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"Das Thema ist noch total unerforscht"

"Mein Plan B": Jakob Lüffe, Pianist und Musiklehrer, über Pro und Contra von Online-Unterricht

Interview von Martell Beigang
veröffentlicht am 28.07.2020

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"Mein Plan B": Jakob Lüffe, Pianist und Musiklehrer, über Pro und Contra von Online-Unterricht

Jakob Lüffe, Jazzpianist und Musiklehrer. © Zbyszek Lewandowski

Nur wenige Musiker leben davon, ausschließlich mit ihrer eigenen Musik auf der Bühne zu stehen. Für die meisten Profis besteht ihr Job aus ganz unterschiedlichen Facetten. In dieser gerade so besonderen Zeit muss man umso kreativer neue Wege suchen. In unserer Serie Plan B möchten wir euch Kollegen vorstellen, die interessante Nischen besetzen. Heute: Jakob Lüffe (28), Jazzpianist und angehender Musiklehrer.

Wir führen ein Ortsgespräch in Köln. Das Interview musste einmal verschoben werden, weil Jakob ziemlich krank war.

Backstage PRO: Geht es Dir besser?

Jakob: Ja, aber es war echt heftig. Ich lag eine Woche flach, aber zum Glück kein Covid-19.

Backstage PRO: Das ist beruhigend. Wo treffe ich dich an?

Jakob: Zu Hause, am Schreibtisch. Ich bereite gerade mein Referendariat im November vor. Ich gehe in die Schule und unterrichte dann in der Sekundarstufe zwei Musik und Physik.

Backstage PRO: Du hast aber auch Jazz studiert, oder?

Jakob: Ich habe Lehramt Musik an der Musikhochschule in Köln studiert mit Hauptfach Jazzklavier, wobei ich alle Kurse, auch die aus der künstlerischen Abteilung, frei wählen konnte. Und das habe ich soviel wie möglich genutzt. Offiziell habe ich zwar nicht künstlerisch studiert, aber inoffiziell eben doch.

Ich habe dann noch freiwillig ein Bachelorkonzert organisiert, was für mich eine super Möglichkeit war, das Studium zu beenden. Es hat echt Spaß gemacht ein Konzert zu spielen, wo ich genau das präsentieren konnte, was ich wollte.  

"Durch die Coronakrise fällt alles das weg, weshalb ich das Ganze überhaupt mache"

Backstage PRO: Hat die Corona-Prävention gerade große Auswirkungen auf dein musikalisches Leben?    

Jakob: Auf jeden Fall. Durch die Coronakrise fällt alles das weg, weshalb ich das Ganze überhaupt mache: Mit Leuten zusammenzuspielen vor allem. Schrecklich.

Backstage PRO: Du bist bereits erfolgreich als Jazzmusiker unterwegs. Aber du hast dich entschieden Musiklehrer zu werden, um nicht alles auf die Karte "freischaffender Musiker" zu setzen. Wie kam das?

Jakob: Ich habe mich relativ früh damit beschäftigt, wo es hingehen soll bei mir. Nach dem Abi habe ich mir ein Jahr Zeit genommen, um genau zu überlegen, was ich werden will. Ich weiß, dass der Lehrergedanke bei mir immer schon Thema war. Ich erinnere mich, dass ich in der Grundschule schon einen Zettel ausgefüllt habe, wo ich in zwanzig Jahren sein möchte und da stand auch schon, dass ich Lehrer werden will.

Dann kam das Klavierspielen dazu und das wollte ich auch unbedingt professionalisieren. Ich habe mich in dem Jahr nach dem Abi viel mit Lehrern und Musikern unterhalten und habe die Vor- und Nachteile gesammelt, um mir mein eigenes Bild zu machen und fand dann das Lehrerdasein sei die bessere Wahl, weil ich glaube, dass man beides gut vereinbaren kann.

Backstage PRO: Das ist sehr praktisch gedacht.

