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"Ich bezweifle, dass es der Masse der Bands besser geht"

Thomas Bohnet über Konzert-Promotion im Zeitalter von Social Media und die Schattenseiten des Live-Booms

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 19.11.2019

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Thomas Bohnet über Konzert-Promotion im Zeitalter von Social Media und die Schattenseiten des Live-Booms

Thomas Bohnet ist seit Anfang der 1980er Jahre im Musikbusiness aktiv. © Gil Lefauconnier

Thomas Bohnet war Mitgründer der Target Concerts GmbH und leitet jetzt unter seinem Namen eine Promo-Agentur in München. Wir sprachen mit ihm über die aktuelle Promo-Welt zwischen klassischen Kanälen und Social Media und die Frage, warum kleine Bands vom boomenden Live-Geschäft kaum profitieren.

Backstage PRO: Du bist eines der Gründungsmitglieder der Target Concerts GmbH und warst fast 20 Jahre bei dem Unternehmen. Warum bist du dort ausgestiegen?

Thomas Bohnet:. Es war eine hässliche Geschichte, mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Backstage PRO: Das Ende war für dich sehr enttäuschend, aber wie blickst du auf die Arbeit dort zurück? Hast Du die Distanz schon, um zu sagen: "Es war eine tolle Zeit"?

Thomas Bohnet: Natürlich war es eine tolle Zeit! Wir haben großartige Künstler wie The National, Green Day, Element Of Crime, Beck oder The Go-Betweens veranstaltet und ich habe mit den Kollegen und Kolleginnen dort gerne zusammengearbeitet.

Für mich persönlich war Target Concerts wichtig, weil ich dadurch erstmals auch bundesweit als Konzertveranstalter und Promoter arbeiten konnte. In Konstanz, wo ich 1983 begonnen habe, im Musikbusiness zu arbeiten, war ich eher lokal aktiv. Beispielsweise war ich acht Jahre lang Pressesprecher von KoKo Entertainment, die auch das schöne Open Air "Rock Am See" veranstaltet haben.

Backstage PRO: Wie bist du bei Target Concerts gelandet?

Thomas Bohnet: 1998 habe ich dann wegen meiner Frau den Sprung nach München vollzogen und erhielt das Angebot, bei der alten Firma Target Veranstaltungs GmbH die Pressearbeit zu übernehmen.

Diese Firma ging aber pleite, woraufhin Michael Löffler, einer der Eigentümer der alten Firma, als Mehrheitseigner mit meinem Kollegen Ingo Beckmann und mir sozusagen als "Juniorpartner" gemeinsam die heute noch bestehende Target Concerts GmbH gegründet hat. Wir beide waren die ersten 6 Jahre auch gemeinsam Geschäftsführer von Target Concerts. Inzwischen ist von den drei ursprünglichen Firmengründern nur noch Michael Löffler übrig, der die Firma alleine weiterführt.

"Wir sind nachts mit dem Leimkübel durch Konstanz gefahren"

Backstage PRO: Du hast 2018 ein neues Unternehmen mit dem Namen Thomas Bohnet PR + Konzerte gegründet. Welche Services bietest du an?

Thomas Bohnet: Ich veranstalte lokale Konzerte wie früher vor Target. Dabei arbeite ich mit CLUBZWEI Konzert KG zusammen, einer kleinen, feinen, lokalen Konzertagentur, mit der ich freundschaftlich verbunden bin und mit denen gemeinsam ich auch seit fast 20 Jahren meine Tour de France-Partys veranstalte.

Gemeinsam organisieren wir kleine, handverlesene Konzerte, wie den französischen Songwriter Tiwayo, die Berliner Il Civetto oder die Kölner Songwriterin Hanna Fearns: Es müssen immer Acts sein, die mich interessieren und das Risiko muss überschaubar sein. Zudem erledige ich PR-Aufträge für den CLUBZWEI und andere Agenturen. Prinzipiell ist die PR-Arbeit ja ähnlich, egal ob man eine Tournee, ein Konzert, eine Party oder ein Theaterstück promotet.

Thomas Bohnet (rechts) interviewt Billy Bragg in der Roten Fabrik in Zürich (1989)

Thomas Bohnet (rechts) interviewt Billy Bragg in der Roten Fabrik in Zürich (1989), © Karin Schappeler

Backstage PRO: Interessant, dass du das sagst, denn du hast ja die digitale Revolution im PR-Bereich von Anfang miterlebt. Die Pressearbeit hat sich seit damals ja grundlegend verändert.

Thomas Bohnet: Ja, natürlich, es hat sich sehr viel verändert. Von 1986 bis 1996 hatte ich mit meinem alten Kumpel Harald Fette eine kleine Konzertagentur namens "Der Pakt", mit der wir in Konstanz Konzerte vornehmlich im Indie-Bereich veranstaltet haben, beispielsweise mit Bands wie Urge Overkill, Chumbawamba, Thin White Rope oder The Mekons.

