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"Das Ziel muss es sein, eine Fanbase aufzubauen"

Thorsten Harm (Rodeostar GmbH) über Eigeninitiative als Motor im Musikbusiness

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 16.11.2017

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Thorsten Harm (Rodeostar GmbH) über Eigeninitiative als Motor im Musikbusiness

Thorsten Harm. © (privat)

Das Hamburger Unternehmen Rodeostar GmbH verbindet Booking, Label und Künstlermanagement. Wir haben mit Geschäftsführer Thorsten Harm über den Wandel im Musikbusiness und sein Rockfestival Sankt Hell gesprochen.

Backstage PRO: Thorsten, du hast als Künstlermanager deine Karriere begonnen, wie kam das?

Thorsten Harm: Vor genau 20 Jahren habe ich damit angefangen, Newcomerbands zu begleiten, aufzubauen und an Labels zu vermitteln sowie mit den Bands auf Tour zu gehen. Somit habe ich den Beruf von der Pieke auf gelernt. Selbst war ich auch schon immer Musiker, wollte aber mein Hobby nie zum Beruf machen.

Backstage PRO: Heute bist du Geschäftsführer der Rodeostar GmbH. Was ist das für ein Unternehmen?

Thorsten Harm: Gestartet haben wir mit dem Künstlermanagement, sprich unsere Aufgabe war es, für unsere Künstler Plattenverträge bei Labels an Land zu ziehen.

Backstage PRO: Heute stellt ihr jedoch ein eigenes Label dar?

Thorsten Harm: Richtig. Anfang der 2000er hat sich die Musikbranche grundsätzlich gewandelt, sodass wir unser eigenes Label samt Bookingfirma gegründet haben. Seit dem ist Rodeostar eine 360° Service-Unit für die unter Vertrag stehenden Künstler.

"Man muss von seinen eigenen Bands überzeugt sein"

Backstage PRO: Mit anderen Worten, ihr bietet neben dem eigentlichen Label bis zur Vermittlung und Tourneeplanung eigentlich alles an.

Thorsten Harm: Genau. Unsere Kernbereiche bestehen aus den Bereichen Label, Künstlermanagement und Booking, wobei letzteres den größten Anteil ausmacht. Ich betreue selbst einen kleinen, aber feinen Roster als Agent und kümmere mich um die Buchung für die Tourneen.

Backstage PRO: Welche Musikrichtung wird von euch bevorzugt?

Thorsten Harm: Im weitesten Sinne Rockmusik. Zwar gibt es auch ein paar Vertreter aus der Pop-Rock Szene, doch liegt der Fokus eher auf Rock, Hardrock und Metal.

Backstage PRO: Ihr organisiert die Tourneen deutschlandweit?

Thorsten Harm: Ja, hauptsächlich finden die Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt. Über internationale Partner buchen wir unsere Künstler jedoch auch europaweit und teilweise im asiatischen Raum.

Backstage PRO: Was muss ein guter Booker deiner Meinung nach können?

Thorsten Harm: Zunächst kommt es darauf an, dass man an der angebotenen Musik auch selber interessiert ist. Wenn man nicht von seinen eigenen Bands überzeugt ist, hat man schnell Schwierigkeiten, diese auch erfolgreich zu vermarkten.

Backstage PRO: Also ist Authentizität der springende Punkt?

Thorsten Harm: Wenn man nicht hinter dem Künstler und seiner Musik steht, wird man den Veranstalter auch nicht von ihm überzeugen können.

"Ein gutes Netzwerk ist natürlich unverzichtbar"

Backstage PRO: Wie sieht das aus organisatorischer Sicht aus?

Thorsten Harm: Ein gutes Netzwerk ist natürlich unverzichtbar, sodass man mit Promotern, örtlichen Veranstaltern und vielen mehr im regen Austausch stehen muss. Es besteht natürlich ein riesen Unterschied darin, ob man einen kleinen Bar-Gig organisiert oder eine Deutschlandtournee mit Hallengrößen um die 1500 Zuschauer auf die Beine stellen möchte.

Backstage PRO: Du hast erwähnt, dass sich die Musikbranche ab dem Jahr 2000 grundsätzlich gewandelt hat. Was meintest du damit?

Thorsten Harm: In mancher Hinsicht hat sich die Situation für Newcomer durch die Entwicklung des Internets, der sozialen Medien und des technologischen Fortschritts im Allgemeinen zum Besseren gewandelt, da es viel leichter wurde, Musik zu produzieren und zu verbreiten. Aber da die Anzahl der Bands und Musiker immer zahlreicher wird, herrscht ein unüberschaubares Überangebot.

"Es ist schwierig, Newcomer in die Playlisten zu bringen"

Backstage PRO: Welche Folge hat das?

Thorsten Harm: Früher kam es darauf an, seine Künstler bei Formaten wie MTV zu platzieren. Derzeit sehen wir uns einem Überangebot an Musikern gegenübergestellt, die bei wenigen Digitalportalen wie Spotify unterzubringen sind.

Backstage PRO: Und das ist schwieriger als die klassische Schiene zu fahren?

Thorsten Harm: Es war schon immer schwierig, Rockmusik im Radio zu platzieren, aber es ist weitaus schwieriger, Newcomer und junge Musiker allgemein in den Playlisten der Streaming-Dienste unterzubringen.

