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"Das ganze Geschäft ist einfach sehr viel schnelllebiger geworden"

Batschkapp-Booker Matze Brunner über Chancen und Herausforderungen in der Musikindustrie

Portrait von Torsten Reitz
veröffentlicht am 26.09.2018

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Batschkapp-Booker Matze Brunner über Chancen und Herausforderungen in der Musikindustrie

Matze Brunner auf der Bühne. © Torsten Reitz

Matze Brunner gehört seit knapp zwanzig Jahren zum Team der Batschkapp in Frankfurt. Wie er als Booker und Promoter dort gelandet ist, welche Entwicklung die Batschkapp seit ihrem Umzug genommen und wie er die Veränderungen in der Musikindustrie während dieses Zeitraums erlebt hat, verraten wir euch in diesem Porträt.

Die Frankfurter Batschkapp gehört zweifelsohne zu den wichtigsten Musikclubs in Deutschland. In ihrer inzwischen mehr als 40-jährigen Geschichte hat sie schon so einiges miterlebt – von ihren Eschersheimer Anfängen als Treffpunkt der hiesigen Spontiszene in der Maybachstraße nebst solch illustrer Vertreter wie dem späteren Bundesaußenminister Joschka Fischer bis hin zu ihrer modernen Version in der Seckbacher Gwinnerstraße.

Folgerichtig war die Batschkapp zu ihrem vierten runden Jubiläum im Jahr 2016 dann auch nicht nur Ehrengast auf dem Frankfurter Museumsuferfest, sondern wurde in der Mainmetropole sogar mit eigenen U- und Straßenbahnen bedacht.

Vom Kaffeekochen zum Booking

Einer, der die Entwicklung der kulturellen Institution in den vergangenen beiden Jahrzehnten aus nächster Nähe mitverfolgt hat, ist Matze Brunner.

"Ich bin 2000 über ein Praktikum dort gelandet", erzählt der bärtige Booker und Promoter. "Das Management meiner damaligen Band meinte zu mir, ich müsse auch mal was anderes machen, als nur den ganzen Tag zu musizieren. Zu der Zeit wollte ich ja noch Rockstar werden. Na ja, und so habe ich dann ein Praktikum in der Batschkapp gemacht."

Dieses Hineinschnuppern in die Branche führte dann zu einem langfristigen Engagement, das für beide Seiten bis zum heutigen Zeitpunkt mehr als nur zufriedenstellend verlaufen ist – auch wenn aller Anfang natürlich schwer war.

Größere Möglichkeiten, wachsende Verantwortung

"In den ersten paar Wochen habe ich eigentlich nur Kaffee gekocht, Post zusammengestellt und Plakate beschriftet... wie das halt so ist, wenn man irgendwo startet", erzählt Matze. "Schließlich habe ich meine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann begonnen. Booking mache ich seit meinem zweiten Jahr hier. Erst ging es dabei nur um lokale Bands aus Frankfurt, später kamen dann die größeren und internationalen Künstler hinzu."

Manche davon treten aufgrund ihrer enormen Popularität mittlerweile gar nicht in der Batschkapp selbst oder im zu ihr gehörenden, kleineren Nachtleben nahe der Konstablerwache auf, beispielsweise die Toten Hosen, Udo Lindenberg, Robbie Williams, Billy Talent, Paul Kalkbrenner oder die Red Hot Chili Peppers. Bei Konzerten dieser Größenordnung tritt die Batschkapp dann als Veranstalter auf, die Locations wie etwa die Festhalle, die Jahrhunderthalle oder die Commerzbank-Arena in Frankfurt, die Stadthalle Offenbach oder sogar den Maimarktclub in Mannheim anmietet.

Wie es dazu kam?

"Unserem Chef Ralf Scheffler war langweilig", kommentiert Matze nur lapidar, "aber natürlich haben wir seit dem Umzug in die Gwinnerstraße vor ein paar Jahren auch Angebote von größeren Bands. Das liegt einfach daran, dass wir inzwischen nahezu die dreifache Kapazität im Vergleich zu früher haben. Anfangs gab es ein paar Nächte, in denen ich deshalb nicht wirklich gut geschlafen habe, weil wir es mit höheren Summen zu tun hatten. Bei einer Halle für knapp 1.500 Leute stellt das ein größeres Risiko dar."

