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Gemeinsam besser

6 Tipps für gute Studioaufnahmen von Rock- und Metal-Bands

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 30.04.2019

recording tonstudio jan kalt

6 Tipps für gute Studioaufnahmen von Rock- und Metal-Bands

Sechs Tipps für gute Studioaufnahmen von Rock- und Metal-Bands. © NejroN / 123RF

Studioaufnahmen von Rock- und Metal-Bands sind nicht nur für Bands, sondern auch für Tontechniker und Studiobetreiber eine Herausforderung. Wir haben mit Jan Kalt, Besitzer des Tonstudios "Schraubfabrik" in Mannheim gesprochen und 6 Tipps zusammengestellt.

1. Am besten live aufnehmen

Im Idealfall sollten sich Schlagzeuger, Bassist und Gitarrist (sowie Keyboarder, falls vorhanden) bei der Aufnahme in einem Raum aufhalten.

Das Zusammenspiel von Schlagzeug, Bass, Gitarre und Keyboards ist nicht leicht zu simulieren, vor allem dann, wenn die Musiker es nicht gewöhnt sind, weil sie normalerweise gemeinsam spielen.

2. Gute Stimmung verbreiten

Bei Metal- und Rockaufnahmen geht es immer um die Performance als Band. Dafür ist eine gute Stimmung unerlässlich. Es gibt nichts schlimmeres, als eine Band, die mit den Hufen scharrt, aber noch warten muss, bis der Studiobetreiber alle Kabel ausgepackt und angeschlossen hat. Das Ziel muss darin bestehen, schnell zu arbeiten, um die Energie der Band einzufangen. Wenn die Band warten muss, verfliegt diese Energie.

Ein Studiobetreiber ist stets auch eine Art Psychologe und kann mit seiner Stimmung den Ablauf der Aufnahmen steuern. Wenn er den Fehler begeht, einem der Musiker ein schlechtes Gefühl zu vermitteln, wird bei der Aufnahme nichts Gutes herauskommen.

3. Vorbereiten am Vortag – mit einem Kniff

Eine Option besteht darin, den notwendigen Aufbau bereits am Vortag gemeinsam mit der Band zu erledigen und der Band zu sagen: "Heute nehmen wir nichts auf, wir bereiten nur die Kopfhörer-Mixe vor". Das entspannt die Band, denn es geht ja um nichts, da die eigentliche Aufnahme erst am nächsten Tag ist.

Nach einer Stunde oder mehr steht der Kopfhörer-Mix. Alle haben ihre Instrumente vor sich oder in der Hand, der Sound ist gut und dann kann man einfach vorschlagen, das erste Lied aufzunehmen. Oft spielt die Band richtig geil, weil die Musiker komplett entspannt und voller Energie sind. Damit ist das erste Lied schon am Tag vor der eigentlichen Aufnahme im Kasten.

4. Die Aufnahme des Schlagzeugs ist essentiell

Bei Studioaufnahmen von Metal- und Rockbands bildet die Aufnahme des Schlagzeugs die Basis von allem. Wichtig ist dabei, dass das Schlagzeug möglichst präzise auf Klick eingespielt ist. Das ermöglicht es später, einzelne Parts verschiedener Takes zu kombinieren.

Wenn beispielsweise in einem Take die Strophe besonders gut gelungen ist, der Refrain aber nicht, ist es möglich, den Refrain aus einem anderen Take hineinzuschneiden.

Solche Klicktracks kann man vorbereiten, auch dann wenn die Beats per Minute sich in Strophe und Refrain unterscheiden. Idealerweise sollte der Schlagzeuger in der Lage sein, auf Klick zu spielen. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man ohne Klick aufnehmen, was aber bedeutet, dass die Möglichkeiten des Zusammenschneidens von Takes reduziert sind.

Es kommt dann nämlich häufig vor, dass der Refrain bei mehreren Takes mal schneller und mal langsamer gespielt wird, was es erschwert, verschiedene Takes zu kombinieren, da die Musik dann insgesamt nicht mehr homogen klingt.

