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Boom bei Gitarren und Recordinggear

Instrumentenkauf in der Corona-Pandemie: MI-Branche durchlebt verrückte Zeiten

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 30.10.2020

coronakrise musikmarkt

Instrumentenkauf in der Corona-Pandemie: MI-Branche durchlebt verrückte Zeiten

In der Coronakrise boomt der Absatz von Gitarren. © Andrea Piacquadio via Pexels

Ausgerechnet die Coronavirus-Pandemie sorgt dafür, dass US-Gitarrenhersteller eine beispiellose Nachfrage nach ihren Produkten verzeichnen. Aber wie ist die Lage in Deutschland? Und kennt die Musikinstrumentenbranche nur Gewinner?

Es ist inzwischen fast ein Allgemeinplatz, dass die Coronavirus-Pandemie die gesamte, eng vernetzte Musikbranche hart getroffen hat.

Aber inmitten der Krise gibt es auch Gewinner, zum Beispiel US-amerikanische Gitarrenhersteller. Andy Mooney, CEO von Fender erklärte kürzlich, sein Unternehmen erlebe das beste Jahr seiner Geschichte. 

Starke Nachfrage nach Gitarren aller Preisklassen

Dabei handelt es sich nicht nur um ein US-amerikanisches Phänomen. "Auch der deutsche Markt verzeichnet eine verstärkte Nachfrage nach Saiten- und Tasteninstrumenten, insbesondere E-Gitarren, Akustikgitarren, aber auch E-Pianos", erklärt Daniel Knöll, Geschäftsführer der SOMM (Society Of Music Merchants), Verband der Musikinstrumenten- und Musikequipmentbranche. 

Wie in den USA verzeichneten Händler eine erhöhte Nachfrage nach Einsteigermodellen und Profi-Instrumenten gleichermaßen. Einige Käufer erfüllen sich lange gehegte Wünsche und greifen zu hochpreisigen Gitarren, da beispielsweise die Ausgaben für den Sommerurlaub weggefallen sind. Andere suchten nach einer kreativen Möglichkeit, sich zu Hause zu beschäftigen, ist sich Knöll sicher. 

Sicherlich sind gewisse Moden wie der Trend zu akustischen Gitarren in Folge der gigantischen Popularität von Ed Sheeran und vergleichbaren Künstlern nicht neu. Allerdings profitiert die mitunter schon totgesagte E-Gitarre ebenfalls vom Boom des Gitarrenmarktes. Ob das in Zukunft zu einer Renaissance der Gitarrenmusik führen wird, weiß aktuell niemand.

Trend zum Homestudio

Die Nachfrage nach Recording Hardware geht in Corona-Zeiten ebenfalls deutlich nach oben. Entsprechende Hersteller profitieren mit Umsatzzuwächsen von über 20% vom Trend zum Homestudio. 

Viele Hobby- und Berufsmusiker halten sich mehr als üblich zu Hause auf und nutzen die Zeit, indem sie nicht nur neue Songs schreiben, sondern sie auch aufnehmen.Das ist auch die Ursache des steigenden Absatzes von Tasteninstrumenten wie E-Pianos, die sich gut als Solo-Instrumente eignen.

Bläser in der Krise

Allerdings profitieren nicht alle Instrumentengattungen von der Coronakrise. Beträchtliche Umsatzeinbrüche verzeichnen besonders die Hersteller von Blasinstrumenten. Hier mache sich wohl auch die coronabedingte Sorge um die Verbreitung von Aerosolen beim Musizieren bemerkbar, so Knöll. 

Die immer noch nicht vollständig gelöste Frage, wie Orchester in Coronazeiten proben und auftreten können, führt bei so manchem Musiker zu Zurückhaltung bei der Anschaffung eines neuen Instruments. 

Für weitere Probleme sorgt die Absage zahlreicher Volksfeste und Messen, bei denen Blasmusik häufig einen fester Bestandteil des Programms bildet. Insgesamt leidet der Verkauf von Blasinstrumenten unter dem Umstand, dass sie häufig in großen Formationen gespielt werden.

Lieferengpässe sorgen für Probleme

Wie in anderen Industrien erlebten viele Hersteller, Vertriebe und Händler die Coronavirus-Pandemie als schwere Belastung ihrer gewohnten internationalen Geschäftsabläufe. Durch die fast weltweiten Lockdown-Maßnahmen kam es zu schwerwiegenden Lieferengpässen bei Instrumenten und Equipment.

