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"Marktgerecht veröffentlichen? Eine grauenhafte Vorstellung"

30 Jahre Buback: Geschäftsführer Thorsten Seif im Interview

Interview von Jan Paersch
veröffentlicht am 07.06.2018

buback label musikbusiness

30 Jahre Buback: Geschäftsführer Thorsten Seif im Interview

Thorsten Seif (Geschäftsführer Buback Tonträger GmbH). © Simone Scardovelli

Im Gespräch spricht Thorsten Seif von Buback (Label, Booking, Management) über den Stellenwert von HipHop in Deutschland und den USA, den Arbeitsethos von Jan Delay und verrät, wieviele Platten man als Label verkaufen muss, um seine Kosten wieder einzuspielen.

Seit 1988 führt das Label Buback zusammen, was scheinbar nicht zusammen gehört: Indie-Rock und HipHop. Man begann mit Punk aus dem Umfeld der Band Die Goldenen Zitronen, später kamen Hamburger Rap-Größen wie die Absoluten Beginner dazu. In jüngerer Zeit finden Indie-Künstler wie Die Heiterkeit und Schnipo Schranke bei Buback eine Heimat.

Seit zwölf Jahren leitet Thorsten Seif gemeinsam mit Friederike Meyer die Geschäfte von Buback. Längst ist die Firma aus der Hamburger Neustadt eine 360-Grad-Agentur: neben dem auf Indie-Künstler spezialisierten Label gibt es eine Booking-Agentur mit Acts wie Jan Delay, Deichkind und den Beginnern und das Künstlermanagement, das neben anderen Pantha du Prince, Drangsal und Tocotronic betreut.

Am 7. Juni feiert das Label seinen 30. Geburtstag im Hamburger Club Uebel & Gefährlich mit vielen Label-Künstlern und Ehemaligen.

Backstage PRO: Thorsten Seif, welche Musik haben Sie als Teenager gehört?

Thorsten Seif: Meine Musiksozialisation begann mit Fehlfarben und englischen Punkbands. Mit 18 wurde ich Mod, später kaufte ich mir Jazz- und Rap-Platten. Buback spiegelte meine Interessen deshalb schon damals gut wieder.

Backstage PRO: Ist diese Vielfalt nicht auch schwierig für ein Label?

Thorsten Seif: Es wäre vermutlich leichter gewesen, sich als reines Rap-Label aufzustellen. So wie Yo Mama in den Neunzigern mit Fettes Brot und Fünf Sterne Deluxe. Die haben immer mindestens drei bis viertausend Platten an ihre Fanbase verkauft, selbst bei kleinen Releases. Mit unseren Künstlern fängst du in der Vermarktung immer wieder bei Null an. Wir bei Buback haben immer alles jenseits der Konventionen gemacht, was wir spannend fanden. Wir sind eher ein Kraut- und Rüben-Laden.

"Buback wurde in Hamburg die wichtigste Anlaufstelle für Nicht-Major-Label-kompatible Musik"

Backstage PRO: Glückwunsch übrigens zum Jubiläum, die erste Veröffentlichung von Buback gab es vor genau 30 Jahren. Es war "Angeschissen" von Jens Rachuts gleichnamiger Band.

Thorsten Seif: Leider ist das Album nicht mehr bei uns im Katalog. So eine Punk-Philosophie gab es später nie wieder! Jens Rachut, ein begnadeter Texter, gründete später Bands wie Dackelblut und Kommando Sonne-nmilch. Das Label wurde von den Goldenen Zitronen vor allem deshalb gegründet, um seine Musik verfügbar zu machen. Später ging das Umfeld der Zitronen über Punk hinaus. Buback wurde in Hamburg die wichtigste Anlaufstelle für Musik, die nicht Major-Label-kompatibel war.

Backstage PRO: Dazu gehörte zunächst HipHop. Mit dem Label und später mit der Booking-Agentur bauten Sie Künstler wie Samy Deluxe und Jan Delay in Deutschland auf. Wie sind die eigentlich so drauf?

