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"wir möchten so viel wie möglich live aufnehmen"

Interview mit Chris Bethge und Malle Beßler von den RAMA-Studios in Mannheim

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 13.09.2013

christian bethge rama mannheimer brückenaward

Interview mit Chris Bethge und Malle Beßler von den RAMA-Studios in Mannheim

RAMA Tonstudio (Pressefoto, 2013). © Christian Bethge

Die Aufnahme eines möglichst unverfälschten Bandsounds ist das Ziel der drei Betreiber des Tonstudios Recording Audio in Mannheim, kurz RAMA, das in diesen Tagen sein einjähriges Bestehen feiert. Im Interview erläutern Chris Bethge und Malle Beßler, welche Vorteile es bietet, Bands live im Studio aufzunehmen und warum sie nicht jede Anfrage annehmen.

Backstage PRO: Chris, Malle, ihr habt in einem alten Kino ein Tonstudio eingerichtet?

Chris: Das Tonstudio ist die Hauptsache, aber RAMA bietet noch mehr. Wir können auch andere Aufgaben wie Mastering, Post-Production oder gar Live-Sound kompetent erledigen, da wir alle drei in diesen Bereichen gearbeitet haben oder noch arbeiten. RAMA ist sozusagen das Dach, unter dem zukünftig alles zusammenkommt.

Backstage PRO: Obwohl wir hier zu zweit sitzen, seid ihr insgesamt zu dritt?

Chris: Genau! Außer Malle und meiner Wenigkeit ist noch Ache dabei. Außerdem haben sich die Bands Rome Asleep, SuperPancho und Trottoir eingemietet, die anteilig die Monatsmiete mitfinanzieren. Die Bands nutzen die Räumlichkeiten als Proberaum, aber auch als Tonstudio. Das versetzt uns in den komfortablen Zustand, dass wir damit einen großen Teil unserer laufenden Kosten finanzieren können und nebenbei ständig ein künstlerischer Austausch stattfindet.

Malle: Es bietet für alle Seiten Vorteile. Wir können mit den Bands neue Mikrofone testen und profitieren auch von ihrem Equipment, ihren Verstärkern und ihren Instrumenten. Es ist ein Geben und Nehmen.

"Wir möchten nur Musik aufnehmen, die uns gefällt"

Backstage PRO: Ihr habt quasi eine kleine Community begründet?

Chris: Könnte man so sagen, ja. Es ist ein Experiment. Wenn man ein Tonstudio eröffnet, steht man vor dem Problem, dass die recht hohen Fixkosten gedeckt werden müssen. Wir möchten in erster Linie aber nur Musik aufnehmen, die uns gefällt und auf keinen Fall Projekte nur deshalb machen, um damit Geld zu verdienen.

Backstage PRO: Mit anderen Worten: Ihr wollt flexibel bleiben.

Chris: Richtig. Letztlich ist das Bauchgefühl entscheidend und es kommt da nicht wirklich auf das Genre an. Es gibt keine eindeutigen Parameter, wir müssen einfach das Gefühl haben, dass es funktionieren wird. Unsere Herangehensweise passt sicherlich nicht zu allen musikalischen Genre.  

Malle: Manchmal nehmen wir auch Bands auf, die musikalisch nicht unbedingt unser Fall sind, aber in denen gute Leute mitwirken, die einen gewissen Anspruch an ihre Musik stellen.

Backstage PRO: Es kommt also auch darauf an, wer anfragt?

Chris: Auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit und Kommunikation mit Gleichgesinnten liegt uns sehr am Herzen. Das Metier ist an sich schon hart genug. Ich sitze lieber mit netten Leuten im Kreis als alleine im Keller. Ein wichtiger Aspekt ist auch, ob die Bands ihre Musik mehr oder weniger live umsetzen können und wollen.

Backstage PRO: Was meinst du damit?

"Live aufgenommene Platten besitzen mehr Charme"

Chris: Wir möchten so viele Aufnahmen wie möglich live realisieren, also Schlagzeug, Gitarren und Bass gleichzeitig aufnehmen. Eine solche Aufnahme besitzt meiner Meinung nach mehr Dynamik, mehr Spannung. Das schließt natürlich nicht aus, dass man auch anders arbeitet, wenn die Situation es erfordert.

Backstage PRO: Das läuft quer zu den Entwicklungen der Tontechnik in den letzten fünfzig Jahren.

Chris: Die Tendenz ist immer noch die Überproduktion…

Backstage PRO: Was ist Überproduktion?

Chris: Da gibt es zahlreiche Beispiele: Erst wird das Schlagzeug aufgenommen, zwei Wochen später dann der Bass und so weiter. Am Ende dauert die Aufnahme mehr als ein Jahr. Das kostet extrem viel Geld und ist aus meiner Sicht weniger spannend als eine Band einfach spielen zu lassen. Die Produktionen von Leuten wie Steve Albini, Randall Dunn oder Bob Weston aus den späten 1990ern, die auch häufig live entstanden sind, besitzen einen eigenen Charme.

