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"Überall wird mit Musik Geld verdient"

Stefan Schulte-Holthaus (Liquido / MHMK) über die vielfältigen Wege ins Musikbusiness

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 24.10.2014

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Stefan Schulte-Holthaus (Liquido / MHMK) über die vielfältigen Wege ins Musikbusiness

Stefan Schulte-Holthaus an den Drums. © Quelle: privat

Stefan Schulte-Holthaus wurde als Bassist der Hitband Liquido ("Narcotic") bekannt. Nach deren Erfolgszeiten blieb er dem Business auf andere Art weiterhin verbunden. Welche Perspektiven haben junge Menschen heute, die in der Musikbranche Fuß fassen wollen?

Der Musik hat er nie den Rücken gekehrt: Heute spielt Stefan Schulte-Holthaus Schlagzeug bei Unter Ferner Liefen. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Musikmanagement an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in München. Seine Studenten veranstalten in Kooperation mit Backstage PRO zum Beispiel den jährlichen House of Music-Contest. Als freiberuflicher Coach beackert er außerdem noch die spezifischeren Felder Band- und Künstlermanagement.

"Man muss sich viele Möglichkeiten offenhalten"

Backstage PRO: Hallo Stefan! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Mir persönlich klingt "Narcotic" noch gut im Ohr, was vielen so gehen wird. Aber kannst du den weiteren Weg danach beschreiben?

Stefan Schulte-Holthaus: Das Thema Musik hatte sich lange voll auf Liquido konzentriert. Aus persönlichen Gründen haben wir uns 2008 aufgelöst. Dann stand die Frage im Raum, was ich nun machen möchte. Durch einen Lehrauftrag ergab sich dann der Kontakt zur Hochschule, woraus später eine Festanstellung wurde. Ich denke, dass man an meinem Beispiel sehen kann wie wichtig es ist, neben dem Musikmachen noch ein zweites oder manchmal sogar ein drittes Standbein zu haben. Heutzutage muss man sich viele Möglichkeiten offenhalten. Alleine nur Musiker zu sein genügt meist nicht.

Backstage PRO: Du hattest dein zweites Standbein schon zu Bandzeiten?

Stefan Schulte-Holthaus: Mit Anfang 20 habe ich mein Studium begonnen, aber als es von heute auf morgen mit der Band so richtig durch die Decke ging, haben wir alle unsere bisherigen anderen Aktivitäten abgebrochen. Das war 1998. Vier Jahre später lag die ganz große Erfolgswelle hinter uns und ich habe überlegt, ob ich das Studium der Anglistik, BWL und Medien, das mir großen Spaß brachte, wieder aufgreifen soll. Es war aber ein Kraftakt, das alles neben der Band fertig zu bringen. Es standen immer noch ca. 50 bis 100 Konzerte im Jahr, Aufnahmen und anderes an. Aber ich bereue nicht, das durchgezogen zu haben. Ohne meinen Abschluss hätte ich ja auch keine Chance, heute in einem Bildungsbetrieb arbeiten zu können.

"Zielstrebigkeit gehört dazu"

Backstage PRO: Inwiefern habt ihr damals ganz konkret auf euren Erfolg hin gearbeitet?

Stefan Schulte-Holthaus: Wir hatten das durchaus zielstrebig betrieben. Natürlich hat das Proben Spaß gemacht, aber wir wollten auch immer aufnehmen, haben schnell ein Demo gemacht. Das Ziel war klar: Plattendeal, Gigs spielen, weiter professionelle Aufnahmen machen können… Als das Demo fertig war haben wir uns auch in die Promo gehängt, damals zum Beispiel rein auf postalischem Weg mehr als 200 Exemplare verschickt mit Anschreiben an Magazine, Agenturen, Labels, Musikverlage und so weiter. Wir waren vier Jungs vom Lande, die das selbst in die Hände genommen haben. Diese Zielstrebigkeit gehört einfach dazu. Eine Portion Glück sicher auch. Man muss jedenfalls etwas erreichen wollen und alle Chancen nutzen, die sich bieten. Wir haben viele Absagen bekommen, aber eben auch Zusagen, was dann Stück für Stück zur weiteren positiven Entwicklung geführt hat.

Backstage PRO: Welche anderen Herausforderungen als zur damaligen Zeit gibt es heutzutage für junge Bands und Musiker?

