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Globalisierte Musikwelt

Was du tun kannst, wenn deine Mitmusiker nicht um die Ecke wohnen

Tipps für Musiker und Bands von Lukas Böhnlein
veröffentlicht am 15.06.2015

recording google docs google drive dropbox edupad digitalmusician.net audiotool sofasession ninjam

Was du tun kannst, wenn deine Mitmusiker nicht um die Ecke wohnen

Das Album "Humanoid" von Tokio Hotel wurde 2009 in Deutschland und den USA produziert. Die Kaulitz-Zwillinge schickten ihre Demo-Aufnahmen an den Produzenten David Jost nach Los Angeles, der dort die Arrangements bearbeitete. © 2009 Oliver Gast

Wenn deine Bandkollegen wegziehen muss nicht gleich die Auflösung der Band bedeuten. Musik ist nicht an feste Orte gebunden. Heutzutage können Musiker aus verschiedenen Erdteilen zusammen Musik produzieren. Übrigens ist das auch eine gute Möglichkeit, um Gastmusiker mit einzubeziehen! Unser Autor hat selbst jahrelange Erfahrung damit, Musik mit Musikern aus verschiedenen deutschen Städten zu produzieren.

Musik machen, ohne dass alle Musiker physisch an einem Ort anwesend sind? Das ist nicht nur möglich, sondern kann auch ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Für Manche ist es vielleicht eine Notlösung, um die Auflösung einer Band zu verhindern. Für Andere ergeben sich dadurch ganz neue Möglichkeiten. Es ist möglich auf Fähigkeiten zurückzugreifen, die niemand im näheren Umfeld hat: seltene Instrumente, besondere Spieltechniken, fremde Sprachen etc.

Welche Arbeitsweisen praktikabel sind, hängt sehr stark vom Musikstil ab, aber auch davon, wer welche Aufgabe übernimmt. In sehr puristischer Musik, wie Klassik oder traditionellem Jazz, wäre es wohl kaum denkbar, dass ein Trompeter über einen Live-Stream mitspielt. Sehr wohl könnte aber der Komponist oder Songtexter an einem anderen Ort leben. Es wäre auch kein Problem, die aufgenommenen Spuren einmal um den Erdball zu schicken, um dort die Abmischung oder das Mastering für eine Albumproduktion machen zu lassen.

Austausch von Ideen

Ideen lassen sich sehr einfach per Telefon, Chat oder E-Mail austauschen. Wenn sich mehrere Musiker absprechen wollen, sind Telefon- oder Videokonferenzen, z.B. über Skype oder Google Hangouts eine sinnvolle Methode. Falls die Aufgaben im Team klar verteilt sind, ist es am leichtesten: Jemand komponiert die Musik, ein Anderer schreibt einen Songtext, Leadsheet und Text werden an alle Beteiligten verschickt, jeder gibt seine Meinung dazu ab und Stück für Stück entsteht der Song.

Aber auch wenn mehrere Komponisten oder mehrere Texter gemeinsam arbeiten, können sie sich die Dateien zus schicken und die angefangenen Werken ergänzen oder verändern. Es ist dabei wichtig, dass alle Beteiligten über gleiche oder zumindest kompatible Systeme verfügen. Es können dabei unterschiedlichste Dateien ausgetauscht werden: Noten, Leadsheets, Texte, Demoversionen, MIDI-Daten oder ganze Projekte eines Audio Sequenzers. Ein Produzent könnte dann zum Beispiel das Projekt in Cubase öffnen und das Arrangement ändern.

Bei großen Dateien ist es unpraktisch oder sogar unmöglich sie per E-Mail zu verschicken. Die einfachste Möglichkeit sind Onlinespeicher, wie zum Beispiel Dropbox oder Google Drive, die beide kostenlos mehrere GB Speicherkapazität bieten und kostenpflichtig erweitert werden können. Es lohnt sich aber einen Blick in die AGBs der Anbieter zu werfen. Mehr Selbstbestimmung über die eigenen Daten und bei Bedarf auch mehr Speicherplatz bieten eigene FTP Server. Die Dateien, an denen gemeinsam gearbeitet wird, werden online gestellt und jeder der Mitmusiker erhält Zugriff darauf.

Mit Google Docs oder auch Edupad können mehrere Nutzer gleichzeitig an Dokumenten arbeiten. Dies kann eine sinnvolle Möglichkeit sein, gemeinsam zu brainstormen oder Songtexte zu schreiben. Theoretisch ließen sich so auch Leedsheets erstellen.

Aufnehmen

Screenshot: Die Spuren dieses Cubase-Arrangements wurden in Regensburg, in Freiburg und in Leipzig aufgenommen. Der Leipziger Musiker, der Saxophon und Querflöte einspielte, hat die anderen Musiker noch nie gesehen.

Screenshot: Die Spuren dieses Cubase-Arrangements wurden in Regensburg, in Freiburg und in Leipzig aufgenommen. Der Leipziger Musiker, der Saxophon und Querflöte einspielte, hat die anderen Musiker noch nie gesehen.

Die größte Herausforderung, unabhängig vom Musikstil, ist das zeitgleiche synchrone Zusammenspiel zweier Musiker. Selbst bei sehr schnellen Internetverbindungen können Latenzen nicht ganz verhindert werden. Unmöglich ist es aber nicht.

