt dann eine ganz andere Leidenschaft dahinter, so verstehe ich dich, die dann bestenfalls auch irgendwie bei der Zielgruppe ankommt?

Mirko Gläser: Ja genau. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Bei den ganzen Bands, mit denen wir zusammenarbeiten, habe ich das Thema Finanzierung eigentlich immer erst ein halbes Jahr später im Kopf, wenn ich das erste Mal auf die Zahlen blicke. Ich fände es befremdlich, über eine Zusammenarbeit mit einer Band aufgrund finanzieller Gründe zu entscheiden. Wenn ich eine Band gut finde und spüre, dass die Musiker eine Energie haben, die sie auf Tour und darüber hinaus voll investieren werden, dann hat sich das in der Vergangenheit immer auch zu einem gewissen Erfolg entwickelt. Wenn man wie ein Buchhalter an die ganze Sache herangeht, sollte man sich selbst mal hinterfragen, ob man in der richtigen Branche gelandet ist. Das hat dann mit Kunst, Kultur und der Förderung einer musikalischen Ausdrucksweise ja überhaupt nichts mehr zu tun, wenn die rein kommerziellen Sicherheiten in den Vordergrund gerückt werden. Ich denke lieber über Sound, Haptik und Inhalte nach, wenn ich eine Sache nach vorne bringen will. Das muss natürlich jeder für sich selbst wissen.

Backstage PRO: Dass solch ein Verhalten beziehungsweise Einstellung heutzutage aber durchaus vorkommt sorgt auf Seiten der Künstler oft für das diffuse Gefühl, nicht ernst genommen oder respektiert zu werden. Da schließt sich dann der Kreis zu besagter Diskussion über den Gig ohne Gage, den man dann in einem entsprechend kritisch-schlechten Licht wahrnimmt, da auch dieses Angebot scheinbar der generell erlebten Attitüde entspricht, dass von einem nur noch Abliefern gefordert wird ohne dass an die Band geglaubt oder in sie investiert wird.

Mirko Gläser: Natürlich gilt das Gesagte aber auch für die Bands. Ich erinnere gerne daran, wie Johnny Cash in einem Gefängnis vor lauter Mördern davon gesungen hat, wie er aus Spaß einen Polizisten umbringt, nur um ihn sterben zu sehen. Das Ganze im Fernsehen übertragen – ein riesiger Skandal! Das war allerdings vor 30 Jahren. Wenn ich als Band heute noch Aufmerksamkeit möchte, dann reicht es meiner Meinung nach halt nicht aus, "Halligalli" davon zu singen wie schön die Welt da draußen ist und wie schön die Blümchen blühen. Ich muss selbstverständlich eine gewisse künstlerische Relevanz bieten. Als neue Band muss ich mich mit der gesamte popkulturellen Vergangenheit messen. Niemand hört sich gerne etwas an, das schlechter ist als etwas, das es schon mal gab. Das kann noch so neuartig sein. Wenn es nicht so gut ist wie etwas, das bereits existiert, dann braucht das kein Mensch. Du musst etwas relevantes bieten, das dem Hörer vermittelt: Höre mich und eben nicht das, was es schon gibt!

"Da draußen findet ein ganz harter Kulturdarwinismus statt"

Backstage PRO: Du hast damit natürlich Recht, dass man sich die Frage nach der künstlerischen Relevanz gefallen lassen muss. Eine Redaktion wie unsere kann das nur unterstreichen. Wie geht man als Musiker damit um?

Mirko Gläser: Erst in dem Moment, in dem ich sicher weiß, dass ich etwas habe, das mich einzigartig macht – zum Beispiel eine bestimmte Ausdrucksweise auf der Bühne, besonderes Songwriting, spezielles Artwork oder mein gesamtes Auftreten – das mich also entweder in meiner Region oder in meinem Genre einzigartig macht, erst dann sollte ich mir darüber Gedanken machen, wie ich damit nach draußen gehe. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass jetzt alle Konzeptbands gründen sollen, sondern nur, dass es eben Gründe dafür gibt, dass die ein oder andere Band nicht den Erfolg erntet, den sie gerne hätte. Das ist nicht böse gemeint. Das ist einfach der Gang der Dinge: Nicht alles kann erfolgreich sein. Da findet da draußen ein ganz harter Kulturdarwinismus statt und es werden leider nur jene Bands an die Oberfläche gespült, die in gewisser Weise eben eine bestimmte künstlerische Stärke, einen besonderen Sound oder vielleicht einfach das ganz besondere Quäntchen Durchsetzungsvermögen besitzen, also nach einhundert Absagen immer noch den Biss haben, die einhunderterste Anfrage rauszuschicken und nicht den Kopf in den Sand stecken. Auch wenn ich ansonsten nicht viel damit anfangen kann, hier gilt es durchaus: Nur der Stärkere kommt durch.

Backstage PRO: Was ja – wenn es mal runterdampft – an sich ja auch kein Drama ist, denn jeder kann ja jederzeit Musik machen, bis man umfällt, aus Spaß, zur Selbstverwirklichung, als Kunst um der Kunst willen. Die Frage ist nicht zuletzt ja immer, mit welchem Anspruch man die Sache verfolgt und welche Erwartungen man damit verknüpft.

Mirko Gläser: Es ist eine Grundvoraussetzung, die immer gegeben sein sollte, dass alle so realistisch sind und wissen, dass ihnen der große Wurf womöglich niemals gelingen wird, dass aber dennoch eine ganze Menge Spaß auf dem Weg lauert. Das gilt eben auch, wenn die Karriere nicht mit einer ausverkauften Show in der Olympiahalle endet.

Backstage PRO: Das ist das Schöne an der Musik und ein wunderbares Schlusswort. Danke dir für deine Zeit, Mirko!

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