Stefan Schulte-Holthaus: Durch den Wandel der Medien hat sich alles verändert. Es gibt jetzt ganz andere Möglichkeiten, sich selbst darzustellen, Promotion zu machen, soziale Netzwerke zu nutzen und vieles mehr. Aber nicht nur man selbst, sondern auch alle anderen haben diese Möglichkeiten. Dadurch werden wahnsinnig viele aufstrebende neue Künstler sichtbar, womit es durchaus schwieriger wird, sich durchzusetzen. Aber alles hat seine Vor- und Nachteile, egal ob das die heutige Nutzung neuer Kanäle oder das Plakatieren und Flyern der damaligen Zeit ist. Erfolge kommen so oder so nicht von heute auf morgen. Wir hatten das Glück, einen großen Hit zu landen, aber normalerweise begibt man sich als Musiker ja auf einen langfristigen Weg, der einen Prozess des permanenten Dranbleibens umfasst, bis alle entscheidenden Faktoren mal zusammenkommen.

"Man braucht ein Verkaufstalent"

Dazu zähle ich musikalisches Talent und Innovation, die sich nicht zuletzt in Text und Sound niederschlägt, aber auch eine Vision, die die Band von sich selbst haben sollte. Wofür steht man, wo will man hin? Und wie setzt man das alles um? Das ist nicht nur ein kreativer Prozess, sondern man begibt sich dann zwangsläufig auf die Gefilde des Managements, Verkaufs und Marketings. Auch dafür braucht man einfach ein Talent. Nimm' einen Weltstar wie Mick Jagger – bei ihm ist es ganz unzweifelhaft, dass er über beides verfügt. Wenn du das als Band nicht selbst mitbringst, dann musst du in einem relativ frühen Stadium jemanden finden, der so eine Management-Funktion übernimmt und die Band unterstützt.

Backstage PRO: Wie viel dieser Talente, aber auch Geld und vor allem Energie über welchen Zeitraum muss man investieren, bevor man mit einem gewissen Erfolg, der sich bestenfalls auch in der Bandkasse niederschlägt, rechnen kann?

Stefan Schulte-Holthaus: Das kann man meiner Meinung nach nicht so pauschal sagen. Zuerst einmal muss die Band definieren, warum sie das Ganze macht: Wollen sie eher schnell Geld verdienen oder glauben sie an ihre Kunst, was immer ein besonderes Maß an Leidenschaft bedeutet, so dass man auch mal für kleines Spritgeld auf der Bühne stehen wird? Aufwand, Promowert und Gage muss dementsprechend immer in die persönliche Waage geworfen und von Fall zu Fall beurteilt werden. Newcomer sollten den Spaß an der Musik jedenfalls nicht aus den Augen verlieren. Und wer wirklich etwas erreichen will, der wird auch kleine Gigs oder schlecht bezahlte Festivalslots spielen, um alle Chancen und Potenziale zu nutzen, Menschen live zu überzeugen und ein mediales Echo zu erhalten. Nicht nur das: Solche Gelegenheiten sind immer auch Ereignisse, die auf den eigenen Kanälen kommunizierbar und verbreitbar sind. So kommt dann auf einem langen Weg, den nicht alle überstehen werden, und nur bei kontinuierlicher Arbeit irgendwann eins zum anderen.

"Man benötigt umfassendes Wissen"

Backstage PRO: Du hast bereits angesprochen, dass es sinnvoll sein kann, dass man sich als Band frühzeitig Verstärkung von außen dazu holt – das Stichwort Bandmanager weist ja auch auf eine Möglichkeit hin, in der Musikbranche Fuß zu fassen, ohne selbst in einer Band mit hoch gesteckten Zielen aktiv zu sein. Wie groß ist der Bedarf an solchen Spezialisten tatsächlich?