Wir haben alles selbst gemacht, wir sind nachts mit dem Leimkübel durch Konstanz gefahren, um Plakate zu kleben. Den Leim haben wir vorher selbst angerührt, das war eine Riesensauerei. Damals gab es ja noch viele Bauzäune aus Holzbrettern, das war das typische Medium für Plakate und man konnte frei plakatieren, ohne dass man teure Plakatwände mieten musste. Unter Veranstaltern herrschte regelrecht Krieg um die Bauzäune, man klebte Plakate und eine halbe Stunde später fuhr man vorbei und jemand hatte sie mit anderen Plakaten überklebt.

"Klassische Promoarbeit ist nach wie vor relevant"

Backstage PRO: Wie haben die Sozialen Medien die Promoarbeit verändert?

Thomas Bohnet: Sie haben es komplett verändert. Allerdings verändern sich die Sozialen Medien auch selbst ständig. Im Augenblick beherrschen Facebook und Instagram die Landschaft, aber es kommen ständig neue Plattformen wie TikTok oder Twitch. Aber die sozialen Medien und zuvor die Online-Medien haben dazu beigetragen, dass sehr viel weniger Zeitungen, aber auch Musikzeitschriften konsumiert werden.

Wenn früher eine große Musikzeitschrift eine Tour präsentiert hat, dann hat das die entsprechende Zielgruppe definitiv wahrgenommen. Aber diese Zeitschriften haben massiv an Bedeutung verloren, weil alle Informationen im Netz zu finden sind. Das gilt generell für Printmedien.

Backstage PRO: Kann man mit Social Media allein erfolgreiche Promo betreiben?

Thomas Bohnet: Es gibt Hardliner, die behaupten, traditionelle Promo-Arbeit mit Zeitungen, Radio, Plakaten und Flyern sei erledigt. Ich bin mir nicht so sicher und glaube, dass es auf das Thema ankommt. Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass Social Media alleine zum Ziel führt. Das Problem besteht darin, dass man die Werbung nicht wirklich eingrenzen kann.

Das behaupten zwar immer alle, aber die Leute werden bei Facebook und Instagram mit dermaßen vielen Anzeigen und Veranstaltungseinladungen konfrontiert, dass ich mich frage, ob sie das überhaupt alles noch überblicken. Ich bin generell dagegen immer nur dem Neuen hinterherzurennen und zu behaupten, dass nur das etwas bringt. Beispielsweise hören viele Leute nach wie vor Radio im Auto oder im Büro, das darf man nicht vernachlässigen. Wenn ich mit jungen Leuten, wie meinem konzertaffinen 18-jährigen Sohn rede, dann sind auch Plakate nach wie vor wichtig und werden wahrgenommen.

"Promo-Arbeit ist kein Hexenwerk"

Backstage PRO: Für welche Themen spielt klassische Promo-Arbeit noch eine wichtige Rolle?

Thomas Bohnet: Beispielsweise bei Classic-Rock- oder Prog-Rock-Bands wie Deep Purple oder King Crimson, um nur zwei Beispiele zu nennen. Das Publikum für diese Bands ist über klassische Kanäle besser zu erreichen als über Social Media. Das Gleiche gilt für viele Mainstream-Themen. Ein Boom-Thema wie Deutscher HipHop lässt sich dagegen eher nicht damit bewerben.

Backstage PRO: Bei Backstage PRO sind ja sehr viele Musiker und Bands registriert, die erhoffen sich natürlich Tipps, wie sie ihre Promo voranbringen können. Was rätst du ihnen?

Thomas Bohnet: Die meisten jungen Musiker haben ja gar nicht genug Geld, um andere für Promo-Arbeit zu bezahlen. Am besten man macht am Anfang alles selbst und arbeitet sich rein. Gerade junge Bands sollten in Hinblick auf Social Media fit sein, zumal das ja auch nichts oder nur wenig kostet. Darüber hinaus macht es Sinn, sich zu informieren, welche Zeitungen, Online-Magazine oder Radiosender es in der Stadt oder Region gibt, in der man beheimatet ist. Auf diese Weise kann man Kontakte knüpfen und eine eigenen Presseverteiler aufbauen. Wichtig ist, die entsprechenden Leute auch persönlich kennenzulernen.

Das ist alles kein Hexenwerk, nur Herzblut und Arbeitszeit. Wenn man den nächsten Schritt macht, weil die Promo-Arbeit zu viel wird, sollte man sich eine kleine Agentur suchen. Der Vorteil von kleinen Agenturen ist, dass sie überschaubarer sind. Große Agenturen mögen ein besseres Netzwerk haben, aber sie betreuen auch sehr viele Bands, so dass man nur ein Act unter vielen ist. Das gilt auch für das Booking!

