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Artenkunde mit Augenzwinkern

Der Veranstalter, das unbekannte Wesen. Versuch einer Typologie.

Tipps für Musiker und Bands von Bernd Wagner
veröffentlicht am 12.05.2015

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Der Veranstalter, das unbekannte Wesen. Versuch einer Typologie.

Band/Ensemble. © MKB (Markus Biedermann)

Im Livegeschäft tummeln sich ganz unterschiedliche Spezies. Darunter Vertreter der Gattung "Veranstalter". Nicht alle sind der treuste Freund des Musikers. Man sollte schon wissen, mit wem man es zu tun hat. Wir stellen einige typische Exemplare vor.

I. Der chaotisch-kreative Wirt

Der chaotisch-kreative Typ ist mit hoher Warhscheinlichkeit in jedem Beruf gleichzeitig ein Grund zur Freude und ein Ärgernis. Schließlich handelt sich zumeist um Idealisten, die sich in DIY-Manier einen Traum verwirklichen – in unserem Fall den Traum einer eigenen Kneipe mit Liveprogramm.

Pro | Der Wirt lädt gerne Bands zu sich ein, die ihm persönlich gut gefallen und schafft damit Auftrittsmöglichkeiten.

Contra | Was die Kochprofis zuweilen auf die Palme bringt, stört auch hier die heile Welt: Viele Wirte gehen ohne Basiswissen an den Start, wie man solch einen Laden führt. Konzertorganisation, Technik und Promotion sind deshalb vielleicht noch Fremdwörter. Im schlimmsten Fall stehen die Musiker ohne Publikum da und der Laden wird auf Dauer nicht bestehen.

Tipp | Unbedingt Erfahrungen mit anderen Bands austauschen, die hier schon gespielt haben. Am besten auch selbst mal bei einem Konzert vorbeischauen und sich ein eigenes Bild machen. Organisation, Technik und Promotion soweit möglich selbst übernehmen. Wenn dafür die Ressourcen fehlen: die Finger davon lassen.

II. Der planvolle Wirt

Auch die planvollen Vertreter der Gattung Wirt haben aus Musikersicht gute wie schlechte Seiten. Dieser Typus ist nicht automatisch weniger fair als pure Herzblutkollegen. Für den planvollen Wirt ist seine Kneipe aber nicht zuletzt ein Unternehmen, mit dem er sein täglich Brot verdienen will.

Pro | Für zugkräftige Bands rollt dieser Wirt einen roten Teppich aus. Bei Themen wie Equipment und Werbung ist er in der Regel deutlich professioneller unterwegs als so manche Kollegen. Ein Gastspielvertrag wird gemacht, um beiderseits das Ärgernisrisiko zu mindern.

Contra | Bucht nur Bands, die ihm Geld in die Kasse spülen. Zum Beispiel indem sie trinkfreudiges Publikum ziehen. Oder dadurch, dass sie ein Saalmiete zahlen. Das geht mitunter auf die Qualität des Programms.

Tipp | Partytaugliche Tanz-, Cover- oder Akustik-Acts finden bei einem Typen dieses Schlags den idealen Geschäftspartner. Aber Bands mit eigenem Songmaterial müssen ihn erst davon überzeugen, dass sie seinen Laden füllen – oder sich auf Pay-To-Play und ähnliche Geschichten einlassen. Das ist nicht unbedingt "igitt", wenn die Gegenleistung stimmt!

III. Die Jugendzentrum-Leitung

Das Universum "Jugendzentrum" ist den meisten Musikern bestens vertraut. In aller Regel müssen die Leiter nicht profitorientiert arbeiten. Gute Gigs entstehen aber nur durch eigenes Zutun seitens der Musiker.

Pro | Hier finden auch mal Konzerte statt, die sich finanziell nicht rechnen, wodurch noch junge/unbekanntere Bands eine Plattform finden können.