Schnelllebigeres Geschäft

Daneben gibt es selbstverständlich weitere Herausforderungen.

"Teilweise ist es echt schwierig, das Publikumsinteresse einzuschätzen. Wenn eine Band vor ein paar Jahren noch vorbeigekommen ist und die Halle gefüllt hat, kann es sein, dass die gleiche Truppe heute plötzlich nur noch ein Drittel der Zuschauer anzieht. Das ganze Geschäft ist einfach sehr viel schnelllebiger geworden", erklärt der Booker.

Durch die sozialen Medien sei die Arbeit außerdem viel umfangreicher geworden:

"Hier noch eine Veranstaltung anlegen, da noch schnell etwas twittern, woanders etwas teilen", merkt Matze an. "Ich muss aber gestehen, dass das den Job natürlich insgesamt auch viel spannender und interessanter macht. Man lernt nämlich in einigen Bereichen noch Sachen dazu, von denen man das früher nie gedacht hätte. Ich versuche allerdings generell, Probleme nie als solche zu betrachten, sondern eher als Herausforderungen, für die man eine Lösung finden muss. Damit bin ich bisher immer am besten gefahren."

Dazu gehört auch, ein möglichst breites Spektrum an verschiedenen Künstlern und Veranstaltungen zu bedienen:

"Unser Programm geht ja von HipHop über Metal, Punk, Pop, Blues, Comedy und andere Stand-up-Veranstaltungen bis hin zu Vorträgen, Lesungen, Fußballabenden, Superbowl-Übertragungen und diversen Discos. Da sind eigentlich alle Sparten vertreten. Mir fällt jedenfalls so spontan keine ein, die nicht dabei wäre", berichtet der Booker nicht ohne Stolz.

"Wir haben bisher immer das gemacht, was für uns musikalisch und kulturell wertvoll war – und was gleichzeitig natürlich auch Umsatz bringt."

Viele Wege führen nach Rom

Wie die Kontakte zu diesen unterschiedlichen Künstlern zustande kommen, stellt sich dabei ähnlich vielfältig dar:

"Entweder bietet uns eine Agentur eine Band an, die auf Tour geht, oder wir fragen dort nach einer bestimmten Band, weil wir Gründe haben, eine Veranstaltung mit ihnen an einem bestimmten Tag durchzuführen", erläutert Matze das Bookingverhalten der Batschkapp.

"Tatsächlich gibt es zig Wege, wie so etwas entstehen kann. Das ist ja gerade das Spannende an diesem Job!"

Lieber Links als runde Scheiben

Dass sich die Art und Weise der Bemusterung durch die Künstler dabei in den letzten Jahren hin zum Digitalen verschoben hat, ist dem Veranstaltungskaufmann nur recht:

"Zum Glück hat sich das geändert. Es gab Zeiten, in denen ich kaum noch wusste, wo ich die ganzen CDs verstauen soll, die wir zugeschickt bekommen haben. Da ist mir eine E-Mail mit einem Link doch bedeutend lieber, alleine schon rein platztechnisch."

Neue Chancen nutzen

Seitdem Matze bei der Batschkapp angeheuert hat, hat sich aber auch gleichermaßen der Musikkonsum verändert – weg von Plattenverkäufen als einer der Haupteinnahmequellen für professionelle Musiker und hin zu mehr Live-Shows, Merchandise, Meet & Greets und VIP-Tickets.

"Wenn eine Band wirklich gut ist, ihre Fans hat und nicht alles völlig überteuert verkauft, dann verkauft sie heute immer noch Platten", lautet seine Einschätzung. "Davon mal abgesehen: Das Ganze hat ja auch seine positiven Seiten. Man ist mit ein paar tausend verkauften Einheiten in der ersten Woche gleich mal in den Charts. Das hast du früher nicht so schnell hinbekommen", erläutert er, wie Künstler diese neue Ausgangslage seiner Meinung nach für sich nutzen können.

