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"In Deutschland gibt es totproduzierten Pop"

Elektronische Perfektion oder handgemachtes Feeling? Produzentin Jenny Gerdts über moderne Studioarbeit

Interview von Christian Brückner
veröffentlicht am 17.01.2018

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Elektronische Perfektion oder handgemachtes Feeling? Produzentin Jenny Gerdts über moderne Studioarbeit

"Viele Musiker wollen lieber ein bisschen mehr Leben in ihrer Musik" – Jenny Gerdts. © (privat)

Jenny Gerdts ist Musikerin und Produzentin aus Köln. Sie gehört zum Produktionsteam der Tinseltown Music Productions, das in den Kölner Maarwegstudios beheimatet ist und arbeitet mit Pop-Künstlern wie Tonbandgerät, Findland und Ohrenpost, aber auch für TV- und Filmproduktionen wie z.B. "Dein Song" (Kika). Uns schildert sie ihren Ansatz bei der modernen Produktion von Popmusik.

Backstage PRO: Jenny, welche Sounds und Instrumente sind der heutige Produktionsmaßstab?

Jenny Gerdts: Das ist natürlich von dem jeweiligen Musikstil abhängig. Ich bewege mich meist im Genre der Popmusik, baue Beats mit diversen Samples aus unterschiedlichen Soundlibraries oder nehme dafür auch vieles selbst auf.

Meist sind analoge oder digitale Synthesizer dabei, genauso wie Gitarren, Bass und natürlich Vocals, Backingvocals oder Chöre. Bei ursprünglicher Singer/Songwriter-Musik zum Beispiel bleibe ich oft eher analog, sprich bei Akustikgitarren, Percussion etc.; allerdings kommt es wirklich immer auf die jeweilige Künstlerin an:

Es geht darum, wie sie die eigene Musik hört, was sie in ihr sieht und welche Instrumente die Emotionen des Songs am besten wiederspiegeln. Mir ist es als Produzentin immer daran gelegen, dass der Künstler am Ende von der eigenen Musik überwältigt und zufrieden ist, daher passe ich Sounds immer individuell an.

"Viele Musiker wollen mehr Leben in ihrer Musik haben"

Backstage PRO: Inwieweit hat sich die Art des Produzierens in den letzten Jahren geändert?

Jenny Gerdts: Im Bereich der Popmusik oder neuer Singer/Songwriter ist vieles elektronischer geworden. Beats werden programmiert, da Aufnahmen in Tonstudios oft zu kostspielig sind. Es wird mehr mit Synthesizern und Pads gearbeitet, und auch mit Effekten wie beispielsweise Auto-Tune oder Delays wird nicht gegeizt.

Generell wird mehr Fokus auf Klangästhetik gelegt. Vor allem hier in Deutschland gibt es – ich nenne es einmal vorsichtig – den totproduzierten Pop, in welchem jedes Detail durchdacht an genau den richtigen Stellen platziert und alles totquantisiert ist.

Manchmal ist auch sowas geil, aber ich habe in letzter Zeit eher die Erfahrung gemacht, dass viele Musiker lieber ein bisschen mehr Leben und Humanität in ihrer Musik haben möchten. Es darf wieder etwas dynamischer sein, gern auch mal ohne Klick aufgenommen werden, und solange es groovt, dürfen sich Schläge und Noten auch einmal etwas vom Raster der DAW entfernen.

Aber wie schon gesagt, auch hier: Je nach Künstler bzw. Song – alles ist und bleibt individuell und kann natürlich auch als Markenzeichen des Künstlers fungieren, wie Beispielsweise Auto-Tune Hooks und ähnliche Spielereien.

"Ich bin von meinem Sound sehr überzeugt"

Backstage PRO: Homerecording vs. Studio: Was sind die Besonderheiten der jeweiligen Aufnahmeumgebung und was gilt es zu beachten?

Jenny Gerdts: Ich bin natürlich großer Fan davon, in einem richtigen Tonstudio zu arbeiten. Ich habe oft das große Glück, im Maarwegstudio2 arbeiten zu dürfen, wo Raumakustik für beispielsweise Schlagzeug- oder Choraufnahmen traumhaft sind. Dort gibt es einen Haufen Pre-Amps von AEA, API, V-76er, Universal Audio über Neve und Co., analoge Kompressoren, EQs, Reverbs, Delays und natürlich ein SSL9000-Pult mit analogem Charme.

Zusätzlich darf man nicht außer Acht lassen, dass es im großen Aufnahmeraum noch mehr Equipment und natürlich verschiedene dynamische, Condensor- und Bändchen-Mikrofone gibt. Also egal, welches Instrument oder welchen Sound man braucht, hier gibt es ihn!

Backstage PRO: Wo arbeitest du vorwiegend?