Thorsten Seif: Jan Delay ist immer am Rattern. Immer am Machen, nach dem Motto: wenn‘s klappt, geil, wenn nicht, auch egal. In dieser Einstellung unterscheidet er sich schon von vielen Gitarrenbands. Samy Deluxe ist ähnlich – der ist unheimlich fleißig.

"Es braucht entweder den Tabubruch oder die totale Gaga-Schiene"

Backstage PRO: Auf dem Label Buback gibt es mittlerweile vor allem alternativ-anspruchsvollen Gitarrenpop: Die Heiterkeit, JaKönigJa oder Schnipo Schranke. HipHop-Künster finden sich da kaum noch.

Thorsten Seif: Nun, wir haben immerhin das Debüt von Zugezogen Maskulin, sowie das aktuelle Album von Sookee im Programm. Inhaltlich sind wir noch immer der alten Rap-Welt verhaftet. Die Tabubrüche des Gangsta-Rap waren für uns nie interessant. Unser unausgesprochener Anspruch war immer, ein gewisses Unbehagen gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber zu formulieren. Aber das ist kein Trend heute. Es braucht entweder den Tabubruch oder die totale Gaga-Schiene, Cloud-Rap a la Young Hurn. Aber für so etwas braucht man heute kein Label mehr. Das kann man auch selber raushauen.

Backstage PRO: Haben die Künstler gegenüber den Labels heute eine bessere Position?

Thorsten Seif: Die Verträge sind künstlerfreundlicher geworden. In England hat sich das schon viel früher professionalisiert, da hat Popmusik eine ganze andere wirtschaftliche Bedeutung. Da war es schon Ende der Achtziger Jahren Standard, dass junge Bands ohne Plattenvertrag sich sofort einen Manager gesucht haben. In Deutschland ist das erst seit den Nullerjahren üblich.

"Deutsche Musik ist ein richtiger Markt geworden"

Backstage PRO: Es hat hierzulande einfach länger gedauert?

Thorsten Seif: Ja, und irgendwann hat man gemerkt, wie wichtig Manager sind – die sorgen dafür, dass es keine Knebelverträge gibt. Früher hatte man als Plattenlabel das Recht, Aufnahmen 30 oder 40 Jahre lang auszuwerten! In den letzten zwei Jahrzehnten ist deutsche Musik ein richtiger Markt geworden. Deshalb können die Plattenfirmen die Konditionen nicht mehr so stark mitbestimmen wie früher.

Backstage PRO: Wieviele Einheiten eines neuen Albums müsst ihr verkaufen, um das investierte Geld wieder reinzubekommen?

Thorsten Seif: Eine Band bekommt für die Aufnahmen einen Vorschuss. Von dessen Höhe hängt es ab, wieviele Verkäufe man für einen break-even braucht. Auf dem Indie-Niveau, wo es nicht um Vorschüsse von 50.000 Euro und mehr geht, müssen wir, um die Produktion inklusive Marketing und Promotion einzuspielen, 3000 physische Tonträger verkaufen. Da sind Löhne und Gehälter aber noch nicht eingerechnet.

"Wenn man von einem interessanten Act nicht 20.000 Platten verkauft, hat man schnell Geld verloren"

Backstage PRO: Gibt es auch unverschämte Vorschuss-Forderungen von Musikern?

Thorsten Seif: Natürlich, jeder versucht, auszuloten was geht. Das ist wie auf dem Basar: probieren kann man’s immer. Es kommt schon auch mal zu einem Bieterwettstreit zwischen Labels, zumal, wenn ein Genre-Hype herrscht wie beim HipHop damals. Aber die meisten Bands kennen ihren Marktwert, und es gibt es ja auch Vorgespräche.

Backstage PRO: Ohne die Bookingagentur Buback Konzerte mit Jan Delay, Deichkind und den Beginnern wäre das Label kaum finanzierbar, oder?

