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"Die Probleme waren immer da, das Bewusstsein dafür nicht"

Frauen in Punk- und Rock-Bands, Teil 1: Suzy von "So, which band is your boyfriend in?"

Interview von Doktor Nic
veröffentlicht am 09.10.2018

geschlechtergerechtigkeit berufswelt

Frauen in Punk- und Rock-Bands, Teil 1: Suzy von "So, which band is your boyfriend in?"

Wir sprechen mit Suzy von "So what band is your boyfriend in?". © (privat)

Wir sprechen mit Suzy von "So, which band is your boyfriend in?" über Frauenrollen in einer männerdominierten Szene. Ihr Dokumentarfilm enthält Interviews mit verschiedenen Musikerinnen aus der heutigen Punkszene Großbritanniens und offenbart damit einige spannende Blickwinkel.

Männerdomäne Musikbranche. Ein Thema, welches mich als Mann schon lange beschäftigt. Wieso ist "being in a band" immer noch so ein Jungsding? Wieso kenne ich kaum weibliche Tontechniker? Wieso sind die Frauen in Bands fast immer Sängerinnen? Oder bilde ich mir das nur ein? Ich glaube nicht.

Seximus auf Shows, auch auf Punkrockshows, ist eine Sache, bei der Redebedarf herrscht. Immer häufiger lese ich Artikel, meist geschrieben von Frauen, die sich einsetzen und darlegen, wie man sich als Frau in einer männerdominierten Szene fühlt. Und auch als Frau in Bands. Ich selbst spiele in einer gemischtgeschlechtlichen Band. Ist es überhaupt sinnvoll oder zeitgemäß, das extra zu erwähnen? Ist unser Labeling "female fronted" nicht schon ein erster Schritt zum latenten Sexismus, dem sich Frauen in der Musik aussetzen, beziehungsweise ausgesetzt fühlen?

Ich kann das unmöglich beantworten. Deshalb habe ich zwei Interviewpartnerinnen dazu eingeladen, sich mit mir über das Thema auszutauschen. In Teil 1 sprechen wir mit mit der Engländerin Suzy, die kürzlich einen sehr interessanten Dokumentarfilm drehte. "So, which band is your boyfriend in?" enthält Interviews mit verschiedenen Musikerinnen aus der heutigen Punkszene Großbritanniens. Bevor wir ins Gespräch einsteigen, könnt ihr hier den Trailer sehen:

Trailer "So, which band is your boyfriend in?"

Backstage PRO: Suzy, was bewegte dich dazu, diesen Film zu machen? Gab es da einen bestimmten Auslöser?

Suzy: Ich beschloss 2014, diesen Film zu machen – es war also ein langer Prozess! "Frauen in der Musik" war etwas, über das ich schon etwas länger nachgedacht hatte. Ich denke, der finale Wendepunkt war die Dokumentation "The Other F Word", in der es um Väter im US-Punkrock geht. Ich sah mir das an und dachte: was passiert eigentlich mit den Mamas im Punkrock? Wieso redet da niemand drüber? Gibt es sie überhaupt? Ja, gibt es. Aber warum hat bisher niemand einen Film über Frauen in UKs DIY/punk Szene gemacht? Es gibt viele über die 70er und 80er, aber es gab nichts, das wirklich aufzeichnete, was Frauen heute in dieser Szene tun.

Backstage PRO: Wie siehst du die Rolle von Frauen im Punk im Vergleich zu ihrer Rolle in anderen Musikgenres?

Suzy: Ich denke, im Punk oder im DIY ist es schon einfacher für Frauen, jede Rolle einzunehmen, die sie wollen. Sie können Schlagzeugerinnen, Bassistinnen, Gitarristinnen etc sein. Im Punk müssen Frauen nicht immer die Sängerin sein, so wie es häufig im Pop erwartet wird. Im Punk sind die Rollen nicht so fest. Allerdings kann ich immer noch zu Punkshows gehen, ohne auch nur eine einzige Frau auf der Bühne zu sehen.

"Die Musik war schon immer wichtig, um Diskurse über politische oder soziale Probleme aufzutun"

Backstage PRO: Frauen können sich im Punk eher entfalten. Denkst du in dieser Szene werden Probleme wie Sexismus eher erkannt und ein Bewusstsein kann geschaffen werden? Würde dein Film zum Beispiel mehr Einfluss haben, als wenn es jetzt um Popmusik ginge?

