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Interview plus weitere O-Töne

Sweet Child Of Mine: Julia Pellegrini (Les Brünettes) über das Touren mit Kindern

Interview von Michael Erle
veröffentlicht am 17.07.2018

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Sweet Child Of Mine: Julia Pellegrini (Les Brünettes) über das Touren mit Kindern

Les Brünettes mit dem eigentlichen Star. © (privat)

Egal ob Profi oder Hobbymusiker – die Musik ist ein wesentlicher Teil des Lebens. Das ändert sich auch dann nicht, wenn man Kinder hat. Doch den Nachwuchs und die Kunst unter einen Hut zu bekommen, ist nicht immer einfach. Für viele Mütter und Väter ist es eine Option, mit ihren Kindern auf Tour zu gehen. Doch kann das funktionieren? Welche Erfahrungen haben tourende Eltern gemacht und welche Tipps können sie jenen geben, die es ihnen gleichtun wollen?

Sind Kinder auf Tour überhaupt eine gute Idee? Nicht alle Veranstalter sind davon überzeugt. So sagt Julia Irrländer, Pressesprecherin des Feierwerk in München:

“Wir denken, dass Clubs und Backstagebereiche nicht wirklich die richtigen Aufenthaltsorte für Kinder sind, und scheinbar sehen das auch die Bands so, die bei uns spielen – da sie ihre Kinder nicht mitnehmen, sondern wohl aufgehoben zuhause lassen”.

In den letzten zehn Jahren hatten erst dreimal Musiker mit Kindern dort Station gemacht.

"Ein explosives Gemisch"

Andere Erfahrungen hat Markus Czipzirsch, Geschäftsführer der Brombeershop GmbH gemacht. Czipzirsch ist seit über 20 Jahren Kulturschaffender und hat in verschiedenen Funktionen Musiker mit Kindern auf Tour betreut:

“Ich war als Tourmanager früher mit einigen Bands unterwegs, ab und an auch mit Kindern. Bei Profimusikern gibt es mit den Kids nie oder selten Probleme. Wahrscheinlich, weil die Kids damit aufwachsen und die Eltern einfach entspannt sind. Bei Amateurbands/Musikern ist das Touren sowohl für die Bands und Musiker als auch für die Kids etwas Neues. Weder die Musiker, noch die Kids sind entspannt – das ist ein explosives Gemisch.”

Eine Künstlerin, die mit ihren beiden Kindern auf Tour war, ist Julia Pellegrini. Die Sängerin tritt als unter anderem mit Les Brünettes auf und ist hauptberufliche Musikerin. Sie war sowohl mit ihrem ersten Kind (noch in der Säuglingsphase) als auch mit dem zweiten Kind unterwegs, nachdem es bereits abgestillt war. Denkt sie, dass man mit Kindern auf Tour gehen sollte?

Julia Pellegrini war schon mehrfach mit ihren Kindern auf Tour

Julia Pellegrini war schon mehrfach mit ihren Kindern auf Tour

Julia Pellegrini: Da gibt es keine allgemeingültige Antwort. Jede und jeder geht anders mit Stress um. Und Kinder sind sehr unterschiedlich. Man sollte aber auf jeden Fall gut organisiert sein, das erleichtert einiges. Die Bedürfnisse von Kindern sind anders als die von Erwachsenen. Man sollte sie man im Vorfeld genau mit einplanen. Ohne Kind kann man außerdem spontan sein, was auf Tour von Vorteil ist. Mit Kind ist das schwieriger. Generell ist es eine Frage der Professionalität: Für eine Amateurband ist der Spaß im Vordergrund, das Organisatorische fällt hinten runter. Mit Kind merkt man, dass das nicht klappt.

Backstage PRO: Kennen Sie andere Musiker, die mit Kindern unterwegs sind?

Julia Pellegrini: Ja, sogar bei uns in der Band. Unser Tontechniker Thomas Mark hatte eine Gospelshow. Da hatte seinen 9-Jährigen dabei. Sie hatten ein festes Hotel und sind von dort aus zu den Terminen in der Region gefahren. Das war in den Weihnachtsferien. Das muss sehr schön gewesen war. Und ich selber kann mich erinnern, dass ich mit zehn Jahren mit meinem Vater unterwegs war. Er war auch Musiker und ich fand das toll: man lebt im Hotel, man lernt Leute kennen. Eigentlich habe ich nur positive Erinnerungen.

Backstage PRO: Wie ist die Betreuung geregelt?

Julia Pellegrini:  Das erste Mal auf Tour war mein Mann dabei. Unser Sohn war erst drei Monate alt und nicht abgestillt. Das war für alle eine stressige Situation, aber wir haben es irgendwie geschafft. Das zweite Mal war meine Mutter dabei und meine Tochter war schon etwas älter und abgestillt. Später, als mein Sohn groß genug war, durfte er auch mal alleine mitkommen und während des Konzerts bei unserem Techniker sitzen. Der hatte dann quasi zwei Jobs.

Backstage PRO: Gibt es Betreuungsangebote, auf die Sie zurückgreifen? Würden Sie sich welche wünschen?

Julia Pellegrini: Mein Mann ist kein Musiker. Er kümmert sich um die Kinder, wenn ich unterwegs bin. Deswegen bin ich nicht auf ein solches Angebot angewiesen. Für Musikerpaare, in denen beide unterwegs sind, oder Alleinerziehende, wäre das aber sicherlich sehr hilfreich. Die Frage ist natürlich: Wer finanziert das? Man muss ja als Band oder einzelner Musiker einen gewissen Geldeingang haben, um eine externe Person zu bezahlen. Wäre natürlich toll, wenn es da öffentliche Unterstützung gäbe.