Backstage PRO: Schlägt sich diese Entwicklung auch auf die Konzerte nieder?

Thorsten Harm: Klar, der Markt wird ja nicht größer. Nur weil es heute mehr Bands gibt, gehen die Leute nicht auf mehr Konzerte.

Backstage PRO: Wie kann man sich unter diesen Umständen als Künstler behaupten?

Thorsten Harm: Ich glaube, es geht im Großen und Ganzen um Qualität. Wie sehr lebt eine Band ihre Musik? Wie überzeugend ist ihre Liveperformance? Wie viel Mühe wird ins Songwriting investiert? Zudem kommt man heute nicht drum herum, auf allen Kanälen präsent zu sein. Die Sozialen Medien sind dabei besonders wichtig, um die Reichweite zu erhöhen.

Dann natürlich: viel spielen! Als Support-Act bei anderen Musikern spielen. Das Ziel muss es sein, eine Fanbase aufzubauen, um mit einem professionellen Partner, einem kleinem Label oder einem Management, den nächsten Schritt zu machen.

"Es kommt auf die Eigeninitiative der Künstler an"

Backstage PRO: Zunächst muss also eine Basis vorhanden sein, um dann den Karrieresprung zu machen?

Thorsten Harm: Voll und ganz. Die Strategie, etwas auf den Markt zu werfen und mit Werbegeld zu unterstützen, funktioniert so nicht mehr. Es kommt vielmehr auf die notwendige Eigeninitiative der Künstler an, sich selbst dem Publikum vorzustellen.

Backstage PRO: Ihr organisiert auch ein Festival mit dem Namen Sankt Hell. Kannst du etwas dazu sagen?

Thorsten Harm: Richtig, das Sankt Hell wird von Rodeostar in Kooperation mit dem Rock Café St. Pauli veranstaltet. Dieses Jahr findet das Sankt Hell bereits zum dritten Mal in Folge statt.

Backstage PRO: Wo findet es statt?

Thorsten Harm: Beim ersten Probeanlauf hat das zweitägige Festival im Rock Café mit einer Kapazität von 250 stattgefunden. Da die Location jedoch abgerissen wurde und sich derzeit im Neubau befindet, sind wir auf das Hamburger Gruenspan ausgewichen. Das hat jedoch aufgrund der höheren Kapazität auch den Wunsch nach größeren Bands im Line-up geweckt.

Backstage PRO: Könnt ihr diesem Anspruch auch gerecht werden?

Thorsten Harm: Auf jeden Fall. Mit den zwei Headlinern Kadavar und Mantar können wir 2017 an beiden Tagen mit einem satten Programm aufwarten. Weiterhin treten Bands wie The Brew, Karma To Burn, The Picturebooks, Dool und viele andere auf.

Backstage PRO: Hört sich nach recht bekannten Vertretern aus dem Genre der harten Musik an.

Thorsten Harm: Ja, aber wir bedienen ebenso Stoner Rock, Doom- und Hard Rock. Tatsächlich richtet sich das Line-up auch nach unseren Interessen, doch kann man schon sagen, dass wir dabei sehr wählerisch vorgehen.

"Am Anfang ist ein neues Festival ein Verlustgeschäft"

Backstage PRO: Es fließt also sehr viel Herzblut in die Arbeit hinein.

Thorsten Harm: Klar, anders geht es nicht. Am Anfang bereitet so eine Veranstaltung viel Arbeit und viele Kosten, die man nur schwer ohne Begeisterung für die Sache stemmen kann.

Backstage PRO: Es kommt also zu Beginn recht stark auf finanzielle Eigeninvestitionen an?

Thorsten Harm: Ja, das ist auch kein Geheimnis. Am Anfang ist ein neues Festival ein Verlustgeschäft. Natürlich arbeiten wir darauf hin, das Festival zu einer richtigen Institution auszubauen.

Backstage PRO: Wann findet das Festival statt?

Thorsten Harm: Wir haben das Eventdatum mit dem 27. und 28. Dezember 2017 bewusst gewählt. Die Leute haben nach dem ganzen Weihnachtsstress genug von Gänsebraten bei der Oma und wollen mal wieder richtig feiern gehen.

Backstage PRO: Eigentlich sehr merkwürdig, warum dem nicht mehrere Veranstalter gleich tun, da die Leute in dieser Zeit am meisten Freizeit genießen.

Thorsten Harm: Stimmt allerdings. Viele Leute sind wahrscheinlich im Urlaub oder daheim bei der Familie und haben wenig Lust, heraus zu gehen. Wir haben uns dennoch getraut das Sankt Hell kurz vor Neujahr beginnen zu lassen.

Backstage PRO: Wer findet sich denn bei Sankt Hell ein?

Thorsten Harm: Überraschenderweise kamen Leute aus den unterschiedlichsten Altersgruppen. Zwar stammen die meisten aus der Umgebung um St. Pauli, doch haben sich auch Leute aus der näheren Region eingefunden. Natürlich hoffen wir, dass sich der Ruf des Festival im ganzen Land verbreitet.

Backstage PRO: Alles klar, vielen Dank für deine Zeit und alles Gute für das anstehende Festival!

Thorsten Harm: Vielen Dank!

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