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"Immer wieder Neues zu lernen ist eigentlich das schönste an unserem Job"

"Mein Plan B": Interview mit Björn Werra, Tour- und Studiobassist und Dozent in Berlin

Interview von Martell Beigang
veröffentlicht am 23.02.2018

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"Mein Plan B": Interview mit Björn Werra, Tour- und Studiobassist und Dozent in Berlin

Björn Werra. © Rainer Maillard 2017

Nur wenige Musiker leben davon, ausschließlich mit ihrer eigenen Musik auf der Bühne zu stehen. Für die meisten Profis besteht ihr Job aus ganz unterschiedlichen Facetten. In unserer Serie Plan B stellen wir euch Kollegen vor, die interessante Nischen besetzen. So wie Björn Werra (44), der als Bassist bereits mit zahlreichen großen Acts zusammengearbeitet hat und zudem als Dozent an der SRH Hochschule der Populären Künste in Berlin tätig ist.

Björn Werra ist vielbeschäftiger Tour- und Studio Bassist und zudem Dozent. Er arbeitete mit so unterschiedlichen Acts wie mit Andreas Bourani, Calexico, Sarah Connor, Joy Denalane, Roger Cicero, Rea Garvey, Nina Hagen, Beth Hart, Jazzkantine, Marteria, Wolfgang Niedecken, Xavier Naidoo und Westbam.

Ich habe Björn am Telefon und wir plaudern und scherzen ein bisschen. Dabei müssen wir beide öfter laut lachen. Beim Interview zeigt er sich dann von seiner ernsthaften Seite.

Backstage PRO: Wir mussten unser Interview mehrmals verschieben, weil du so viel unterwegs bist. Wieviel Gigs hast du so im Jahr?

Björn Werra: Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht so genau, ich habe aufgehört zu zählen. Ich schätze es sind so 100 – 150 Gigs im Jahr. Die Anzahl ist eigentlich auch irrelevant. Ich freue mich über jeden Gig, der reinkommt. Es gibt Gigs, von denen man nur wenige braucht, damit es sich rechnet. Wenn du dagegen nur in Neuköllner Hinterhof-Jazzclubs spielst, brauchst du schon ein paar mehr, um die Miete zahlen zu können.

"Dieses ganze Social Media-Engagement halte ich mir als letzte Karte offen"

Backstage PRO: Füllt sich dein Kalender von allein oder musst du irgendwie nachhelfen?

Björn Werra: Eine gute Frage. Ich habe eigentlich nie das Gefühl, nachhelfen zu müssen. Glücklicherweise kam bislang immer alles auf mich zugeflogen, und ich musste nie jemanden anrufen und sagen: „Hey, bei mir ist gerade gar nichts los, ich brauche Gigs.“

Das ist eine sehr komfortable Situation. Irgendwie ging es immer weiter. Und in den Zeiten, in denen es mal weniger war, hatte ich Gelegenheit, etwas zu üben oder Songs zu schreiben, was ich viel zu selten mache. Klar, man muss schauen, dass man präsent bleibt. Aber solange es so gut läuft, halte ich mir dieses ganze Social Media-Engagement als letzte Karte offen.

Backstage PRO: Hast du oft Doppelbuchungen? Wenn ja, wie gehst du damit um?

Björn Werra: Doppelbuchungen kommen natürlich immer wieder vor. Die Sachen, die man zusagt, sollte man auch machen. Dein Gegenüber braucht eine gewisse Verlässlichkeit.

Aber wenn ich einen kleinen Clubgig in Berlin im Kalender habe und es kommt eine große Tour rein, dann hoffe ich natürlich auf das Verständnis der Band und kümmere mich um einen Ersatz, bei dem ich weiß, dass die Band ihn mag. Dann sind meistens alle ganz happy. Bisher jedenfalls ging es immer gut.

"Für mich blieb nur der Bass übrig"

Backstage PRO: Wie kamst du zum Musikmachen?

Björn Werra: Ich habe damals in der Schule angefangen Musik zu machen, da war ich um die 14 Jahre alt. Davor hatte ich in der Grundschule Klavierunterricht, den ich allerdings abgebrochen habe, weil ich eine furchtbare Lehrerin hatte und es mir einfach keinen Spaß mehr gemacht hat. Und damals dachte ich, dass die Musik nichts für mich wäre.

Backstage PRO: Wodurch hat sich das geändert?

