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"Wir wollen auf allen Ebenen laut sein"

Amelie Köppl von Music Women* über Frauen im Musikbusiness und ausgeglichene Festival-Line-ups

Interview von Mary-Anne Bröllochs
veröffentlicht am 03.09.2021

music women rock am ring liveszene

Amelie Köppl von Music Women* über Frauen im Musikbusiness und ausgeglichene Festival-Line-ups

Amelie Köppl. © Isabel Thalhäuser

Mit ihrer Kritik am männerzentrierten Line-up von Rock am Ring 2022 hat das Netzwerk Music Women* viel Aufmerksamkeit erregt. Wir sprachen mit Amelie Köppl über die Initiative, die Unterrepräsentation von Frauen in der Musikbranche und den langen Weg zur Gleichberechtigung.

Aktueller Anstoß der Diskussion über die Unterrepräsentation von Frauen in der Musikwelt war die erste Bandwelle von Rock am Ring 2022 – wie auch das Southside und Hurricane im Jahre 2018 wurde das Traditionsfestival aufgrund seines Geschlechterverhältnisses kritisiert. 

So sind von insgesamt 107 Bandmitgliedern beim Rock am Ring 2022 105 männlich und nur 2 weiblich, nämlich Bassistin Ines Maybaum von den Broilers und Sängerin Brody Dalle von den Distillers. Auch nach der zweiten Bandwelle liegt der Frauenanteil bei Rock am Ring 2022 bei lediglich 4 Prozent.

MusicSwomen*, der sächsische Landesverband der Initiative Music Women* postete diese ernüchternden Zahlen auf Instagram und erregte damit sehr viel Aufmerksamkeit. Unter anderem griff Carolin Kebekus sie in ihrer Show auf und fasste sie folgendermaßen zusammen: "Bei Rock am Ring hat das Bier also mehr Prozente als die Frau."

Einsatz für Frauen in der Musikbranche

Music Women* Germany wurde 2019 als unabhängige Dachorganisation der zugehörigen regionalen 16 Music Women* Ländernetzwerke (die teilweise noch in Gründung sind) gegründet und bieten ein stetig wachsendes Netzwerk für Frauen in der Musikbranche. 

Das Netzwerk hat sich zur Aufgabe gemacht, für eine Gesellschaft einzustehen, die Gleichberechtigung, Diversität und Teilhabe für jeden Menschen aus der Musikbranche ermöglicht. Dabei fordern sie mehr Frauen in sämtlichen Bereichen und Positionen der Branche.

Grund genug für ein Gespräch mit Amelie Köppl von Music Women* über dieses hochaktuelle Thema.

Backstage PRO: Wieso liegt euch die Chancengleichheit für Frauen im Musikbusiness so sehr am Herzen?

Music Women*: Für uns liegt das klar auf der Hand: Es ist 2021, Frauen machen die Hälfte der Menschheit aus und dennoch haben sie nicht die gleichen Rechte wie die andere Hälfte. Vor allem in der Musikbranche gibt es so viel Potential, das noch nicht ausgeschöpft wurde; so viele Chancen, die sich Frauen jeden Tag erkämpfen müssen. Darauf wollen wir aufmerksam machen und auf allen Ebenen laut sein. 

Backstage PRO: Mit eurer Statistik, wie viele Frauen bei Rock am Ring spielen habt ihr viel Aufmerksamkeit erregt. Wie waren die Reaktionen?

Music Women*: Die Initiatorinnen der Aktion waren die MusicSwomen*, unser sächsischer Landesverband. Die Reaktionen waren riesig und zwar in vielerlei Hinsicht: Wir haben super viele Vorschläge für Bookings bekommen und inzwischen wurde auch in vielen Medien – zuletzt bei der Carolin Kebekus Show – darüber berichtet, wie prekär und vor allem auch ignorant die Situation ist.

Backstage PRO: Was denkt ihr, ist der Grund dafür, dass so wenige Frauen auf der Bühne stehen?

Music Women*: Wir denken, es ist vor allem ein strukturelles Problem. In den meisten Entscheidungspositionen sitzen Männer, die lange nur sich selbst am nächsten waren und die üblichen Bekannten gefördert haben. Es gibt keine Quote, keinen wirklichen Druck, dass sich bei Bookings was an der Geschlechtergleichheit ändert. Die übliche Ausrede, die immer mitschwingt, ist, dass es ja keine Frauen gäbe, die man buchen könnte und dass eine Quote damit auch sinnlos wäre. 

Backstage PRO: Du hältst das Argument für vorgeschoben?

Music Women*: Wir denken, da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wo Frauen keine Chance bekommen, zu spielen, zu lernen und sich sichtbar zu machen, gibt es auch keinen Raum für Entwicklung und somit auch weniger weibliche Acts, die wirklich erfolgreich sind. Diese Struktur wollen wir aufbrechen, in dem wir Alternativen aufzeigen und eben Chancen sowie Beratung bieten. Damit Frauen früher anfangen, Musik zu machen, am Ball bleiben und in ein paar Jahren auch gleichberechtigt auf der Bühne stehen.

Backstage PRO: Was muss sich ändern? Was hat sich vielleicht sogar schon geändert?

Music Women*: Da gibt es viele Ansätze. Die einen fordern eine Quote, die anderen setzten auf Selbstverpflichtung und nochmal andere auf frühzeitige Förderung. Laut Keychange gibt es immer mehr Menschen, die in der Musikbranche arbeiten, aber nicht in höchster Position, die Bock auf Veränderung und mehr Diversität haben. Immer die gleichen Nasen auf den großen Festivals, das ist doch auf Dauer echt langweilig. 

Backstage PRO: Welche konkreten Maßnahmen habt ihr ergriffen?

Music Women*: Wir wollen mit unserer Datenbank und unserem neuen Jobportal auf unserer Webseite zeigen, dass es auch Frauen für verschiedenste Positionen in der Branche gibt, die qualifiziert sind. Wir erleben gerade viel Aufmerksamkeit für das Thema Gleichberechtigung und hoffen, dass diese Aufmerksamkeit bald in noch viel mehr Lebensbereiche dringt

Backstage PRO: Was wünscht ihr euch für die nächste Festivalsaison?

Music Women*: Ein großer Wunsch wäre natürlich, dass die großen Festivals 2022 ein 50-50-Lineup an den Start bekommen. Parität zumindest bzgl. männlicher und weiblicher Acts kann man unserer Meinung nach heutzutage mal von international ausgerichteten Veranstalter/innen erwarten. Dass es noch etwas dauert, bis sich der Mainstream darüber hinaus so divers aufstellt, dass sich das Publikum oder (ganz platt gesagt) die Bevölkerung damit identifizieren kann, ist okay. Die fünf Jahre können wir gerade noch warten. 

Backstage PRO: Gibt es noch etwas, das ihr loswerden wollt?

Music Women*: Auf jeden Fall! Werdet Vereinsmitglied bei Music Women* Germany, tragt euch in die Datenbank ein und be part of the change! Auch Männer können MW*G als Mitglied unterstützen. Wir freuen uns auf Euch! 

Backstage PRO: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

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