Die Live-Branche in der Marktbereinigung
Scheitern immer mehr Tourneen? Darum ist nicht jede Absage ein Fall von "Blue Dot Fever"
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© wgbieber via pixabay
Wer sich derzeit im Internet bewegt, stößt immer häufiger auf den Begriff "Blue Dot Fever". Gemeint sind die blauen Punkte auf der Ticketplattform Ticketmaster, die verfügbare Plätze in einer Konzerthalle anzeigen.
Je mehr dieser blauen Punkte nach dem Start des Vorverkaufs sichtbar sind, desto schneller wird über schwache Ticketverkäufe, überdimensionierte Tourneen oder gar den Niedergang einzelner Künstler spekuliert.
Tatsächlich häufen sich in den vergangenen Monaten Meldungen über verschobene oder abgesagte Tourneen, zunächst in den USA. Inzwischen häufen sich aber auch in Deutschland abgesagte Shows und schwache Vorverkäufe.
Wer genauer hinsieht, erkennt jedoch schnell, dass nicht jede Tourabsage dieselbe Ursache hat und nicht jede abgesagte Tour ein Zeichen dafür ist, dass die Live-Branche in einer Krise steckt. Tourneen, die definitiv wegen mangelnder Nachfrage abgesagt wurden, gibt es natürlich dennoch.
Schlechte Ticketverkäufe sind nicht immer die Ursache
Die aktuelle Diskussion leidet vor allem unter dem Problem, dass sehr unterschiedliche Fälle häufig in einen Topf geworfen werden.
So gibt es zahlreiche Tourabsagen, bei denen gesundheitliche Gründe im Vordergrund stehen. Dolly Parton (80) sagte ihre geplanten Las-Vegas-Auftritte aufgrund verschiedener gesundheitlicher Probleme endgültig ab. Barry Manilow (83) verschob Konzerte aufgrund einer Krebserkrankung.
Sängerin Bonnie Tyler (75) lag wegen Komplikationen infolge einer Operation wochenlang im Koma und kann daher ihre geplante Europatour nicht antreten. Auch Neil Young (80) legte seine geplante Europatour auf Eis, ohne genaue Gründe zu nennen.
Solche Fälle haben mit dem eigentlichen Blue-Dot-Fever-Phänomen nichts zu tun. Dennoch werden sie nicht nur auf Social Media, sondern auch in manchen Medienberichten gemeinsam mit wirtschaftlich motivierten Absagen in einen Topf geworfen.
Wenn Ticketverkäufe tatsächlich zum Problem werden
Das bedeutet allerdings nicht, dass das Blue Dot Fever lediglich ein Internetmythos wäre.
Es gibt durchaus Künstler, die offen einräumen, dass ihre Tourneen wirtschaftlich nicht die erwartete Nachfrage erzeugt haben.
Besonders deutlich äußerte sich Schauspieler und Musiker Kiefer Sutherland, der den Großteil seiner US-Tournee absagte und geringe Ticketverkäufe ausdrücklich als Grund nannte.
Auch die Pussycat Dolls erklärten bei der Absage ihrer Nordamerika-Termine, man habe die wirtschaftliche Situation der Tour neu bewerten müssen. In diesen Fällen handelt es sich tatsächlich um klassische Beispiele für das, was viele Beobachter als Blue Dot Fever bezeichnen.
Unklare Ursachen
Daneben existieren zahlreiche Fälle, bei denen die Gründe nicht völlig klar sind.
Post Malone und Jelly Rolls strichen die ersten sechs Konzerte ihrer gemeinsamen "Big Ass Stadium Tour Part 2". Post Malone nannte auf Instagram die Arbeit am 40-Track Album "The Eternal Buzz" als Grund. Es existieren allerdings Berichte, nach denen die Ticketverkäufe im Vergleich zu den ausverkauften Arenenshows im Vorjahr teilweise hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren.
Gleiches gilt im Fall von Sängerin Meghan Trainor und dem ehemaligen One Direction-Mitglied Zayn. In beiden Fällen nannten die Künstler persönliche oder gesundheitliche Gründe, während Berichte über schlechte Ticketverkäufe kursierten.
Tourabsagen in Deutschland
Auch in Deutschland gibt es Tourabsagen, die vermutlich auf schwache Ticketverkäufe zurückzuführen sind. So sagten die No Angels drei Konzerte ihrer Open Air-Tour ab. Eine wirkliche Begründung gab die Girlgroup nicht und verwies auf die lokalen Veranstalter.
Ebenfalls von den Konzertabsagen betroffen ist Rapper Luciano. Insgesamt sieben Shows seiner Open Air-Tour wurden inzwischen abgesagt. Seine Management nennt "produktionstechnische beziehungsweise logistische Gründe" als Ursache. Der Veranstalter seines Konzerts in Neu-Ulm gab jedoch schwache Ticketverkäufe als Ursache der Absage an.