Contra | Die Kehrseite der Medaille? Knapp bemessene Budgets für Werbung, Catering, Gagen und Personal. Oft kümmern sich in Ehrenamtliche um den Konzertbereich, die sich eher mittelmäßig auskennen.

Tipp | Bedingungen vorher mit den Verantwortlichen genau abklären und ggf. Helfer organisieren! Bands sollten aber damit rechnen, dass sie selbst die Kasse besetzen, einen Mann ans Mischpult/Licht stellen und hinterher den Saal ausfegen müssen.

IV. Die Lebenskünstler des alternativen Kulturzentrums

Trotz enger Verandtschaft zum Jugendzentrum gibt es hier einen wesentlichen Unterschied: Meist werden alternative Kulturzentren nicht von der Stadt oder der Gemeinde, sondern von Vereinen betrieben.

Pro | Programm mit Herzblut und Agenda! Hier läuft nur das, worauf die Macher wirklich Bock haben. Da weißt du, woran du bist und ob du da überhaupt rein passt.

Contra | Kaum Budget und dennoch muss darauf geachtet werden, dass zumindest ab und zu ein bisschen hängen bleibt.

Tipp | Bitte die weltanschauliche Ausrichtung beachten, sich also in einem feministisch angehauchten Club nicht unbedingt wie Mötley Crüe aufführen! Außerdem hat man es hier meist mit Ehrenamtlichen zu tun. Das verdient Respekt und kein Gejammer über zu wenige Monitorwege und die falsche Biermarke. Darüber hinaus sollten Bands nicht darauf zählen, dass das Schleppen von Verstärkern oder das Plakatieren zu den Passionen von Ehrenämtlern gehört.

V. Der Wettbewerbsausrichter

Der Wettbewerbsausrichter ist eine bei vielen Musikern umstrittene Spezies, obwohl er sich in der Regel nicht heimtückisch verhält, sondern sehr berechenbar. Stein des Anstoßes sind meist Teilnahmegebühren oder Mindesticketabnahmen.

Pro | Es winken Slots in renommierten Locations, professionelle Bedingungen und mit etwas Glück noch ein Satz Saiten.

Contra | Damit sich der Spaß rechnet, packt der Wettbewerbsausrichter viele Bands in einen Abend und lässt das Publikum abstimmen. Die Hoffnung ist oft, dass die Musiker ihre Fans als Unterstützer mobilisieren.

Tipp | Konditionen genau analysieren und Teilnahme abwägen. Wettbewerbe können zum Beispiel für junge Bands sinnvoll sein, um einen ersten Fuß in die Live-Türe zu kriegen.

VI. Der Hobby-Veranstalter

Der Hobby-Veranstalter tritt einzeln oder in Herdenform auf. Er nistet in Locations, die ihm ihre Bühne überlassen. Sein Antrieb ist die Begeisterung für eine bestimmte Musikrichtung gepaart mit dem Spaß, etwas auf die Beine zu stellen.

Pro | Die Kohle spielt eine untergeordnete Rolle. Das macht ihn zum idealen Partner für Bands der bevorzugten Musikrichtung. Es fehlen zwar ernsthafte Mittel für größeren Werbekampagnen, aber gesetzt wird auf die Vernetzung innerhalb der jeweiligen Szene und Mundpropaganda.

Contra | Die Sachen mit der Mundpropaganda ist alles andere als fail-safe. Und was dieser Veranstalter technisch bieten kann, hängt in der Regel von seiner Gastgeber-Location ab.

Tipp | Hobby-Veranstalter arbeiten nicht gerne mit Bands zusammen, die einen auf Rockstar machen und die Drecksarbeit ihnen überlassen. Deshalb Unterstützung anbieten. Persönlichen Kontakt suchen, um nicht in der Bewerbermasse unterzugehen. Checken, wie professionell der Hobby-Veranstalter unterwegs ist und bei Anfängern dann lieber mehr Eigenanteil einplanen.