Jenny Gerdts: Die meiste Zeit arbeite ich in meinem Homestudio. Im Endeffekt kann ich hier alles Digitale auf gleichem Niveau produzieren. Auch zu Hause verfüge ich über hochwertiges Equipment und kann somit alles bis auf das Schlagzeug bei mir aufnehmen.

Im großen Tonstudio hat man vielleicht mehr Optionen, was z.B. die Mikrofonauswahl angeht, allerdings bin ich von meinem Sound sehr überzeugt und kann auch bei guten Studioaufnahmen mithalten. Dafür habe ich unter anderem mein Homestudio mit Wand- und Deckenabsorbern ausgekleidet und meinen Signalweg optimiert, um ein besseres Audiosignal aufnehmen zu können. Ich verwende zum Beispiel externe Pre-Amps anstelle der Interface-Pre-Amps.

"Mir ist vor allem die Musik wichtig", sagt Jenny Gerdts, © (privat)

Backstage PRO: Ist das Programmieren eines Schlagzeugs für dich eine Alternative zur Studio-Aufnahme?

Jenny Gerdts: Ich würde jedem dazu raten beziehungsweise handhabe es bei meinen Produktionen ebenfalls so, für Schlagzeugaufnahmen auf jeden Fall in ein gutes Tonstudio zu gehen. Es lohnt sich, Geld zu investieren, da das Ergebnis einfach um Längen besser als ein programmiertes Schlagzeug ist. Oft sind Studiopreise auch geringer als man denkt. Im Maarwegstudio2 gibt es zum Beispiel auch eine Low-Budget-Variante.

Zu beachten ist natürlich, dass man den richtigen Produzenten bzw. guten Engineer mit an Bord hat. Wenn das Mikrofon falsch steht, klingt es trotzdem schlecht, auch wenn es sich in einem guten Tonstudio befindet.

"Mit dem richtigen Produzenten steht und fällt ein Song"

Backstage PRO: Auf was legst du bei deinen Produktionen besonders Wert?

Jenny Gerdts: Mir ist vor allem die Musik wichtig. Das Gefühl muss stimmen und die Emotion muss beim Hörer ankommen. Ich bin oft sehr perfektionistisch, was Klangästhetik angeht, daher warne ich meine Kunden oft schon einmal vor, dass man mich manchmal etwas bremsen muss, wenn ich im Flow bin (lacht). Aber mir wurde schon häufig gesagt, dass sie das sehr an mir schätzen. Ich lege großen Wert auf Details und andererseits auch auf Fokus. Das Wesentliche darf man nicht aus den Augen verlieren.

Backstage PRO: Wie wichtig ist der richtige Produzent?

Jenny Gerdts: Ich würde sagen: Mit dem richtigen Produzenten oder der richtigen Produzentin steht und fällt ein Song bzw. Album. Man hat viele Möglichkeiten, Lieder in verschiedensten Facetten wiederzugeben. Es muss einerseits den Künstler wiederspiegeln, darf aber nicht zu weit weg vom Hörer sein. Um ein ausgewogenes Sender-Empfänger-Modell zu kreieren, ist ein objektives Ohr, das die Übersicht behält, einer der wichtigsten Faktoren, um eine Produktion erfolgreich durchzuführen.

Backstage PRO: Das heißt du stellst dich auch individuell auf die Persönlichkeiten der Musiker ein?

Damit ich mir ein Bild von einem Projekt machen kann, trinke ich beispielsweise mit den Künstlern erst einmal einen Kaffee, um sich kennen zu lernen. Man spricht über Musik generell, Lieblingskünstler und Vorlieben.

Ich arbeite meist auch in einem eher freundschaftlichen Verhältnis, was ich an meinem Job auch sehr zu schätzen weiß. Musik ist immer etwas Persönliches und daher ist es auch so schwierig, Kritik so zu äußern, dass sich niemand angegriffen fühlt, oder Alteingesessenes loszulassen und Neues auszuprobieren.

Bis jetzt habe ich aber immer gute Erfahrungen mit Künstlern gehabt, die zwar ab und an kurz über ihren Schatten springen mussten, aber im Endeffekt danach viel zufriedener waren. Wenn sie neue Songs aufnehmen möchten, klingelt immerhin zuerst mein Telefon.

Backstage PRO: Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch, wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg!

Personen

Jennifer Gerdts

Produzentin // Songwriterin aus Köln Gitarristin, Songwriterin, Komponistin, Texterin, Producerin, Soundtechnikerin, Bassistin, Schlagzeugerin, Pianistin bei Jenny Gerdts, bei 2xLEBEN und Gitarristin, Songwriterin, Komponistin, Texterin, Producerin bei Findland

Artists

Jenny Gerdts

Pop aus Köln

Findland

Deutschrock // Elektro-Pop aus Köln

2xLEBEN

Elektro-Pop aus Cologne

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