Stefan Schulte-Holthaus: Viele Musiker und Bands finden quasi eine interne Lösung. Aber wenn niemand dabei ist, der die betreffenden Business-Themen wie Finanzen, Booking, Logistik für Konzerte und so weiter kompetent besetzten kann, dann ist der Bedarf schnell da. Wie funktioniert ein Label? Welche Verträge liegen Promotion und Marketing zugrunde? Was sind Musikverlage, was macht die Gema? Welche Deals sind Standard mit Bookern, Veranstaltern und Spielstätten? – Man benötigt ein umfassendes Wissen, um eine Band gut managen zu können. Mal im gesamten, übergeordnet also den heutigen Musikmanager betrachtet, ist es so, dass diese ausgebildeten Kräfte in steigendem Maße gefragt sind. Musik ist schließlich nach wie vor ein wichtiges gesellschaftliches Gut. Wir alle brauchen, wollen und lieben Musik. Sie ist überall eingesetzt, von Werbung bis Film, vom Stream zum Liveauftritt. Und überall wird damit Geld verdient. Kurzum: Auch Labels, Verlage, Konzertagenturen, sogar Telefonanbieter und viele andere neue Akteure wie Content-Aggregatoren oder Distributionsdienste brauchen Musikmanager.

Backstage PRO: Welche weiteren attraktiven Wege ins Musikgeschäft gibt es daneben noch?

Stefan Schulte-Holthaus: Eine ganze Reihe Ausbildungen und Umschulungen an vielen, teils sehr spezialisierten Akademien! Tontechniker, Eventkaufleute, Social Media Manager – da gibt es ein ganz breites Ausbildungsangebot für ganz gewisse Bereiche im Musikbusiness. Musik ist ja auch so extrem vielfältig, dass man selbst in einem Buchverlag Schnittstellen dazu finden kann, Musiker-Biografien zum Beispiel, salopp gesagt. Mehrere klassische Ausbildungswege können in die Musikinstrumentehersteller-Industrie führen. Das kann man kaum alles zusammenfassen und schon gar nicht pauschalisieren. Alles hängt davon ab, wo das persönliche Interesse liegt.

"Musiker leben von Innovation"

Um noch ein Beispiel für die angesprochenen notwendigen Standbeine zu geben: Mal angenommen jemand ist guter Schlagzeuger, hat eine Band mit der er viel spielt und gibt Unterricht. Gleichzeitig schreibt er eventuell in Blogs, Foren und für Magazine über neue Instrumente. Er hat vielleicht ein Endorsement und Kontakt zum Hersteller, wo er eventuell sogar in der Entwicklung mitarbeitet. So individuell kann das sein. Letztendlich ist alles möglich. Früher konnte man ja sogar mit BWL bei Labels unterkommen, …

Backstage PRO: Gibt es Bereiche, deren Wichtigkeit in Zukunft besonders wachsen wird?

Stefan Schulte-Holthaus: Musiker leben von Innovation, sind ein Filter gesellschaftlicher Strömungen und Entwicklungen und immer auch ein kommunikativer Verstärker. Insofern glaube ich, dass sich bei Social Media und dem Thema Crowdfunding weiterhin viel tun wird und auch die Potenziale, die für das Musikbusiness in ganz neuen Entwicklungen liegen – da denke ich zum Beispiel sowas wie das Thema 3D-Druck – längst noch nicht wirklich erkannt sind.

Backstage PRO: 3D-Druck ist aktuell womöglich noch ein Grenzbereich, der etwas abseits steht. Aber bei all diesen Möglichkeiten, die da auf junge Interessierte lauern, kann man wohl sagen: Auch der Quereinstieg ist heute noch möglich?

Stefan Schulte-Holthaus: Ja auf jeden Fall! Aus allen möglichen Bereichen. Wichtig ist, dass man eine Idee hat und versucht, diese auch umzusetzen, indem man sich entsprechende Qualifikationen aneignet. Der Weg muss nicht immer zwangsläufig über ein Studium oder eine Ausbildung führen. Der vorhin genannte Drummer muss also nicht unbedingt an der Musikhochschule studiert haben, sondern könnte sich sein Können auch selbst angeeignet haben.

Backstage PRO: Danke Stefan! Das sollte doch allen Mut machen, die ihr Berufsleben mit Bezug zur Musik gestalten wollen.

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Unternehmen

MHMK Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation

Bildungseinrichtung in 80339 München

House of Music

Veranstalter in 80339 München

Personen

Stefan Schulte-Holthaus

Wissenschaftlicher Mitarbeiter MHMK Musikmanagement aus München Leitung und Organisation bei House of Music

Artists

Unter Ferner Liefen

Deutsche Rock- und Popmusik mit Indie- und Alternative-Einflüssen aus Stuttgart

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