VII. Der Profi-Veranstalter

Der Profi-Veranstalter lebt in Gefilden der Konzertlandschaft, in denen die Logik der Marktwirtschaft regiert. Oft professionelles Außenauftreten, aber Obacht – auch hier gilt: Nicht überall, wo Profi draufsteht, ist ein Profi drin.

Pro | Angesagten Acts liest der Profi- Veranstalter jeden Wunsch von den Lippen ab.

Contra | Wenig Anreiz, sich für non-kommerziellere Musik zu engagieren.

Tipp | In der Profi-Liga ist Geld im Spiel. Deshalb nix ohne Vertrag machen! An den Verträgen lassen sich außerdem oft die schwarzen Schafe von den seriösen Veranstaltern unterscheiden. Abstruse Klauseln oder tonnenweise Rechtschreibfehler sollten stutzig machen.

VIII. Die Musikinitiative

Musikinitiativen sind oft als Untermieter in Jugend- oder Kulturzentren anzutreffen, manche betreiben auch selbst Clubs, die Mitglieder sind meist selbst Musiker. Wenn der Verein ein Konzert veranstaltet, helfen die Mitglieder beim Plakatieren, Schleppen, Kassieren, Mischen, Putzen und was sonst noch so anfällt.

Pro | Besonders attraktiv für junge Bands, die hier lernen, wie der Hase läuft und sich ein Netzwerk aufbauen können.

Contra | Kommerziell orientierte Musiker oder Profis sind hier fehl am Platz.

Tipp | Selbst bei der Initiative engagieren! Aber nur beitreten, wenn man bereit ist, auch was für die anderen Bands zu tun. Eintreten, Gig abstauben und verschwinden klingt nach einer schlechten Idee.

IX. Die Band als Veranstalter

Fast jede Band im Amateurbereich organisiert auch selbst Konzerte und tritt damit für andere Bands als Veranstalter auf. Für eine Darstellung der Gattungsmerkmale einfach in den Spiegel schauen.

Pro | Man schafft sich ein Netzwerk und stärkt gegenseitig die Fanbase.

Contra | Der komplette organisatorische Aufwand liegt in den Händen der Musiker.

Tipp | Veranstalterbands versprechen sich oft irgendeinen weitergehenden Nutzen – zum Beispiel, dass sich Gegengigs ergeben. Es ist aber für beide Seiten vorteilhaft, solche Erwartungen vorher abzuklären.

X. Der spontan beauftragte Eventmacher

Wie die Jungfrau zum Kinde kommt man dazu, ein Event zu organiseren, zum Beispiel "im Auftrag" seines Arbeitgebers. Hat der Werner nicht ein tolles Grillfest organisiert? Dann klappt's doch sicher auch mit der geplanten Gala… Manchen Organisatoren von Stadt- und Straßenfesten ergeht es ebenso. Dabei müssen aber keine schlechten Veranstaltungen herauskommen.

Pro | Meist ist ein solides Budget vorhanden, wodurch im besten Fall ein gelungenes Live-Event möglich wird.

Contra | Das Wissen um die eigene geringe Branchenkenntnis kann in mutlosen Bookings enden. Bei der Auswahl von Tontechnikern usw. droht eine uninformierte Entscheidung.

Tipp | Auf jeden Fall bewerben. Hilfe anbieten ohne hochnäsig zu sein, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt. Wer am reibungslosen und erfolgreichen Ablauf des Events mitwirkt, ist beim nächsten Mal mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder dabei.

Euer Feedback

Sicher hast du auch schon einschlägige Erfahrungen mit dem Veranstalter, dem unbekannten Wesen gemacht. Welche Typen hast du kennengelernt? Wurden deine Vorturteile eher bestätigt oder wiederlegt? Und gibt es einen Veranstalter unter uns, der sich in dieser Typologie wiederzufinden glaubt?

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