"Für viele Bands boomt der Live-Markt nicht"

Backstage PRO: Du bist auch erfolgreicher DJ mit der seit fast zwei Jahrzehnten bestehenden Reihe "Tour de France"? Was fasziniert dich an der Musik unseres Nachbarlandes?

Thomas Bohnet: Ich habe in den frühen 80ern als DJ angefangen, damals war ich noch Student an der Uni vornehmlich im Bereich Indie-Rock und Alternative-Rock, ich habe aber auch HipHop-Partys geschmissen. In München habe ich erst mal aufgehört, aufzulegen, weil ich dachte, mit 40 wäre ich zu alt zum Auflegen (lacht).

Nach kurzer Zeit war mir langweilig und ich habe den Inhabern des Haidhausener Clubs CLUBZWEI vorgeschlagen, einen Abend mit ausschließlich französischer Musik zu machen, dem ich den Titel Tour de France gab. Französiche und frankophone Musik hat mich eigentlich schon immer interessiert. Mir gefällt die Vielseitigkeit französischen Pops, Rocks und auch HipHops, aber auch die Melodie der Sprache. Schon bei meinen frühen Discos habe ich immer mal wieder einzelne französische Songs "reingeschmuggelt".

Schon der erste Abend war gut besucht, dann kamen immer mehr Leute, so dass ich in die Muffathalle umgezogen bin, als der CLUBZWEI schließen musste. Irgendwann bin ich mit der Tour de France-Reihe auch in anderen Städten aufgetreten. Und 2020 feiern wir zwanzigjähriges Jubiläum - das hätte ich wirklich nicht erwartet.

Backstage PRO: Du hast eben nebenbei gesagt, dass der CLUBZWEI schließen musste. Das ist ja auch ein sehr aktuelles Thema: Gibt es ein Clubsterben und wenn ja, was kann man dagegen tun?

Thomas Bohnet: Sicherlich mussten früher auch schon Clubs schließen, aber inzwischen gibt es tatsächlich ein Clubsterben. Wenn in den 1980ern ein Club zumachte, kam ein anderer nach, aber in den heutigen Städten sind Genehmigungen und "lärmempfindliche" Anwohner das Hauptproblem. Es wird für Clubs daher immer schwieriger. In München musste ja zum Beispiel vor Jahren das legendäre Atomic Café schließen – ein Verlust, der leider nicht aufgefangen werden konnte. Es wäre schön, wenn sich Stadtverwaltungen aktiv einsetzen, kleine Clubs zu erhalten oder sogar neue zu eröffnen.

Backstage PRO: Gleichzeitig boomt der Live-Markt.

Thomas Bohnet: Jein. Er boomt nur in bestimmten Segmenten. Ich habe den Eindruck, nur das boomt, was die Leute kennen. Die Musikszene ist generell derartig unübersichtlich geworden, dass sich viele Fans an das Bekannte halten und wenig neues ausprobieren. Rock- und Popmusik von den 1960ern bis in die 1980er läuft unglaublich gut und dann boomen bestimmte Segmente wie deutscher Hip-Hop, besonders die "Gangsta"-Variante wie Capital Bra, 187 Strassenbande oder Bonez MC & RAF Camora. Darüber hinaus funktionieren alle jüngeren Themen, die gerade hip und angesagt sind.

Viele junge, neue Bands aber, die ihr eigenes Ding machen und nicht den Trends hinterherlaufen, haben es hingegen sehr schwer. Für die boomt der Live-Markt gar nicht. Ich bezweifle, dass es der Masse der Bands insgesamt besser geht.

"Es gibt zu wenige Clubs"

Backstage PRO: Inzwischen kommen ja auch viele Acts jedes Jahr nach Deutschland. Künstler wie Sting oder Lenny Kravitz haben früher alle drei Jahre hierzulande Konzerte gespielt, inzwischen sind sie jedes Jahr in Deutschland.

Thomas Bohnet: Genau, oder sie kommen sogar zweimal im Jahr. Ich glaube aber, der für Konzertkarten zur Verfügung stehende Betrag ist begrenzt und daher stehen die kleinen und mittleren Bands auch in Konkurrenz zu den großen Acts. Ein regelmäßiger Konzertbesucher überlegt sich angesichts der Preise sehr genau, welche Konzerte er besucht. Allerdings sind viele heute bereit für bekannte Acts fast jeden Preis, teilweise regelrechte Fantasiepreise zu bezahlen.

Backstage PRO: Wie siehst du die Zukunft der Musikindustrie?

Thomas Bohnet: Tendenziell geht es der Musikbranche, besonders der Livebranche, nicht schlecht. Die Claims sind aber in vielerlei Hinsicht schon abgesteckt. Der Live-Markt wird sich vermutlich weiter in den Händen von großen Agenturen konzentrieren. Für den musikalischen Underground sieht es weniger gut aus, auch weil es zu wenige Clubs gibt, in denen man zu vernünftigen Konditionen Konzerte veranstalten kann. 

Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch, Thomas.

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