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"Wir sitzen häufig zwischen den Stühlen"

Johannes Everke, Geschäftsführer des BDKV, über Kostensteigerungen bei Konzerten und die Herausforderung der Lobbyarbeit für die Live-Branche

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 26.02.2025

liveszene bdkv

Johannes Everke, Geschäftsführer des BDKV, über Kostensteigerungen bei Konzerten und die Herausforderung der Lobbyarbeit für die Live-Branche

Johannes Everke, Geschäftsführer des BDKV. © Christoph Mangler

Johannes Everke ist seit 2023 Geschäftsführer des Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Im Interview spricht er über die Veränderungen seit Beginn seiner Amtszeit, die großen Themen der Veranstaltungswirtschaft und die politischen Forderungen des Verbandes.

Backstage PRO: Als Ihr Euch 2023 mit neuer Geschäftsführung und neuem Vorstand auf den Weg gemacht habt, habt Ihr von einem Neustart gesprochen. Wie sah das konkret aus?

Johannes Everke: Wir haben eigentlich jeden Stein umgedreht. Wir haben neue Strukturen und eine neue Kultur der Zusammenarbeit entwickelt, in der sich Vorstand und Mitglieder aktiv einbringen. Alle Kommunikationskanäle sind neu gestaltet – von der Homepage, über die Newsletter bis zu LinkedIn. Wir haben unsere politischen Netzwerke stark erweitert, in denen wir unsere Themen allein oder gemeinsam mit anderen voranbringen. Dazu gibt es viele neue Service-Leistungen für unsere Mitglieder, durch die sie bares Geld sparen, beraten werden oder sich weiterbilden können.

Backstage PRO: Wie war die Resonanz der Mitglieder auf die Veränderungen?

Johannes Everke: Die Veränderungen sind von unseren Mitgliedern sehr positiv aufgenommen worden. Wir haben in unserer Mitgliederbefragung "BDKV Check24" kürzlich Feedback eingeholt und dabei hat sich gezeigt, dass unsere Mitglieder sehr zufrieden damit sind, wie wir die in 2022 von ihnen formulierten Erwartungen umgesetzt und mit zusätzlichen Schwerpunkten ergänzt haben. Es war wirklich ein gemeinsamer und deshalb auch sehr schöner Prozess.

Backstage PRO: Welche Erwartungen hatten die Mitglieder formuliert?

Johannes Everke: Den Mitgliedern sind einige Leistungen besonders wichtig. Dazu zählen die politische Interessenvertretung vornehmlich in Berlin und die Wahrnehmung der Branche in der Öffentlichkeit und in den politischen Netzwerken. Dazu kommen handfeste wirtschaftliche Aspekte wie unser GEMA-Gesamtvertrag mit seinen Rabatten auf GEMA-Tarife. Das Thema Bildung und Weiterbildung spielt ebenso eine wichtige Rolle. 

Backstage PRO: Der BDKV hat sich seit dem Führungswechsel stark mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Wie kann man Konzerte und Tourneen nachhaltiger gestalten?

Johannes Everke: Das ist ein wichtiges Thema, mit dem wir 2023 direkt angefangen haben, indem wir einen Nachhaltigkeitsbeauftragten engagiert und die Zusammenarbeit mit The Changency begonnen haben. Das Ziel besteht darin, die Branche nachhaltiger aufzustellen und Wege aufzuzeigen, mit diesem komplexen Thema umzugehen. Und warum? Zunächst wachsen die gesetzlichen Notwendigkeiten beispielsweise in Form der CSRD-Richtlinie, die aktuell schon die großen Unternehmen der Branche unmittelbar betrifft und in Zukunft immer mehr mittelständische und kleine Unternehmen betreffen wird. Außerdem geht es um handfeste Einsparpotenziale und um die Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen. Und Nachhaltigkeit ist auch einfach der richtige Weg.

Backstage PRO: Was ist die CSRD-Richtline?

Johannes Everke: Die CSRD-Richtlinie stammt aus der europäischen Gesetzgebung, dem Green Deal der EU, und betrifft die gesamte Wirtschaft. Es gibt die gesetzliche Verpflichtung, das eigene wirtschaftliche Handeln in den Auswirkungen auf die Umwelt darzustellen - und sie betrifft jedes Jahr mehr Unternehmen. Der bürokratische Aufwand ist beträchtlich und wird sehr häufig unterschätzt. Wir informieren und unterstützen unsere Mitglieder bei der Bewältigung dieser Aufgabe. 