Jakob: Meine Hoffnung ist, dass ich später einen guten Job habe, der mir auch Spaß macht. Ich sehe das echt nicht als Notlösung, ich hab nämlich total Spaß mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Das hatte ich auch schon in meiner eigenen Schulzeit, in der ich eine Jazzcombo geleitet habe. Im Studium hat sich der Spaß dann fortgesetzt bei meinen beiden Jobs als Musiklehrer. Ich hoffe ich kann später, durch eine Reduzierung der Stundenzahl und ausgewählte Gigs, eine coole Symbiose schaffen.

"Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen zu Online-Unterricht"

Backstage PRO: Du schreibst gerade eine Masterarbeit über den Online-Unterricht. Ein Thema, das sehr gut zur momentanen Situation passt. Wie gehst du dabei vor?

Jakob: Das ist sehr interessant, weil das Thema bislang noch total unerforscht ist. Das heißt, ich stehe vor dem Problem: was nehme ich überhaupt für Literatur, woran soll ich mich orientieren. Und ich habe dann gemerkt, dass ich gucken muss, was ist guter Klavier- oder Instrumentalunterricht und wie kann ich das im Videounterricht umsetzen. Ich muss das Ganze also über einen Umweg erforschen.

Mein Forschungsschwerpunkt liegt in Interviews. Ich habe schon einige Lehrer und Schüler befragt und versuche die besonderen Möglichkeiten aber auch Grenzen des Videounterrichts herausfinden.

Backstage PRO: Was sind die spannendsten Erkenntnisse bislang?

Jakob: Was ich bis jetzt sagen kann: Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen zu dem Thema und zwar bei den Lehrern, aber auch bei den Schülern. Ich kann ja mal ein paar Extreme nennen.

Backstage PRO: Gerne.

Jakob: Ein Schüler sagte zum Beispiel, es gibt für ihn vom Lernfaktor her gar keinen Unterschied. Dadurch, dass die Anfahrt entfällt, stellt der Videounterricht mehr als ein Ersatz da. Ihm fällt einfach kein Nachteil ein. Er ist allerdings ein Anfänger und lernt gerade die Basics.

Einem Musikstudent zum Beispiel, der ganz andere Ansprüche hat, fehlt die ganze Feinarbeit, wie Sound oder Dynamikarbeit. Das kriegt man über den Videounterricht einfach nicht hin. Ihm fehlt das Zusammenspiel mit dem Lehrer; das geht ja nicht durch den Zeitversatz. Er ist Jazzstudent und dadurch ist für ihn der Unterricht überhaupt nicht gleichwertig und nur eine Notlösung.

Ich fand interessant, dass es bereits bei Schülern so unterschiedliche Meinungen gibt. Bei den Lehrern sagen viele: Es ist ein guter Ersatz – aber man kann den Präsenzunterricht einfach nicht zu 100 Prozent ersetzen.

Ich selbst gebe ja auch Online-Unterricht und habe dabei wenig Probleme, aber ich bin mir nicht sicher wie das ist, wenn man das jetzt wirklich über Monate machen muss, ob dann irgendwann die „Magie“ abhandenkommt.

Backstage PRO: Hat der Online-Unterricht auch eindeutige Vorteile?

Jakob: Ein Schüler von mir spielt wesentlich befreiter, wenn er Online-Unterrichtet wird und zu Hause sitzt, weil er nicht das Gefühl hat, dass ihm jemand direkt im Nacken sitzt. Und dadurch, dass er das eigene Instrument vor sich hat, fühlt er sich viel wohler als in der Musikschule, wo er sich immer erst an das dortige Klavier gewöhnen muss. Ein Lehrer meinte auch zu mir, bei manchen Schülern sei es leichter, die volle Aufmerksamkeit zu bekommen beim Videounterricht.

Backstage PRO: Kannst du schon ein Resümee ziehen?

