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Neues Jahr, neue Aufnahmen?

Home- vs. Studiorecording: Was eignet sich für euch am besten?

Tipps für Musiker und Bands von Michael Hennig
veröffentlicht am 07.01.2015

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Home- vs. Studiorecording: Was eignet sich für euch am besten?

Regie-Raum der NEXUS Studios. © Michael Hennig

Jeder Musiker bzw. jede Band steht irgendwann vor der Entscheidung, ob die anstehende Demo-CD oder das erste Album in Eigenregie in den eigenen vier Wänden oder in einem professionellen Tonstudio produziert werden soll. Unser Autor betreibt selbst ein professionelles Tonstudio in Hirschau und ist aktiver Musiker. In diesem Artikel beleuchtet er die jeweiligen Argumente, um euch diese Entscheidung etwas zu erleichtern.

Gerade in den letzten Jahren hat die Musikindustrie den Wachstumsmarkt „Home-Recording“ für sich entdeckt. Die heute zur Verfügung stehende Computertechnologie und -Software ermöglichen die Herstellung von High-End Audio-Equipment auf kleinstem Raum und zu vertretbaren Preisen, so dass jeder Musiker theoretisch in der Lage ist, sich und sein Instrument in bester Qualität digital aufzunehmen.

Warum also noch in ein Tonstudio gehen, wenn man doch bequem und ohne Druck die Aufnahmen auch zuhause machen kann?

Das Tonstudio im Wandel der Zeit

Auch das Bild der professionellen Tonstudios hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Waren früher riesige Mischpulte mit 48, 64 oder mehr Kanälen, Bandmaschinen mit 2“ Magnetbändern und Schränke voll mit 19“ Effektgeräten zum Mischen, Aufzeichnen und Bearbeiten des Audiomaterials notwendig, so reicht heute meist ein leistungsfähiges Computersystem mit entsprechender Audio-Software und ein Controller mit diversen Interfaces aus, um die gleiche, technisch gesehen sogar bessere, Qualität des Audiomaterials zu gewährleisten.

Durch den drastischen Rückgang der nötigen Investitionen zum Aufbau eines professionellen Tonstudios, gibt es heute eine große Anzahl kleinerer und mittlerer Tonstudios, die zu vertretbaren Konditionen Top-Qualität liefern. Hat man früher ein Tonstudio oft an der zur Verfügung stehenden Technik gemessen, so sind heute wohl eher das Know How und die Erfahrung des Produzenten und Tontechnikers gefragt.

Warum dann heute noch ein professionelles Tonstudio?

Diese Frage ist durchaus berechtigt, denn mit relativ geringem Aufwand kann heute doch jeder selbst seine Tonaufzeichnung, das Mischen und auch das Mastern zuhause machen…

Erlaubt mir an dieser Stelle eine etwas provokative Frage: Kaum jemand käme auf die Idee, sein Haus vom Fundament bis zum Dach selbst zu entwerfen und zu bauen, obwohl es doch alles im Baumarkt zu kaufen gibt und es sicher billiger wäre, als die Handwerker kommen zu lassen. Einen fertigen Song zu produzieren, ist eine vergleichbar komplexe Aufgabe.

Warum glauben so viele diese Aufgabe ohne Ausbildung und Erfahrung im Bereich Tontechnik meistern zu können?

Der Mehrwert von Aufnahmen in einem professionellen Studio

Selbst die bekanntesten Musiker, die sicher alle ein Top-Studio bei sich im Keller stehen haben, gehen zur Aufnahme eines Albums in ein professionelles Tonstudio. Hierfür gibt es viele Gründe:

  1. Die Betriebsblindheit
    Durch das Gespräch mit dem Produzenten und dem Tontechniker zwingt man sich selbst zur Definition eines klaren Ziels, wie z.B. die Aussage „Mein Song soll klingen wie …“. Der Produzent und Tontechniker können durch ihre Erfahrung Ideen beisteuern, auf die man selbst gar nicht gekommen wäre.
     