Backstage PRO: Ein weiteres wichtiges Thema ist die Stärkung von Frauen in der Veranstaltungswirtschaft. Wie war die Resonanz auf das Netzwerk BDKV Female Voice, das der BDKV ins Leben gerufen hat?

Johannes Everke: Das Netzwerk ist sehr gut angenommen worden und wächst ständig. Ziel ist, die Frauen der Branche zu vernetzen, ihre Entwicklung zu fördern und Karrieremöglichkeiten aufzuzeigen. Wir freuen uns, dass die Zahl der Geschäftsführerinnen in der Branche zuletzt zugenommen hat – es gibt unter unseren Mitgliedern gute aktuelle Beispiele. BDKV Female Voice macht diese Entwicklungen sichtbar. Gleichzeitig arbeiten die Frauen in dem Netzwerk miteinander und unterstützen sich gegenseitig. Am Ende profitieren sogar die Unternehmen von dem Austausch über Strategien und Businessmodelle. BDKV Female Voice ist ein Erfolgsmodell und wird in der Branche auch wahrgenommen.

Backstage PRO: Wie siehst du die aktuelle Lage der Veranstaltungswirtschaft in Hinblick auf die Diskrepanz zwischen extrem lukrativen Großkonzerten und den Schwierigkeiten, kleine Konzerte kostengünstig zu veranstalten?

Johannes Everke: Man muss das differenziert betrachten: Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Die Margen, die bei den großen Konzerten erzielt werden, sind oft besonders klein, weil auch dort die Kosten hoch sind, die großen Acts über eine ganz andere Marktmacht verfügen und dann trotz hoher Preise mit Ausverkauf kalkuliert wird. Aber auch auf der Seite des Publikums hat das durchaus Auswirkungen. Wenn ein Konzertbesucher sehr viel für einen Top-Act bezahlt hat, fehlt das Geld dann womöglich im privaten Kulturbudget für einen Clubbesuch am Dienstagabend. Zudem sehen wir deutlich, dass die kleinen Clubs besonders stark unter dem Kostendruck leiden. 

Backstage PRO: Welche Konsequenzen könnten die Folge sein?

Johannes Everke: Wir stehen als Branche vor einer riesigen Herausforderung, die uns alle betrifft, weil der sogenannte "Circle of live" davon abhängt. Es war immer so, dass die Einnahmen aus ertragreichen und großen Acts den Aufbau kleiner Künstler quersubventionieren. Dieser Künstleraufbau seitens der Veranstalter und Clubs ist in Gefahr, wenn die Kosten immer weiter steigen und man sich riskante Konzerte nicht mehr leisten kann. Das wirkt sich auf die Programme der Clubs und vor allem auf die Newcomer aus – und ist daher ganz besonders problematisch. Denn wir stehen für ein vielgestaltiges Konzertangebot auch in der Nische und unter den Nachwuchskünstlern von heute müssen ja diejenigen noch entdeckt werden, die dann in ein paar Jahren die großen Stadien füllen.

Backstage PRO: Du hast ja sicherlich von dem Vorschlag des LiveMusicFunds gehört, den Felix Grädler von der LiveKomm unterbreitet hat. Dabei geht es grundsätzlich um eine Abgabe auf große Konzerte, die kleinen Clubs und Veranstaltern zugutekommen soll. Was hältst Du davon?

Johannes Everke: Der Vorschlag ist auf jeden Fall sehr bedenkenswert und in Hamburg, wo ich Beiratsvorsitzender der Clubstiftung bin, haben wir ein solches Modell im Grundsatz bereits in der Anwendung.

Backstage PRO: Wie sieht das aus?

Johannes Everke: Gemeinsam mit manchen Ticketanbietern erheben Veranstalter sehr geringe Zusatzbeiträge. Obwohl bei weitem nicht alle Anbieter, Clubs und Veranstalter dabei sind, kam dabei in den letzten Jahren eine sechsstellige Summe zusammen. Das zeigt, was durch Solidarität möglich ist. Der LiveMusicFund kann aus meiner Sicht funktionieren, wenn er von der Branche insgesamt angenommen wird. Hierfür wäre erstens eine wichtige Bedingung, dass es sich um eine freiwillige Abgabe handelt, von der dann am Ende auch alle etwas haben. Denn die aktuellen Kostensteigerungen bei Personal und Produktion sind gerade unser Hauptproblem und wir müssen vorsichtig sein, nicht noch weitere Bürokratie und Kosten zu erzeugen. Und zweitens muss es darum gehen, Livemusik und Künstleraufbau zu unterstützen. Das Ziel sollte sein, dass sich die Branche mit dem Projekt solidarisch zeigt und sich selbst hilft.

