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"Code Of Best Practice" soll Manipulation vermeiden

"Fake Streams" schaden der Musikindustrie, doch kann deren neuer Verhaltenskodex das Problem lösen?

News von Backstage PRO
veröffentlicht am 25.06.2019

streaming musikbusiness

"Fake Streams" schaden der Musikindustrie, doch kann deren neuer Verhaltenskodex das Problem lösen?

© pixabay via pexels

Streaming-Plattformen ermöglichen den einfachen und günstigen Zugriff auf eine riesige Musikauswahl - und öffnen damit Tür und Tor für die Manipulation von Streamingzahlen. Mit einem neuen Verhaltenskodex will die Musikindustrie der Manipulation nun entgegentreten.

Berichte über manipulierte Wiedergabezahlen auf Streamingplattformen gibt es immer wieder: Spotify ist betroffen, TIDAL soll angeblich selbst für die Manipulationen verantwortlich sein, und die derzeitige Popularität der deutschsprachigen Rap-Szene ist angeblich vollständig auf solche Fakes zurückzuführen

Methoden

Die Methoden zur Manipulation sind simpel: Da Spotify und Co. es den Nutzerinnen und Nutzern erlauben, für eine monatliche Grundgebühr unbegrenzt viele Songs zu streamen, steht der Verwendung von Bots zur wiederholten, automatisierten Wiedergabe nichts im Weg. 

Die Streaming-Manipulation dient in erster Linie dazu, Klickzahlen – und damit die Popularität einzelner Acts bzw. Songs und letztlich die Ausschüttung von Tantiemen – künstlich in die Höhe zu treiben. 

Auswirkungen

Diese Art der Manipulation hat negative Folgen für andere Künstlerinnen und Künstler auf den jeweiligen Plattformen: Das derzeitige Entlohnungs-Modell von Streamingdiensten berechnet die gezahlten Tantiemen nach dem Verhältnis der einzelnen Wiedergabezahlen zu den Einnahmen der Plattform.

Das bedeutet also, dass jede künstlich in die Höhe getriebene Wiedergabe eines Liedes etwa auf Spotify dazu führt, dass andere Künstlerinnen und Künstler und deren Songs jeweils weniger Tantiemen erhalten – und das, obwohl deren Wiedergabezahlen eventuell rein organisch entstanden sind.

Laut Louis Posen, dem Gründer des kalifornischen Indie-Labels Hopeless Records, könnten die Verluste für "echte" Acts mit "echten" Hörerinnen und Hörern sich auf gut 300 Millionen US-Dollar belaufen – eine erschreckend hohe Zahl, die derzeit jedoch noch nicht von weiteren Quellen verifiziert werden konnte. 

Ein Verhaltenskodex als Lösung?

Zahlreiche "Big Player" aus der Musikindustrie – von Sony über Universal bis zu Spotify, Deezer und der RIAA – haben nun einen Verhaltenskodex unterschrieben, der solche Manipulationen in Zukunft unterbinden soll. Doch die News-Seite Music Business Worldwide (MBW) schätzt diesen "Code Of Best Practice" als leeres Versprechen ein. Bei den darin vorgeschlagenen Maßnahmen handele es sich lediglich um Versicherungen, dass in Zukunft Streams auf Unregelmäßigkeiten untersucht, und – wo möglich – verfolgt werden sollen.

Die beschriebenen Maßnahmen sind mehr als vage und werden wohl auch jetzt schon ausgeführt. Außerdem ist das versprochene Vorgehen in keinster Weise rechtlich bindend. 

Jörg Heidemann, Geschäftsführer des Verbandes unabhängiger Musikunternehmen e.V. (VUT), sieht den Kodex in positivem Licht:

"Manipulation von Streams oder der Charts sind nicht erst seit der Recherche des Y-Kollektivs ein besorgniserregendes Thema. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um die Online-Welt fair und nachhaltig zu gestalten. Der nun veröffentlichte Kodex ist dafür ein guter erster Schritt, aber es ist nicht allein die Manipulation der Streams, die unabhängigen Künstler_innen Nachteile bereitet. Bei den großen Plattformen gibt es noch viel Spielraum, etwa bezüglich der verfügbaren Metadaten und Klangqualität. Aber allen voran bewerten wir das Ausschüttungsmodell als problematisch: Ein nutzerbasiertes Modell wäre fairer für Künstler_innen und Hörer_innen und würde gleichzeitig Manipulation erschweren."

Auch die Branchenbeobachter von MBW sehen die beste Möglichkeit, gegen Stream-Manipulationen vorzugehen, in der Umstellung vom bisherigen Abrechnungs-Modell ("service-zentriert") auf ein nutzerbasiertes Abrechnungsmodell. Hierbei würden die gestreamten Acts nicht anteilig vom Umsatz des Streamingdienstes bezahlt werden, sondern der von den Nutzern bezahlte, monatliche Betrag selbst aufgeteilt – abzüglich der Betriebskosten des Streamingdienstes. 

Der Vorteil wäre, dass automatisierte Accounts, die ihre eigene Musik streamen, sich letztendlich selbst bezahlen würden, da nicht mehr als ihr eigener, monatlicher Beitrag an sie zurückgezahlt würde. 

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