"Heute kannst du dann direkt posten: ‚Hey, wir sind auf Platz 3 eingestiegen‘, und so etwas hat schon rein imagemäßig einen ganz anderen Stellenwert. Die Zeiten ändern sich, und man muss halt einfach ein bisschen am Ball bleiben und sich andere Wege einfallen lassen."

Was sich aber hoffentlich für Matze so schnell nicht wandeln wird, ist das Interesse an Live-Aufführungen:

"Ich glaube fest daran, dass Unterhaltung, Konzerte und Events, bei denen Menschen Spaß haben und was nicht ganz so Gewöhnliches erleben, immer interessant sein werden. Das wird hoffentlich in hundert Jahren weiterhin der Fall sein." Dazu gehört bei der Batschkapp traditionell natürlich ein gehöriges Maß an lokaler Verbundenheit.

Einbindung in Club-Netzwerke

Aus diesem Grund ist die Kulturinstitution aus der Mainmetropole auch in den beiden Verbänden Livekomm und Clubs am Main organisiert, deren zweite Verleihung des Backstage Clubaward in Kooperation mit Backstage PRO und der Frankfurter Musikmesse in diesem Jahr im Nachtleben stattfand.

Auch wenn sie dieses Mal leer ausging, profilierte sich die Batschkapp in ihrem eigenen "Hinterzimmer" erneut als einer der bei Musikern beliebtesten Locations für Veranstaltungen – und kann via Matze nur Positives hinsichtlich der Zusammenarbeit mit den genannten Organisationen berichten.

Ehre, wem Ehre gebührt

Gleiches gilt auch für den besonderen Status, der dem Club auf dem Frankfurter Museumsuferfest 2016 anlässlich seines 40-jährigen Jubiläums zuteil wurde. Wo sonst üblicherweise ein Land zum Ehrengast auserkoren wurde, durfte sich die örtliche Live-Kultstätte vor zwei Jahren mit einer eigenen Bühne auf der jährlich knapp drei Millionen Zuschauer anlockenden, mehrtägigen Veranstaltung entsprechend in Szene setzen.

"Es war gewagt, nur ein oder zwei wirklich etablierte Bands zu buchen", beschreibt Matze das Konzept, mit dem die Batschkapp dort zu Werke ging:

"Ich denke, wir haben damals davon profitiert, dass wir seit vielen Jahren neben den Stars und Sternchen auch eine enge Zusammenarbeit mit den Frankfurter Bands pflegen. Wir wussten also schon, was wir musikalisch präsentierten. Jede der Gruppen hatten wir vorher mindestens einmal selbst live gesehen. Da kann ich im Nachhinein auch allen mitwirkenden Künstlern ein riesiges Dankeschön aussprechen", betont der Booker noch einmal den besonderen Stellenwert dieses Großevents.

"Wir hatten drei Tage lang Top-Musik, großartige Shows, unglaublich viele Besucher, eine fantastische Stimmung und erstklassige Live-Acts", zu denen als einer der wenigen überregional etablierten Namen auch die aus dem Kultfilm "From Dusk Till Dawn" bekannten Tito & Tarantula als "Rausschmeißer" vor dem finalen Feuerwerk zählten.

Fest in Frankfurt verwurzelt

Wahrscheinlich ist es aber genau das, was die Batschkapp letztlich bis heute ausmacht. Sie ist fest in ihrer Stadt verwurzelt und sieht sich als Förderer hiesiger Künstler, denen sie gerade im Nachtleben immer wieder Auftrittsmöglichkeiten bietet. Ebenso sehr bringt sie neben dieser Art von Subkultur aber auch nationale wie internationale Stars in eine Metropole, die von ihrem gesamten Naturell her bereits global aufgestellt ist.

Locations

Batschkapp

Batschkapp

Gwinnerstr. 5, 60388 Frankfurt am Main

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