Malle: Mir gefällt die Herangehensweise, dass wir die Bands mehr dokumentieren als produzieren. Wir versuchen rüberzubringen, wie die Bands tatsächlich klingen. Aktuelle Popmusik ist häufig so sehr überproduziert, dass sie weit vom natürlichen Klang von Musik entfernt ist.

Backstage PRO: Was versteht ihr unter "natürlichem Klang"?

Malle: Ich bin als Tontechniker häufig mit Bands unterwegs und erlebe, wie Leute sich wundern, warum der Konzertsound sich so sehr von den Platten unterscheidet. Das liegt auch daran, dass man im Studio häufig einen halben Tag auf einem Gitarrenmotiv rumreitet, das schließlich perfekt sitzt, aber das Gesamtbild aus den Augen verliert.

Backstage PRO: Euer Fokus liegt auf dem Gesamtklang?

Chris: Genau.

"Das Ego des Produzenten ist häufig ein Problem"

Backstage PRO: Nicht das Ego des einzelnen Musikers soll gestreichelt werden…

Chris: …vor allem nicht das Ego des Produzenten. Das ist viel häufiger das Problem. Es kommt für mich nicht in Frage, eine Platte zu 100% hinter dem Pult zu realisieren. Die Platte muss vor dem Mischpult entstehen!

Backstage PRO: Deutsche Toningenieure sind ja häufig sehr auf die Technik und technische Möglichkeiten fixiert, vermutlich nicht verwunderlich in einem Land mit einer langen Ingenieurstradition. Ihr empfindet das nicht unbedingt als Vorteil?

Malle: Das stimmt. Die meisten Techniker lieben Kabel und Equipment. (lacht)

Chris: Unsere Herangehensweise ist eine andere. Wir möchten die Aufnahmen nicht mit Produktions-Effekten überfrachten. Im Gegenteil, wir bevorzugen es, den Bandsound möglichst unverfälscht zu belassen. Wenn eine Band über einen guten Sound verfügt, dann klingt sie überall gut: live und im Studio.

Backstage PRO: Wie funktioniert das in der Praxis?

Chris: Überraschend gut. The Tidal Sleep, die wir letztens aufgenommen haben, spielen noch gar nicht lange in dieser Formation zusammen, aber sie wussten genau, was sie wollen. Wir haben jeden Song zweimal aufgenommen – es hat einfach gepasst. Das war innerhalb von vier Stunden erledigt. Bei Whalerider lief das ähnlich und das hat unsere Einstellung bekräftigt.

"Kommt rein, macht Musik, wir nehmen es auf"

Backstage PRO: Weniger ist also mehr?

Chris: Das war schon immer so. Unser Motto lautet: Kommt rein, macht Musik, wir nehmen es auf.

Backstage PRO: Was passiert wenn eine Band nicht weiß, wie sie hier in diesem großen Raum klingt?

Chris: Wir bieten jeder Band an, auszuprobieren, ob sie sich hier bei uns wohlfühlt. Das weiß man vorher nicht.

Backstage PRO: Ihr nehmt die Studiosessions mancher Bands auch mit Videokameras auf und veröffentlicht sie als „Melting Butter-Sessions“.

Chris: Das machen wir ausschließlich für Bands, die wir mögen. Wir verlangen von den Bands – bis auf die recht geringen Selbstkosten – auch kein Geld. Der Hintergrund besteht darin, dass wir im Augenblick noch keine Regie haben. Daran sitzen wir im Moment und das braucht viel Planung. Jedenfalls wollen wir uns etwas die Zeit vertreiben und filmen daher die Sessions.

Backstage PRO: Im Augenblick ist RAMA noch gar kein richtiges Tonstudio, es ist ein kleiner Club.

Chris: Das kann man fast so sagen.

Backstage PRO: Wer hat bei euch schon aufgenommen?

Chris: Steffen Rosskopf war mit einigen seiner Jazz-Projekte hier, außerdem Tidal Sleep und Whalerider. Bald kommen Messer, BLCKWVS, Love A, Amber, Wall und Birds in Chaos.

Malle: Einige Bands, die ich auf Tour begleite, haben hier Produktionsproben gemacht: Mikroboy, We Invented Paris und Still Parade.

"Wir fangen gerade erst an"

Backstage PRO: Wie fällt das Fazit nach einem Jahr aus?

Chris: Nach anfänglichen Schwierigkeiten, u.a. mit der Heizung läuft es inzwischen überraschend gut. Es spricht sich herum, dass es RAMA gibt. Im September und Oktober sind wir fast komplett ausgebucht.

Malle: Zu den ersten Melting Butter-Sessions gab es ebenfalls regen Zuspruch. Wir sind im Augenblick sehr zufrieden.

Chris: Und wir fangen gerade erst an. Als Nächstes stehen einige Platten auf dem Programm. Unter anderem Alben von The Tidal Sleep, SuperPancho und French Nails. Außerdem startet im Oktober ein Coaching-Programm in Zusammenarbeit mit dem Bandsupport Mannheim

Backstage PRO: Chris, Malle, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

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