Die eigentliche Herausforderung: Die Mathematik des Tourgeschäfts
In Online-Debatten dreht sich vieles um die Frage, welche Künstler Tickets verkaufen und welche sich schwertun. Dabei gerät die eigentliche Herausforderung des Live-Geschäfts oft in den Hintergrund, und zwar die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Tourneen sind in den vergangenen Jahren erheblich teurer geworden. Die Kosten für Transport, Hotels, Personal, Technik, Versicherungen und Bühnenproduktionen sind deutlich gestiegen. Gleichzeitig erwarten Fans aufwändigere Produktionen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Dazu kommen teilweise drastisch gestiegene Künstlergagen.
Dadurch entsteht ein wachsender Druck auf Künstler, Managements und Veranstalter. Um die gestiegenen Kosten zu refinanzieren, werden größere Hallen gebucht, umfangreichere Produktionen geplant und höhere Ticketpreise angesetzt. Wenn die Nachfrage nicht vorhanden ist, kann das zum Problem werden.
Wenn die Venue größer wird als die Fanbase
Viele Künstler befinden sich heute in einer schwierigen Zwischenposition. Viele Künstler sind erfolgreich genug, um Arenen in Betracht zu ziehen, verfügen aber möglicherweise nicht über die Fanbasis, um sie an jedem Tourstopp zuverlässig zu füllen oder sogar auszuverkaufen.
Einige Branchenbeobachter sprechen deshalb weniger von einem Nachfrageproblem als von einem Kapazitätsproblem, das darin besteht, für den aktuellen Status der Karriere die richtigen Locations zu finden.
Die Nachwirkungen des Live-Booms
Ein weiterer Faktor könnte in den außergewöhnlichen Jahren nach der Pandemie liegen.
Damals herrschte weltweit ein enormer Nachholbedarf auf Seiten des Publikums nach Live-Erlebnissen. Fans kauften Tickets in großer Zahl, Tourneen wurden ausgeweitet und vielerorts größere Hallen gebucht. Die Nachfrage schien nahezu unerschöpflich.
Mittlerweile hat sich die Situation geändert, während Künstlergagen und Produktionskosten weiter gestiegen sind. Was während des Live-Booms noch tragfähig erschien, lässt sich heute oft kaum noch wirtschaftlich darstellen. Die resultierende Marktbereinigung kann schmerzhafte Konsequenzen für Künstlerinnen und Künstler haben.
Das Publikum entscheidet selektiver und kurzfristiger
Hinzu kommt die Situation auf Verbraucherseite. Viele Konzertbesucher sehen sich heute mit deutlich höheren Ticketpreisen konfrontiert als noch vor wenigen Jahren. Dynamische Preisgestaltung, Servicegebühren und hohe Wiederverkaufspreise auf dem Zweitmarkt erhöhen die Kosten zusätzlich.
Während absolute Superstars weiterhin problemlos Stadien füllen, müssen viele Fans inzwischen genauer auswählen, welche Konzerte sie tatsächlich besuchen können. Viele Fans konzentrieren ihr verfügbares Freizeitbudget heute auf wenige große Konzerthighlights. Außerdem kaufen viele Konzertbesucher ihre Tickets deutlich kurzfristiger als vor der Pandemie.
Auch das erschwert es Künstlern im mittleren Segment, ihre Tourneen wirtschaftlich erfolgreich zu gestalten.
Kein Karriereschaden, sondern ein Marktproblem
Das Blue Dot Fever wird häufig als Beweis für angeblich sinkende Popularität einzelner Künstler interpretiert. Aus wirtschaftlicher Sicht greift diese Sichtweise jedoch zu kurz.
Viele der betroffenen Acts verfügen weiterhin über Millionen von Streaming-Hörern, starke Social-Media-Reichweiten und loyale Fan-Communities. Die Frage lautet häufig nicht, ob genügend Menschen die Künstler mögen, sondern ob genügend Menschen bereit sind, zu einem bestimmten Preis eine bestimmte Halle oder ein Open Air-Gelände an einem bestimmten Abend zu füllen.
Schwierige Gratwanderung
Tourabsagen aufgrund von Krankheit, familiären Umständen oder mentaler Belastung sollten nicht automatisch mit schwachen Ticketverkäufen gleichgesetzt werden. Gleichzeitig gibt es durchaus Beispiele dafür, dass Tourneen oder Einzelkonzerte zu ambitioniert geplant waren und daher abgesagt wurden.
Die eigentliche Herausforderung für die Branche bestand schon immer darin, Tourneen realistisch zu kalkulieren und die Größe einer Produktion an der tatsächlichen Nachfrage auszurichten.
In Zeiten multipler Krisen und steigender Preise ist diese Aufgabe schwieriger geworden. In Zusammenhang mit dem nachlassenden Boom der Post-Corona-Jahre sorgt das für Verwerfungen, von denen aktuell noch niemand sagen kann, wie weitreichend sie die Live-Branche verändern werden.
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