×

Unvorstellbares Ausmaß

Katastrophales Feuer bei Universal zerstörte hunderttausende Master-Tapes

News von Daniel Nagel
veröffentlicht am 14.06.2019

universal music

Katastrophales Feuer bei Universal zerstörte hunderttausende Master-Tapes

Das UMG-Headquarter in Santa Monica, Kalifornien. © Coolcaesar via Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Umgheadquarters.jpg) / Lizenz: CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ein Feuer im Jahr 2008 in einem Gebäude der Universal Studios in Hollywood hat nach einem Bericht der New York Times weitaus dramatischere Folgen gehabt als bislang angekommen. Hunderttausende Masterbänder weltberühmter Bands und Musiker sind vermutlich für immer verloren.

Der Brand im sog. Video-Archiv (engl. video vault) der Universal Studios in Hollywood ist keine Neuigkeit. Über das Feuer vor 11 Jahren berichteten US-Medien ausführlich, aber bis vor Kurzem war wenig bekannt, dass sich im Video-Archiv auch eine riesige Zahl von Masterbändern berühmter Bands und Solokünstler befanden.

Gewaltige Verluste

Laut einem Bericht der US-Tageszeitung New York Times mit dem Titel "The Day The Music Burnt" könnten mehr als 170.000 Masterbänder berühmter Bands und Solokünstler dem Feuer zum Opfer gefallen sein, die mehr als 500.000 Songs enthalten.

Universal nutzte das Gebäude als hauptsächlichen Lagerort von Musik-Masterbändern an der Westküste. Unter anderem befanden sich dort die Masterbänder von Labeln wie Decca (US), Chess, Impulse, MCA, ABC, A&M, Geffen and Interscope.

Darüber hinaus enthielt das Gebäude sog. Multi-Track-Recordings, also die Aufnahmen, aus denen die Masterbänder für die jeweiligen Album- und Single-Veröffentlichungen zusammengestellt wurden, aber auch unveröffentlichte Aufnahmen.

Die Liste der betroffenen Künstler ist erschreckend lang. Die New York Times nennt: Louis Armstrong, Billie Holiday, Aretha Franklin, Duke Ellington, Judy Garland, Benny Goodman, Cab Calloway, the Andrews Sisters, the Ink Spots, the Mills Brothers, Lionel Hampton, Ray Charles, Sister Rosetta Tharpe, Clara Ward, Sammy Davis Jr., Les Paul, Fats Domino, Big Mama Thornton, Burl Ives, the Weavers, Kitty Wells, Ernest Tubb, Lefty Frizzell, Loretta Lynn, George Jones, Merle Haggard, Bobby (Blue) Bland, B.B. King, Ike Turner, the Four Tops, Quincy Jones, Burt Bacharach, Joan Baez, Neil Diamond, Sonny and Cher, the Mamas and the Papas, Joni Mitchell, Captain Beefheart, Cat Stevens, the Carpenters, Gladys Knight and the Pips, Al Green, the Flying Burrito Brothers, Elton John, Lynyrd Skynyrd, Eric Clapton, Jimmy Buffett, the Eagles, Don Henley, Aerosmith, Steely Dan, Iggy Pop, Rufus and Chaka Khan, Barry White, Patti LaBelle, Yoko Ono, Tom Petty and the Heartbreakers, the Police, Sting, George Strait, Steve Earle, R.E.M., Janet Jackson, Eric B. and Rakim, New Edition, Bobby Brown, Guns N’ Roses, Queen Latifah, Mary J. Blige, Sonic Youth, No Doubt, Nine Inch Nails, Snoop Dogg, Nirvana, Soundgarden, Hole, Beck, Sheryl Crow, Tupac Shakur, Eminem, 50 Cent and the Roots.

Verloren sind wohl auch ein Großteil oder alle Masterbänder des legendären Jazz-Labels Impulse!, für das John Coltrane sein Meisterwerk "A Love Supreme" und zahlreiche andere Alben aufnahm. Zu den Verlusten zählen offenbar auch die Master des genreprägenden Labels Chess Records, auf dem u.a. Chuck Berry seine Musik veröffentlichte.

Auch betroffen sind offensichtlich die Masterbänder von Billie Holidays Decca-Aufnahmen. Das US-Label (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen UK-Label u.a. der Rolling Stones in den 1960ern) veröffentlichte neben Jazz und Pop auch viel klassische Musik.

Update, 26. Juni: In einem neuen Artikel berichtet die New York Times über aktuelle Entwicklungen und hat eine aktualisierte, erschreckend lange Liste betroffener Künstler zusammengestellt.

Unersetzliche Verluste

Natürlich verschwindet die Musik dieser Künstler durch den Verlust der Masterbänder nicht aus der Welt, aber wenn der Bericht der New York Times zutrifft, dann stellt das Feuer im Jahr 2008 eine dem Brand von Notre Dame vergleichbare kulturelle Katastrophe dar. Das hat mehrere Gründe.

  1. Masterbänder sind unersetzlich. Sie existieren in der Regel nur einmal. Kopien von Masterbändern können die Originale nur teilweisen ersetzen. Wiederveröffentlichungen greifen meistens auf die originalen Master zurück, sofern das irgendwie möglich ist.
  2. Universal Music hatte zum damaligen Zeitpunkt erst damit begonnen, das Musik-Archiv zu digitalisieren. Die meisten verbrannten Masterbänder liegen offensichtlich nicht in digitaler Form vor.
  3.  Abseits der prominenten Namen verbrannten auch unzählige Masterbänder von weniger bekannten Künstlern, deren Werk wesentlich schlechter dokumentiert ist. Das Ausmaß ist also bei weitem schlimmer, als die obige Liste widerspiegelt.
  4. Die unveröffentlichten Aufnahmen, die dem Feuer zum Opfer fielen, sind vermutlich ersatzlos verloren.

Universal hat den Bericht der New York Times in einem dem US-Magazin Variety vorliegenden Statement in einzelnen Aspekten angegriffen, aber nicht grundsätzlich bestritten. 

Inzwischen haben sich auch erste Musiker und Band zu Wort gemeldet, beispielsweise erklärte Krist Novoselić von Nirvana, er vermute, dass die Nirvana-Masterbänder "für immer verloren" seien.

Auch R.E.M. meldeten sich zu Wort und erklärten, sie bemühten sich, mehr über die Hintergründe herauszufinden:

Für The Roots erklärte Questlove:

Auch interessant

Ähnliche Themen

Chinesischer Medienkonzern Tencent will Anteile an Universal kaufen

Was lange währt...?

Chinesischer Medienkonzern Tencent will Anteile an Universal kaufen

veröffentlicht am 06.08.2019

Universal behauptet, dass nur 22 Masterbänder beim Studio-Brand zerstört wurden

Verteidigung gegen die Sammelklage

Universal behauptet, dass nur 22 Masterbänder beim Studio-Brand zerstört wurden

veröffentlicht am 22.07.2019

Die Betroffenen des Brandes in den Universal Studios drohen dem Label mit Klagen

Hat der Brand Folgen für den Verkauf?

Die Betroffenen des Brandes in den Universal Studios drohen dem Label mit Klagen

veröffentlicht am 17.06.2019   1

Universal Music Group will sich mit neuer Partnerschaft für die digitale Zukunft rüsten

Abkehr von der visuellen Benutzeroberfläche

Universal Music Group will sich mit neuer Partnerschaft für die digitale Zukunft rüsten

veröffentlicht am 13.06.2019