Björn Werra: Ich hing viel mit meinen Kumpels ab, die eine Band gründen wollten. Einer spielte Drums, der andere Gitarre, und es war klar, dass für mich nur der Bass übrig blieb. Meine Eltern haben mir gleich ein Instrument gekauft und ich habe direkt Unterricht genommen. Das hat Riesenspaß gemacht und ich bin dabei geblieben – die anderen beiden machen jetzt irgendetwas völlig anderes.

Backstage PRO: Wie ging es dann weiter?

Björn Werra: Dann habe ich Abi gemacht und wusste erst mal nicht, was ich beruflich machen sollte. Der Zivildienst war eine tolle Zeit, in der ich viel geübt habe, um mich auf die Aufnahmeprüfung der Hochschule für Musik Hanns Eisler vorzubereiten, die mich erfreulicherweise gleich genommen hat.

In Berlin konnte man damals noch an die HdK gehen, aber dort gab es eine eher strikte Jazzausbildung. An meiner Hochschule, die aus dem alten DDR Tanzmusikzweig hervorgegangen ist, wurde neben Jazz auch Pop und Rock angeboten, und das war eher etwas für mich.

Nach dem Vordiplom habe ich über meine Dozenten Thomy Jordi und Martin Lillich schnell kleine Gigs bekommen und so in die Berliner Szene reinschnuppern können. Nebenbei hatte ich eigene Bands. Die ganzen Nebenjobs, wie Zeitungaustragen oder Nachts am Fließband arbeiten, konnte ich dann irgendwann einfach weglassen, weil immer ein bisschen Geld reinkam. Alles hat sich ganz natürlich ergeben. Dass ich Noten lesen konnte, hat wahrscheinlich auch geholfen.

Backstage PRO:  In welcher Form bekommst du in der Regel das Material, um dich auf deine Jobs vorzubereiten?

Björn Werra: Meistens erhält man keine Noten. Wenn man Glück hat, gibt es Sheets. In der Regel bekommt man das Album und manchmal auch Liveaufnahmen. Dann gleiche ich alles ab und schreibe mir alles raus. Ich erstelle immer meine eigenen Sheets, die ich dann später beim Proben abspielen kann.  Dadurch kann ich mir vieles leichter einprägen. Ich habe beim Auswendigspielen quasi mein Sheet im Kopf. Genauso schnell vergesse ich auch später wieder alles, aber mit Hilfe der Sheets sind die Sachen dann auch wieder schnell präsent.

Björn Werra im Funkhaus Studio H1 in Berlin

Björn Werra im Funkhaus Studio H1 in Berlin, © Hansa Czypionka

Manchmal gibt es aber auch Noten, was ungleich komfortabler ist, wie etwa im Fall der Alive & Swinging Tour mit Xavier Naidoo, Rea Garvey, Sasha und Michael Mittermeier. Aber es erschwert dann natürlich auch das Auswendiglernen, wenn ich mir meinen Part nicht selbst erarbeitet habe.

Im Studio erhält man manchmal Noten, aber am Ende spiele ich meistens nicht genau das, was dort steht, sondern bringe ein paar eigene Ideen ein.

Backstage PRO: Werden die Proben bei großen Acts eigentlich bezahlt?

Björn Werra: In der Regel schon, aber oft gibt es einen Paketpreis für Proben und Tour. Da kann man nicht so genau herausfriemeln, wie viel eigentlich genau für was bezahlt wird. Es muss einfach unter dem Strich stimmen.

"Etwas Eigenes zu schaffen erfüllt mich mit Befriedigung"

Backstage PRO: Du spielst viel für andere Acts. Hast du selbst kein Bedürfnis nach einer eigenen Band oder keine Zeit?

Björn Werra: Als ich angefangen habe, dachte ich, ich muss alles spielen können. Als Sessionmusiker habe ich versucht, jeder Situation gerecht zu werden, und hatte ehrlich gesagt lange auch gar kein Bedürfnis etwas Eigenes zu machen. Aber jetzt gerade wächst bei mir dieses Bedürfnis immer mehr. 

Eigene Musik zu schaffen erfüllt mich mit großer Befriedigung, während selbst ein großer Gig schnell wieder in Vergessenheit gerät. Da bleibt oft nichts hängen, außer dem Credit. Wenn ich irgendwo ausgeholfen habe, zieht die Band weiter und ich bin nicht mehr Teil von ihr. Wenn man eigene Sachen schreibt, bleibt das näher an einem dran. Mein Plan ist, das in Zukunft mehr zu machen.