In den ersten Monaten gelang es, diesen Mangel durch den Abverkauf von Lagerbeständen zu kompensieren, aber vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft dauern diese Engpässe in manchen Bereichen an. Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet, ausreichend Instrumente bereitzustellen. 

Schwerer Einbruch bei Veranstaltungsequipment

Am schwersten betroffen von der Krise ist allerdings der gesamte Veranstaltungsbereich: Monitore und Licht, aber auch Kopfhörer, Mikrofone, Kabel und alle Geräte, die auf der Bühne verwendet werden, sind nach Absage der meisten Tourneen und Festivals natürlich deutlich weniger gefragt. 

Bei einigen dieser Teilbereiche und Gattungen handelte es sich aber um den bis zur Coronakrise am stärksten wachsenden Teil der Musikinstrumentenbranche. Eine Erholung in diesem Segment ist erst nach Aufhebung der Veranstaltungsverbote zu erwarten.

"Insgesamt wird die Instrumentenbranche nicht den Umsatz des sehr guten Jahres 2019 erreichen", erklärt Knöll. Damals verkauften die Händler Instrumente und Equipment im Wert von mehr als einer Milliarde Euro nach Endverbraucherpreisen an ihre Kunden. 

Turbo für den Online-Handel

Die Coronakrise veränderte auch die Absatzwege im Instrumentenhandel. Während der stationäre Einzelhandel unter dem Lockdown litt, profitieren insbesondere die großen Online-Anbieter. "Die Pandemie wirkte wie ein Turbo für den Online-Handel", so Knöll.

Mit Sonderaktionen sicherten sich die großen Händler Marktanteile, die im stationären Einzelhandel wegfielen. Dass aber auch unter Online-Händlern ein harter Wettbewerb stattfindet, verdeutlicht die Insolvenz des französischen Online-Händlers Woodbrass.

Angst vor der Insolvenz

Vom Lockdown-Schock hat sich der Einzelhandel auch sechs Monate später nicht erholt: Bei vielen Händlern ist die Angst vor der Insolvenz immer noch groß. Gerade Facheinzelhändler, die sich auf den Veranstaltungsmarkt spezialisiert haben, stehen häufig vor existenziellen Problemen. 

Breit aufgestellte Händler können hingegen Ausfälle im Veranstaltungsbereich durch den Boom bei Gitarren und Tasteninstrumenten eher kompensieren. Allerdings bemerken auch sie, dass viele Kunden nach wie vor die Geschäfte meiden.

Nicht nur die Großen zählen zu den Gewinnern

Auch so manchen kleinen Einzelhändlern gelang es, die Krise gut zu bewältigen, wenn sie den direkten Kontakt zu ihren Kunden suchten und mit kreativen Ideen ihre Waren an den Mann oder die Frau brachten.

Eine funktionierende Website mit Webshop, ein umfassender Email-Verteiler oder eine gute Social-Media-Präsenz erwiesen sich in Zeiten des Lockdowns als essentiell.

Andere Händler litten unter großem Nachholbedarf im digitalen Bereich. Auch aus diesem Grund steht die SOMM in Gesprächen mit der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, um den stationären Einzelhandel bei der Digitalisierung zu unterstützen, wie Daniel Knöll berichtet.

Viel Nachholbedarf

Insgesamt stellt Knöll der Bundespolitik kein gutes Zeugnis bezüglich des Umgangs mit der Musikwirtschaft aus. Da die Kultur nicht zum zentralen Aufgabenbereich des Bundes zählt, verwies das Wirtschaftsministerium die Musikverbände zu Beginn der Krise an die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien – und umgekehrt. Massiver Druck und viele Gespräche waren und sind immer noch nötig, um Verantwortlichkeiten zu klären. 

Trotz der enormen Bedeutung der Kultur- und Kreativbranche hat die Bundespolitik die gesamte Branche eigentlich nicht auf dem Schirm, bestätigt Knöll. Die meisten Politiker benötigten viel Zeit, um die Kleinteiligkeit und die enge Verzahnung der Musikindustrie zu begreifen.

Knöll schlussfolgert daraus: "Bei der Großindustrie hat die Politik zügig und mit riesigen Summen geholfen, kleine und mittelständische Unternehmen sowie (Solo-)Selbstständige, zu denen auch die Mehrzahl der Tätigen in der Musikinstrumenten-Branche gehören, blieben dabei auf der Strecke. Wir müssen der Politik noch deutlicher machen, was die Musikwirtschaft leistet und wie unverzichtbar ihr Beitrag sowohl gesamtwirtschaftlich als auch kulturell ist. Das wird in den nächsten Monaten entscheidend sein."

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Unternehmen

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