Backstage PRO: Der BDKV ist sehr stark als Lobbyverband der Veranstalter aktiv und vertritt die Interessen der Veranstaltungsbranche gegenüber der Politik. Wie würdest Du das Verhältnis zwischen Veranstaltungswirtschaft und Politik aktuell beschreiben?

Johannes Everke: Während Corona hat die Branche erkannt, wie wichtig die politische Vernetzung ist und dass sie da Nachholbedarf hat. Sie versteht sich als Wirtschaftszweig und will nicht wie die öffentliche Kultur von Subventionen und Kulturbudgets abhängig sein. Aktuell geht es entsprechend vor allem um Rahmenbedingungen für das Wirtschaften, wie arbeits- und sozialpolitische Themen, Steuern und Bürokratieabbau. Gerade weil dabei manchmal das Wissen über unsere Branche fehlt, gleicht es einer Mammutaufgabe, in Berlin und anderswo die besonderen Herausforderungen und Bedürfnisse der Veranstaltungsbranche zu vertreten. 

Backstage PRO: Woran liegt das?

Johannes Everke: Die Komplexität und Vielgliedrigkeit unserer Wertschöpfungsketten sind speziell: Sehr viele Akteure müssen zusammenarbeiten, damit es letztlich zu dem Ereignis auf der Bühne kommt - das ist schlichtweg anders als in anderen Branchen. Obwohl wir Teil der Wirtschaft sind, betrachtet uns das Wirtschaftsministerium dann oftmals als Kultur und fühlt sich nicht zuständig. Auf der anderen Seite legt die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien ihren Schwerpunkt auf öffentlich geförderte Kultur, weshalb wir zwischen allen Stühlen sitzen. Aus unserer Sichtweise sind wir sowohl Kultur als auch Wirtschaft – und unsere Herausforderung besteht darin, das der Politik zu vermitteln.

Backstage PRO: Wie kann man dieses Dilemma lösen?

Johannes Everke: Wir kooperieren mit anderen Wirtschafts- und Mittelstands-Branchen wie zum Beispiel dem Tourismus, für den wir ja wichtige Impulse liefern, insbesondere in Hinblick auf Städtereisen. Insofern haben wir einen handfesten wirtschaftlichen Einfluss auf andere Branchen, den wir nutzen, um unsere Anliegen zu vermitteln.

Backstage PRO: Der BDKV hat Ende letzten Jahres drei Forderungen an die Politik gestellt, darunter befand sich der Wunsch, das Arbeitszeitgesetz flexibler zu gestalten. Was ist der Hintergrund?

Johannes Everke: Das Arbeitszeitgesetz geht von sehr planbaren Bürojobs oder Fließbandarbeit aus, aber für viele Teile der Wirtschaft ist das heute nicht mehr passend. Das betrifft beispielsweise Werbeagenturen oder Anwaltskanzleien, wo zu bestimmten Zeitpunkten sehr viel Arbeit anfällt, deren Stunden man später abfeiern kann. Im Kulturbereich kommt hinzu, dass wir auf eine Produktion hinarbeiten und im Vorfeld beziehungsweise währenddessen ein hohes Arbeitsaufkommen haben. Das betrifft beispielsweise Tourbegleiter oder Beschäftigte auf Festivals. Es geht nicht darum, die Mitarbeitenden auszubeuten oder sogar unnötige Gefahren zu riskieren, weil wir die Leute überfordern. Es geht darum, in den Bereichen, in denen wir nicht in planbaren Rhythmen arbeiten können, flexiblere Regelungen erhalten, die den Gegebenheiten unserer Branche entsprechen.

Backstage PRO: Eine weitere Forderung betrifft branchenspezifische Regelungen zur Scheinselbstständigkeit. Was ist der Hintergrund?