Backstage PRO: In welche Richtung würde das gehen?

Björn Werra: Schon in Richtung Popmusik. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich seltsame Texte, die im Moment jedoch noch alle in der Schublade landen. Ich werde auf keinen Fall ein Bassalbum aufnehmen!

Backstage PRO: Beteiligst du dich manchmal am Songwriting der Bands, für die du spielst?

Björn Werra: Obwohl ich viel mitarrangiere im Studio, werde ich kaum als Autor genannt. Aber es gibt ein paar „Band-Bands“ mit denen ich unterwegs war, zum Beispiel The Fullbliss. Da haben wir alles gemeinsam gestemmt und alles geteilt. Wir haben sogar eine kleine Tour in den U.S.A. gemacht. Das hat viel Geld gekostet.

Backstage PRO: Spielen GEMA-Tantiemen für dich eine Rolle?

Björn WerraBislang ist die GEMA für mich nicht relevant. Ich hoffe das wird anders. Im Moment mache ich gerade eine Theaterproduktion, bei der ich an der Musik mitschreiben darf. Eine neue und schöne Erfahrung für mich.

"Mein Name neben Paul McCartneys ist wahrscheinlich der Credit des Jahrhunderts"

Backstage PRO: Du bist auf einem Album zusammen mit Paul McCartney. Wie ist es dazu gekommen?

Björn Werra: (lacht) Das ist wahrscheinlich der Credit des Jahrhunderts. Ich fühle mich wahnsinnig geehrt. Es ist die Soloplatte von Fran Healy, dem Sänger von Travis, der eine Weile in Berlin gelebt hat. Das hätte als Highlight eigentlich schon gereicht! Martin Wenk von Calexico hatte mich gefragt, ob er meine Nummer weitergeben dürfe, denn Fran wollte Aufnahmen machen und sich deswegen einen Bass leihen.

Und da ich ziemlich alte Fender-Instrumente habe, Fran Healy irgendwann mal vorbei. Ich war total aufgeregt, dass jemand, dessen Musik ich in den 90ern geliebt habe, in meine Wohnung kommt. Normalerweise verleihe ich meinen alten Jazzbass ja nicht so einfach, aber bei ihm hab ich eine Ausnahme gemacht, ohne ihn wirklich zu kennen. Und dann habe ich länger nichts gehört. Irgendwann hat er den Bass dann zurückgebracht und mir erklärt, dass es nicht wirklich funktioniert habe. Ich sagte: „Wenn du Hilfe brauchst, komme ich auch gerne mal vorbei und spiele dir die Tracks ein.“

Dann habe ich wieder länger nichts gehört. Irgendwann rief er dann an und fragte, ob ich auch Kontrabass spielen könne. Am nächsten Tag bin ich dann zu ihm ins Hansahaus Studio nach Berlin gefahren und habe einen Song eingespielt. Fran scherzte: „Weißt du, wer gerade in London einen Track aufnimmt?“ „Keine Ahnung.“ „Paul McCartney!“

Dann haben wir weiter geflachst und ich meinte, dass es doch cool wäre, wenn ich nachher in den Credits neben Paul stehen würde. Und genau so kam es. Als ich die CD in den Händen hielt, rief ich Fran direkt an, um mich zu bedanken, und er lachte nur und meinte: “Ich wusste, dass dir das gefallen würde.“ Paul selbst habe ich aber leider nicht persönlich kennengelernt. Aber wer weiß.

"Zum Glück hat niemand gemerkt, dass ich das noch nicht konnte"

Backstage PRO: Möchtest du unseren Lesern noch etwas mit auf dem Weg geben?

Björn Werra: Ich halte es für sehr wichtig, offen zu sein, sich über Veränderungen zu freuen. und sich weiterzuentwickeln. Ich habe das Gefühl, dass bei mir jedes Jahr anders ist. Ich weiß nie, was kommen wird. Bisher ist immer etwas schönes passiert. Bei meinem Job als Dozent an der Musikhochschule lerne ich auch jeden Tag dazu und neue Leute kennen. Und das ist spannend.

Ich freue mich immer Neues zu lernen. Dann denke ich jedes Mal: Zum Glück hat all die Jahre niemand gemerkt, dass ich das eigentlich noch gar nicht konnte... Und jetzt habe ich wieder einen Schritt gemacht und das hört eigentlich nie auf. Das ist doch eigentlich das Schönste an unserem Job.

Backstage PRO: Well spoken! Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg bei allem was kommt.

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