"Es war von Anfang an klar, dass wir alle weitermachen, wenn Kinder kommen"

Backstage PRO: Wie ist der wirtschaftliche Aspekt: sind Sie finanziell auf die Tourneen und andere Gigs angewiesen?

Julia Pellegrini: Ja, Auftritte waren immer ein großer Teil meines Verdienstes. Mit Kind habe ich mich schnell auf die Band konzentriert, in der ich auch das größte ökonomische Potenzial gesehen habe. Das ist meine a-cappella-Band Les Brünettes, mit der ich immer noch am häufigsten unterwegs bin. Ich wurde ziemlich direkt nach dem Studium schwanger, habe mich noch in verschiedenen Bands ausprobiert und musste mich dann plötzlich fokussieren. Wir standen noch am Anfang, die Konzerte und Gagen waren klein und man hat auch mal auf dem Sofa von Freunden übernachtet. Ich hatte aber irgendwie immer im Gefühl, dass sich das ändern wird und wollte unbedingt dabeibleiben. Zum Glück hatte ich Recht, mittlerweile verdienen wir gut mit den Auftritten.

Backstage PRO: Wie hat sich ihr Tour- und Auftrittspensum und die Reichweite verändert, seitdem Sie Kinder haben?

Julia Pellegrini: Bevor ich Kinder hatte, war mein Auftrittsradius kleiner als mit Kindern. Das liegt aber einfach daran, dass die Konzerte von Les Brünettes schnell überregional bis international wurden. Eine Tour im Flieger hätte ich vielleicht nicht mit Baby gemacht. Allerdings waren wir mit unserem Einjährigen auf einem Kreuzfahrtschiff in Europa. Das war natürlich sehr komfortabel und eine entspannte Art, unterwegs zu sein.

Backstage PRO: Wie reagieren Ihre Mitmusiker?

Julia Pellegrini: Meine Kolleginnen von Les Brünettes haben sich alle total gefreut, als ich schwanger war. Wir sind ja auch Freundinnen. Mir war klar, dass ich eine Vertretung für eine Pause von vier Monate einarbeite und danach wieder dabei bin. Es fing ja gerade an, gut zu laufen. Auf Tour war es dann erst mal nicht so einfach. Ich war durch das Baby mental woanders und körperlich ziemlich geschlaucht. Das zweite Mal auf Tour mit Baby war vieles besser organisiert. Lisa (Lisa Herbolzheimer, Bandkollegin bei Les Brünettes; Anm.d.Red.) hatte davor auch schon ihre Tochter dabei gehabt und wir waren als Band viel eingespielter mit Baby. Es war für alle klar und ok, dass sich die Mama mit Kind auch mal rauszieht und bestimmte Dinge nicht mitmacht.

Backstage PRO: Haben weitere Mitmusiker ebenfalls Kinder, und lässt sich die Betreuung koordinieren?

Julia Pellegrini: Eine Kollegin bekommt nun das zweite Kind. Wir sind eine Frauenband; es war von Anfang an klar, dass wir alle weitermachen, wenn Kinder kommen, und wir das zusammen als Band wuppen. Für den Fall, dass es zwei Babys gleichzeitig gibt und die Mamas beide auf der Bühne stehen wollen, gibt es sogar schon Anwärterinnen für die Betreuung für unterwegs.

Backstage PRO: Wie finden Ihre Kinder die Auftritte und das Touren?

Julia Pellegrini: Wenn es ein Konzert in der Nähe gibt, kommt mein Sohn jetzt ab und zu mit. Dann darf er Cola trinken, lang aufbleiben und bei unserem Toningenieur sitzen – das findet er natürlich super! Er ist jetzt fünf und will Sänger und Tänzer werden. Wer weiß, vielleicht hat ihn doch beeinflusst, dass er schon mit drei Monaten auf Tour war. Ansonsten findet er es natürlich doof, wenn ich lange weg bin und würde gerne mitkommen.

Backstage PRO: Welche Rolle spielt ihr Partner bei der Musik und bei der Betreuung?

Julia Pellegrini: Ohne meinen Mann könnte ich diesen Job ganz klar nicht machen. Wenn ich nicht da bin, kümmert er sich um die Kinder. Glücklicherweise hat er da auch bisher relativ verständige Arbeitgeber gehabt. Wenn sich das ändert, wird sich bei uns auch einiges ändern.

Backstage PRO: Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Kinder eines Tages mit Ihnen auf die Bühne gehen?

Julia Pellegrini: Mein Sohn hat angefangen, Schlagzeug zu spielen, er beatboxt und tanzt begeistert. Er hat mich vor kurzem gefragt, ob er mit uns auf die Bühne darf. Wenn er so weitermacht und Spaß dran hat, könnte ich mir das wirklich vorstellen. Mit Les Brünettes machen wir eventuell irgendwann vielleicht mal ein Kinderprogramm. Ob er mich dann allerdings noch cool genug findet, steht in den Sternen.

Backstage PRO: Danke für das Gespräch und Ihre Zeit!

Lest unbedingt auch Julia Pellegrinis zehn Tipps, um eure Tour mit Nachwuchs ohne Nervenzusammenbruch zu überstehen!

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