Johannes Everke: Wie bei der Arbeitszeit gibt es ein Gesetz, das aus gutem Grund entstanden ist, aber von einer ganz anderen Arbeitsrealität ausgeht. Zentral ist die Frage der Scheinselbstständigkeit, also die Frage, ob jemand in den Betriebsablauf des Auftraggebers eingebunden oder weitgehend unabhängig agiert. Das ist in der Veranstaltungsbranche anders als in anderen Teilen der Wirtschaft, weil wir eine sehr komplexe Wertschöpfungskette aus zahlreichen Unternehmen und Selbstständigen haben, die alle eng abgestimmt auf dasselbe Ereignis hinarbeiten. Die Unterscheidungskriterien zur Feststellung der Scheinselbstständigkeit mögen an anderer Stelle funktionieren, bei uns berücksichtigen sie nicht die Zwangsläufigkeiten des Betriebs.

Backstage PRO: Warum nicht?

Johannes Everke: Ich kann das an einem Beispiel erläutern. Ein selbständiger Tontechniker ist selbstverständlich in den Betriebsablauf eingegliedert. Er muss zu einer bestimmten Zeit anwesend sein, er wird genau in die Abläufe und Bedarfe eingewiesen und arbeitet in der Regel auch nicht mit seinen eigenen Geräten, sondern erhält sie vom Auftraggeber gestellt. Damit ist er also fest eingebunden und nicht weisungsfrei, weil das ja bei einem Konzert anders auch nicht geht. Der Gesetzgeber müsste auf diese Arbeitsrealität eingehen, zumal es in unserer Branche einen sehr hohen Anteil von 20 Prozent Selbstständigen gibt. Das ist ein großer Unterschied zur restlichen Wirtschaft, wo der Anteil eher bei 5 Prozent liegt. Die Selbständigen genauso wie die Auftraggebenden brauchen dringend Rechtssicherheit bei der Beauftragung, denn wenn später Nachzahlungen von oft mehrjährigen Sozialbeiträgen gefordert werden, gefährdet das deren wirtschaftliche Existenzen.

Backstage PRO: Der BDKV kritisiert auch "unverhältnismäßig" hohe Abgaben der Veranstalter an die KSK? Was genau ist damit gemeint?

Johannes Everke: Damit ist im Verhältnis zu anderen Wirtschaftsbranchen gemeint, dass im Live-Entertainment-Betrieb ein besonders hoher Teil der Projektbudgets KSK-pflichtig ist, weil es sich beispielsweise um Honorare handelt. Für Unternehmen aus anderen Branchen ist die Höhe der KSK-Beiträge vergleichsweise wenig relevant, aber wenn wie bei uns bis zu 70 Prozent der Ausgaben für ein Event KSK-pflichtig sind, macht eine Steigerung der KSK-Beiträge von einem oder zwei Prozent sehr viel aus. Eine Erhöhung der KSK-Beiträge kann dann den Gewinn vollkommen aufzehren.

Backstage PRO: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Johannes Everke: Vorweg möchte ich sagen, dass die KSK eine sehr sinnvolle Einrichtung ist und außer Frage steht. Hier geht es nur darum, dass die Beiträge für die KSK im Sinne aller Beteiligten stabil bleiben. Um das zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, beispielsweise mehr Beitragsgerechtigkeit oder die Erweiterung des Kreises der KSK-Abgabepflichtigen. Denn was in Zeiten allgemeiner Kostensteigerungen auch bei der KSK feststeht: Der Topf muss größer werden, damit die Absicherung der Künstler gewährleistet bleiben kann.

Backstage PRO: Die Bundestagswahl ist vorbei. Was erwartest Du von einer vermutlich CDU-geführten Bundesregierung?

Johannes Everke: Unsere drei Kernforderungen für 2025, über die wir gerade gesprochen haben, stehen für uns weiterhin im Mittelpunkt. Wir wollen außerdem sowohl als Wirtschaftszweig behandelt als auch für unseren kulturellen Beitrag anerkannt werden. Wir leisten mit unseren Veranstaltungen einen wesentlichen Beitrag zu einem offenen und vielgestaltigen Kulturleben in Deutschland und gleichzeitig schaffen wir damit unverzichtbare Räume für Austausch, Gemeinschaft und Demokratie.

Ansonsten geht es uns wie vielen Wirtschaftsbereichen um verlässliche Rahmenbedingungen und weniger Bürokratie, weil wir Entlastung von dem enormen Zuwachs von Kosten und Aufwand der letzten Jahre brauchen.

Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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