Suzy: Ich finde schon, dass Punk den Frauen eine Chance gibt, ihnen eine echte Stimme zu verleihen. Die Musik war schon immer wichtig, um Diskurse über politische oder soziale Probleme aufzutun, und heutzutage schließt das mit Sicherheit auch das Thema Gender ein. Es gibt einige Aktionen und Initiativen, sogar Workshops in der UK-Punkszene derzeit, die versuchen die Ungerechtigkeit anzugreifen. Die größere Musikindustrie könnte durchaus davon lernen. Mein Film stellt Frauen aus der Szene vor, aber die Erfahrungen und Probleme sind definitiv auf andere Genres übertragbar. Einige meiner Freunde, die nichts mit Punk zu tun haben, haben den Film gesehen und fanden ihn interessant und auch wichtig. Ich denke die Message, die er rüberbringt, kann dazu beitragen, dass sich etwas verändert. Die Herausforderung für mich wird jetzt allerdings sein, die Leute außerhalb der kleinen Szene zu erreichen und jeden über das Thema nachdenken zu lassen.

Backstage PRO: Heutzutage wird das Thema "Sexuelle Übergriffe auf Konzerten" mehr und mehr angesprochen. Hast du eine Erklärung dafür? Gab es früher weniger Probleme oder werden Menschen – insbesondere die Frauen selbst – mutiger und sprechen solche Themen offener an?

Suzy: Es findet da so eine kulturelle Bewegung statt – auch in Mainstream-Medien – die Leute werden dazu ermutigt, sich kritisch zu äußern beziehungsweise diese Themen offen anzusprechen. Beispielsweise die #metoo-Bewegung. Wenn als Reaktion auf ihren Mut auch etwas getan wird, dann hilft dies, Veränderung herbeizurufen. Ich denke die Probleme waren immer da, das Bewusstsein aber nicht.

Wir sprechen mit Suzy von

Wir sprechen mit Suzy von "So what band is your boyfriend in?", © (privat)

"Ich wollte die Leute zu Wort kommen lassen, die das für gewöhnlich nicht tun"

Backstage PRO: Wonach hast du deine Interviewpartnerinnen ausgewählt?

Suzy: Ich bin seit Jahren Teil der DIY/Punk Szene in UK, als Musikerin und Fotografin. Somit hatte ich die Möglichkeit, mir ein Netzwerk aus Menschen aufzubauen. Leute, mit denen ich einfach auf Gigs reden konnte. Die wiederum haben dann auch andere vorgeschlagen – möglicherweise der Grund dafür, dass einige der interviewten Bands auf dem selben Label sind. Manche Interviewpartnerinnen haben mich auch von sich aus kontaktiert, nachdem sie meine Crowdfuning-Kampagne im Internet gesehen hatten.

Am Ende waren es dann 36 Menschen, eine Mischung aus Musikern, Fotografen, Tontechnikern, Ladenbesitzern und Promotern. Ich wollte mehr als nur weibliche Performer dabei haben, weil es so viel mehr Rollen in der Musik gibt. Dann war es wichtig für mich Individuen dabei zu haben, die derzeit aktiv in der Szene beteiligt sind, keine Mainstream-Musiker. Tatsächlich wurde ich sogar von jemand aus einer berühmten Female Punk Band aus den 80er Jahren kontaktiert – sie wollte als Erzählerin in den Film. Ich habe aber abgelehnt, weil ich nicht wollte, dass man nachher denkt: "Das ist der Film über Person XY". Ich wollte die Leute zu Wort kommen lassen, die das für gewöhnlich nicht tun.

Backstage PRO: Wurdest du selbst schon diskriminiert oder als Künstlerin in deinem Job von Männern unterschätzt aufgrund deines Geschlechts?

Suzy: Ein paar Kleinigkeiten sind schon passiert, als ich noch in einer Band war: Es gab zum Beispiel Promoter, die nicht dachten, ich könne in der Band sein. Damals dachte ich mir nicht viel dabei, aber wenn ich mit meinem besseren Verständnis von heute daran zurück denke, wird mir der Sexismus in solchen Aktionen klar. Ich würde mich von sowas aber nie davon abhalten lassen, das zu tun, was ich möchte. Ganz ehrlich, das gibt mir nur mehr Antrieb, um ihnen das Gegenteil zu beweisen!

Ich kann wirklich diese gönnerhaften "Ratschläge" von manchen Männern in der Fotografie nicht leiden – manche von ihnen haben diese Haltung, alles besser zu wissen, obwohl es so viele verschiedene Wege gibt, ein sensationelles Foto zu schießen und zu bearbeiten. Das passiert erst letzte Woche und ließ mich total gestresst und mit Selbstzweifeln zurück, obwohl ich seit zehn Jahren Fotografin bin! Ich habe mich allerdings bewiesen und einen tollen Job gemacht.

Glücklicherweise ist mir aber nie Schlimmeres passiert. Es gab Situationen, in denen ich mir nicht sicher bin, ob das Geschlecht etwas damit zu tun hatte, dass bestimmte Dinge gesagt worden sind. Diskriminierung zu identifizieren ist nicht immer einfach!

Backstage PRO: Danke für das Interview, Suzy, und weiterhin viel Erfolg mit deinem Film und anderen Projekten!

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