5. Vorsicht vor Blutungen

Die Gitarren-Amps sollten sich nicht im selben Raum befinden wie das Schlagzeug, weil ansonsten Gitarren-Spuren auf den Schlagzeug-Spuren hörbar sind. Das ist besonders dann ärgerlich, wenn der Gitarrist sich verspielt, die Schlagzeug-Aufnahme aber ansonsten perfekt war. Der umgekehrte Fall ist natürlich ebenso möglich.

Selbst wenn diese sogenannten Ghost Guitars auf den Aufnahmen kaum hörbar sind, kann es zu Problemen kommen, denn beim Mischen und Mastern wird die Musik in der Regel stark komprimiert. Damit auch die Lautstärke der unabsichtlich aufgenommenen Gitarren angehoben. Das Ergebnis ist eine "falsche Gitarre", die auf einmal relativ prominent im Mix erklingt.

Eine Option, um dieses "Bleeding" zu verhindern, besteht darin, Modelling Amps zu benutzen, die keinen Lärm machen. Deren Signal kann man den Musikern auf ihre Kopfhörer geben, wodurch der Schlagzeuger mit seinen Kollegen in einem Raum spielen kann.

Falls das Studio groß genug ist, können die Cabinets, die Gitarren-Boxen, auch weit genug von den Schlagzeug-Mikrophonen entfernt stehen, dass kein Bleeding vorkommt. Oft wird das Schlagzeug auch mit sogenannten Gobos umgeben, die den Schall in beide Richtungen abhalten. Das kann man gut auf einem Video der Rolling Stones sehen, das sie bei den Aufnahmen von "Sympathy for the Devil" in den legendären Olympic Studios in London zeigt.

Wenn man das Schlagzeug aber so "einbaut", klingt es vergleichsweise dünn. Das ist auf vielen berühmten Aufnahmen der 1970er-Jahre zu hören. Damals gab es schlichtweg keine anderen technischen Möglichkeiten, es sei denn, die Band war so gut, dass sie dieses Hilfsmittel nicht benötigt hat.

Es gibt natürlich auch Ausnahmen wie Led Zeppelin, die das Schlagzeug bei gewissen Aufnahmen im Treppenhaus aufgebaut haben, um einen vollen Sound zu erhalten.

6. Re-Amping bei Bedarf

Zusätzlich kann man das unbearbeitete Gitarren-Signal als DI-Spur aufnehmen und das dann später über eine Reamping-Box wieder über den laut aufgerissenen Gitarren-Amp abspielen. Indem diese Einspielung nochmals mikrofoniert wird, ist es möglich, eine Kombination des Live-Feelings der Aufnahme mit Schlagzeuger und des Sounds des laut aufgenommenen Amps herzustellen.

Gitarristen können natürlich auch ihren eigenen Amp mitbringen und verwenden. Oft lohnt es sich aber, den Modelling Amp zunächst einmal auszuprobieren. Die Gitarristen können unter verschiedenen Sounds wählen, ihr Effektboard anschließen und dann ihren passenden Sound zusammenstellen. Die Erfahrung zeigt, dass viele dann mit dem Modelling Amp zufrieden sind, zumal ja immer noch die Möglichkeit besteht, durch Reamping die Gitarren richtig laut aufzunehmen.

 

Ihr wollt eigene Erfahrungen teilen oder habt Fragen oder Anregungen? Dann freuen wir uns auf eure Kommentare.

Weitere Tipps und Informationen zu Studioaufnahmen findet ihr im Themenbereich Recording. Außerdem gibt es hier noch ein Interview mit Jan und einen Artikel über erfolgreiche Studioaufnahmen mit Newcomern.

Auch interessant

Unternehmen

Tonstudio Schraubfabrik

www.tonstudio-mannheim.de

Tonstudio und Recording, Label, Musikproduktion, Musikunterricht und Ausbildung in 68159 Mannheim

Personen

Jan Kalt

Songwriter, Schlagzeuger, Keyboarder aus Fürth-Weschnitz Songwriter, Schlagzeuger, Keyboarder bei Braincurry, Toningenieur/Produzent bei Tonstudio Schraubfabrik

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