  2. Das Know How und die Erfahrung
    Der Produzent bzw. Tontechniker kann gleich bei der Aufnahme darauf achten, dass die Soundwünsche durch die richtige Mikrofonwahl und -Positionierung entsprechend berücksichtigt werden. Er weiß, wie z.B. die Gitarre klingen muss, damit sie nachher im Mix mit den anderen Instrumenten so klingt, wie man sich das gewünscht hat.
     
  3. Die Qualitätskontrolle
    Ein erfahrener Produzent merkt sofort, wenn z.B. das Timing nicht ganz stimmt oder wenn ein Songteil „gequält“ klingt, weil man als Musiker bis an seine Leistungsgrenzen gegangen ist. Aus seiner Erfahrung kennt er Möglichkeiten und Hilfen, wirklich die optimale Leistung aus jedem Musiker „rauszukitzeln“, ohne diesen zu überfordern und wenn es gar nicht anderes geht, weiß er auch, wie man mit etwas „Schummeln“ doch noch das gewünschte Ergebnis bekommt.
     
  4. Das Bearbeiten, Mischen und Mastern
    Ein Song ist eben nicht nur die Summe der einzeln aufgenommenen Spuren. Wie die einzelnen Spuren nachbearbeitet werden müssen, welche Effekte für welche Spur zum Einsatz kommen und wo beim Mastern die Grenze der Loudness-Optimierung erreicht ist, so dass der Song noch Dynamik hat, sind nur einige Punkte, die der Tontechniker aufgrund seiner Ausbildung, seiner Erfahrung und seines geschulten Gehörs entscheidet.

Die Vorteile des Home-Recording

Dies waren nur einige Beispiele, warum es Sinn macht, sich professionelle Hilfe ins Boot zu holen. Da die meisten professionellen Studios nach Zeit abrechnen, wäre es sinnvoll, so gut wie möglich vorbereitet dort zu erscheinen. Womit wir bei den Vorteilen des Home-Recording wären:

  1. Vorproduktion
    Man kann ja zuhause schon mal mit den eigenen Aufnahmen einen Anfang machen und diese evtl. zum Studio-Termin mitbringen. Mindestens dienen sie als Anschauungmaterial, bestenfalls taugen einzelne Spuren schon zu mehr.
  2. Übung und Erfahrung sammeln
    Home-Recording ist allgemein eine gute Vorbereitungs- und Trainingsmethode. Insbesondere lernt man als Musiker viel über Timing und Arrangement und erhält direktes Feedback darüber, wie sich das eigene Instrument in einer Aufnahmesituation händelt und wie es klingt.
  3. Flexibilität
    Bei den Themen Zeit und Geld steht man beim Home-Recording allgemein weniger unter Druck.

In der weiteren Abwägung zwischen Home- und Studiorecording ist es natürlich wichtig, sich ein genaues Bild über das Studio, die Referenzen und die Konditionen zu machen, bevor man sich dafür oder dagegen entscheidet. So berechnen manche Studios für ihre Arbeit auch eine feste Pauschale pro Song, um den Musikern den Zeitdruck zu nehmen. Je nach dem wie wichtig euch einzelne Punkte sind, wird die Entscheidung entsprechend ausfallen.

Euer Feedback

Was meint ihr zu dem Thema? Was sind eure „Recording“-Erfahrungen? Schreibt uns einen kurzen Kommentar!

Unternehmen

NEXUS Studios

Tonstudio und Recording, Artist-Management, Musikproduktion, Video- und Multimediaproduktion, Printmedium, Musikunterricht und Ausbildung in 92242 Hirschau

Personen

Michael Hennig

aus Hirschau CRUIZZEN und MERIDIAN, Inhaber, Tontechniker, Produzent bei NEXUS Studios und Autor bei Backstage PRO

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