Jakob: Es ist schwierig – jeder sagt etwas anderes. Es wird nicht so sein, dass ich in meiner Masterarbeit zu einem eindeutigen Ergebnis kommen werde. Ich werde nicht sagen können: Videounterricht wird alle Probleme lösen oder Videounterricht geht gar nicht.

Es wird etwas herauskommen wie: je nach Altersstufe, je nach Niveau, gibt es jeweils Nachteile und Vorteile, für den einen so und für den anderen so.

"Die Situation hat einen gesunden Zwangsschub in Sachen Digitalisierung ausgelöst"

Backstage PRO: Wird nach der Coronakrise etwas vom Videounterricht übrigbleiben?

Jakob: Das denke ich auf jeden Fall. Ich bin mir sicher, dass sich gerade eine neue Offenheit zur Kommunikation eingestellt. Von der Frage des Datenschutzes mal ganz abgesehen. Vorher hatte ich nicht mal die Telefonnummer meiner Schüler und jetzt melde ich mich dort zwischendurch mal über Whatsapp oder Videobotschaft, und auf einmal geht das und alle machen mit. Ich glaube die Situation hat einen gesunden Zwangsschub in Sachen Digitalisierung ausgelöst. Die Einstellung: Wir können gerade nicht anders, aber wir machen trotzdem das Beste daraus, hat auch Vorteile gebracht.

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal hörte: Wir sollen uns auf Skype-Unterricht einstellen. Da hab ich mich kaputtgelacht und dachte, das kann nicht funktionieren Und jetzt, wo ich es machen musste, habe ich gemerkt: Es klappt, man kann das so machen.

Backstage PRO: Hast du verschiedene Plattformen probiert, z.B. doozzoo?

Jakob: Ich habe ganz flexibel reagiert auf das, was die Schule anbieten konnte. Letztendlich war es eine Jonglage aus Skype, Facetime und WhatsApp-Video, aber ich werde mich noch ausführlich mit den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Angebote auseinandersetzen. Ich denke, dass da noch die eine oder andere Plattform dazukommen wird.

Ich habe mir inzwischen schon ein paar verschiedene Tutorials angeschaut und sehe auch die Vorteile von manchen. Aber dann denke ich mir wieder, ich kenne die Stücke, die ich mit meinen Schülern mache so gut und oft würde es mir schon reichen, wenn wir einfach nur telefonieren würden. Es ist womöglich gar nicht so ein großer Vorteil, wenn man den super Sound hat und mehrere Kameraperspektiven und teure Mikros. Ich bin der Meinung, dass das mit einfachen Mitteln schon gut funktioniert.

"Ich kann es kaum erwarten, dass es mit Konzerten wieder losgeht"

Backstage PRO: Was sind deine nächsten Pläne?

Jakob: Ich werde die Zeit noch nutzen, ein paar Stücke zu schreiben für meine Jazzband, das Pascal Bartoszak Quartet. Damit es nach der Pause wieder mit frischen Tunes weitergeht. Mein nächstes Ziel ist es, die Masterarbeit fertigzustellen, um dann im November ins Referendariat zu gehen.

So richtig weiß man ja leider noch nicht, wann es mit Konzerten wieder losgehen kann. Aber wenn, bin ich auf jeden Fall bereit und habe totalen Bock zu spielen. Ich kann es jedenfalls kaum erwarten.

Backstage PRO: Hast du schon eine passende Schule für dein Referendariat gefunden?

Jakob: Das ist noch ein großes Fragezeichen, man kann sich das leider nicht aussuchen, sondern wird zugelost nach Kriterien, die kein Mensch versteht. Man kann allerdings Ortswünsche äußern. Ich habe natürlich Köln gewählt, aber es wird sich erst im August zeigen, wohin die Reise gehen wird. Köln wäre ein Traum, weil ich hier meine musikalischen Projekte weitermachen könnte und in der Szene bliebe.

Backstage PRO: Danke für das entspannte Gespräch und viel Spaß beim Referendariat!

 

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