Thorsten Seif: Nun, die meisten unserer Angestellten arbeiten im Booking. Als Booker ist man Vermittler, und kassiert eine Provision dafür, Bands zu Festivals und Veranstaltern zu bringen. Als Label musst du heute wirklich viel Geld anbieten, um interessante Acts zu bekommen. Das ist riskant, denn wenn man dann nicht 20.000 Platten verkauft, hat man schnell viel Geld verloren. Das spielt beim Bandsigning neben dem Ästhetischen und Inhaltlichen auch eine Rolle.

"Früher wäre man nicht auf die Idee gekommen, seine Befindlichkeiten zu vertonen"

Backstage PRO: Können Sie sich für deutschen Pop heute begeistern?

Thorsten Seif: In der Indie-Szene gab es immer einen gewissen inhaltlichen und ästhetischen Anspruch. Es ging vor allem nicht darum, seine eigenen Befindlichkeiten zu vertonen, so wie es Max Giesinger und Philipp Poisel tun. Früher wäre man gar nicht auf die Idee gekommen, solche Musik zu machen! Es gab zwar Schlager, aber dass solche Texte nun auf aktuelle Popmusik übertragen werden, ist erstaunlich. Diese Pseudo-Sensibilität ist ja nichts anderes als ein Vorgaukeln von Gefühlen.

Backstage PRO: Gibt es denn Künstler, die sich gut verkaufen, die Sie schätzen?

Thorsten Seif: Im HipHop ist immer noch sehr viel möglich. Was im US-Rap passiert, finde ich mega. Man braucht nur Leute wie Kendrick Lamar, Jay Z und Childish Gambino anzuschauen. Schon beatmäßig findet man sowas in Deutschland nicht. Da gibt es noch viel Potential, minimalistischer zu arbeiten. Inhaltlich ist auch noch Luft nach oben. In einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren ist es vermutlich authentisch, wenn es nicht so ans Eingemachte geht. Es gibt aber genug Themen und soziale Missstände, die man ansprechen kann.

Backstage PRO: Was ist euer Bestseller als Label?

Thorsten Seif: Ganz klar "Searching for the Jan Soul Rebels" von Jan Delay. Die verkauft sich stetig, und wenn Jan ein neues Album macht, gibt es jedes Mal wieder einen Schub. Solche Evergreens im Katalog braucht jedes Label. Auch die Goldenen Zitronen verkaufen sich beharrlich.

"Schwierigere Musik bleibt beim Streaming auf der Strecke"

Backstage PRO: Wird es in Zukunft überhaupt noch Tonträger geben?

Thorsten Seif: Es gibt ja diese jungen Leute, die das Vinyl-Format abfeiern. Aber wir können in Zukunft vermutlich nur noch Bands veröffentlichen, die wir auch im Booking und Verlag haben. Das Problem ist: beim Streaming bleibt schwierigere Musik komplett auf der Strecke. Wir haben eine Affinität für Subversives und Disharmonisches. Solch ein Album kramt man sich vielleicht einmal im Jahr heraus, um sich wirklich damit zu beschäftigen. Weil man diese Musik nicht dauerhaft konsumiert, sind die Streaming-Zahlen sehr gering. Für die Onlineportale müsste man eigentlich marktgerecht veröffentlichen, um seine Zahlen hochzuhalten. Das ist für mich eine grauenhafte Vorstellung.

Backstage PRO: Was ist die Lösung?

Thorsten Seif: Nicht ohne Grund wenden wir uns in letzter Zeit häufiger an die Hamburger Labelförderung oder an die Initiative Musik. Da bekommt man nicht viel Geld, aber ohne geht es oft nicht mehr. Es gibt Labels, die ihre Veröffentlichungspolitik ganz an den Förderterminen ausrichten.

Backstage PRO: Thorsten Seif, vielen Dank für das Gespräch!

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