In vielen Fällen werden Instrumente und Gesang aber ohnehin nacheinander eingespielt. Dieses Prinzip kann sehr leicht auch mit Musikern vom anderen Ende der Welt umgesetzt werden: Der Musiker erhält eine Demoversion (z.B. per Dropbox-Link) und nimmt dazu in seinem Studio eine zusätzliche Spur auf. Diese Aufnahme schickt er in best möglichster Qualität zurück. Anschließen kann die einzelne Spur in das ursprüngliche Projekt eingefügt werden. Wichtig ist dabei, dass die Demoversion und die neue Instrumentenspur einen gemeinsamen Startpunkt haben, damit beide problemlos synchron abgespielt werden können.

Der verantwortliche Musikproduzent möchte natürlich trotzdem Einfluss auf das Ergebnis haben. Da er bei der Aufnahme nicht anwesend ist, kann er dem Musiker nicht direkt Feedback geben. Er muss auf die fertige Audiospur warten, diese anhören und kann dann erst Änderungswünsche äußern. Diese Vorgehensweise ist ein- oder zweimal möglich, würde aber auf Dauer wohl alle Beteiligten nerven und viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Deshalb ist es wichtig schon vor der ersten Aufnahme möglichst genau abzusprechen, welche Vorstellungen der Produzent von der Aufnahme hat. Im besten Fall kann der Produzent während der Aufnahme mithören oder sogar sehen (Videokonferenz). Selbst wenn dies nur in schlechter Qualität möglich sein sollte, zum Beispiel per Telefon, können schon viele Aspekte der Musik, wie Rhythmus, Melodie und Feeling, beurteilt werden. Der Produzent kann dann viel schneller reagieren und den Musiker anleiten. Die Klangqualität kann dann selbstverständlich erst anhand der übertragenen Audiospur beurteilt werden.

Auf der Plattform digitalmusician.net können Musiker für online-Musikprojekte gefunden werden. Mit dem Digital Music Container, der kostenlos heruntergeladen werden kann, ist es möglich Musiker über das Internet aufzunehmen.

In Echtzeit aufnehmen

Für viele Musikprojekte ist es sicherlich ausreichend, die verschiedenen Instrumente auf die beschriebene Weise nacheinander aufzunehmen. Vielleicht ist ja auch die Band in einer Stadt zuhause und nur ein Musiker lebt woanders. Vielleicht geht es ja auch nur um eine Strophe mit einem australischen Rapper. Manche Bands haben trotzdem das Bedürfnis zusammen zu spielen. Vielleicht sollen die Ideen überhaupt erst durch gemeinsames Jammen entstehen. Es gibt verschiedene Ansätze, wie über das Internet in Echtzeit gemeinsam Musik gemacht werden kann:

Audiotool

Die Plattform Audiotool bietet die Möglichkeit im Browser an gemeinsamen Musikprojekten zu arbeiten. Allerdings ist hier der Fokus auf elektronischer Musik. Instrumente können nicht aufgenommen werden.

Sofasession

Auf der vergangenen Musikmesse wurde Sofasession vorgestellt, eine Website, die gemeinsames Jammen in Echtzeit über den Browser ermöglicht.

Die Nachteile der Seite: Geringe Latenzen, die zum synchronen Spielen notwendig sind, können nur in einem Radius von 1500 Kilometern sicher erreicht werden. Damit wären internationale Kooperationen nicht möglich, aber durchaus mit anderen Musikern aus Deutschland oder angrenzenden Staaten. Die Plattform stellt sich auch eher als Möglichkeit zum Üben und Kontaktknüpfen dar und nicht als Möglichkeit zur Musikproduktion. Sofasession eignet sich daher eher zum Üben und gemeinsamen entwickeln von neuen Ideen.

Ninjam

Die Firma Cockos Inc. bietet mit Ninjam eine Open Source Software zum Jammen und Aufnehmen. Die Audiosignale der Musiker werden in komprimierter Form zu einem zentralen Server gestreamt und von dort weiter an die jeweils anderen Musiker. Nachher stehen auch die unkomprimierten Audiospuren zum Abmischen zur Verfügung. Ninjam funktioniert standalone und auch zusammen mit Reaper, der DAW von Cockos.

Der Haken: Die Musiker hören sich nicht wirklich gleichzeitig, sondern spielen jeweils zu einem Loop, den die anderen kurz vorher aufgenommen haben. So lässt es sich zwar jammen und Spaß haben, aber vorher komponierte Arrangements lassen sich so eher nicht umsetzen.

Euer Feedback

Wir dürfen wohl in Zukunft noch einige Entwicklungen in dieser Richtung erwarten. Vielleicht kann eine Band bald wirklich von vielen verschiedenen Orten aus gemeinsam Musik machen, als stünde sie zusammen in einem Studio. Um professionell Musik zu machen, ist es momentan wohl doch noch notwendig Gesang und Instrumente nacheinander aufzunehmen. Oder noch besser: ein ganz reales Treffen. Vielleicht lässt sich der Urlaub mit einer Recording-Woche verbinden. Vorher müsste natürlich alles vorbereitet sein, damit die eingeplante Zeit auch ausreicht.

Hast du auch schon mit Musikern Musik gemacht, die weiter entfernt von dir wohnen? Teile deine Erfahrungen hier in den Kommentaren!

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